02.07.1979

Wo Steine reden

Hans Peter Duerr, 36, ist Lehrbeauftragter für Ethnologie in Zürich und Herausgeber der Zeitschrift „Unter dem Pflaster liegt der Strand“.
Was weiß man in unserer Welt der handgreiflichen Dinge und des handfesten Denkens von der Wildnis? In fernen Ländern, auf fremden Inseln, in exotischen Regenwäldern mag sie schon sein, in versunkenen Wäldern unserer Breiten wird sie gewesen sein. Mit dem jungen Ethnologen Hans Peter Duerr ist sie auch inmitten unserer Kultur von Beton und elektronischer Feinsteuerung zu entdecken wie "Dschinnistan", ein Reich, von dem es in einem orientalischen Märchen heißt, es sei weit weg, "gleichwohl umgibt es uns und berührt uns von allen Seiten".
In der Wildnis, die gemeint ist, haben archaische Dichter vor langer, langer Zeit zu erzählen angefangen, und träumen die Naiven weiter mit noch offenen Augen. Doch wir zivilisierten Schläfer vermögen in der mythischen Perspektive nur noch manchmal, mit geschlossenen Lidern zu sehen. Die Träume, wenn man sie denn fassen will, unterliegen derselben Deutung wie die alten Mythen und Riten der weniger zivilisierten Völker.
Deshalb können die "Primitiven", wie wir überheblich sagen, zu Wegweisern in seelische Tiefen werden, für die es in der modernen Industriegesellschaft kaum noch ein Bewußtsein gibt: die Wildnis in uns.
Allerdings muß man sich seines zivilisatorischen Selbstverständnisses entäußern, wenn man im Gedankenflug mit Duerr dorthin gelangen will: Dort verkehrt sich die Welt der Ratio zu ihrem absolut Anderen, dort sprechen die Steine und flüstern die Bäume, dort ist eben alles möglich, was unmöglich ist, dort herrscht nicht Zeit, nicht Raum, dort verstehen die Menschen zu fliegen.
Von manchem wird dabei zuviel verlangt, wie sich schon zeigte: "Das Buch ist, gelinde gesagt, fragwürdig", hieß es in der "Zeit", "es ist ein grundgelehrtes Buch", in der "FAZ". "Ethnologie und Timothy Learys Politik der Ekstase geraten in einem fort durcheinander", stand in der "Zeit", dagegen in der "FAZ": "Tatsächlich lesen wir eine erkenntnistheoretische Abhandlung, einen wissenschaftstheoretischen Beitrag zu der Diskussion über inner- und zwischentheoretische Rationalität, daneben eine Methodenschrift der Ethnologie, in erster Linie aber eine Philosophie über die zivilisierte und die wilde Seite unseres Bewußtseins, eine negative Theologie für Spontis."
Verflixt, was lesen wir denn da? Auf jeden Fall nichts Dröges, nichts Dummes und doch ein wahnsinniges Werk von Sinn, Hintersinn und Sinnlichkeit; ganz nebenbei noch eine außergewöhnliche Habilitationsschrift mit einem Wunderwerk an Apparat, der zusammenbringt, was nach deutschem Forscher(un)wesen nicht zusammengehen darf: Witz und Wissenschaftlichkeit. In einer von 827 vergnüglichen Anmerkungen sind zum Beispiel literarische Fundstellen angegeben zum Wesen von Feen und Elfen, die mehr "zum Spontanfick" denn zu "längeren Beziehungen" neigten.
Das ist von einigen Ethnologen aus ganz persönlichen Erfahrungen bekannt: Nicht nur, daß sie im Rausch durch alte Rezepturen sich selber als Jaguar im Spiegel oder einem papagenoartigen Halbmenschen gegenübersahen, sie kletterten am himmelhochgewachsenen Weltenpfahl oder vereinigten sich mit Feen von unschilderharem Sinnenzauber. War's' war's nicht? Immer diese Fragen, irgendwas wird gewiß gewesen sein, wie schon damals in grauer Zeit am Anfang aller Märchen von Feen, Tiermenschen und Weltenbäumen, die mächtig aus dünnen Samenfäden wuchsen.
In diese Wildnis kommt man nicht zu Fuß, man pflegt zu fliegen, weltweit, zeitlos. So wie Odin im Mythos als Donnervogel in andere Welten fuhr, wird es im Prinzip noch heutzutage gemacht. Afrikanische Shona-Frauen sausen durch die Substanz einer weißen Salbe nachts auf Hyänen durch den Busch. Durchaus diesseitige Südseemädchen, die ihren Leib mit "leaves and magic" glitzrig einölen, flattern als Paradiesvögel in die Ferne, um das "Huyowana", Glück, zu holen. Indianische Schamanen legen, vermöge von Stechapfelgift, in Sekundenschnelle tausend Meilen zurück.
Gewiß, es fliegt nicht der Körper, es springt nicht die Person aus ihrem Leib heraus, es handelt sich um Drogenerfahrungen. Aber durch keine Machtpflanze, durch kein Zauberkraut kann Fremdes halluziniert werden, das wäre ja fauler Zauber. Im Empfindungsvermögen muß es also eine Vorstellung vom Fliegen geben: Es "verfliegt", so sagt Duerr, gleichsam das "Ich", das in Grenzen zu halten unsere Kultur uns ganz besonders stark angewöhnt hat.
Im europäischen Kulturkreis rauschten bis zur Renaissance einige "Nachtfahrende" mit Flugsalben wie die Schneegänse auf den "Dantz". Sie waren die letzten, die im Kult einer entfesselten Sinnlichkeit der Diana und Artemis, der dahinstürmenden "Löwin der Weiber" nachfolgten.
Im Traum wagt heutzutage mancher zivilisierte Zeitgenosse noch zu fliegen, doch von bodenlosen Stürzen wird viel berichtet. Angst vor dem Fliegen? Befindet sich dieser Zeitgenosse in der Wirklichkeit auf dem Flug, so sitzt er im Jet nicht viel anders als daheim im Polstersessel, sein Gefühl klammert sich gewöhnlich an den begrenzten Raum der Maschine: nichts fliegt. Vom Standort eines Erdenbetrachters ist die Maschine und jedermann in ihr Sekunde um Sekunde an einem anderen Ort: alles fliegt.
In der Erkenntnis der zweiten Ordnung hat unser Luftreisender ein Doppelwesen: Er fliegt und fliegt wiederum nicht.
Ein derartiges Verwirrspiel stellt Duerr auch mit unserer hohen Zivilisation an, die ihre Wirklichkeit nur innerhalb ihrer kulturellen Grenzen erfahren kann -- genauso beschränkt wie ler Passagier im Jet. Was aus anderen Kulturen nicht hereinpaßt in unseren Raum, der eng abgesteckt ist durch die Grenzen der klassischen (doch überholen) Vernunft, wird leichthin als Blendwerk der Sinne abgetan. So haben uns die kulturellen Einordnungskräfte mit ihrer intellektuellen Polizei der Wissenschaft in jahrhundertlanger Arbeit beigebracht. Duerr beklagt, wie fest das sitzt, denn der wissenschaftliche Stoff St von gestern.
Im Großen wie im Kleinen haben Astronomie und Teilchenphysik ein Bild der Wirklichkeit gezeichnet, das weit außerhalb dessen liegt, was mit den Sinnen unmittelbar erfaßbar ist. Verstand und Empfindungsvermögen können nicht mehr zusammengehen, Einsteins Schüler sind Doppelwesen, mit dem Kopf am Fliegen, mit dem Gefühl wiederum nicht: Genau umgekehrt wie die glückholenden Südseemädchen, jedoch in der Spaltung von Bewußtsein und Sein genau wie sie.
Für das Begreifen des mit den Sinnen Unbegreifbaren haben Naive manche sinnfällige Bilder. Der Yaqui-Indianer siedelt seine kulturelle Natur mit ihren ganz gewöhnlichen Erfahrungen auf einer "Insel des Tonal" an. ist sich aber bewußt, daß man jenseits ein "Nagual" findet. "Das Nagual", versucht ein Schamane zu erklären, "ist der Teil von uns, für den es keine Beschreibung gibt -- keine Worte, keine Namen, keine Gefühle, kein Wissen." In seltenen Momenten aber wird die "Insel des Tonal" erschüttert, der Yaqui vernimmt ein "Flüstern des Nagual".
Die australischen Ureinwohner kennen eine "Traumzeit", die keine vergangene, keine gegenwärtige und keine zukünftige Zeit ist. Es gibt für sie keinen Ort, auf den sie sich beziehen könnte, der Traumort ist überall und nirgends. In der Perspektive der Traumzeit zeigt sich ein Ereignis ohne Rücksicht darauf, was einmal war und was einmal sein wird. Ein Mensch in der Traumzeit kann höchste Erkenntnis gewinnen sowie sich selber als Känguruh oder als Vogel sehen, je nachdem.
Das ist für den abendländischen Verstand verwunderlich, aber im Prinzip einfach wie eine mathematische Gleichung. Menschen mit archaischer Mentalität versuchen immer wieder zu erfahren, wer sie sind, indem sie sich vergegenwärtigen, wer sie nicht sind: zum Beispiel ein Vogel.
Spokan-Indianer hüpfen als Eichelhäher im Baum, und dem Medizinmann der australischen Jigalong werden die Beine zu Flügeln, die Hoden zu Augen und der After zum Schnabel. Welche Gefühlssphäre durch solche Riten erreicht werden soll, macht eine Zeremonie der Mundurucu-Indianer deutlich: Die Seele wird von einem Tapir entführt, weitergereicht an das nächstkleinste Tier, vom winzigsten Affen einem großen Fisch übergeben und so weiter, bis sie beinahe dahin gelangt, wo nichts mehr von irgend etwas getrennt ist, noch nicht einmal das Leben von dem Tod. In einer ursprünglichen Empfindung wird alles einerlei, alles gleichzeitig sein Gegenteil und damit eins.
Mit so einem "kleinen Tod" sind viele Kulturen vertraut: In Hohlen, Grotten, Felsspalten, gleichsam im Uterus der Erde, mußte "sterben", wer als Wissender wiedergeboren werden wollte. So dürften schon die Frühmenschen unserer Breiten erfahrungslose Selbsterfahrung in altsteinzeitlichen Höhlen gesucht haben. Auch Zeus war der Sage nach in einer Höhle der Erdgöttin Gaia.
Der Schoß, wo alles einerlei und damit eins wurde, barg nicht Erkenntnis, die Auflösung alles Erlebten brachte keine Erfahrung: Erkenntnis und Erfahrung warteten vielmehr auf den Rückkehrer. Wer seine kulturelle Natur einmal aufgegeben hatte, der wußte um ihr Wesen, wer seines Todes ansichtig geworden war, der konnte mit kulturellem Bewußtsein leben, im vollen Sinn des Wortes -- nicht so seltsam selbstvergessen wie jene Weißen, die nach indianischer Kritik "ihr Leben so leben, als würde der Tod sie nie berühren".
Der "kleine Tod" gilt archaischen Kulturen zudem als ein Akt der Liebe. Die Einkehr in die Höhle der "großen Mutter" würde einen Inzest darstellen, wenn im Ursprung nicht auch der Inzest-Begriff aufgehoben wäre. Viele Kulturen kennen ein System, Wildnis zu erzeugen, indem Normen aufgehoben werden, so daß sie nicht übertreten werden können.
Ob nun zu bestimmten Tagen Söhne mit der Mutter und Schwestern mit ihren Brüdern schlafen durften, ob ein zum Tode verurteilter Verbrecher regierte, ob der Unterschied zwischen Gut und Böse aufgehoben oder die Bedeutung von Ja und Nein verkehrt wurde, ob junge Männer als Werwölfe friedlos und vergewaltigend durch die Gegend streiften, ob junge Mädchen mit umgebundenem Holz-Phallus in Taumeltanz fielen oder über Männer her, ob die Rollen der Geschlechter auf mannigfaltige Weise umgedreht wurden -- gemeint war stets dasselbe: daß zu Zeiten zwischen den Zeiten Ordnung und Chaos aufhörten, Gegensätze zu sein, damit die Ordnung durch ihre Auflösung zu einer sinnlich erfahrbaren Größe wurde; oder einfacher: daß man, wie Duerr schreibt, "nur "zahm' werden konnte, wenn man zuvor "wild' gewesen war".
Ein bißchen davon ist, noch im Karneval übriggeblieben, nur daß die Geister auf Wagen fahren und Seitenspringer keine Werwölfe und keine Elfenliebhaber sind. Die Dämonen sind wer weiß wo und Hieronymus Boschs Garten der Lüste geschlossen, seit die Grenze zwischen Schein und Wirklichkeit genau bezeichnet und schließlich zur Mauer wurde.
Wer nach archaischer Art sinnliche Wahrnehmungen vermischte und sich zu einem Erlebnis mit irgendeiner Schattenkönigin einließ, der galt als "tämisch" oder "elwetritsch", wie die Kurpfälzer sagten, und mußte sich so wohl auch selber vorkommen. Etwas anderes als eine "wirkliche" Wirklichkeit durfte es nicht mehr geben, und was ihr nicht entsprach, wurde in den Wahn verwiesen, bis in die heutige Zeit.
Die "Hagazussa", die Zaunreiterin, ein halbdämonisches Wesen, das den mittelalterlichen Menschen auf dem Hag, der Hecke, dem Zaun um das Dorf saß, mit einem Bein innerhalb, mit dem anderen außerhalb der Kultur, wurde in die Nacht verjagt. Aber sie erwachte als Hexe "im Inneren" oder im "Draußen des Drinnen", wie Duerr in Anspielung auf Lévi-Strauss sagt, und hockte den Menschen derart bedrohlich in der Psyche, daß sie in anderen gesucht, gefoltert und vernichtet wurde. Die Hexe war ein verzerrtes Bild der "nachtfahrenden Weiber". Aber nicht deren Drogen wurden verteufelt, sondern die Inhalte übersinnlicher Flugerlebnisse, die entfesselte Sinnlichkeit und entgrenzte Individualität waren.
Wenn man Duerrs Buch gelesen hat, fügen sich verschiedene heutige Kultur-Phänomene in einen inneren Zusammenhang. Hieronymus Bosch, der die wilde Innenwelt des Menschen malte, als sie unter kulturellen Verschluß kam, ist gefragt wie Shakespeare, der das Völkchen der Tiermenschen, der Dämonen und Feen durch seinen "Sommernachtstraum" spuken ließ, als es gerade aus dem Leben in die Nische der Kunst verdrängt worden war. Im Märchen haben Renaissance und selbst Privatmythologien eine Chance, sei es Tolkiens Elben-Land oder Graß' Erzählperspektive ("Gestern wird sein, was morgen gewesen ist").
Daß Menschen fliegen, soll in der Drogenkultur häufig vorkommen, ebenso wie im schönen Tod, jedenfalls nach Phantasien Reanimierter; ganz abgesehen davon gibt es meditative Hochfliegekurse. Der Artemis, der dahinstürmenden "Löwin der Weiber", nachfolgen Feministinnen auf Frauenfesten, wenn sie nicht gleich als Hexen verkleidet gehen.
Die Wildnis wurde dereinst ins Unbewußte verschoben, als die Menschen dieser Zivilisation sich anschickten ihren geschlossenen Kosmos aufzubrechen, was letztlich zum Griff nach den Sternen führte. Der Mann im Mond ist nun wieder unten, die Wildnis, so scheint's, ist im Kommen: Man wird ihre schönsten Blüten in der Kunst sicherlich sehen.

DER SPIEGEL 27/1979
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