04.06.1979

„Demonstration der Sehnsucht nach Freiheit“

Zu einem seltsamen Zeitpunkt kommt dieser seltsame Papst nach Polen, in eines der seltsamsten Länder Osteuropas. Er macht seinen Besuch in einem Augenblick, da sich das Schicksal des Landes entscheidet.
Auf den ersten Blick scheint alles normal zu sein in Polen. Die Menschen arbeiten, die Straßenbahnen verkehren, die Zeitungen sind voller Selbstzufriedenheit. Aber auf einer Konferenz kommunistischer Soziologen, die im März in Jablonna bei Warschau stattfand, war die Stimmung gedrückt.
Die Teilnehmer, allesamt Parteimitglieder, zerfielen in zwei Gruppen: die Optimisten und die Pessimisten. Letztere kamen zur Schlußfolgerung, die Konsequenz der gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Entwicklung werde eine große Explosion gesellschaftlicher Unzufriedenheit sein und -- deren unvermeidliche Folge -- eine sowjetische militärische Intervention.
Die Optimisten vertraten gleichfalls die Meinung, ein Volksaufstand sei unvermeidlich, glauben aber, es werde nicht zu einer Intervention der Sowjets kommen, weil Polens Sicherheitsdienst und Armee mit dem Aufstand allein fertig würden.
Das Bewußtsein der Krise ist am Vorabend des Papst-Besuches allgemein. Noch nie in der Geschichte Volkspolens war die Autorität so sehr ruiniert wie heute, noch nie war sie so hilflos und inkonsequent. In der Stalin-Zeit, als Gleichschaltung, Terror und Elend das tägliche Brot der Polen waren, weckte die Staatsmacht neben Haß vor allem Furcht. Heute wird ihr Verachtung und Geringschätzung entgegengebracht.
Vor dem Hintergrund dieser Staatsführung, die sich total kompromittiert hat, gewinnt das Verhalten des polnischen Episkopats besondere Bedeutung. Die Autorität der Kirche war schon immer groß in Polen und hat sich in den letzten Jahren als unerschütterlich erwiesen.
Die Stimme der Bischöfe wurde wichtigste Stimme in dem Prozeß, die gesellschaftlichen Bestrebungen, Empfindungen und Emotionen zu formen. Die Wahl eines polnischen Kardinals zum Papst führte diese Autorität der polnischen Kirche dann auf eine nie zuvor erreichte Höhe. Die Kirche ist ein Staat im Staat geworden, ein souveräner Staat in einem nicht souveränen. Eine Serie koketter Schritte seitens der Staatsorgane erweckte in manchen Kreisen die Befürchtung, es könne zu neuen Varianten des Bündnisses zwischen Thron und Altar kommen.
Ich teile diese Besorgnis nicht. Ich glaube nicht an die Möglichkeit eines solchen Bündnisses, wenn auch natürlich zeitweilige Kompromisse möglich sind. Die Kirche weiß, daß sie ihre Autorität der harten Verteidigung fundamentaler menschlicher Werte zu verdanken hat.
Für eine schlechte Regierung gibt es -- um mit Tocqueville zu sprechen -- keinen schlechteren Zeitpunkt als denjenigen, in dem sie sich bessern will. Mehr noch: In der Regel ist eine solche Regierung nicht fähig, die ernste Krisensituation, in der sie sich befindet, richtig zu definieren.
Ich werde versuchen, ihr dabei zu helfen.
Die gegenwärtige Krise ist eine Krise des Systems der Machtausübung.
Edward Gierek, der dem Volk Pragmatismus und Wohlstand versprach, hat aus der Niederlage seines Vorgängers Gomulka nur halb gelernt.
Zwar begriff er vielleicht, daß man mit Hilfe von polizeilichen Repressalien keine politischen Konflikte lösen kann -- daß aber zur Überwindung der Krise ein mutiges Programm gesellschaftlicher Reformen unbedingt notwendig ist, hat er offensichtlich bis heute nicht begriffen.
* KOR = Komitee für gesellschaftliche Selbstverteidigung. 1976 nach dem Volksaufruhr in Radom und Ursus gegründet, heute demokratische Oppositionsbewegung.
Als ich vor zwei Jahren im SPIEGEL meinen Essay "Polnische Perspektiven" veröffentlichte, hatte ich noch die Hoffnung, Gierek und seine Mannschaft seien fähig, ein solches Reformprogramm zu formulieren. Heute habe ich diese Hoffnung nicht mehr. Die sind wie die Bourbonen -- sie haben nichts begriffen, nichts gelernt. Sie sind nur noch zu einem gedankenlosen, konservativen Verharren fähig, ihre einzige Philosophie ist: Nichts ändern; Hauptsache, wir halten bis morgen durch!
Ein Beispiel für die Situation, in die sich Edward Gierek hineinmanövrieren ließ: Am Vorabend des 1. Mai drückte der Parteichef vor Fernsehkameras dem Sportstudenten Jerzy Folcik sehr herzlich die Hand: dem Anführer jenes Schlägertrupps, der einige Tage zuvor die Wohnung des KOR*-Mitglieds Jacek Kuron demoliert und dessen Familienangehörige und Gäste auf brutalste Weise zusammengeschlagen hatte.
Diese vom Polnischen Fernsehen festgehaltene Szene -- an jenem 1. Mai wurde dem Politschläger Folcik feierlich der Parteiausweis überreicht -- war wahrhaft symbolisch. Es war aber nicht ein Symbol für die Grausamkeit dieser Staatsmacht, sondern ein Symbol für ihre bodenlose Dummheit und ihren völligen Zerfall.
Die Einsätze dieser Schlägertrupps wurden in Warschau mit denen verglichen, die in Deutschland vor Hitlers Machtübernahme stattfanden. Dennoch stellte Jacek Kuron mit Recht fest, es gebe, trotz äußerlichen Ähnlichkeiten, einen wesentlichen Unterschied: Während jene Schlägertrupps Hitler den Weg zur Macht bahnten, signalisierten diese das Ende der Macht Giereks und seiner Mannschaft.
Es gibt in der Parteiführung offenbar Leute, die glauben, personale Änderungen würden ausreichen, um die Sackgasse zu überwinden.
Diesen Leuten möchte ich versichern, daß sie sich gründlich irren. Diesmal wird ein Namenswechsel niemandem genügen und niemanden zufriedenstellen. Notwendig ist eine Änderung der Mechanismen des Regierens, eine Änderung im Geist des Pluralismus und der Achtung der Menschenrechte.
Und noch eins steht fest: Die demokratische Opposition ist nicht an einer Konfrontation mit der Staatsmacht auf der Straße interessiert. Ihr Ziel ist eine Entwicklung, bei der Polen sowohl vor einer sowjetischen Militärintervention als auch vor einem Bürgerkrieg verschont bleibt. Wir wollen friedlichen Druck ausüben, um ein neues Modell der Beziehungen zwischen der Staatsmacht und den Bürgern zu erreichen.
Der Besuch des Papstes findet zu einem Zeitpunkt möglicher Wende statt, zu einem Zeitpunkt, da die Angst mit der Hoffnung kämpft. Manche vergleichen das Kommen des Papstes mit der Rückkehr Chomeinis in den iran, und in den Warschauer Kaffeehäusern kann man hören, daß der "Redemptor Chomeini" komme.
Ich glaube, dieser Vergleich ist falsch. In seiner Enzyklika hat der Papst die Aufgaben der Kirche genau präzisiert. Zu ihnen gehöre die Verteidigung der Menschenrechte und nicht eine unmittelbare Teilnahme am politischen Leben.
Dennoch: Obgleich der Papst-Besuch den Charakter einer religiösen Pilgerfahrt bat, werden deren moralisch-politische Konsequenzen groß sein. Es wird eine gewaltige Demonstration der Verbundenheit der Polen mit der Welt der christlichen Kultur sein, eine Demonstration ihrer Solidarität mit der katholischen Kirche, eine Demonstration ihrer Sehnsucht nach Freiheit, deren Beschützer sie in ihrem Landsmann Johannes Paul II. sehen, dem Verteidiger der Menschenrechte.
Die Bedeutung dieser Demonstration kann ungeheuer groß und dauerhaft sein. Sie wird die Kräfte und den Mut der Menschen stärken, sie wird dazu beitragen, daß sich die Polen in ihrem Kampf um die eigene Würde weniger vereinsamt und stärker verbrüdert fühlen. Es gibt nichts, was dieses Volk heute nötiger hätte.

DER SPIEGEL 23/1979
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