25.06.1979

„Rock gegen Rechts“ - ein fröhliches Fest

In Frankfurt wurde ein zweitägiges Open-Air-Festival zur größten antifaschistischen Demonstration der letzten Jahre. Zu „Rock gegen Rechts“ versammelten sich 30000 Jugendliche, um gegen den am gleichen Ort geplanten Deutschlandtag der NPD zu protestieren. In gelöstem Klima eine neue Liaison zwischen Rockmusik und Politik?
Frankfurt, meinte am Nachmittag ein Polizeisprecher, gleiche einem "Pulverfaß". Eine realistische Metapher, denkt man sich die Munition in den Pistolenmagazinen der 5000 Ordnungshüter mal auf einem Haufen.
Daß von den 30 000 ungeliebten Musikfans, die an diesem Tag das zur Militärfestung umgebaute Frankfurt bevölkerten, kein Funke ins Pulverfaß flog, ist in der Demonstrations-Chronik dieser Stadt ein mittleres Wunder.
Panzerwagen des Bundesgrenzschutzes, Wasserwerfer, ein Regiment fahler dunkelgrüner Ordnungstruppen, unablässig kreisende Polizeihubsehrauber -das war der martialische Willkommensgruß der Stadt an die Scharen von Jugendlichen, die trotz unsicherer Wetterlage in Autos, Bussen, Bahn oder "per Daumen" aus der ganzen Bundesrepublik zu einem riesigen Open-Air-Festival gegen den Neo-Nazismus angereist waren. Die teure, aus Steuergeldern finanzierte Machtdemonstration war die kleine Aufmerksamkeit eines CDU-Stadtvaters für ein Rockfest, das nicht kommerziellen Veranstaltern in die Tasche wirtschaften, sondern ein Politikum sein wollte.
Das gelang. "Rock gegen Rechts" zeigte die Suche nach einer neuen Identität der Nach-Apo-Jugend, die bisher im Ruch der Bequemlichkeit, Anpassung oder Lethargie stand, der man eher Romantizismus, Weltflucht, Innerlichkeits-Gebaren nachsagte als so engagierte Solidarität.
Beim Festival in Frankfurt löste sich eine alte Haß-Liebe innerhalb dieser Generation in beiderseitiges Wohlgefallen auf: die zwischen Rockmusikfans und politisch Aktiven. Musikfans gingen auf die Straße, brachten das eigene Faible für Rock in jene gesellschaftlichen Zusammenhänge ein, in denen diese Musik einmal entstanden war.
Trotz massiver Einschüchterung durch die Polizei wurde "Rock gegen Rechts" ein fröhliches Fest. Politische Erklärungen wurden mit Leichtigkeit vorgetragen und vergnügt beklatscht, ohne die Verbiesterung, die sonst auf Links-Veranstaltungen so bedrückend wirkt. Politik mit Witz; Erklärungen ohne deklamatorisches Pathos; Einigkeit, wo sonst zermürbende Fraktionskämpfe vorherrschen -- das Rock-Festival brachte zustande, wovon auf der linken Szene seit langem nur geträumt wurde.
"Rock gegen Rechts" war möglich geworden durch ein lockeres Bündnis von Linken, Sozialdemokraten, Gewerkschaftsjugend, Kriegsgegnern, Jung-Kirche, Umweitschützern, Musikern und Musikfans. Die Initiative folgte einem Vorbild aus Großbritannien. Dort hatte im April letzten Jahres das Komitee "Rock Against Racism" (Rock gegen Rassismus) gemeinsam mit der britischen "Anti-Nazi-Liga" auf dem Londoner Trafalgar Square für "die bedeutendste Anti-Faschismus-Demonstration seit den vierziger Jahren gesorgt" (BBC).
70 000 demonstrierten in London, begleitet von Steel-, Punk-, Rock- und Reggae-Bands. Das Londoner Ereignis ging durch die Weltpresse.
Das Frankfurter schlug sich allenfalls in doppelseitigen Erleichterungs-Seufzern in der Lokalpresse nieder. Mit Ausnahme der "Frankfurter Rundschau", die darüber auch in ihrer Deutschland-Ausgabe groß berichtete, übte sich die Presse in Meldungs-Geklecker: Obwohl alle Anzeichen dafür standen, sei es in Frankfurt nicht zum Bürgerkrieg gekommen. 30 000 "suspekte" Jugendliche, die die machtvollste antifaschistische Kundgebung der letzten Jahre organisierten, blieben weitgehend ohne Beachtung.
Dabei hatte die Frankfurter Rock-Fete, noch bevor eine Strophe gesungen war, einen politischen Erfolg: Sie war zum "Tag der Deutschen Einheit" als Gegenkundgebung zum "Deutschlandtreffen" der NPD angemeldet; doch der Frankfurter CDU-Oberbürgermeister Walter Wallmann wollte aus Angst vor Konfrontationen zuerst beides verbieten, die faschistische und die antifaschistische Veranstaltung. Das Rockfestival ließ man dann doch zu, wenn auch auf einem abgelegenen Gelände (dem Rebstock) und mit dem Verbot von Massenversammlungen im Stadtgebiet.
Die NPD-Anhänger warteten auf den Autobahnraststätten rund um Frankfurt noch am Tag des geplanten Treffens auf einen günstigeren Bescheid des Verwaltungsgerichts' bliesen dann aber am Spätnachmittag zum "geordneten Rückzug" in das fränkische Städtchen Alzenau' wo sie ihrer Wut in kleineren Prügeleien Luft machten. Das Nationaltreffen der "ewig Gestrigen" ("Frankfurter Rundschau") war durch das Rockfest verdrängt worden.
Frankfurts "Kra-Wallmann" (Henning Venske später auf der Festivaltrihüne) hatte jedoch in einem Aufwasch wegen "polizeilichem Notstand" auch eine Kundgebung des DGB auf dem Frankfurter Römerberg verboten -- ein Novum in der Nachkriegsgeschichte der Gewerkschaften.
Und so wurden auch die 5000 ausgesperrten Gewerkschafter Gäste der 30 000 Rockfans auf dem bereits randvollen Festival-Gelände an der Peripherie der Stadt: "Rückt mal zusammen, baut die Zelte an die Seite, es kommen noch einige ältere Leute vom DGB. Seid da solidarisch."
Die ohne Honorar auftretenden Bands langweilten nicht mit plattem Agitprop' sondern sorgten für Rock'n'Roll, der zum Tanzen, Mitklatschen, Mitsingen stimulierte. Der Protest gegen Berufsverbote' Homosexuellen-Diskriminierung, Gastarbeiter-Elend, Haschisch-Verbot, Bahro-Knast und Computer-Bespitzelung war keine rhetorische Pflichtübung.
Die holländischen "Bots" etwa spielten lebendigen Jazzrock mit listigen, anspielungsreichen Texten, synkopierten selbst die "Internationale" und pusteten so Staub von der Polit-Hymne.
Die "Gebrüder Engel" brachten aggressiven Rock'n'Roll. Ihre Nummer "Klau' lies und kotz" -- eine Gebrauchsanweisung zum "Bild"-Zeitung-Lesen im Viervierteltakt -- wurde von den Zuschauern mit einer Wolke von Zeitungsschnipseln in der Festival-Luft quittiert.
Die Wiener Songgruppe "Schmetterlinge" veräppelte -- "Klein, aber geheim" -- die Schnüffelsucht des Verfassungsschutzes und sang traditionelle antifaschistische Lieder.
Überraschend erschien auch Deutschlands Rockstar Nummer eins, Udo Lindenberg' nachdem er zunächst vorsichtig hatte erkunden lassen, welchem Karren er als Zugpferd dienen sollte.
In dem großen Bündnis "konsequent demokratischer und humanistischer Gruppen" wollte er dann nicht fehlen. Lindenberg, live-haftig: "Wir müssen die rechten Ochsenköppe stoppen, deshalb sind wir hier."
Als zum Finale die Deutschrock-Veteranen "Guru Guru Sunband" mit ihren musikalischen Clownerien gegen die dem Festival angedrohte Stromsperre anspielten, ging ein Festival zu Ende, das den Beginn einer neuen Jugendbewegung bedeuten könnte.
Die "FAZ" jedoch hatte zwei Tage lang "politischen Abschaum" erblickt. In einer Lokalglosse konstatierte sie "das große Grausen angesichts von Personen, die vor Schmutz starrten". Schlimmer noch: deren "Vehikel waren offenkundig nur durch Rost und guten Willen zusammengehalten". Und in guter Tradition deutscher Volkshygiene: "Die wie uniformiert wirkenden "Demonstranten' rufen kaum weniger Abneigung und innere Ablehnung hervor als das Auftreten wohlrasierter, stramm gescheitelter Träger von Schaftstiefeln." Der Bürger fühle sieh "zu Ordnung und Sauberkeit hingezogen, nicht zu Typen".
Die "Typen" wollen im nächsten Jahr weitermachen, mit "Rock gegen Strauß" in München, falls sich die Kanzler-Ambitionen des bayrischen Ministerpräsidenten halten sollten. Mit einem prominenten Mitmacher können die Veranstalter schon rechnen: Udo Lindenberg will wieder dabeisein.

DER SPIEGEL 26/1979
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