12.03.1979

„Niemand kommt hier raus“

Mein Freund Edek Galinski verbrachte fast alle Abende mit mir zusammen. Auf einem Block baute ich die Brotkammer aus, einen bequemen Platz für unsere Treffen und Gespräche. Wir hatten unsere Pläne. Wir wollten fliehen.
Der Blockführer Pestek war ein häufiger Gast bei meinem Blockältesten Mietek. Der SS-Mann machte auf den ersten Blick eher einen unsympathischen Eindruck, doch ich hatte niemals gesehen, daß er jemanden geschlagen hätte.
Er hatte eine Vorliebe für den Handel: Pestek nahm alles, was man ihm
(C) Alle Rechte bei S. Fischer Verlag GmbH. Frankfurt/Main. Der ungekürzte Text ist soeben unter dem Titel "Anus mundi" (440 Seiten; 28 Mark) in der Übersetzung von Wera Kapkajew erschienen.
gab, sogar gewöhnliche Uhren. die auf der Lagerbörse am niedrigsten notiert waren. Das Geschäft blühte, ich brauchte mich überhaupt nicht in Gefahr zu begeben. Ohne das Lager verlassen zu müssen, hatte ich Schnaps, SS-Wurst, Zigaretten, manchmal sogar englische Schokolade.
Pestek fuhr einfach mit seinem Fahrrad vor den Block, überließ mir die vollgestopfte Tasche; ich nahm die Ware heraus und legte die "Bezahlung" hinein. In der Zwischenzeit ging Pestek, angeblich dienstlich, andere Blocks durch, nach der Rückkehr nahm er seine tasche und fuhr ruhig pfeifend davon.
Ich dachte mir, daß Pestek, wenn er neben dem Betreiben eines illegalen Handels vielleicht auch Verbindungsmann zwischen dem Lager und der Freiheit war, auch auf irgendeine Weise zur Realisierung unserer Fluchtpläne beitragen könnte.
Man müßte ihn prüfen. Edek war ganz Feuer und Flamme; wir stellten nämlich fest, daß es am besten wäre, die Verbindung mit einem SS-Mann aufzunehmen, der uns zwei Uniformen verkaufen würde, weil wir in dieser Kleidung flüchten wollten.
An einem Tag, von dem uns bekannt war, daß Pestek in unserem Lager Dienst hatte, ging Edek nicht zur Arbeit, sondern versteckte sich bei mir auf dem Block. Pestek kam, nahm seine Tasche vom Rahmen des Fahrrads und begab sich in das Zimmer des Blockältesten. Edek nahm Haltung an.
"Was ist denn das für einer?" fragte Pestek.
"Das ist mein Freund, ein alter Organisator, Herr Blockführer. Er ist es, der mir diese verschiedenen Kleinigkeiten lieferte."
"Ist er sicher?" fragte er und griff nach der Tasche. "Sicherer als ich."
Edek spielte mit einer 20-Dollar-Münze. Pestek mußte sie schließlich bemerken. "Was hast du da?"
"Das können Sie sich nehmen", sagte Edek nonchalant und händigte ihm die harten 20 Dollar aus. Pestek suchte noch ein bißchen in seiner Tasche und zog eine Tafel Schokolade hervor.
Edek zog den Korken aus der Flasche. "Nur ein Gläschen, Herr Blockführer, das schadet nicht", sagte Edek und goß ihm in die Tasse ein. Der SS-Mann trank mit uns, sprach über alles, wir konnten aber irgendwie das Gespräch nicht auf das entscheidende Thema bringen.
Dann jedoch sprach Pestek von den britischen Kriegsgefangenen und von einem bestimmten Offizier, dem er eine Verbindung zu einer jüdischen Familie im Familienlager Theresienstadt ermöglicht hatte.
Edek zwinkerte mir triumphierend zu. "Ich habe genug von dem Lager", sagte er plötzlich. "Wenn ich eine SS-Uniform hätte, dann würde ich fortgehen ..." Edek sagte ganz zart "fortgehen". Pestek verstand ihn aber gut.
"Fortgehen, fortgehen", lachte er. "Wohin würdest du gehen? Der Winter steht vor der Tür. Hier droht euch nichts, und bis zum Frühling kann sich vieles ändern."
Pestek war klüger, als wir gedacht hatten. Wozu sollte er es auch riskieren und mit uns eine derart heikle Geschichte anfangen? Von dem Tage an kam er seltener und vermied deutlich Gespräche mit mir. Es war Winter. An eine Flucht dachten wir jetzt nicht mehr. Pestek wurde übrigens Blockführer im Familienlager.
Zum Abschied von dem alten Jahr (1943) saßen wir zusammen mit Edek im Zimmer des Blockältesten und tranken ein wenig. Wir waren etwas angeheitert, vergaßen daher die normale Vorsicht. Der Oberkapo Alois, von seinem Trinkerinstinkt geleitet, schaute plötzlich in die Stube. Hinter ihm schob sich ein riesiger Holländer herein.
Ohne unsere Einladung abzuwarten, setzte Alois sich wie zu Hause an den Tisch. Er stellte seinem Kumpel, dem Holländer, einen Hocker hin und machte sich sofort an die Flasche. Angst lähmte unseren schüchternen Widerspruch. "Prosit, prosit, trinkt mal, Kameraden!" lud er uns ein.
Wir tankten also, weil jede Widerrede für uns schlecht enden konnte: Alois war unberechenbar. Obwohl er sich um freundliche Gesten bemühte, könnte er unverhofft die Flasche an einem unserer Köpfe zerschlagen. Um das Gelage schneller zu beenden, beschloß Edek, Alois betrunken zu machen.
"Prosit", stieß Edek mit seinem Glas an das Glas von Alois, der wütend von seinem Hocker aufstand und anscheinend die Absicht Edeks ein wenig durchschaut hatte. Er stellte sich drohend Edek gegenüber auf, hielt in einer Hand das volle Glas Schnaps, mit der anderen Hand suchte er Halt am Tisch, weil er bereits auf den Füßen schwankte.
Edek hielt dem Blick des Banditen ruhig stand und lächelte dabei unschuldig. "Trinken Sie, Herr Oberkapo!" Und: "Verrecken sollen Sie!" fügte er in polnisch hinzu. Jetzt war Alois deutlich perplex. In den polnischen Worten fühlte er etwas Unangenehmes, das süße Lächeln von Edek widersprach dem aber. Seine Augen gingen mit betrunkenem Blick von einem zum anderen.
Plötzlich schlug Alois eine andere Tonart an. "Ich bin kein Oberkapo. Das ist Quatsch. Ich bin auch Häftling, politischer Häftling, wie du. du und er ..."
Er deutete auf den Holländer. "Wir alle sind Kameraden", sagte er und zeigte auf jeden von uns der Reihe nach mit seiner Hand, derselben Hand, die in seiner Lagerkarriere manch einen Häftling getötet hatte.
"Also, Kameraden, wir trinken im neuen Jahr auf die Freiheit." Mit einem Schluck trank er das ganze Glas leer, wonach er es auf dem Boden zerschlug. Ich fürchtete schon, daß er jetzt alles rundum zerschlagen wollte, und schaute ihn entsetzt an.
"Keine Angst, Schreiber, ich bin nicht besoffen", sagte er beruhigend und schwankte dabei tüchtig, was seinen Versicherungen widersprach. Er näherte sich Edek und umarmte ihn in einem Anflug von Herzlichkeit. "Wie heißt du, Junge? Edward? Also, trinken wir Brüderschaft."
Auf diese Weise tranken wir "Brüderschaft" mit dem Oberkapo Alois Stahler, einem der größten Verbrecher des Lagers Auschwitz. Die ersten Neujahrswünsche, die Freiheitswünsche, hörten wir aus dem Munde dieses wegen seines Sadismus berüchtigten "blutigen Alois".
Pestek ließ mich sitzen. Er zeigte sich nicht mehr auf meinem Block. Bis dann die Bombe platzte. Blockführer Pestek flüchtete und brachte dabei angeblich einen Juden aus Theresienstadt heraus. Man erzählte sich, daß er mit dem britischen Nachrichtendienst in Verbindung gestanden hatte.
Edek kümmerte sieh nicht zu sehr um diese unterbrochene Beziehung. Er sagte, er sei dabei, jemanden zu bearbeiten, und daß man nur Dollars zu organisieren hätte, weil er sie später brauchte. Ich begann also zu sparen. Ich verdiente einfach als Mittler. Bis jetzt hatten wir gewöhnlich diese "Ersparnisse" aufgegessen und aufgetrunken. Seit jenem schändlichen Silvester hörten wir überhaupt auf zu trinken.
Wir hatten jetzt ein Ziel. Wir wollten im Sommer flüchten. Zu der Zeit müßte meine Heimatstadt Jaroslaw bereits in sowjetischer Hand sein. Der Familie würden dann keine Konsequenzen mehr drohen. Auch im Lager gab es nicht mehr die Kollektivverantwortlichkeit. Wir würden niemanden in Gefahr bringen.
Mitte Februar kam Edek mit seinem ehemaligen Kommandoführer, dem SS-Rottenführer Lubusch, Chef der Schlosserei von Auschwitz, zu einer Übereinkunft. Er sagte ihm unverblümt, was wir vorhätten. Man brauchte nichts zu verheimlichen, wenn er uns helfen sollte. Er versprach, in kürzester Zeit zwei Uniformen zu besorgen. Er erwähnte, daß er Schwierigkeiten finanzieller Art hätte. Wir waren darauf vorbereitet. Er verlangte nicht zuviel: 200 Dollar.
Da der Termin der Uniformlieferung nicht festgesetzt war, machte ich Tag für Tag Dienst an der Seite der Rampe, wo sich die Bude der Installateure befand, da Lubusch das Paket mit dem wertvollen Inhalt dort zurücklassen sollte. Dann endlich kam er. An dem Fahrradrahmen hatte er eine vollgestopfte Tasche befestigt.
Vor der Bude schnallte er die Tasche ab, stellte das Fahrrad lässig an die Bretter und ging hinein. Nach einer Weile kam Lubusch heraus. Ohne sich umzuschauen, setzte er sich auf das Fahrrad und fuhr davon.
Aus der Bude schaute Edek heraus und hielt unter dem Arm ein in Papier eingewickeltes Bündel. Er sprang an die Drähte. Als ich das entgegennahm und mich dabei nervös beeilte, blieb ich an den Drähten hängen und zerkratzte mir die Hände. Edek lächelte spöttisch. "Ruhig Blut! Das sind nur Klamotten. Die Waffe und die Koppel bringt er das nächste Mal." Ich versteckte die Sachen unter dem doppelten Boden der Brotkammer: Wir hatten unsere erste SS-Uniform. Zur Sicherheit schob ich noch einen Schrank auf diese Stelle.
Zwei Wochen waren bereits vergangen, aber Lubusch lieferte den Rest immer noch nicht ab. Die ersten Frühlingslüfte und die guten Nachrichten von draußen forderten trotz der unablässigen Selektionen, Liquidationen und Vergasungen eine bessere Stimmung, sie stärkten den Glauben an die Möglichkeit, das Lager zu überleben, den Glauben an ein besseres Morgen.
Ich hörte auf, an den Drähten auf Lubusch zu warten. Bis eines Tages ein junger kleiner Jude in den Block gelaufen kam und mir mitteilte, daß mich jemand von der Rampe aus an die Drähte rief. Es konnte nur Edek sein. Lubusch hatte also Wort gehalten.
Ich lief zu den Drähten, wo Edek schon auf mich wartete. In Sekundenschnelle knöpfte er seine Jacke auf, schnallte das Koppel ab und gab es mir durch die Drähte. Ich öffnete ebenso schnell meine Jacke. legte das Koppel an und schob die Pistolenlasche an die Schulter. Jetzt sprachen wir eine Weile miteinander, um die Wachsamkeit des in der Nähe stehenden Lagerkapos Jupp einzuschläfern. Gemächlich entfernte ich mich von den Drähten.
Irgendwann in der zweiten Märzhälfte übergab mir Edek ein großes Paket. Im ersten Augenblick war ich überzeugt, daß er die zweite Uniform besorgt hatte. Ich fühlte aber ein schweres Gewicht in der Hand und schaute Edek erstaunt an. "Das ist Fleisch! Frisches Fleisch!" sagte er, "Jankiel soll es irgendwie zubereiten."
Frisches Fleisch im Lager, das war eine ganz besondere Freude. Jankiel behauptete, daß es sich uni Wild, sicher um Rehfleisch handelte. Der neue Blockälteste, Jasinski, stellte uns ein Öfchen zur Verfügung. Jankiel machte sich freudig an die Arbeit.
Am Abend verriet mir Edek die Herkunft des Fleisches. Die Oberaufseherin Drechsler hatte einen schönen Hund, den Schrecken aller Frauenhäftlinge. Zur allgemeinen Freude und tiefen Trauer der Drechsler wurde heute morgen dieser Bund in den Drähten hängend aufgefunden. Nachdem die Kommandos zur Arbeit ausgerückt waren, wurde der Strom abgeschaltet, und sie befahl dann den Installateuren ihren Hund von den Drähten abzunehmen und zu vergraben.
Der Hund war stattlich und jung, man grub ihn also, sobald die Drechsler fortging, schnell wieder aus. schnitt das beste Fleisch ab und vergrub den Rest wieder. Am nächsten Tag war der Namenstag Edeks. Wir feierten zusammen auf Block 4. Im allgemeinen wußten alle Festteilnehmer, woher das Fleisch stammte, das stieß aber niemanden ab.
Der Schreiber Jozek, mein Schlafnachbar von Block 8, brachte noch zwei SS-Männer mit, die Blockführer Baretzki und Schneider, die äußerst friedfertig, fast freundschaftlich gestimmt waren, weil sie wußten, daß es sich um eine Fresserei handelte. Die Stimmung war nicht gerade die allerbeste, weil uns die Gesellschaft der beiden SS-Männer erheblich störte. Sie bemerkten das jedoch nicht. Sie aßen, tranken, scherzten, als ob sie unsere Kameraden wären.
Plötzlich begann einer der Installateure zu bellen, zu knurren, mit dem Knochen zu spielen und einen Hund nachzuahmen. Nach einer Weile begannen wir alle. uns wie heilende Hunde aufzuführen. Die SS-Männer, zuerst belustigt, konnten jedoch so weit Polnisch, um einzelne Worte aufzuschnappen, die von der Tragödie des Drechslerschen Hundes sprachen. Sie taten so, als ob sie dieser Geschichte keinen Glauben schenkten, und verließen bald den Block.
Am nächsten Tag flüchteten drei "Ruskies" aus meinem Block. Der Appell zog sich in die Länge. Die Blockführer und die höheren Funktionshäftlinge entfernten sich, um innerhalb der großen Postenkette nach den Flüchtlingen zu suchen -- ergebnislos. Lagerführer Schwarzhuber ordnete das Ende des Appells und gleichzeitig Lagersperre an. Unser Block stand als Strafe weiter.
Nach ungefähr einer Stunde kam der Rapportführer Wolf und befahl, auf den Block zurückzugehen. Es gab kein Abendessen. Der ganze Block wurde bestraft. Seit dieser Zeit wiederholten sich die Fluchtfälle immer häufiger. Hauptsächlich flüchteten Russen und Polen.
Unser Fluchtplan stand inzwischen endgültig fest. Da wir nicht mehr damit rechneten, eine zweite SS-Montur zu erhalten, beschlossen wir, daß Edek, der besser Deutsch konnte als ich, als SS-Mann einen Häftling -- also mich -- unter Bewachung zu einem Außenkommando, etwa nach Rajsko, Harmeze oder Budy, bringen sollte. Das Datum der Flucht legten wir auf Juni.
Wieder waren drei "Ruskies". Bewohner meines Blocks, geflüchtet. Am nächsten Morgen fand eine große Durchsuchung auf Block 4 und 6 statt. Unter den durchsuchenden SS-Männern war Wilhelm Boger, der Chef der Politischen Abteilung in Birkenau. Dies bedeutete, daß die Politische Abteilung im Lager irgend etwas aufspüren wollte.
Sie hatten nur diese zwei Blocks auf den Kopf gestellt und kamen zum Glück nicht bis zu meinem. Ich war in schrecklicher Angst. Es fiel mir schwer, mich zu beherrschen, was die Stubendienste wohl bemerkten. Jankiel beobachtete mich aufmerksam und eröffnete mir, daß er mich und Edek im Verdacht hätte, irgend etwas in der Brotstube versteckt zu haben.
Er riet mir, unsere Sachen so schnell wie möglich woanders zu verstecken, denn genaue Durchsuchung auf unserem Block war möglich, und dann wurden wir alle hereinfallen. Er hatte recht! Ich war also gezwungen, noch weitere Personen ins Vertrauen zu ziehen, die sich entschließen könnten, die Uniform und die Waffe bei sich auf dem Block zu verstecken.
Im ganzen Lager gab es nur eine Baracke, die sich für diesen Zweck eignete. Das war der sogenannte Zugangsblock, wo es keinen Blockältesten gab, weil der Block meistens leerstand. Der Schreiber, der ständig dort wohnte, war ein guter Kamerad, Jurek, die Nr. 227.
Er stimmte ohne Zögern zu. Er dachte ebenfalls an Flucht und wäre zu gerne mit uns gegangen. Das Versteck schien ausgezeichnet zu sein. Noch am gleichen Tag schleppten wir die Waffe und die Uniform aus meinem Block auf den Block Jureks. Jetzt lag die Ladung sicher im Vorplatz unter dem Dach, zwischen die doppelten Bretter gequetscht, die die Korridordecke bildeten.
Seitdem waren Edek und ich häufig Jureks Gäste. Besonders in den Abendstunden, weil es hier ruhiger als auf unseren Blocks war. Manchmal füllte sich der Block doch, besonders mit jugendlichen Juden, die aus den letzten Transporten ausgesucht wurden.
Sie blieben hier aber nie lange, man verteilte sie auf die einzelnen Lager oder schickte sie zur Quarantäne, von der sie entweder weitergeschickt oder Dr. Mengele zur Verfügung gestellt wurden, besonders wenn es Zwillinge waren, von denen es hier während eines gewissen Zeitraums sogar einige Dutzend gab, die auf Wunsch des SS-Arztes extra für ihn gesammelt wurden.
Das Leben im Lager verlief normal. Normal, das heißt, wie immer, die Mehrzahl arbeitete schwer, ständig den Schikanen, Schlägen, Selektionen, der Vergasung, Erschießung, den Vernehmungen auf der Politischen Abteilung ausgesetzt, mit einer Schüssel Steckrüben- oder Brennesselsuppe, von den Launen der SS-Männer, den Herren über Leben und Tod, abhängig. Niemand war sich des nächsten Tages sicher.
Nicht einmal die Prominenten, zu denen auch ich nach dem fast vierjährigen Aufenthalt im Lager zählte. Die Politische Abteilung schnüffelte ständig im Lager herum. Man mußte sich vor den Spitzeln in acht nehmen. Und vor den Transporten, die man immer häufiger angeblich in das Innere des Reiches verschickte.
Es war nie sicher, ob so ein Transport vielleicht irgendwo in der Gaskammer landete, und wenn nicht, dann würde die Abreise von Auschwitz dennoch unsere bereits gediehenen Vorbereitungen zur Flucht, deren Termin sich von Tag zu Tag näherte, durchkreuzen.
Große Transporte mit ungarischen Juden waren angekommen. Ein Zug nach dem anderen fuhr auf die Rampe. Aus den Waggons stürzten Massen von Menschen heraus. Männer, Frauen, Greise, Jugendliche und Kinder. Sie brachten alles mit, was sie besaßen. Riesige Stöße von Hab und Gut wurden aus den Waggons geladen und zu großen Haufen geschichtet.
Nur eine verschwindende Minderheit kam ins Lager, hauptsächlich junge Frauen und junge, gesund aussehende Männer. Der Rest ging in zwei Strömen in Richtung der im Wäldchen versteckten Krematorien. Dort war das Ende ihrer Wanderung.
Die Zahl der Fluchtversuche stieg mit dem anbrechenden Sommer. Edek begann ungeduldig zu werden. Es war höchste Zeit, daß ich in ein Kommando gelangte. Wenn ich aber von mir aus um die Entlassung von der Schreiberfunktion bäte und den Wunsch äußerte, zu einem Kommando zu gehen, würde ich sofort der Fluchtabsicht verdächtig sein. Ich mußte etwas tun, damit man mich als Strafe von dieser Funktion entfernte.
Edek ging nachdenklich und wortkarg herum. Eines Abends begann er über sein Verhältnis zu Mala zu sprechen. Er kenne sie nun schon so lange ... er hinge so sehr an ihr ... sie lebten miteinander ... es fiele ihm sehr schwer, sich von ihr zu trennen, besonders weil sie doch malariakrank wäre ... wenn er nur daran dächte, daß sie früher oder später das Schicksal aller Juden würde teilen müssen, dann
"Edek, weiß Mala etwas von unseren Absichten?" fragte ich und wußte gleich, wie die Antwort ausfallen mußte.
"Nein! Sie weiß noch nichts! Und das quält mich. Ich kann sie nicht verlassen", sagte er fast flüsternd. "Das wäre nicht ehrlich von mir. Mala kommt mit uns! Der Fluchtplan bleibt unverändert. Nur Mala wird dazukommen!"
"Und der Passierschein?"
"Gerade den Passierschein wird Mala ohne größere Schwierigkeiten besorgen. Sie kann jederzeit die Blockführerstube betreten, und da sie den SS-Männern gut bekannt ist, wird sie den Passierschein stehlen, ohne daß sie Verdacht schöpfen."
"Mit einer Frau, noch dazu mit so einer gebrechlichen wie Mala, werden wir nicht weit gehen können", warf ich ein, "und man muß mindestens 30 Kilometer in scharfem Marsch zurücklegen. Sie schafft es nicht. Und kann man auf Hilfe der Leute draußen bauen, wenn man in ihr eine Jüdin erkennt?"
Edek gab mir ein Porträt von Mala, mit Kreide von einer Lagermalerin gezeichnet. Ich sollte es aufbewahren. "Sieht sie aus wie eine Jüdin?" fragte er, so als wolle er meine Zweifel zerstreuen.
"Risiken gibt es überall, aber wenn man etwas wirklich will, kann man immer Abhilfe schaffen. Also, beschlossen!" sagte er, als er sah, daß sich meine Gegenargumente erschöpft hatten. "Gib die Pfote!"
Mala erwies sich als ein tüchtiges Mädchen: Sie hatte den Passierschein bekommen. Ich war noch immer der Meinung, daß die Frau ein Klotz am Bein wäre, besonders weil wir vorhatten, Verbindung zu den Partisanen aufzunehmen und in die Gegend von Auschwitz zurückzukehren.
Edek brachte den Ausweis eines Postens. Er hatte ihn auf der Rampe gefunden. Der SS-Mann hatte ihn anscheinend während der Ausladung eines Transportes verloren, während er die Sachen der Juden plünderte. Und auch ich hatte Erfolg: Ich hatte den Appell so klassisch versaut, daß das ganze Lager über eine Stunde stand, bis der Fehler gefunden war.
Sofort nach dem Appell ordnete der Lagerälteste Danisz eine Zusammenkunft der Blocksehreiber an. Er sagte in ziemlich ruhigen Worten, daß er mich aus der Funktion des Schreibers entlasse, weil ich anscheinend nicht geeignet wäre. Edek war vor Freude ganz aus dem Häuschen, als er von dieser Wendung erfuhr. Endlich konnte ich aus dem Lager zu einem Kommando kommen.
Der Kapo des Arbeitseinsatzes schrieb mir die Zuteilung zu einem Kommando. Am nächsten Tag bereits "baute" ich die Straße im Frauenlager. Das Kommando zählte 40 Männer -- Juden, Russen und Polen. Der Fluchttermin wurde festgesetzt. Ebenso die personelle Besetzung. Ich hatte die Sache so ausgedacht, daß am Samstag Edek mit Mala gehen und am Montag, wenn die Flucht tatsächlich erfolgreich verlaufen sollte, ich und mein Kamerad Jozek ihnen folgen würden.
Edek und Mala sollten in Kozy Uniform und Ausweis unserem Mittelsmann Szymlak geben, der die Sachen dann am Montag auf das Gelände des Nebenlagers bringen mußte, wo Jozek arbeitete. Der alte Szymlak war einer
* Links: in Auschwitz angefertigte Häftlingszeichnung; rechts: Paßphoto.
der Zivilisten, die im Lager arbeiteten. Jozek und ich würden dann aus dem Lager gehen, auf die gleiche Art und gleiche Strecke wie Edek und Mala.
Der Plan schien einfach zu sein, man müßte nur mit Szymlak sprechen, und das tat ich auch am nächsten Tag. Szymlak war einverstanden, wenn auch ohne großen Enthusiasmus. Wenn Edek mit Mala Kozy erreichte, war erwiesen, daß ihre Flucht gelungen war.
Diese Lösung war sehr bequem für mich: Die Versuchskaninchen sollten Edek und Mala sein. Sie trugen das Risiko, und ich versteckte mich bequem hinter ihrem Rücken. Edek ließ mich nicht spüren. daß ich feige war.
Am Samstagmorgen gingen wir wie gewöhnlich zu unserem Kommando. Je näher die Mittagszeit kam, desto schlimmer und unerträglicher wurde die Hitze. Das war gut so. Gerade darauf hatten wir gewartet. Bei solcher Hitze pflegten sich die SS-Männer gewöhnlich irgendwo in der Ecke zu verstecken, um ein wenig zu schlafen. Es gab bereits nicht mehr die Disziplin wie früher.
Edek erschien schließlich. Wir gingen auf den Abschnitt B des Frauenlagers, wo Mala wohnte. Sie erwartete uns auf ihrem Block. Mala war blaß und deutlich aufgeregt. Auf dem Tisch lag eine Landkarte ausgebreitet.
"Also, es ist Zeit für uns", sagte Edek. Ich verabschiedete mich von Mala. Sie gab mir ihre kleine Hand. Sie zitterte, war kalt und feucht. "Alles ist in Gottes Hand", sagte sie unter Tränen.
An der Tür der Baracke blieb Edek stehen. "Gib mir deinen Hosengürtel, meiner ist zu eng", nut diesen Worten öffnete er seinen Overall, und ich sah darunter die grüne SS-Uniform. Zwischen den Abschnitten A und B des Frauenlagers, direkt gegenüber der Straße, die zu der kleinen Wache führte, trennten wir uns, als ob gar nichts wäre.
Wir gaben uns nicht einmal die Hand. Nur ein paar Worte. "Auf Wiedersehen! In Kozy warten wir auf euch! Wenn sich etwas ändern sollte, laß ich es dich durch den Alten wissen
Servus!" Er rückte seinen Overall zurecht, warf das Kästchen mit dem Werkzeug aus einer Hand in die andere und ging direkt auf die kleine Wache zu.
Ich sprang über den Graben, trat an die dort liegenden Kanalisationsröhren und gab vor, die Röhren auszumessen. Hier hatte ich einen ausgezeichneten Beobachtungsstandpunkt. Endlich! Sie kamen! Edek ließ Mala vorneweg gehen; er selbst bewegte sich einige Schritte hinter ihr, lässig, wie man oft einen SS-Mann sah, der einen Häftling mitführte Langsam entfernten sie sich vom Lager.
Am Abend der Appell! Die Blockältesten meldeten den Stand der Blocks den Blockführern. Die gaben die Meldungen dem Rapportführer Wolf weiter, der erstattete dem Lagerführer Schwarzhuber den Rapport.
Nach einer Weile raste ein SS-Mann in Richtung der Blockführerstube. Die Sirene fing an zu heulen. Lange, durchdringend, so daß es in den Ohren bohrte. "Einer fehlt!"
Nach einer Weile brüllte der Lagerkapo: "Alles abtreten!" Es gab also keinen Stehappell! Auch die Funktionshäftlinge gingen auseinander. Diesmal rückten sie nicht einmal aus, um nach dem Flüchtling innerhalb der großen Postenkette zu suchen.
Die Nachricht verbreitete sich im Lager in Windeseile. Aus dem Frauenlager war eine Jüdin, die Läuferin Mally Zimetbaum, Nr. 19 880, aus unserem Lager der Installateur Edward Galinski, Nr. 531, geflüchtet. Der Schwarzhuber soll gesagt haben, wenn so ein alter Häftling geflüchtet sei, lohnte es sich gar nicht, nach ihm zu suchen.
Am Montag mußte ich Szymlak treffen. Ich begab mich also zu einer Baustelle, wo Häftlinge längliche Gräben aushoben. Dieses ganze Gelände war sehr günstig für Kontakte mit den Zivilisten, deswegen trafen wir uns gerade hier von Zeit zu Zeit. Einer der Zivilisten, den ich bis dahin nicht kannte, schaute meine Nummer an, gab mir einen Wink und begab sich langsam dem Ausgang zu. Ich ging hinter ihm her.
"Szymlak kommt heute nicht!" sagte er. "Er bat mich, dir das da zu gehen." Es war ein Kassiber von Edek. "Ohne Schwierigkeiten erreichten wir die Stelle", las ich. "Durch die Felder erreichten wir gegen Abend Kozy. Wir übernachteten in einem Heuschober am Rande des Dorfes. Mala fühlt sich gut, nur ihre Schultern schmerzen. Am Abend gehen wir weiter. Servus!" Das war alles.
Der Zivilist beobachtete mich und bemerkte meine Unruhe. "Ich bin der Nachbar des Alten", erreichte mich seine ruhige Stimme. "Ich wohne am Rande des Dorfes. Sie konnten das Haus von Szymlak nicht finden und fragten die Leute im Dorf, wo der Alte wohnte. Im Dorf verbreitete sich schnell die Nachricht, daß ein SS-Mann (Edek war weiterhin in der SS-Uniform) nach Szymlak fragte. Der hatte anscheinend Angst und schickte sie zu mir. Ich zeigte ihnen auf meinem Feld die Heuschober, direkt in der Nähe des Waldes."
Ich verstand, warum Edek die Uniform, die Waffe und den Passierschein nicht zurückgeschickt hatte. Wir hatten zuviel von Szymlak verlangt. Der Zivilist sah meine Bestürzung, klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter und sagte: "Machen Sie sich keine Sorgen. Der Krieg wird bald zu Ende sein. Ihr kommt alle frei." Er hatte gut reden.
Die Zeit verging. Ich wartete weiter auf ein Zeichen von Edek. Und dann erfuhr ich es: "Edek und Mala festgenommen!"
Zuerst wollte ich es gar nicht glauben. Wie war das möglich? Jetzt, nach so vielen Tagen! Leider war es schreckliche Wahrheit. Gestern nachmittag hatte man sie auf den Block 11 gebracht und sie im Bunker eingeschlossen. Jetzt werden die Vernehmungen in der Politischen Abteilung beginnen. Eine schreckliche Angst überfiel mich. Was wird sein, wenn sie die Vernehmungen nicht aushalten?
Plötzlich, mir nichts, dir nichts, wurde ein Blockältester gehenkt. Der frühere Kalfaktor des Bunkers in Auschwitz war von einer deutschen Häftlingsfrau denunziert und wegen Abhörens von Rundfunk und Verbreitung von BBC-Nachrichten gehenkt worden.
Sollte der Terror jetzt wieder beginnen? Unter solchen Umständen schien die Lage Edeks und Malas bereits entschieden. Aber noch vorher würde die Politische Abteilung alles tun, um aus ihnen die Wahrheit herauszubekommen: vor allem, woher Edek die SS-Uniform und die Waffe bekommen hatte.
Ich bekam von Edek einen Kassiber: Sie waren in den Bergen von Zywiec festgenommen worden, wo sie auf eine Grenzpatrouille gestoßen waren. Man hatte sie ins Gefängnis in Bielsko geschickt, ohne sie zu erkennen. Edek war nämlich weiterhin in der SS-Uniform. Zur Zeit wurden sie in der Politischen Abteilung täglich vernommen. Die Untersuchung wurde von Boger geführt.
Zwei oder drei Tage später erhielt ich erneut einen Kassiber von Edek. Er teilte mit, daß sie auf das Urteil warteten, daß sie niemanden verraten hatten, daß Mala sich tapfer hielt. Sie erwarteten das Schlimmste. Lebendig würden sie sich aber nicht in die Hände des Henkers geben.
Als wir wie gewöhnlich von der Arbeit unter den Klängen des Orchesters nach Hause zurückgingen, bemerkte ich von weitem auf dem Platz neben der Küche, direkt an dem großen Wasserbehälter, einen einsamen Galgen. Ich wußte, für wen der aufgestellt war.
Der Appell ging zu Ende. Wir begaben uns jetzt alle, wie es unter diesen Umständen der Brauch war, vor die Küche und bildeten ein großes Viereck, in dessen Mitte der Galgen stand. Ich stellte mich möglichst nahe an die kleine Kammer, aus der Edek herausgebracht werden sollte. Nach einiger Zeit öffnete sich die Tür der Kammer, und Edek erschien.
Es wurde vollkommen still. Man hörte lediglich das Knirschen des Kieses unter den Stiefeln des Verurteilten und des hinter ihm gehenden Jupp -- des Henkers. Edek ging sehr gerade, blaß, mit einem leicht aufgedunsenen Gesicht. Mit den Augen suchte er nach bekannten Gesichtern. Es war offensichtlich, daß er mich sehen wollte. Ich stand wie gelähmt. Edek ging an mir vorbei, ohne mich zu bemerken.
Edek betrat ruhig das Podium und stellte sich sofort auf den Hocker, der unter dem Galgen aufgestellt war. Die Schlinge berührte seinen Kopf. Es erfolgte das Kommando "Achtung", und nach einer Weile, in vollkommener Stille, trat einer der SS-Männer vor.
Von einem Zettel begann er das Urteil in deutscher Sprache zu verlesen. In diesem Augenblick suchte Edek, auf dem Hocker stehend, mit dem Kopf die Öffnung der Schlinge, stieß sich mit den Füßen ab und hing. Er hielt sein Wort! Lebend würde er sich nicht in die Hände des Henkers geben.
Die SS-Männer aber erlaubten so eine Demonstration nicht. Sie fingen an zu schreien, und der Lagerkapo faßte Edek in der Mitte, stellte ihn wieder auf den Hocker und lockerte die Schlinge; der Deutsche beendete das Verlesen des Urteils.
Edek wartete. Im Augenblick einer vollkommenen Stille rief er plötzlich mit erstickter Stimme: "Es lebe Polen!" Er brach mitten im Wort ab. Jupp zog plötzlich den Hocker weg, die Schlinge zog sich diesmaL fest zusammen. Der Körper Edeks spannte sich zuckend und blieb dann kraftlos hängen, der Kopf fiel auf die Seite.
Die schweigende Menge der Tausenden von Häftlingen verschwand langsam in der einfallenden Dunkelheit. Es herrschte Totenstille. Eine Gruppe von SS-Männern zog sieh in Richtung des Ausgangs aus dem Lager zurück. "Mützen ab!" ertönte plötzlich ein polnisches Kommando. Das ganze Lager erwies dem Toten die letzte Ehre. Plötzlich brüllte einer der sich zurückziehenden SS-Männer laut: "Alles raus! Wegtreten!" Im Nu war der Platz vor der Küche leer. Es blieb nur Edek.
Am nächsten Tag erzählte man mir von der Exekution Malas. Mala hatte sich, während das Urteil verlesen wurde, die Pulsadern aufgeschnitten -- die in Wut geratenen SS-Männer zertraten sie fast mit ihren Füßen vor den Augen des ganzen Frauenlagers. Sie starb auf dem Weg zum Krematorium, auf dem Handkarren gezogen von Frauenhäftlingen.
Im Lager herrschte bald eine merkwürdige Atmosphäre der Unruhe, der Aufregung und des Wartens auf etwas, was kommen und große Änderungen bringen mußte. Ruhe vor dem Sturm. Transporte kamen jetzt seltener an. Immer häufiger schickte man Transporte in andere Lager, die im Reich selbst lagen. Im ausgebombten Deutschland brauchte man Hände zum Arbeiten.
In der letzten Zeit wurde in den SS-Kasernen strenge Alarmbereitschaft
* Namen und Häftlingsnummern der geflüchteten und hingerichteten Häftlinge Galinski und Mala Zimetbaum in einer Auschwitzer Zelle.
angeordnet, man bemerkte nämlich verdächtige Bewegungen auf den neben dem Lager befindlichen Gebieten, dunkle Gestalten, die sich nachts dicht an die große Postenkette heranschlichen. Man hielt sie für Partisanen oder Störtrupps alliierter Fallschirmjäger.
Es war also nicht verwunderlich, daß man Vermutungen über die Auflösung des Lagers anzustellen begann, besonders weil die Ostfront längst die San-Linie überschritten hatte. Es gab aber auch andere Vermutungen: Wir fürchteten, daß die SS uns irgendwann liquidieren könnte.
Ein Teil unseres Kommandos arbeitete jetzt auf der Rampe und brachte auf Loren aus der nicht weit entfernt liegenden Grube Kies. Der Nachmittag war ziemlich schläfrig, windlos und sehr warm für Anfang Oktober.
Plötzlich hörten wir eine dumpfe Detonation. Wir schauten in Richtung des Wäldchens, von wo weitere Detonationen und Karabinerschüsse zu hören waren. Eine Rauchsäule stieg über den Wald, die gar nicht aus dem Schornstein des Krematoriums stammen konnte. Die unkoordinierte Schießerei steigerte sich mit jeder Minute. Bewaffnete SS-Männer rasten auf Motorrädern und Fahrrädern auf -die Hauptstraße, die Rampe entlang. Allmählich verstummte die Schießerei. Von Auschwitz kam die Lagerfeuerwache, das vierte Krematorium brannte. Man hörte Line Schüsse mehr. Anscheinend rückten die Partisanen, die ihre Aufgabe durchgeführt hatten, wieder ah. Es war also noch nicht "das", worauf ich täglich wartete.
Als wir in das Lager zurückkehrten, wußten wir schon ungefähr, was der Grund der Schießerei gewesen war: Aufstand in den Krematorien IV und II. Die Folgen waren tragisch. Wer nicht auf der Flucht umkam, starb im Hof des IV. Krematoriums, sofort erschossen nach der Niederschlagung des Aufstandes.
Am nächsten Tag rückte ich nicht mehr zur Arbeit aus. Ich war auf der Transportliste wie viele andere. Ein Güterzug stand schon auf der Rampe. Die Verladung dauerte lange. Schließlich kamen wir in den Waggon und waren so eng gedrängt, daß man sich kaum umdrehen konnte. Ein Scharführer betrat den Waggon, zählte uns nochmals genau ab und befahl danach den Posten, die Türe zuzuschieben.
Langsam, meterweise, verließen wir die Rampe. An einer Kurve quietschten die Räder unbarmherzig. Wie vor viereinhalb Jahren, als ich hierhergekommen war. Lebwohl, Auschwitz! Ich habe dich überlebt!
Die Räder des vorwärtsdrängenden Zuges ratterten rhythmisch. Von weitem war das Heulen einer Sirene zu hören. Bald schon erzitterte die Luft vom Heulen einiger hundert Sirenen, die einen Fliegerangriff ankündeten. Plötzlich wurde es vollkommen still. Der Feuerschein der bombardierten Stadt umgab uns von allen Seiten.
Die Posten flüsterten etwas untereinander. Es fiel das Wort Berlin. Also waren wir in der Hauptstadt des "unbesiegbaren" Hitlerdeutschland. Beim Anblick der um uns herum brennenden Gebäude platzten wir fast vor Freude, und die Hoffnung wuchs.
Wir spitzten die Ohren, weil die Posten jetzt von dem Lager sprachen, in das wir fuhren. Oranienburg! Jemand brüllte dicht am Waggon: "Los! Aussteigen!" Wir erfuhren schließlich, wo wir uns befanden. Es war eine der Flugzeughallen der Heinkelwerke, die provisorisch für unsere Ankunft vorbereitet war.
Die Hälfte der Halle nahmen einige hundert dreistöckige Betten ein. Auf jedem Bett lagen ein Strohsack und zwei Decken. Wir waren etwa 2000 Häftlinge, das bedeutete: Ein Bett für zwei Personen.
Dann kamen die "Kaufleute", wie wir die Menschenhändler, die Vertreter der deutschen Firmen nannten, die Fachleute zur Arbeit in verschiedenen, hei den Fabriken und Gruben errichteten Filialen der Konzentrationslager anwarben. Wir drängten uns nicht. Man wußte nie, wo ein Mensch landen konnte. Unsere Lagerdevise war: Niemals der erste, aber auch niemals der letzte sein.
Nachmittags standen wir beim Appell. Ein großer, schlanker "Kaufmann" mit Parteiabzeichen am Revers suchte Elektriker. Er brauchte 60 davon. Die Anfrage war eilig, heute noch mußte die Abfahrt erfolgen. Als erster meldete sich ein echter Ingenieur, ein alter Auschwitzer Häftling. Nach einem kurzen Gespräch mit dem Zivilisten begann er selbst die Elektriker auszusuchen. Er holte die ganze alte Garde.
Der "Kaufmann" prüfte jeden nach seinen fachlichen Kenntnissen. Bevor die Reihe an uns kam, gelang es uns zu erfahren, wer er war und woher er kam. Er war Ingenieur. Er hieß Siemers. Ein Nazi, der uns für die Philipswerke anwarb. Am nächsten Morgen verließen wir die ungemütliche Halle bei "Heinkel". Es war der 14. November 1944 -- Abmarsch.
In Richtung Westen fuhren wir luxuriös mit einem Personenwagen, der uns die Illusion gab, bereits keine Häftlinge mehr zu sein. Die Konvoisoldaten behandelten uns gut, sie erlaubten uns sogar zu rauchen. Am Horizont zeigten sich Berge.
Wir hielten im malerischen Minden, dessen Panorama mit seinen zahlreichen Kirchtürmen an unser Krakau erinnerte. Man lud uns auf dem Güterbahnhof mit dem merkwürdigen Namen "Porta Westfalica" aus. Das Lager Porta Westfalica war eine Filiale des Lagers Neuengamme, darum wurde unsere Numerierung geändert.
Unser Arbeitsplatz war in einem felsigen und steilen Berg. In dessen Innern waren neun Stockwerke der Philipsfabrik untergebracht. Dort leisteten wir Montagearbeiten. Die Arbeit dauerte ununterbrochen Tag und Nacht. Man konnte hier die Vertreter aller Nationalitäten finden, der Unterjochten und jener, die zu den Achsenmächten gehörten.
Vor dem Eingang der Stollen übernahmen die Kapos ihre Kommandos und begaben sich dann zu ihren Arbeitsstellen. Ein großer Teil blieb draußen beim Verladen des Baumaterials, bei Erdarbeiten oder beim Straßenbau, der andere Teil aber ging tiefer in die zahlreichen und unendlich langen Korridore der im Bau befindlichen Fabrik für synthetisches Benzin, wo sie Schulter an Schulter mit den Zivilisten aller Nationen arbeiteten.
Tage und Wochen vergingen. Der Mangel an Nahrung und das ständige Frieren während der Arbeit, die über die Kräfte ging und bei Frost, im Schnee oder Regen geleistet werden mußte, verursachten einen langsamen, doch ständigen Kräfteverfall.
Es war am Tag vor Ostern 1945. Morgens wie immer wurden wir von der durchdringenden Glocke geweckt. Zu unserer Freude rückten wir, o Wunder, nicht zur Arbeit aus, man hatte auch kein Arbeitskommando angeordnet.
Plötzlich hörten wir einen nicht alltäglichen Krach von draußen: die Motoren Dutzender von Autos. Später rasselten die Räder von Pferdefuhrwerken laut über das Straßenpflaster, und schließlich ließ sich ein deutliches Stimmengewirr Hunderter von Menschen hören, die durch die Straße marschierten. Die Kapos lehnten das Haupttor etwas an und schauten mit Interesse hinaus. Ludwik schloß sich den Kapos an.
Er kehrte nach einer Weile äußerst aufgeregt mit fiebrigen roten Flecken im Gesicht zurück. Eine Weile war er nicht imstande, ein Wort zu sprechen, schließlich stieß er heraus:
"Das sind Flüchtlinge! Ganze Mengen deutscher Flüchtlinge! ... Greise, Frauen, Kinder ... Beladen mit ihrem Hab und Gut ... Zu Fuß, mit Fuhrwerken, mit Lieferwagen, mit allem, was man nur kann, rennen sie auf der ganzen Breite der Straße ... Sie fliehen! ... Hört ihr? ... Sie fliehen, so wie wir 1939! ... Die Amerikaner haben Bielefeld besetzt! ... In zwei, drei Stunden sind sie hier! ... Leute, wir sind frei!"
Im nächsten Heft
SPIEGEL-Report über das Schicksal ehemaliger KZ-Häftlinge in der Bundesrepublik

DER SPIEGEL 11/1979
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„Niemand kommt hier raus“