18.06.1979

NS-VERB RECHENSpezielle Note

Der im Untergrund lebende KZ-Arzt Heim wurde zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. Sein Haus kann nun versteigert und damit eine Geldquelle des mutmaßlichen Mörders verstopft werden.
Seit siebzehn Jahren lebt der mordverdächtige ehemalige KZ-Arzt Dr. Aribert Heim, per Haftbefehl gesucht, im Untergrund. Da hätte es schon komisch wirken können, daß der Vorsitzende im Berliner Spruchkammerverfahren das "persönliche Erscheinen des Betroffenen" zur Verhandlung angeordnet hatte. Doch die scheinbar überflüssige Auflage erwies sich als durchaus sinnvoll.
Einmal wurde dadurch augenfällig. wie wenig die Justiz auch einem von Person bekannten mutmaßlichen Massenmörder beikommen kann, wenn sich wohlgesetzte Bürger um ihn schließen. Zum anderen war die Ladung lohnend, weil durch sie erst das "Verständnis" zur Geltung kam, das der Frankfurter Heim-Anwalt Fritz Steinacker für das Verhalten seines Mandanten zeigte.
Das seit acht Jahren nicht mehr angewandte Recht, das "Zweite Gesetz zum Abschluß der Entnazifizierung" von 1955, und die wohl auch schon einzigartige Interessenvertretung des in NS-Prozessen vielfältig bewährten Steinacker gaben der Verhandlung am Mittwoch letzter Woche denn auch die spezielle Note. Anfang 1958 bereits hatte der damals in Baden-Baden praktizierende Frauenarzt Heim den Altbau Tile-Wardenberg-Straße 28 im Berliner Bezirk Tiergarten für rund 160 000 Mark gekauft. Durch Bestellung von Grundschulden auf das Anwesen hatte er vier Jahre danach, als er wegen seiner KZ-Vergangenheit vor den Richter sollte, vermutlich Fluchtgeld flüssig gemacht. Und später im Versteck flossen ihm auf dunklen Wegen die von einer Hausverwaltung eingezogenen, an seine Schwester weitergeleiteten Mieten für die 34 Wohnungen des Gebäudes zu (SPIEGEL 6/1979).
Diese Daseinsquelle wurde nun nach dem bejahrten, aber für einen Heim-Fall immer noch zeitgemäßen Entnazifizierungsgesetz trockengelegt. So wie einer üblicherweise sitzen muß, wenn er eine Geldstrafe nicht bezahlt, kann umgekehrt nach diesem Gesetz "Geldstrafe von unbegrenzter Höhe" verhängt werden, wenn ein einst exponierter Nazi nicht zu greifen ist.
Und weil Heim die "Herrschaft des Nationalsozialismus" durch Morde im KZ Mauthausen "in besonderem Maße gefördert" habe, belegte ihn die Berliner Spruchkammer mit einer "Sühnemaßnahme" von 510 000 Mark: Sein Grundstück, Verkehrswert mittlerweile bereits 590 000 Mark, kommt unter den Hammer. Die Differenz von 80 000 Mark dient dem Ausgleich von Fremdbelastungen oder geht für Instandhaltung drauf.
Nach zahlreichen Zeugenaussagen hat der Mediziner damals in Mauthausen geradezu genüßlich "operiert" und "abgespritzt" und dies selten, ohne zuvor freundlich mit seinen Opfern geplaudert zu haben. Ob die Angehörigen auch versorgt seien, habe er sich gern erkundigt und mit Vorliebe gewartet, bis bei solchen Stichworten die Weinkrämpfe eingesetzt hätten.
Bäuche von oben bis unten aufgeschlitzt habe Heim, so die Zeugen, und sich Herz, Milz, Leber besehen; er habe Nieren geschält, "von innen kastriert" und 36 Stunden lang Köpfe mit guten Gebissen abkochen lassen, dann die Schädel auf den Schreibtisch gestellt. Auf Heims KZ-Wirken, seine Nachkriegs-Karriere als Gynäkologe und seine Verbindungen aus dem Untergrund hatte auch der in Wien lebende Eichmann-Jäger Simon Wiesenthal aufmerksam gemacht.
Advokat Steinacker aber, der allem Anschein nach Kontakt zu dem Beschuldigten hält, trug "nach mir von ihm gegebenen Informationen" vor, die Vorwürfe würden "mit aller Entschiedenheit bestritten" -- obschon "Operations"-Protokolle, von Heim abgezeichnet, bei den Akten liegen. "Aus Rechtsgründen", so der Anwalt, müsse das Grundvermögen seines. Schützlings unberührt bleiben. Mit Hilfe eines wohl von Heim stammenden Handschreibens kehrte Steinacker vornehmlich zeitliche Widersprüche in den Aussagen hervor, um die Zeugenbekundungen auch im Kern zu entwerten. Außerdem seien einfach "polemisch vorgetragene, schwere Beschuldigungen" erhoben worden, und die "pauschal -- die Juden, die Deutschen, das sind Pauschalbezeichnungen". Das, belehrte er die Richter, "haben Sie auch in Ihr Kalkül einzubeziehen".
Als spräche ein Medium des abwesenden Beschuldigten, so klang es bisweilen im Gerichtssaal. Es war, wie Steinacker vor Monaten beispielhaft formuliert hatte: Mit Heim sei das wie mit dem nach Südamerika entwichenen, ebenfalls von ihm vertretenen KZ-Arzt Mengele: "Der ist auch vorhanden und nicht vorhanden."
Wo der mordverdächtige Heim herumgeistere, wisse er nicht, sagte Steinacker dem Gericht. Demnach müßte der tatsächlich viel herumziehen, denn im Januar hatte der Anwalt noch "eine bestimmte Vorstellung", die er lediglich "nicht konkretisieren" mochte.
Doch womöglich war das auch nur ein Lapsus wie dieser: Bei Unterzeichnung der Vollmacht Anfang der sechziger Jahre habe er seinen Mandanten gesehen, erzählte Steinacker dem Gericht auf eine entsprechende Frage. ln Wahrheit legte er noch im März 1977 ein in seiner Gegenwart von Heim besprochenes Tonband dem Finanzamt zum Beweis dafür vor, daß der steuerpflichtige KZ-Mediziner am Leben sei.
Der Berliner Spruchkammer schienen die Ausführungen des so bemerkenswert engagierten Verteidigers wohl ohnehin dubios. Ihr knappes Votum. das einer jüngst von der Staatsanwaltschaft Baden-Baden erhobenen Anklage entspricht: Heim habe "reihenweise aus Mordlust Menschen getötet".

DER SPIEGEL 25/1979
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