28.05.1979

LEICHTATHLETIKVöllig verändert

Erst jetzt kam Ugandas einziger Olympiasieger Akii-Bua wieder frei. Er überlebte Amins Verfolgung dank ausländischer Proteste, flüchtete und wurde in Kenia interniert.
Alle Ugander erfuhren davon, aber einer durfte je den ersten Olympiasieg für sein Land sehen. Statt des Rennens, in dem John Akii-Bua in München in Weltrekordzeit zur Goldmedaille stürmte, zeigte Ugandas Staats-TV Amin mit einem Staatsgast.
Der eitle Amin neidete Akii-Bua Glanz und Popularität eines Olympiasiegers. Der Athlet durfte zwar 1972 in Kampala das Haus eines von Amin vertriebenen Inders beziehen -- zusammen mit seiner Frau Josephine, drei Kindern und 13 Brüdern. Neue Erfolge des Leichtathleten verhinderte Amin.
Für das Olympia 1976 in Montreal hatte sich Akii-Bua im Dortmunder Westfalen-Park wieder in Glanzform gebracht. Doch Afrikas Politiker pfiffen ihre Athleten zurück. Seitdem ließ Amin seinen Star nicht mehr aus dem Land, bis auf einen Start bei Amins politischen Freunden in Algier.
"Der Nationaltrainer leitet meinen Wunsch nach Auslandsstarts nicht an den Sportrat weiter", vermutete Akii-Bua zunächst. "Ich muß die Leichtathletik wohl aufgeben." In Uganda fand der 400-Meter-Hürdenläufer keine Konkurrenten.
In Wirklichkeit begann der Moslem Amin aus dem Kakwa-Stamm die Acholi und die christlichen Langi zu verfolgen, bei denen Akii-Buas Vater Häuptling war. Auch der von Amin gestürzte Staatspräsident Milton Obote ist ein Lango, ebenso wie Amins dritte Frau Nora, die der Diktator verstieß. Sie ist eine Cousine Akii-Buas.
Viele Langi ließ Amin ermorden. 32 ihrer Führer sprengten Amins Soldaten in die Luft. Einen Leichtathleten verhaftete seine Geheimpolizei bei der Rückkehr aus dem Flugzeug und erschoß ihn. Fußball-Nationaltrainer David Otti verschwand zeitweilig. Der Präsident des ugandischen Olympia-Komitees verweigerte bei einem Kongreß in Abidjan jeden Kommentar: "Ich will nicht meinen Kopf verlieren."
Im März 1977 meldeten Flüchtlinge in Kenias Hauptstadt Nairobi, der Olympiasieger werde im Militärgefängnis Makindye gefangengehalten und gefoltert. Die Regierung veranlaßte Akii-Buas Frau Josephine zu einem Dementi. Aber Akii-Bua blieb verschwunden. Die Meldung machte in Afrika Schlagzeilen und mobilisierte seine ausländischen Freunde.
Vermutlich bewirkten die Auslandsproteste und die Beliebtheit der Buas seine Entlassung. Sein Bruder Dennis Bua ist mit etwa 120 Länderspielen Ugandas Rekordspieler im Fußball.
"Ich hatte einige Probleme", deutete Akii-Bua am überwachten Telephon an. Besuche lehnte er ab. "Er hat sich total verändert", bemerkte der kenianische Rekordläufer Mike Boit. "Das ist nicht mehr der alte John."
Freunde und sein Geschäftspartner, die Sportartikelfabrik Puma in Herzogenaurach, versuchten ihn durch Einla-
* 1972 in München.
dungen aus Uganda zu lotsen. Sie hinterlegten Flugtickets bei der Lufthansa und der HA. "Wir haben versucht, von der Regierung die notwendigen Ausreisedokumente für Überseestarts zu bekommen", versicherte Justine Kibunga, Sekretär des ugandischen Verbandes. "Aber unter den gegenwärtigen Umständen wird er nicht ausreisen dürfen."
Eine Flucht wagte Akii-Bua nicht, weil er seinen Clan dann Repressalien ausgesetzt hätte. Akii-Buas Vater hatte mit acht Frauen 36 Kinder. "John ist unzufrieden", klagte seine Frau. "Er raucht und trinkt Bier."
Der Senior Superintendent bei der Verkehrspolizei in Kampala war isoliert. "Wenn wir gemeinsam ausreisen", schlug Josephine Akii-Bua private Einladungen aus, "kommt der Geheimdienst und tötet unsere Kinder, Die kennen unser Haus nur zu genau."
1978 gelangte ein deutscher Freund zu Akii-Bua nach Kampala. Die beiden heckten eine Briefaktion aus: Sportfreunde, Veranstalter und Athleten deckten Amin mit Briefen ein und baten um Startfreigabe für Akii-Bua. Auch der Deutsche Leichtathletik-Verband schloß sich an. Ugandas Botschaft in Bonn fragte zurück, ob die Einladung ernst gemeint sei.
Wahrscheinlich bewahrte die Aufmerksamkeit des Auslandes den Olympiasieger davor, in die letzten Amin-Massaker zu geraten. Sobald Amin seine Hauptstadt verlassen hatte, flüchtete Akii-Bua mit seiner Familie nach. Nairobi zu Kenias Staffel-Olympiasieger Robert Ouko.
Doch Kenias Regierung internierte etwa 1000 Uganda-Flüchtlinge auf einem Sportplatz und wartete auf Fahndungslisten der neuen Regierung in Uganda. Nach drei Wochen durfte Akii-Bua das Freiluft-Camp verlassen.
In einer Polizei-Station erwartete er seine Entlassung. Freunde sammelten für seine Familie. Dann lieferte Kenia die ersten Ugander aus. "Nur die üblen Typen", meldete Philip Ndoo, Sportredakteur der "Daily Nation" in Nairobi. "John ist nicht darunter."
Jetzt kam Akii-Bua, 29, frei. Nun möchte er sich auf die Olympischen Spiele 1980 in Moskau vorbereiten, am liebsten in der Bundesrepublik. Seine Familie trifft schon diese Woche ein.

DER SPIEGEL 22/1979
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