18.06.1979

TERRORISTENHocken drin

Wurde wieder einmal zu schnell geschossen bei der Terroristenjagd? Nur durch Zufall kam in Frankfurt Rolf Heißler mit dem Leben davon.
Nicht immer nannte sich der geheimnisvolle Bankangestellte "Karl Riem", als der er in Frankfurt einen Telephonanschluß (61 84 61), ein Appartement (Textorstraße 79) und einen Briefkasten unterhielt: "Reklame-Einwurf und Vertreterbesuche verboten".
Als er am 5. Januar 1978 von Paris nach Warschau, von dort nach Bagdad und über Belgrad zurück nach Paris flog, gab er sich als Holländer "Bertus Johannes Carati" aus. Um die Fahndungscomputer zu täuschen, war die Ziffer "3" in der Nummer des gestohlenen Ausweises S 837614 per Rasur in eine "5" verwandelt worden.
Im Südjemen, in einem Ausbildungslager der radikalen Palästinenserorganisation PFLP, nannte sich Riem alias Carati "Rafik Hamzi". Auch als "Konrad Binder" ist er im Datenbestand des Bundeskriminalamts (BKA) registriert. Und Jugendfreunde aus Bayreuth kennen ihn noch als "Rolf Leberwurst". Denn erst als sein Vater, der Studienrat Leberwurst, 1959 eine Namensänderung beantragte, kam der Sextaner zu seinen heutigen amtlichen Personalien: Rolf Heißler, 31, bp-Terrorist, verhaftet Sonnabend vorletzter Woche.
Gesucht wegen fünffachen Mordes, der mutmaßlichen Teilnahme an den Attentaten Ponto und Schleyer, wurde Heißler das Opfer schneller, wohl wieder einmal vorschneller Polizei-Reflexe: Kopfsteckschuß. Wie schon bei Terrorist Willy Peter Stoll, der im letzten Herbst in einem Düsseldorfer Chinalokal an Polizeikugeln starb, wie im Fall der Elisabeth von Dyck, die im Mai nach der Begegnung mit Zielfahndern in Nürnberg verblutete, drückte ein Beamter auch diesmal gleich ab, statt den Ahnungslosen aus günstiger Position zu entwaffnen.
Abermals, wie schon in Nürnberg, hatte das BKA auf der Suche nach Altbau-Wohnungen, die unter Falschnamen gemietet sind, im Frankfurter Äbbelwoi-Quartier Sachsenhausen eine konspirative Ein-Zimmer-Wohnung (KW) ausgemacht. Es war eine Art Absteige, in der die Gruppe um Monika Helbing, Christian Klar und Heißler offenbar bei Reisen zwischen Köln! Düsseldorf und Mailand Station machte. Jeans und Damenpullis der Größe 36, fünf Paar Damenschuhe, frisches Obst, eine Perücke und fünf Brillen mit getönten Gläsern in dem Quartier signalisierten der Polizei bei der ersten diskreten Visite, daß "das Objekt noch unter ganz heißem Wind" war. Zum langwierigen Aufbau einer Observation kam die Kripo nicht mehr. Eine Stunde nachdem BKA-Techniker in dem Appartement die Fingerabdrücke der Terroristinnen Adelheid Schulz und Sigrid Sternebeck gesichert hatten, erschien dort schon eine Verdachtsperson. Ein Mann griff um 8.15 Uhr in den Briefkastenschlitz der Wohnung Nummer 2, wo die BKA-Leute den Schlüssel wieder per Magnet deponiert hatten, und schloß arglos die Tür auf.
Drinnen wollen dann drei Frankfurter Beamte, die auf der Lauer lagen, als erstes gesehen haben, wie der Mann zum Revolver im Hosenbund gegriffen hat. Heißler und sein Anwalt Rainer Koch beharren indessen auf der Version, der Terrorist habe "weder gezogen noch versucht zu ziehen".
Fest steht, daß sein Colt Detective Special -- 1977 von Stoll und Knut Folkerts in dem Frankfurter Waffengeschäft Fischlein geraubt -- scharf geladen war. Heißler hatte 42 Patronen (davon 33 mit Dumdum-Wirkung) dabei, zudem einen Stoß Morgenzeitungen in einer Segeltuchtasche und eine Tüte mit Brötchen aus der Frankfurter "Freßgass"".
Instinktiv riß der Terrorist, plötzlich Auge in Auge mit der Polizei, die Segeltuchtasche mit den Zeitungen vors Gesicht -- so wurde seine Waffe sichtbar. Und eine andere Handbewegung Heißlers zum Gürtel wurde als Griff nach dem Knauf gedeutet. Der Schnell-Schuß des Polizisten scheint nicht gezielt gewesen zu sein, sondern ist offenbar der Bewegung der Tasche
* Zu Ermittlungszwecken fertigte das BKA eine Photomontage aus Kleidung und Paßbild Heißlers.
gefolgt. Das Geschoß durchschlug Zeitungen und Segeltuch und war, als es den Kopf traf, "quasi gepolstert" (BKA). Nur dieser Umstand rettete Heißler das Leben.
Terroristen-Experten im BKA halten es nach der Rekonstruktion für müßig, darüber zu diskutieren, ob wohltrainierte Bundesgrenzschützer aus der GSG 9 nicht besser als die hessischen MEK-Spezialisten reagiert hätten. Auch für die GSG 9, so ein BKA-Mann, sei "nicht etwa die Karate-Hand, sondern die Schußwaffe das bevorzugte Mittel im Nahkampf".
Nicht erst seit dem Höcherl-Bericht über BKA-Fahndungspannen machen die Länderpolizeien ihre Terroristenbekämpfung vor Ort am liebsten selber und lassen Bundes-Kräfte dabei oft außen vor. Der Nachteil: Lokale Einsatzleiter und MEK-Schützen ohne spezielles Hintergrundwissen neigen bei plötzlicher Konfrontation mit den Heißlers und Stolls zu überzogenen Reaktionen. Der Vorteil für das BKA: Pannen werden nicht mehr grundsätzlich dem Amt angelastet, sondern gehen auf die Kappe des jeweils zuständigen Landes-Innenministers.
Woher Heißler plötzlich auftauchte und was er zuletzt so trieb, ist unter Fahndungsexperten einstweilen nur Theorie. So wird vermutet, daß sich Heißler mit dem Nachwuchsterroristen Werner Lotze abstimmte, der unlängst Genossen in einer KW die Nachricht hinterließ: "Es gibt Kontaktmöglichkeiten mit der politischen Leitung der Montoneros ..."
Verbindungen bestanden auch zu Christian Klar und Monika Helbing, die Anfang des Jahres bereits eine Frankfurter Wohnung mieteten -- mit dem gestohlenen Paß einer Monika Mörchen, der in "Monika Horchen" umgefälscht war. Als die Kripo sich auf die Lauer legte, kündigte plötzlich ein Mann am Telephon (er hatte die Stimme Klars) den Vertrag: "Frau Horchen" sei "leider in den Niederlanden tödlich verunglückt".
Danach wich die Gruppe, durch frische Bankraube saniert, in eine konspirative Wohnung in Nürnberg aus, wo dann Elisabeth von Dyck erschossen wurde. Heißler galt unter diesen Terroristen schon immer als der Mann mit den besten internationalen Verbindungen. Sowohl bei der irischen IRA als auch bei Italiens "Roten Brigaden" und bei den Palästinensern hat er von jeher gute Freunde.
Vor zehn Jahren, noch ehe Baader-Mein hof aktiv wurde, hatte der Publizistikstudent zusammen mit Fritz Teufel, Rolf Pohle, Brigitte Mohnhaupt und anderen in München die Gruppe "Tupamaros" gegründet. Im April 1971 raubte er zusammen mit einer Kindergärtnerin 54 000 Mark aus der Hypo-Filiale am Frankfurter Ring.
Von den acht Jahren Haft für diese Aktion waren gut drei Jahre verbüßt, als Heißler im März 1975 überraschend freikam. "Tupamaro"-Genosse Ralf Reinders hatte mit Komplizen in Berlin den CDU-Politiker Peter Lorenz entführt; fünf Terroristen wurden freigepreßt und in den Südjemen geflogen. In einem Ausbildungslager der PFLP bei Aden trainierte Heißler fortan mit chinesischen Kalaschnikows und Mark-7-Minen.
Welche Rollen der Waffen- und Sprengstoff-Experte Heißler bei dem Anschlag auf die deutsche Botschaft in Stockholm und bei der Operation in Entebbe im Detail spielte, liegt noch im dunkeln. In Beirut, bei den Kämpfen mit den Falangisten, wurde er später gelegentlich als "Combat"-Schütze hinter Sandsäcken der Palästinenser gesichtet. Zusammen mit dem Terroristen-Anwalt Siegfried Haag baute er schließlich in der Bundesrepublik eine Nachfolge-Gruppe der RAF auf. Mit einer Serie von Attentaten wollte die "Haag-Bande" die Befreiung aller wichtigen inhaftierten Terroristen erreichen. Heißler ist als Käufer von Fluchtautos identifiziert, die bei der Schleyer-Entführung benutzt wurden, und er gilt als Mitverfasser der Kommando-Erklärung bei der Flugzeugentführung nach Mogadischu.
In Frankfurt wurde ihm nun zum Verhängnis, daß das BKA nach und nach all jene Terroristen-Wohnungen, die unter den Namen nicht existenter Personen gemietet wurden, im Zuge einer speziellen Rasterfahndung ausmacht: In Städten, wo die Kriminalgeographie solche Quartiere vermuten läßt, kümmert sich die Kripo bei Maklern und Vermietern um komplette Listen der Wohnungsnehmer. Dabei wird nach Kriterien wie Altbau, Hochhaus, Wohnqualität oder Autobahnnähe sortiert -- je nachdem, welches "Raster" nach den jüngsten BKA-Kenntnissen gerade aktuell ist.
Beim Datei-Abgleich solcher Listen mit den Beständen der Einwohnermeldeämter fallen gelegentlich Falschnamen auf -- Anlaß genug, sich Unterkünfte solcher Mieter genauer anzusehen. Ein Zielfahnder: "Langsam muß denen das doch unheimlich werden -- wenn die heimkommen in ihre Wohnungen, hocken wir drin."

DER SPIEGEL 25/1979
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