21.05.1979

FILMAuf Stichwort

„Woyzeck“. Spielfilm von Werner Herzog. Deutschland 1979; 82 Minuten; Farbe.
So jung, mag sich Werner Herzog gedacht haben, so jung kommen wir nicht mehr zusammen. Nachdem er eben noch mit Klaus Kinski "Nosferatu" gedreht hatte, schien sich der Regisseur zu sagen: Der Kinski ist noch da, die Kamera noch warm, machen wir gleich zusammen noch, in einem Aufwasch, den "Woyzeck".
Wenn Kinski als Graf Dracula die Adjani mit seinen Vampir-Zähnen ins Jenseits beißen konnte, warum soll er ihr dann nicht als Soldat Woyzeck mit dem Messer die Eva Mattes hinterherjagen können ...
So jedenfalls wirkt die Neuverfilmung des Büchner-Fragments -- die als deutscher Beitrag Dienstag in Cannes läuft und am Freitag in die deutschen Kinos kommt -- wie eine Terminplanabwicklung und nicht wie der Versuch, sich der Lakonik des konzentriertesten deutschen Theaterstücks auszusetzen; wie die Aufzeichnung einer (allerdings hochbesetzten) Stadttheateraufführung und nicht wie das Wagnis, mit dem Film aufzuschlüsseln, was der Text an Atmosphäre und Geschichte einschließt.
Wenn es diesen Woyzeck (die Figur, nicht das Stück) dennoch zu sehen lohnt, dann liegt das an Klaus Kinski, der den geschundenen Garnisonssoldaten aus deutscher Duodez-AÄmlichkeit nicht, wie doch zu befürchten gewesen wäre, als expressionistischen Aufschrei einer getretenen Kreatur verscherbelt, sondern sehr genau die Stationen dieses wie vor einem ewigen Gericht rekonstruierten Weges eines Mörders nachzeichnet.
Kinski beginnt Woyzeck als den Mann, der sich, mit großer Sachlichkeit und Anspannung, das nötige Geld für seine Freundin und sein uneheliches Kind hinzuverdienen muß. Die aus Langeweile geborenen, mit Mißtrauen und Hochmut vorgetragenen Hänseleien des Hauptmanns und des Arztes er-
* Mit Wolfgang Reichmann, Klaus Kinski und Willy Semmelrogge.
trägt er, ganz auf sein Privatleben konzentriert, wie zerstreut; er funktioniert, solange er mi Funktionieren nicht aufgeht. Aus dieser Ruhe müssen ihn die anderen erst heraushetzen.
Kinski bringt für die Figur eine Verletzlichkeit mit, die den Woyzeck nach und nach unter den übergroßen Anstrengungen zusammenbrechen und sich im Mordplan wieder aufrichten läßt; unter der Anstrengung des medizinischen Experiments, das er für die Frau erträgt, die er gerade dadurch verliert, und unter der Anstrengung, bald nicht sagen zu können, bald nicht sagen zu dürfen, was mit ihm geschieht: im Mord wehrt er sich gegen seine Wehrlosigkeit.
Doch daß dies bei Kinski eindrucksvoll und sehenswert ist, dieses vor Anspannung transparent und alt werdende Gesicht mit den ausdrucksvollen Augen, und die Woyzeck-Gestalt sich doch, in den Beziehungen zu den anderen Figuren, kaum in exakt zu unterscheidenden Einzelheiten manifestiert, liegt daran, daß um Woyzeck herum tote, nichtssagende Theaterlandschaft wabert.
Leider ist da einem Film wieder das selbstzufriedene Glück anzumerken, daß sein Regisseur in der Tschechoslowakei ein garantiert historisches Milieu gefunden hat (so daß ihm keine Fernseh-Antennen in die Totale rutschen).
Über dieser Sollerfüllung an geschichtlicher Treue vergißt Herzog, daß seine Kneipen, durch die sich das Volk für selbstvergessene Momente ja trinkend und tanzend wälzen soll, steril wirken wie frisch getünchte Räume im Heimatmuseum. Die Menschen, die hier leben sollen, tun dies so offenbar auf Stichwort, daß sie ihre Weingläser in Wachsfiguren-Posen heben -- Woyzeck nicht als Drama, sondern als Insektensammlung.
Es ist nicht untypisch für diese lähmende Leere, daß Woyzeck im Vorspann des Films von einem Vorgesetzten bis aufs Blut geschliffen wird -- so als hätte es Herzog, wie der Defa-Film von 1947, auf die antimilitaristischen Momente des Stücks abgesehen. Dann aber vergißt der Film das Militär total, Woyzeck erscheint als Privatier, andere Soldaten neben ihm kommen nicht vor, es sei denn, sie werden durch den Dialogzwang herbeigenötigt.
Herzog hätte, nach allem, was er bisher gedreht hat, den "Woyzeck" für sich als eine Art "Sesam-öffne-dich" entdecken müssen: Die Gebrechen einer Figur, die auf die Gebrechlichkeit der Welt weisen, das scheinbar Dumpf-Stumme, das beredt Zeugnis gibt, die Ohnmacht, die ihre Macht in Zerstörung offenbart.
Um so merkwürdiger, daß ihm ausgerechnet dieses Stück ein Buch mit sieben Siegeln blieb.
Wie sonst wäre zu erklären, daß er die Marne Eva Mattes" und die Nachbarin Margret friedlich nach dem Vorbeizug der Militärmusik Kaffee miteinander trinken läßt. Während sie sich doch vorher so beleidigten -- als Hure und mannstoll die eine, als häßlich und neidisch, weil sie keinen kriegt, die andere -, daß sie bei Büchner danach gewiß keinen Blick mehr miteinander wechseln.
Wie anders wäre zu verstehen, daß Herzog im "Märchen" (in dem Büchner ein Universum beschreibt, das bei näherem Zusehen tot ist, als hätte die endgültige Katastrophe schon stattgefunden) von den Sternen nur erzählen läßt, sie seien "kleine goldne Mücken", aber nicht, was doch viel unheimlicher ist, daß diese Mücken angesteckt waren, "wie der Neuntöter sie auf die Schlehen steckt". Von dem schwerwiegenden Unfug, das Märchen der Marie in den Mund zu legen, um die Rolle der Großmutter zu sparen, ganz zu schweigen.
Am Schluß steht für die arme ermordete Marie in der ärmlichen Woyzeck-Welt ein befremdlich luxuriöser Sarg am Bildrand bereit, bezahlt wahrscheinlich von Herzogs schlechtem Gewissen, der so das, was er dem Film an Leben ersparte, wenigstens im Tode zugute kommen lassen wollte.
Im Ernst: Dem kostbaren Sarg einer eindeckelnden Stadttheater-Pracht entzog sich nur ein Untoter, Klaus Kinski, der zum zweitenmal Herzogs blutleere Welt überlebte.
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 21/1979
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