30.07.1979

GESTORBENJoseph Kessel, Alfred Deller, Suheir Muhssin

Joseph Kessel, 81. Als Zehnjähriger war Kessel mit seinen Eltern aus Rußland nach Frankreich gekommen -- die jüdische Familie hatte vor antisemitischen Pogromen fliehen müssen. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Kampfflieger teil und verarbeitete seine Erfahrungen in einem Roman, "Die Mannschaft" (1923), der ihm zu erstem schriftstellerischem Ruhm verhalf. Auf zahlreichen Reisen sammelte Kessel Material für seine im Reportagestil geschriebenen Abenteuerbücher, veröffentlichte aber auch Familien- und Gesellschaftsromane wie "La Belle de Jour -- Die Schöne des Tages" (1928), den der spanisch-mexikanische Regisseur Louis Bunuel für den Film adaptierte. Filmstoff lieferte auch Kessels Buch über den in einen Finanzskandal verwickelten Geschäftsmann Stavisky und der Roman "Die Steppenreiter", der 1967 nach einem Aufenthalt in Afghanistan entstanden war. Trotz des Erfolgs seiner Bücher gelang es Kessel nie ganz, als Literat Anerkennung zu finden -- seine Romane waren zu dicht an der Unterhaltungsliteratur angesiedelt, die Reiseberichte an der Reportage. Bei seiner Aufnahme in die Académie francaise 1962 schrieben Literaturkritiker denn auch, Kessel sei "der erste Reporter unter der Kuppel der Unsterblichen". Am vergangenen Montag starb Joseph Kessel in seinem Landhaus bei Paris.
Alfred Deller, 67. Im Kirchenchor seines Heimatortes Margate in der englischen Grafschaft Kent hatte er als Elfjähriger zu singen begonnen -- im Sopran. Und auch nach dem Stimmbruch blieb seine Singstimme ungewöhnlich hoch -- Alfred Deller sang den männlichen Alt -, eine Stimmlage, die von englischen und italienischen Komponisten des 16. bis 18. Jahrhunderts für Falsett- und Kastratenstimmen oft verwendet wurde. Mit seiner außergewöhnlichen Stimmlage und -begabung war es ihm möglich, Werke für männliche Solo-Altstimmen, die länger als zweihundert Jahre nicht mehr aufgeführt worden waren, wieder neu zu beleben -- mittelalterliche Madrigale und, vor allem, die Werke Purcells, für die seine Stimme wie geschaffen war. Seine Solo-Karriere hatte Deller, seit 1940 Chorleiter in der Kathedrale von Canterbury, 1944 begonnen. Konzertreisen, auch in die USA, und Plattenaufnahmen Purcellscher Musik und Elisabethanischer wie auch Gregorianischer Gesänge machten ihn bald berühmt. 1960 schrieb Benjamin Britten den Part des Elfenkönigs Oberon in seiner Oper "Ein Sommernachtstraum" für Deller. Am vorletzten Montag starb der Sänger an den Folgen eines Herzanfalls in Bologna.
Suheir Muhssin, 44. Der Chef der syrisch kommandierten Palästinenserorganisation El-Saika und höchste Militär der PLO wurde letzten Mittwoch in Cannes erschossen. Unter dem Verdacht der Mittäterschaft stehen die Regierungen in Kairo und Jerusalem wie auch Gruppen der PLO selbst. Motive hatten sie alle drei: Den Israelis war Muhssin als fanatischer Anti-Zionist ein Dorn im Auge. Die Ägypter hatten ihm Rache für den vor gut zwei Wochen von seinen Leuten ausgeführten Überfall auf die ägyptische Botschaft in Ankara geschworen. PLO-Chef Arafat, Kompromissen zugeneigt, fürchtete, Damaskus und Bagdad wollten ihn durch den härteren Muhssin ersetzen.

DER SPIEGEL 31/1979
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