02.07.1979

GALIONSFIGURENKurzes Hemd

Götter, Fabelwesen und Prominente schwebten einst am Bug der Schiffe über die Meere. Ihre mythische Herkunft und ihre Formenvielfalt beschreibt nun ein Verzeichnis der Galionsfiguren aus aller Welt.
Das flämische Mädchen, das Modell gestanden hatte, brannte bald als Hexe. Dem Bildhauer hackte man heide Hände ab. lind das Schiff, das die Statue unterm Bugspriet trug, wurde gekapert; Kapitän und Mannschaft mußten über die Klinge springen.
Noch als das Schnitzwerk, "ein üppig hölzernes, grün nacktes Weib", nach allerlei weiterem Unheil im Museum hing, hielt der böse Zauber an. Verklärten Gesichts entleibten sich gestandene Männer, Primaner und ein Priester mit Segelmesser, Beil, Enterhaken und Harpunen zu Fußen der bernsteinäugigen "Niobe".
Nur Oskar Matzerath konnte, wie Günter Graß in der "Blechtrommel" erzahlt, ungestraft auf ihren "zielstrebigen Brüsten" trommeln: "Lächerliche Wölkchen Holzmehl" stäubten aus den Wurmlöchern der sündhaft schönen Galionsfigur.
In der kaschubischen Gruselschnurre mußte wohl uralter Mythenglaube Monströses zeugen. Tatsächlich haben, solange sie auf See gehen, die Menschen das Ungeheure der fremden Ferne und des feindlichen Elements gerade mit Bildern und Riten zu bannen gesucht.
Sogar der funktionell kahle Bug moderner Frachter, Tanker, Musikdampfer und Fregatten wird beim Stapellauf noch mitSektbesprudelt. Es ist der sinnentleerte Nachvollzug jener Kulthandlungen, durch die Fischer und Schiffer seit prähistorischer Zeit ihre Gefährte mit dem Blut von Opfertieren gegen die Gefahren der Meere zu feien trachteten an der indischen Koromandelküste wurden noch vor hundert Jahren zur ersten Fahrt Schafe geschlachtet.
Die auf den Steven gesteckten Schädel machten die Schiffe gleichsam selber zu lebendigen Wesen. Nur aus dieser magischen Tradition ist zu verstehen, erläutert nun der Kulturhistoriker und Fachmann für Maritimes Hans Jürgen Hansen, daß sich etwa über die antilopenköpfigen Nilboote ägyptischer Pharaonen oder die Drachenschiffe der Wikinger -- die reiche Vielfalt der Galionsfiguren entwickelte.
In (ler Neuzeit allerdings wandelte sich ihr Sinngehalt zu diesseitiger Symbolik. Bunte "seute Deerns" und Admiralsbüsten, Wappengetier und Sagengestalten, Abbilder von Kindern oder Hunden der Schiffseigner, Bismarck und die Sängerin Jenny Lind zierten schließlich die großen Segler.
Doch was da alles an seefahrts- und kunstgeschichtlichen Schätzen über den Bugwellen schwebte, ist, so Hansen, "größtenteils untergegangen, verrottet oder verheizt worden -- und der Rest wurde bislang kaum erforscht oder gar von der Kunstwissenschaft gewürdigt".
In den letzten Jahren aber hat das Deutsche Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven auf Hansens Anregung hin systematisch erkundet, wo in (ler Welt noch Galionsfiguren zu finden sind. Mit mehrsprachigen Fragebögen fahndete es in Marinearsenalen und Seefahrtssammlungen, ging Hinweisen auf Dekorstücke von Hafenkneipen und versteckte Liebhaber des merkwürdigen Schiffsschmucks nach.
Antwort kam, außer aus der Sowjet-Union, aus allen Seefahrtsnationen, von Bergen in Norwegen und Rostock in der DDR bis Cartagena in Kolumbien und Suva auf den Fidschi-Inseln. Selbst Kuriosa wie die Bugzier eines Gebirgsmarine-Fahrzeugs, des Schweizer Raddampfers "Stadt Rapperswil" (erbaut 1914 und auf dem Zürcher See noch in Fahrt), konnten so ermittelt werden.
Mitunter wußten bis dahin auch größere Museen nicht recht, was sie in Magazinen und Ausstellungsräumen bewahrten. Die Galionsfiguren-Sammlung auf dem berühmten Tee-Clipper "Cutty Sark" in Greenwich beispielsweise, vor Jahrzehnten von Kapitän Long John Silver aus Abwrack-Werften, Strand- und Treibgut zusammengetragen, mußte Hansen ei-st von seinem Sohn Clas Broder der an einer Dissertation über das Phänomen Stapellauf arbeitet -- auflisten lassen.
Ergebnis dieser Recherchen ist ein Generalkatalog der Schiffsbug-Verzierungen, der bereits mehr als 1800 Figuren verzeichnet. Mit einem Essay Hansens und 450 Abbildungen erscheint das Sammel-Werk demnächst im Druck*.
Es beschreibt eine geringe, zufällige Hinterlassenschaft. Skulpturen an Land, etwa von Tempeln, Kirchen und Schlössern, blieben die Menge über Jahrhunderte erhalten. An Galionsfiguren aus der Zeit vor 1500 hingegen wurden den Bremerhavener Forschern nur vier bekannt.
Lediglich acht stammen mit Sicherheit aus dem 17. Jahrhundert, darunter der Galionslöwe der "Wasa": Das schwedische Regalschiff, mit 64 Kanonen bestückt, war 1628 auf der Jungfernfahrt im Stockholmer Hafen gesunken: sein Wrack konnte 1961 geborgen werden.
* Hans Jürgen Hansen; "Gallonsfiguren Stalling Verlag, Oldenburg; 240 Seiten; 98 Mark (ab 1. 1. 1980 124 Mark)
Nach überlieferten Havarie-Berichten muß die Zahl verlorengegangener maritimer Skulpturen laut Hansen auf "Hunderttausende" geschätzt werden. So sind allein im vorigen Jahrhundert auf den Scilly-Inseln vor der Südwestspitze Englands rund 1000 Schiffe gestrandet.
Spanten und Planken waren als Bau- und Brennholz begehrt. Mit den Galionsfiguren schmückten die Inselbewohner Gärten und Hausgiebel, bis sie morsch waren. Übrig blieben so nur etwa 50, die in der Abtei von Tresco unter Dach kamen.
Immerhin läßt sich die Geschichte der Schiffs-Bildwerke noch skizzieren. Wie Ritzzeichnungen aus der Jungsteinzeit, antike Schiffsmodelle und mittelalterliche Tafelbilder belegen, herrschte das archaische Drachenmotiv vor bis an die Wende zur Neuzeit. Ein solches furchteinflößendes Haupt trägt die Arche, die Meister Bertram auf dem Flügelaltar der Hamburger Petrikirche 1379 malte. Hinter einem Tierschädel segelte, wie die Manessische Handschrift zeigt, Minnesänger Friedrich von Hausen ins Heilige Land; und Drachenköpfe zierten noch die Karacken und Karavellen der portugiesischen und spanischen Eroberer.
Eigentliche Galionsfiguren entstanden erst im 16. Jahrhundert, als die größeren Segelschiffe mit einer neuartigen Bug-Konstruktion versehen wurden, eben mit dem Galion.
Es sind zwei beidseits des Stevens weit nach vorn ausladende Balken, die ein korbartiges, spitz zulaufendes Gerüst tragen. Auf dem Galion handhabte die Mannschaft die daruber vom Bugspriet aus angeschlagenen Segel und nutzte es, so Hansen, "im Kampf als Enterbrücke und im Alltag auf Sec zur Leeseite hin als Abort.
Auf der Spitze des unteren Galionsbalkens stand fortan, mitunter überlebensgroß, die Galionsfigur. Der Wasa"-Löwe zum Beispiel, aus Lindenholz geschnitzt und ehemals mit Blattgold belegt, ist vier Meter lang und fast eine halbe Tonne schwer.
Der Löwe, das königliche Tier, dominierte bis Mitte des 18. Jahrhunderts auf bewaffneten Schaluppen, Korvetten und Linienschiffen. Vor allem die Franzosen aber gingen bald zu antikgöttlicher Heraldik über und versahen ihre Schiffe mit Figur und Namen von Apollo und Mars, Nike und Venus, Neptun und Poseidon.
Die Masse der Bug-Bildwerke wurde zwar seit je von mehr oder minder begabten Zimmerleuten gefertigt. Den Schmuck für größere Fracht und Fahrgastsegler jedoch gaben bedeutende Reedereien bei berufsmäßigen Bildhauern in Auftrag; die Marinen und Höfe bescläftigten für Kriegs- und Lustschiffe Künstler von Rang.
Die britische "Sovereign uf the Seas" etwa, 1637 als damals größtes und prunkvollstes Schiff der Welt erbaut, ließ König Karl 1. von dem Rubens-Schüler Anthonis van Dyck ausstatten. Das Dekor-Programm der .Wasa" entwarf Märten Redtmer, der sonst Orgel* Schnitzer Norman Gaches auf der Isle of Wight.
prospekte und Grabmäler von beachtlicher Qualität schuf.
Eine der aufwendigsten Kompositionen leistete sieh die britische Marine für die "Victory", das spätere Flaggschiff des Admirals Nelson. Die Schnitzerei -- fünfeinhalb Meter breit, dreieinhalb Meter tief und sieben Meter hoch -- enthielt unter anderem eine Porträtbüste König Georgs, das englische Wappen, vier Cherubim für die Windrichtungen, eine die Gestalten des Neides, der Zwietracht und des Aufruhrs unter ihre Füße tretende Britannia, Genien des Friedens und der Nautik und einen Triumphbogen.
Als Anfang des 19. Jahrhunderts der Klippersteven das Galion ablöste, entstanden die letzten und bekanntesten Formengruppen von Bugskulpturen: Büsten und Halbfiguren, die fast senkrecht auf volutenartige Konsolen montiert waren, sowie Dreiviertel- und Vollfiguren, die schräg unter dem Bugspriet hängend über das Wasser in die Weite blickten.
Seitdem auch gab es, wie Hansen notiert, "kaum noch eine Begrenzung der Thematik". Die mystisch beschwörenden Gebilde waren vollends zum profanen Zierat geworden.
Einen schon tragikomisch naturalistischen Porträtkopf zum Beispiel verpaßten die Briten dem 46-Kanonen-Schiff "Horatio", das 1807 vom Stapel lief -- zwei Jahre nach dem Sieg und der tödlichen Verwundung Horatio Nelsons bei Trafalgar: Das Schnitzwerk zeigt den Seehelden, als plinkere er Lady Hamilton zu; tatsächlich hatte er 1793 bei der Belagerung von Calvi ein Auge verloren.
Und nun erst tauchten in der heroischen Welt der Seebären auch solche erotischen Gestalten auf, wie Günter Graß sie einem Schiff des 15, Jahrhunderts andichtete. Viele der Najaden und Nereiden, der Aphroditen und Victorias unter den Galionsfiguren des Viktorianischen Zeitalters waren gar nicht prüde.
Sogar ein zauberisches Weibsbild findet sich da, das zwar nicht reihenweise Männer mordete, aber manchem Kadetten rote Ohren machen konnte: Die Hexe Nannie vom Bug der "Cutty Sark" veranschaulicht eben das, was der Name des Schiffes besagt -- sie trägt ein ziemlich kurzes Hemd.

DER SPIEGEL 27/1979
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