07.05.1979

„Salome der britischen Politik“

Eine Frau in Englands konservativer Männerwelt, eine fanatische Anhängerin des vergangenen Manchester-Liberalismus, eine Predigerin viktorianischer Ordnungsvorstellungen, erklärte Feindin der Gewerkschaften und Befürworterin der Todesstrafe -- eine solche Frau wählten die Briten vergangenen Donnerstag zum Premier.
Vier Jahre lang, seit ihrer unerwarteten Wahl zur Führerin der Konservativen Partei, hat sie tunlichst vermieden, das für viele Undenkbare zu kommentieren. Doch wenn sie es tat, wie noch drei Tage vor der Wahl, dann mit jener Nüchternheit, die, zu Recht oder Unrecht, ihre Handelsmarke geworden ist: "Ich weiß, daß ich diese Chance nur einmal bekommen werde."
Am Freitag, dem 4. Mai, um 15 Uhr, als sie Königin Elizabeth II. nach alter Tradition im Buckingham-Palast den Ring küßte und von der Souveränin mit der Bildung des Kabinetts beauftragt wurde, erhielt Margaret Hilda Thatcher, geborene Roberts, tatsächlich ihre Chance: Mit der absoluten Mehrheit von 21 Sitzen gewann sie für die Konservative Partei die "wichtigsten Wahlen seit 1945", wie Presse und Parteien seit Wochen in seltener Einigkeit behauptet hatten.
1945 war die britische Labour Party angesichts der gesamten westlichen Welt zu dem ersten Versuch angetreten, in einem großen Industriestaat des Westens den demokratischen Sozialismus einzuführen. Der streitbaren und umstrittenen Margaret Thatcher trauen ihre Jünger zu, daß sie "der erste Premierminister sein wird, dem es gelingt, den 1945 begonnenen Prozeß umzukehren", wie der "Economist" schrieb.
Von historischer Bedeutung waren die Wahlen der vergangenen Woche gewiß: Zum erstenmal seit 1603, dem Tode Elisabeth I., die noch als absolute Monarchin herrschte und die Grundlagen für Englands Aufstieg zur Weltmacht schuf, wird eine Frau im Reich der Briten regieren -- unter der konstitutionellen Herrschaft der zweiten Elizabeth, zu deren Zeiten das einstige Imperium auf den Status "einer Nation im zweiten Glied" (Margaret Thatcher) herabsank.
Und da nun raffte sich dieses alte, von Traditionen gefesselte, von Krisen geschüttelte England auf, neben die Monarchin einen ganz anderen Typ von Frau zu stellen, so daß Britanniens Staatsspitze jetzt von einem seltsamen gleichaltrigen Frauenpaar besetzt ist:
Staatsoberhaupt Elizabeth II., 53, ist eine bläßliche und linkische Herrscherin, die sich durch Bravheit Popularität bei ihrem Volk verdiente. Gewiß keine Intellektuelle, unterhält sie sich am liebsten über die Herzensthemen vieler Briten: Kinder, Pferde, Hunde.
Dagegen die neue Regierungschefin Margaret Thatcher, 53: eine Erfolgs- und Verstandesfrau par excellence, für viele gar eine "Salome der britischen Politik", so Ex-Premier Harold Wilson; ein "aufgezäumtes Zirkuspferd, aber viel gefährlicher", so der Labour-Abgeordnete William Hamilton; eine "Porzellanpuppe, aber innen aus Nirosta", so ein konservativer Abgeordneter, der lieber nicht genannt werden möchte; "der einzige Mann in der konservativen Fraktion", so die Labour-Abgeordnete Barbara Castle, nachdem Margaret, ein Novum in der Geschichte der Tories, den amtierenden Parteichef Edward Heath in offener Rebellion gestürzt hatte.
Aber nicht nur das, vielmehr: Zum erstenmal in der Geschichte ist eine Frau in freier und geheimer Wahl in einem europäischen Staat an die Macht gekommen, eine einmalige Leistung im Vergleich zum Aufstieg jener wenigen anderen Frauen, die schon an die Spitze eines Staates gelangt sind.
Seit der Russen-Zarin Katharina II. kam allein Israels Golda Meir aus eigener Kraft nach oben -- freilich zunächst auch nicht durch Wahl wie Margaret Thatcher, sondern als Verlegenheits-Kandidatin uneiniger Männer und zudem noch in einem Pionierstaat, in dem Frauen von Anfang an zwangsläufig größeres Gewicht hatten als in den etablierten Gesellschaften Europas: In Jerusalem sind rund zehn Prozent der Abgeordneten Frauen, in London nur vier Prozent.
Wohl niemals aber hätte es Indira Gandhi zur Regierungschefin und dann zur Diktatorin Indiens gebracht, wenn ihr dieser Weg nicht durch ihren Vater, den berühmten Pandit Nehru, vorgezeichnet worden wäre. Sri Lankas Sirimavo Bandaranaike war bis zum Tod ihres Mannes, des Premierministers, politisch kaum in Erscheinung getreten und übernahm als der Welt erste Regierungschefin lediglich sein Erbe. Keine Evita Peron wäre Idol, keine Isabelita Präsidentin Argentiniens geworden ohne den Präsidenten Juan Domingo Peron.
Margaret Thatcher aber schaffte es aus eigener Kraft. 70 Jahre nachdem sich Englands Suffragetten im Kampf um das Frauen-Wahlrecht an die Eisengitter des Buckingham-Palastes ketteten und über 1000 von ihnen ins Gefängnis geworfen wurden, genau 60 Jahre nachdem die geborene Amerikanerin und Millionärin Lady Nancy Astor als erste (konservative) Abgeordnete ihren Sitz im Unterhaus einnahm, haben ausgerechnet Englands Konservative nach ihrer Wahlniederlage von 1974 mit dem Mut der Verzweiflung getan, was noch keine andere große europäische Partei wagte: ihre politische Zukunft einer Frau anzuvertrauen, und was für einer: einer ultrarechten Zuchtmeisterin für Gesetz und Ordnung, einer Predigerin des Manchester-Liberalismus im sozialen 20. Jahrhundert, einer militanten Antikommunistin im Zeitalter der Entspannung.
Zwar hat es den Tories, so konservativ sie immer waren -- und unter der Führung Margaret Thatchers erst recht wieder sind -, an Mut zu ungewöhnlichen Personalentscheidungen nie gefehlt: Ein Konservativer, William Pitt, wurde 1783 im Alter von 24 Jahren der jüngste Premierminister in der Geschichte Englands.
Die Tories wählten mit Benjamin Disraeli den ersten Juden zum Parteichef und Premier. Sie wagten es, mit einem Junggesellen, Edward Heath, in Unterhauswahlen zu gehen. Und sie riskierten es dieses Mal mit einer Frau. "Vermutlich werden sie auch die ersten sein, die es mit einem Schwarzen versuchen", scherzte der konservative Kolumnist Peregrine Worsthorne.
Doch gerade das Experiment mit der Frau an der Spitze war beiden Konservativen historisch nicht vorgezeichnet. Der Labour-Abgeordnete Leo Abse: "Im Grunde sind die Tories eher die Vater-orientierte Partei, während Labour eher matriarchalischen Instinkten folgt -- als Wohlfahrtspartei, mütterlich besorgt und gütige Versorgerin.
Wie ungewöhnlich, ja revolutionär Margaret Thatchers Aufstieg auch im Selbstverständnis der Tories sogar der 70er Jahre ist, wird aus dem Widerstand deutlich, mit dem die konservative Männerwelt Britanniens diesen Wechsel aufnahm.
Die Partei, deren Politik traditionell in den tabakverqualmten, holzgetäfelten Räumen der vornehmen Clubs von Whitehall formuliert wurde, fand sich -- wenn überhaupt -- nur zögernd mit dem harten Schicksal ab, dem Befehl einer Frau zu folgen. Der konservative Gentlemen-Club "Buck"s" änderte erst im vergangenen Jahr seine Statuten. Weil traditionell alle konservativen Parteiführer Mitglied des Clubs waren, wurde für Margaret Thatcher eine Ausnahme ersonnen: Sie ist als "Ehrenmitglied" die einzige Frau unter Männern.
Sonst öffnete nur noch der "Carlton"-Club der Parteichefin die Tore -- alle anderen großen Clubs, "White"s" etwa und "Brook's", "Reform", "Boodle"s" und "Garrick", ließen sich von den neuen Machtverhältnissen an der Spitze der Partei nicht korrumpieren: Frauen bleiben auch heute noch vor der Tür.
Widerstand der Männer gegen das Vordringen der Frauen in der Politik führte im Wahlkampf zu Grotesken: Als Edward Heath auf einer Wahlveranstaltung in Swansea nach einer Rede für die örtliche konservative Kandidatin Sandra Edwards, 37, noch mit Lokalgrößen tafelte und weiter debattierte, durfte die Politikerin daran nicht teilnehmen, weil der örtliche "Swansea City and Country Club" seinen Dining Room traditionell von Frauen freihält und nicht mal für die Repräsentantin der Volkssouveränität eine Ausnahme machte.
Im neu gewählten Unterhaus sitzen weniger weibliche Abgeordnete -- 20 -- als Absolventen der Elite-Knabenschule Eton. Und auch im britischen Alltag spielt die Frau, anders als der Erfolg Margaret Thatchers vermuten läßt, immer noch eine kümmerliche Rolle. Sie verdient in der Wirtschaft nach einer soeben veröffentlichten Studie des Ruskin College der Universität Oxford bestenfalls zwei Drittel dessen, was ihr männlicher Kollege für die gleiche Arbeit nach Hause trägt, und sie rackert sich vornehmlich in den Niedrig-Lohn-Jobs ab.
Als die "Washington Post" vor einigen Wochen eine Frau, Meg Greenfield, zur Leitenden Redakteurin machte, kommentierte der Londoner "Spectator" bitter: "Bei uns ist eine solche Ernennung noch Lichtjahre weit entfernt. Es ist zweifelhaft, ob sich die "Times" oder der "Telegraph" vor dem 22. Jahrhundert dazu entschließen könnten. Beim "Guardian" wäre Mrs. Thatcher möglicherweise Moderedakteurin geworden."
Indirekt, könnte man sagen, verdankt Margaret Thatcher ihre Wahl einem Mann: dem großväterlichen Labour-Premier James Callaghan, der vielen Briten den beklemmenden Eindruck vermittelte, er wirtschafte das Land durch unsicheres Manövrieren immer tiefer herunter -- nicht mehr nur in die Krise, sondern aus der Krise in die Anarchie.
In einem Winter bitterer Konfrontation hatten die Fahrer von Krankenwagen, die Krankenschwestern, Feuerwehrleute, Eisenbahner, Totengräber, Transportarbeiter, Autoarbeiter, Müllarbeiter, Kraftwerker, Sozialarbeiter, Beamte, Lehrer, Hausmeister in Schulen, Fluglotsen und Gepäckträger gestreikt -- die Labour-Regierung war hilflos, weil den ihr verbundenen Gewerkschaftsführern die Basis weglief.
Steigende Preise, fallende Reallöhne, steigende Kriminalität, fallende Produktivität der Wirtschaft addierten sich für viele zum Eindruck, sie seien von den Herrschenden schlechterdings aufgegeben.
So hemmungslos streikten die britischen Arbeiter diesen Winter, daß es zu ernsten Versorgungsschwierigkeiten kam; der Generalsekretär der "National Union of Railwaymen", Sidney Weighell, klagte: "Das ist die Rückkehr zur Philosophie des Schweinetroges -- die Schweine mit dem dicksten Rüssel kriegen am meisten ab."
Die britischen Fordwerke etwa mußten nach zweimonatigem Streik durchschnittlich 17 Prozent Lohnerhöhung gewähren. Zuvor hatten allein 1978 insgesamt 335 wilde Streiks in allen 23 Produktionsstätten des Unternehmens in England zu einem Umsatzverlust von 600 Millionen Mark geführt.
Nachdem so ziemlich alle anderen Wirtschaftsbereiche wenigstens vorübergehend zusammengebrochen waren, streikten Anfang Januar schließlich auch noch die Tankwagenfahrer -- gerade als der härteste Winter des Jahrhunderts wochenlangen Frost bescherte.
Premier Callaghan, der im Januar an den Polit-Gipfel in Guadeloupe noch einige Sonnentage auf Barbados angehängt hatte, als seine Landsleute streik- und frostgeschüttelt von ihm die Ausrufung des Notstandes erwarteten, erklärte nach verspäteter Rückkehr auf dem Flugplatz ebenso weltfremd wie arrogant: "Ich sehe keine Krise."
Die wahre Lage der Nation und ihre eklatante Fehleinschätzung durch Callaghan vernichteten mit einem Schlag das verläßlichste und zugkräftigste Wahlargument von Labour: daß sich eine Arbeiterpartei im Gegensatz zu den Konservativen mit den Gewerkschaften schließlich immer noch einigen könne.
Sir Robert Mark, bis 1977 Polizeichef von London, verglich gar die Zunahme der Gewerkschaftsmacht mit der Aushöhlungstaktik des deutschen Rechtsstaates durch die Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1938.
Kaum besser als mit dem Machtanspruch der Gewerkschaften wurde Callaghan mit den zentrifugalen Kräften an der Peripherie des Vereinigten Königreiches fertig, mit dem von London fortstrebenden Nationalismus der Schotten, Waliser und Iren. Die Attentate der terroristischen IRA, die Aufmärsche der offen faschistischen "National Front", die Rassenkrawalle zwischen weißen und farbigen Briten mitten in London verbreiteten tiefe Frustration, und die wiederum weckte den weithin irrationalen Wunsch nach der starken Hand,
Die Sozial- und Politik-Wissenschaftler David Bland und K. W. Watkins diagnostizierten in ihrem Buch "Kann England überleben?": "Frustration ist der Anfang von Nihilismus, einer Leere, die nur durch eine neue Haltung, möglichst durch eine überwältigende Neuverpflichtung gefüllt werden kann."
"Tanzen galt als frivol, meine Eltern verboten es."
Da aber mittlerweile eingetreten war, was der liberale Politiker David Lloyd George 1930 schon vorhergesagt hatte, daß "die Labour Party, die für Millionen einmal die Partei der letzten Hoffnung war, nun im Begriff ist, die Partei der verlorenen Hoffnung zu werden", bot sich zu solcher "Neuverpflichtung" in Margaret Thatcher die vermutlich richtige Frau zur richtigen Stunde an.
Margaret Hilda Thatcher verdankt nach eigener Schilderung alles in ihrem Leben zwei Dingen: einem guten Zuhause und einer guten Erziehung. Dies erst habe sie in die Lage versetzt, "mit anhaltendem Bemühen und dem Mut zum nächsten Schritt die zu werden, die ich bin".
Am 13. Oktober 1925 in der kleinen Wohnung über dem Krämerladen ihres Vaters in Grantham/Lincolnshire geboren, wuchs sie in kleinstädtischer Idylle auf, aber ohne Garten, Bad oder warmes Wasser und mit einer Außentoilette im Hinterhof.
Auch sonst gab es für die kleine Margaret wenig zu lachen: Vater Alfred war Laienprediger in der Methodisten-Kirche und trieb seine Familie sonntags dreimal in die Kirche. Spiel und Zeitunglesen waren am Tage Gottes verboten.
Schon als Teenager, wenn ihre Klassenkameradinnen zum Tanz gingen, mußte Margaret ihren Unternehmungsgeist auf kulturellen Veranstaltungen der Gemeinde befriedigen. "Tanzen galt als frivol, meine Eltern verboten es strikt", erinnert sich Margaret Thatcher in der autorisierten Biographie von Tricia Murray. "Alles in unserem Leben mußte sauber und systematisch sein. Wir waren Methodisten, und Methodismus heißt Methode."
Methode und System, Ehrgeiz und Bildungswillen zeichnen das Schulmädchen Margaret früh aus. Sie ist stets die beste Schülerin ihrer Klasse, die beste Sportlerin (vor allem in Hockey und Tennis) und bedauert im Rückblick nur eins: daß sie ihrer schauspielerischen Neigung nicht nachgehen durfte, weil auch das ihren strengen Eltern zu frivol schien: "Ich wäre gerne Schauspielerin geworden."
Kostenlose Milchspeisung für Schulkinder gestrichen.
Während es der Vater zu bescheidenem Wohlstand und sozialem Aufstieg bringt (Bürgermeister von Grantham und Vorsitzender des örtlichen Rotary Clubs), beweisen ihre Eltern 1938 christliche Nächstenliebe: Kurz nach dem Einmarsch Hitlers in Österreich holen sie Margarets Brieffreundin Edith, eine deutsche Jüdin aus Wien, nach Grantham.
1943 geht Margaret als Leistungs-Stipendiatin nach Oxford, um Chemie zu studieren, qualifiziert durch die Beurteilung aus der Schule: "Sie ist ein logischer Denker, sie hat einen klaren Geist."
Unmittelbar nach ihrer Ankunft in Oxford tritt sie dem konservativen Klub der Universität bei, mit dem sicheren Instinkt dafür, daß für sie nur jene wahre Klassenpartei in Frage kommt, in der über den Erfolg das Bett entscheidet, "das Bett, in dem man geboren wird, oder das Bett, in das man hineinsteigt", so der Schriftsteller Sir Cyril Osborne. Es ist zugleich die Partei, die den Kinderglauben Margarets an die Botschaft ihres Vaters bestätigt: daß die unternehmerische Freiheit, und sei es auch nur die kleine Freiheit des Lebensmittelkrämers, "die einzige Garantie für die große Freiheit der Demokratie ist".
Halb im Scherz umreißt sie in Oxforder Studientagen im Gespräch mit einem Kommilitonen ihr Programm für die persönliche Zukunft: "Reich heiraten und in die Politik gehen." Sie tut beides schnell, und, vielleicht um Zeit zu sparen, sogar fast gleichzeitig.
In derselben Nacht, in der Margaret Roberts von der Parteiversammlung von Dartford als konservative Parlamentskandidatin nominiert wird (1949), trifft sie den damaligen Major Denis Thatcher, und am Wahltag, im Oktober 1951, verloben sich die beiden.
Die Wahl ist ein Reinfall -- Margaret Thatcher bleibt mit 12 000 Stimmen Abstand hinter dem Labour-Kandidaten -, aber die Ehe wird ein Erfolg, und zwar, so Margaret Thatcher, "weil wir von Anfang an eine Abmachung trafen: Arbeit ist die Hauptsache, sie geht vor und wird auf jeden Fall erledigt".
Mit diesem Vertrag war das Schicksal Denis Thatchers besiegelt, nach und nach wächst seine Frau, getrieben von Ehrgeiz und Energie, über ihn hinaus. Denis Thatchers Rolle wurde, so Margaret, "auf die eines Stoßdämpfers" reduziert.
1965 gibt er schließlich den ungleichen Kampf auf, verkauft das ererbte Familien-Unternehmen der Farben-Branche, tritt später als Direktor der Burmah Oil Company zurück und konzentriert sich seither darauf, bei öffentlichen Auftritten seiner Frau als erster Beifall zu spenden.
Immerhin, unter Denis' verständnisvoller Führung genießt Margaret Thatcher "den Charme Britanniens, der immer in der Leichtigkeit bestanden hat, mit der man in die Mittelklasse aufsteigen kann", wie sie selbst sagt.
Zunächst ermöglicht er seiner Frau ein zweites Studium, diesmal Jura, und zwei Jahre nach der Heirat, 1953, werden Zwillinge geboren -- wiederum ein Zeitgewinn, wie politische Gegner bissig bemerkten. Schon drei Monate später besteht Margaret Thatcher ihr juristisches Examen und spezialisiert sich auf Steuerrecht.
1959 kommt der Durchbruch. Als jüngste Abgeordnete zieht Margaret Thatcher für den Londoner Wahlkreis Finchley in das Unterhaus ein. Sie ist jetzt 34 Jahre alt und fällt gleich auf: mit einer brillanten, frei gehaltenen halbstündigen Rede über ein Gesetz, das größere Transparenz, vor allem Presse-Präsenz, bei kommunalpolitischen Entscheidungen einführt. 1961 setzt sie sich für die Wiedereinführung der Prügelstrafe bei kriminellen Bagatelldelikten ein.
Mit ihrer Wahl ins Unterbaus ist der relative Erfolg vorprogrammiert. Als eine von damals nur elf Frauen der konservativen Fraktion war ihr eine baldige Verwendung als präsentable Pflichtfrau in den Schattenkabinetten der Tones sicher. Nacheinander wurde sie Oppositionssprecherin für sechs verschiedene Ressorts und 1970 schließlich im Kabinett Heath Erziehungsministerin. Sie war genau da gelandet, wo die Männer vor ihr andere Frauen hingesteckt hatten: im traditionellen Frauen-Ressort beider Parteien.
Doch sie bewies bald, daß nicht fraulicher Instinkt, sondern Realismus ihre Handlungen bestimmte. Als Heath von seinen Kabinettsmitgliedern drastische Ausgaben-Kürzungen verlangte, traute sie sich an einen Posten heran, den sonst wohl niemand angerührt hätte. Sie strich die kostenlose Milchspeisung für Grundschulkinder und löste damit einen Sturm der Entrüstung aus: "Margaret Thatcher, Milk Snatcher" (Thatcher-Frau, Milchklau) skandierten Kinder in Autobussen, tönten die Schlagzeilen der Presse. Die Maßnahme sparte im Haushalt nur sechs Millionen Pfund ein -- und kostete Margaret Thatcher ein gutes Stück ihrer Reputation.
Wieder und wieder während des Wahlkampfes der vergangenen Wochen erinnerte die Labour-Propaganda an den "Milchklau", erwähnte dabei aber nicht, daß Labour nach der Rückkehr an die Macht 1974 die Milchspeisung keineswegs wiedereinführte.
Auf Margaret Thatchers öffentliche Bruchlandung folgten zwei Jahre der Ruhe -- und dann der dramatische, von niemandem für möglich gehaltene Vorstoß an die Spitze, praktisch aus dem Stand: Nachdem Edward Heath auch die zweite Parlamentswahl von 1974 verloren hatte, suchte eine desorientierte Fraktion nach einem neuen Führer.
Der Flirt der Tories mit dem Liberal-Konservativismus von Edward Heath war vorüber, in der Bitterkeit der Niederlage verspürte die Partei ein atavistisches Bedürfnis, zu ihren ideologischen Wurzeln zurückzukehren. Jemand mußte den Mut haben, sich dem Parteiführer in offener Abstimmungsschlacht zu stellen.
Dieser Jemand war Margaret Thatcher. Edward Heath begriff offenbar gar nicht so schnell, worum es ging. Denn er unterschätzte Margaret Thatcher und zeigte ihr seine Mißachtung sogar bei Kabinettssitzungen, indem er, wann immer sie das Wort ergriff, den Kopf zurücklegte und in stummer Verzweiflung die Augen zur Zimmerdecke drehte.
Durch persönliche Schroffheit hatte sich Heath selbst vom Informationsfluß seiner Hinterbänkler abgeschnitten, während Margaret Thatcher, von Heath unbemerkt, ihre männlichen Kollegen so freundlich wie geduldig umwarb. Mit 130 zu 119 Stimmen setzte sie sich im ersten Wahlgang als Parteichefin an die Spitze.
Paul Johnson, Ex-Herausgeber der linken Wochenschrift "New Statesman", der 1977 nach 24jähriger Mitgliedschaft aus der Labour Party austrat, erinnert sich an die entscheidenden Tage: "Die Männer, die in Frage gekommen wären, hatten Angst, sich zu stellen. Margaret Thatcher war die einzige, die den Mut hatte -- und das allein ist der Grund, warum sie gewann ... Sogar ihre giftigsten Gegner müssen zugeben, daß sie schier unendliche Reserven wahrhaft churchillschen Mutes besitzt."
Zum Mut Churchills kam eine Entschlossenheit im Umgang mit der Macht, die ihr gleichfalls niemand zugetraut hätte. In einem bemerkenswerten Kraftakt machte sie sich nach ihrer Wahl daran, die Parteiorganisation in die Hand zu bekommen und den Parteiapparat von Feinden zu säubern.
Traditionell werden die wichtigeren Posten im "Conservative Central Office", dem Hauptquartier der Tones am Smith Square in Westminster, durch persönliche Ernennung vom Parteiführer besetzt. Unverzüglich machte sie von diesem Recht Gebrauch, und zwar in einem Maß, wie es in der Konservativen Partei nicht üblich gewesen war.
"Mrs. Thatchers Massaker der Moderaten", so der "New Statesman", hatte "wenig Parallelen": Der Vorsitzende, der in der konservativen Parteistruktur unter dem "Führer" rangiert, der stellvertretende Vorsitzende, vier Vize-Vorsitzende, der Schatzmeister, der Leiter der Forschungsabteilung, der Generaldirektor und der Direktor der Parteiorganisation wurden innerhalb von zwei Jahren gefeuert und durch Thatcher-Freunde ersetzt.
Während der Parteivorsitzende Lord Carrington vom Verlust seines hohen Amtes wenigstens vorher unterrichtet wurde, erfuhr der bürgerliche Vizechef David Knox von seiner Entlassung aus einer Zeitung auf dem Times Square in New York. Sir Richard Webster, Direktor der Organisation, erhielt gerade einen Tag Zeit, sein Büro zu räumen. Wer nicht gefeuert wurde, beugte sich dem entschlossenen Führungswillen der neuen Chefin.
Ihr Vertrauter Sir Keith Joseph, "der Rasputin Margaret Thatchers", so Harold Wilson, oder "ihr Guru", so der Labour-nahe "Daily Mirror", ein rechter Gralshüter der wahren konservativen Denkungsart, stieg unter Margaret Thatcher zum Chefideologen der Partei auf. Er arbeitet nicht im Rahmen des eigentlich dafür vorgesehenen "Conservative Research Department", sondern in seinem eigenen, nebenher finanzierten "Centre for Policy Studies", mit seinem eigenen Stab.
So kontrovers die Urteile über den Charakter Margaret Thatchers sind -- an ihrem Geschmack für die Macht zweifelte nach dieser Demonstration von Durchsetzungskraft niemand mehr.
Wer sich aber unter dem Thatcher-Regime eine auch nur symbolische Aufwertung der Frau in Parteiorganisation oder Schattenkabinett erhofft hatte, sah sich enttäuscht: Nach wie vor gehört nur eine Frau, Sally Oppenheim, zum Schattenkabinett der Lady
-- und die als Sprecherin für das traditionelle Frauen-Ressort "Verbraucherfragen und Preise".
Lynda Chalker, Margaret Thatchers Beraterin für soziale Fragen, deutete die Rolle an, die die neue Premierministerin ihren Geschlechtsgenossinnen anweisen möchte: "Es kann sein, daß sich das Land in den kommenden Jahren mal den Arbeitsmarkt genauer anschaut und entscheidet, daß es vielleicht für Frauen besser ist, bei ihren Kindern zu Hause zu bleiben."
Kein Wunder, daß Frauenrechtlerinnen Margaret Thatcher nicht gerade als Heroine ihres Kreuzzugs für die Gleichberechtigung sehen. Für sie ist die neue Regierungschefin eine Frau, die das Spiel der Männer gespielt und dabei persönlichen Erfolg errungen hat.
Auf die Frage, wie sie zur Women"s Liberation stehe, antwortete Margaret Thatcher mit dem knappen, enthüllenden Satz: "Was hat Women"s Liberation jemals für mich getan?" Kein Zweifel: Experimente, die eine Neuverteilung liebgewordener Rollen vorsehen, liegen ihr nicht.
Auf der anderen Seite wecken ihre perfektionierte Sachlichkeit und strenge Kälte auch kaum die Sympathie jener Briten, die von emanzipierten Frauen eh nichts hatten. Im Gegenteil: Ihr meist harsches Auftreten in der Öffentlichkeit nach ihrer Wahl zur Parteiführerin 1975 ergänzte nur unvorteilhaft ihr seit der Milch-Affäre weithin negatives Image.
Ihre Popularität fiel stetig bis zum Wahlsieg. Paradoxerweise war die triumphale Wahlsiegerin des vergangenen Donnerstag während des gesamten Wahlkampfs eher eine Belastung für die Aussichten ihrer Partei als ein Trumpf.
"Einige Tränen, allein und in aller Stille."
Sie lag in der öffentlichen Gunst stets hinter ihrem Gegner James Callaghan und kam nur einmal kurz, auf dem Höhepunkt des Streik-Winters im Januar und Februar, bis auf drei Prozentpunkte an Callaghans Beliebtheit heran. In der letzten Meinungsumfrage vor der Wahl hatte der Labour-Premier einen persönlichen Popularitätsvorsprung vor seiner schließlich siegreichen Rivalin von 24 Prozent.
Noch erstaunlicher: Der 1974 von den Wählern als Premier und ein Jahr später von ihr selbst als Parteiführer gestürzte Edward Heath, der sich, so Callaghan, heute als "legitimer Führer der konservativen Partei im Exil" versteht, würde nach anderen Umfrage-Ergebnissen seine Partei zu einem weitaus höheren Sieg geführt haben, als dies Margaret Thatcher schließlich tat.
Sogar der zurückhaltende Parteiführer der Liberalen, David Steel, kommentierte besorgt: "Das Schlimme daran, daß wir eine Frau zur Premierministerin haben, ist nicht die Tatsache, daß Margaret Thatcher eine Frau ist, sondern was für eine Frau sie ist." Mit einem Wort: Margaret Thatcher hat ihren Sieg eigentlich eher trotz als dank ihrer selbst errungen.
Rechtzeitig machten sich die Konservativen daran, das Popularitätsdefizit ihres Stars auszugleichen. Eine Spitzenkraft seines Faches, der Medienberater Gordon Reece, wurde verpflichtet, Maggies öffentliches Auftreten publikumswirksam umzumodeln.
Der Medienfuchs änderte an der Wahlkämpferin Margaret Thatcher so ziemlich alles, was äußerlich zu ändern war: Ihre Frisur wurde lockerer; wenn Fernsehkameras in der Nähe waren, lief sie schon mal zum wartenden Auto, anstatt zu schreiten, was körperliche Fitness und Fähigkeit zum Ausgelassensein beweisen sollte; sie studierte oratorische Gesten ein, begann, etwa mit den Händen das Züngeln von Flammen oder den Sturz eines Wasserfalls optisch zu untermalen.
Gordon Reece gewöhnte seiner Arbeitgeberin das Tragen jener lächerlich übergroßen, exotischen Hüte ab, die sie stets so aussehen ließen, als komme sie gerade von einer Gartenparty.
So wie Professor Higgins in "My Fair Lady" arbeitete Reece stundenlang an der Stimme seiner Mandantin, ließ sie Atem- und Summ-Übungen machen, bis es ihm gelungen war, das Organ der Politikerin von einer extrem hohen, hysterisch klingenden Tonlage auf tieferes Niveau zu bringen, so daß sie fortan heiser oder leicht erkältet klang -- dafür aber auch weicher. Auf Videogerät hielt Reece ihre Fernsehauftritte fest und ging hinterher die Fehler mit ihr durch.
So intensiv und von den Zeitungen respektlos kommentiert war die Dressur ihres Image-Polierers, daß die Patientin sich schließlich öffentlich nicht dazu bekennen wollte. In einer Sendung des kommerziellen Fernsehens ITV heuchelte sie Ahnungslosigkeit: "Gordon Reece soll mich beraten haben? Ich hatte immer den Eindruck, daß es gerade andersherum war." Der Reporter war zu höflich, um nach der Art von Margaret Thatchers Beraterfunktion für ihren Medienberater zu fragen.
Doch auch nach der Reece-Schönheitskur hatten Margaret Thatcher und ihr Image-Pfleger noch mit dem Problem "Maggie gegen die Roboter-Frau" zu kämpfen, so der "Daily Express": Sie mußten hinter dem mit soviel Erfolg projizierten Bild der überlegenen Verstandesfrau die Verwundbarkeit eines warmen und gefühlvollen Menschen durchscheinen lassen.
Gefangen im Rollenzwang der modernen Medien-Demokratie, die einer Frau in der Politik noch Schwierigeres abverlangt als ihren männlichen Kollegen, suchte Margaret Thatcher einen Mittelweg.
Beispiel: In einem Interview, das sie nach den Strategie-Anweisungen von Reece den sechseinhalb Millionen Lesern der Frauenzeitschrift "Women"s World" gewährte, gestand sie: "Es gibt Zeiten, wenn ich abends nach Hause komme und mir alles zuviel geworden ist, dann vergieße ich einige Tränen, allein und in aller Stille."
Mit diesem Bekenntnis mag sie die Herzen gefühlvoller Frauen bewegt haben -- sie verstörte aber zur gleichen Zeit jene Briten, die im Amtssitz des Premierministers keine unter der Last der Regierungsgeschäfte zusammenbrechende Mimose haben wollen.
Also präzisierte sie ihr Geständnis, indem sie öffentlich darauf hinwies, daß es zweierlei Arten von Tränen gebe: solche nämlich, die aus Schwäche vergossen werden, und solche, die lediglich als Erleichterung wie von selbst aus den Augen quellen. Und um letztere handle es sich denn auch bei ihren überaus seltenen Weinereien.
Ihre Manager mochten versuchen zu ändern, wie sie etwas sagte; was sie sagte, bestimmte Margaret Thatcher nach wie vor selbst, und vieles davon weckt denn doch starke Zweifel, ob ihr bei aller Entschlossenheit mehr Erfolg beschieden sein kann als ihrem glücklosen konservativen Vorgänger Edward Heath.
Denn Margaret Thatcher übernimmt die Leitung der Geschicke ihres Landes in einem dramatischen Augenblick. Jeweils insgesamt 17 Jahre lang haben Konservative und Labour Großbritannien seit dem Zweiten Weltkrieg alternativ regiert -- alternativ in jeder Beziehung: Wann immer die eine Partei von der anderen die Macht übernahm, änderte sie die Grundrichtungen der britischen Innenpolitik. So folgten auf gesetzgeberische Versuche Labours, den Gewerkschaften mehr institutionelle Macht zu geben, die gesetzgeberischen Gegenaktionen der Tones mit dem Ziel, diese Macht wieder zu beschneiden.
Das Ergebnis war eine nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für die geistige Verfassung des Landes verhängnisvolle Polarisierung der Gesellschaft in einen Gewerkschafts- und in einen Bürgerteil.
Die totale Konfrontation konnte nur so lange vermieden werden, wie der wirtschaftliche Aufschwung der 50er und 60er Jahre -- wenn er auch in Großbritannien bescheidener ausfiel als in anderen westeuropäischen Ländern -- beiden Lagern stetig wachsenden Wohlstand bescherte.
Mit der Ölkrise von 1973 ist diese Ära des materiell gepolsterten Konsensus und des mühsam gewahrten sozialen Zusammenhanges in die Brüche gegangen.
Gegen den "Industrial Relations Act", durch den Premier Heath 1971 die Gewerkschaftsmacht beschneiden wollte, machten die Gewerkschaften mobil und zwangen Heath im Winter der energiesparenden Drei-Tage-Arbeitswoche zu Neuwahlen unter dem Motto: "Wer regiert das Land -- die Gewerkschaften oder die Regierung?"
Das Wahlvolk gab keine klare Antwort. Zwar erhielt die konservative Partei mehr Stimmen als Labour, aber Labour erhielt mehr Mandate.
Nach neuerlichen Wahlen ein halbes Jahr später versuchte die Regierung Wilson, nun mit knapper Mehrheit ausgestattet, die frischgeschlagenen Wunden zu heilen, indem sie neue aufriß: Sie setzte den "Industrial Relations Act" außer Kraft und ersetzte ihn 1976 durch den "Trade Union and Labour Relations (Amendment) Act", der unter anderem, einmalig im Tarifrecht, das "secondary picketing" legalisierte: das Bestreiken von Unternehmen, die an einer Tarif-Auseinandersetzung gar nicht beteiligt sind. Auch befreite das Gesetz die Gewerkschaften von der Pflicht, für die wirtschaftlichen Folgen solcher Aktionen aufkommen zu müssen.
Lord Denning, 80, Oberster Berufungsrichter im Lande, nannte fortan die Gewerkschaften "die größte Bedrohung der Herrschaft des Gesetzes in Britannien".
So holte denn Margaret Thatcher sehr weit aus, als sie das konservative Wahlziel dunkel mit "Wiedervereinigung eines geteilten und entmutigten Volkes" umschrieb; ähnlich hatte es schon der große Vorgänger Benjamin Disraeli formuliert.
Margaret Thatcher: "Während der Auseinandersetzungen des vergangenen Winters wurden unsere Zuversicht, unsere Selbstachtung, unser gesunder Menschenverstand und gelegentlich sogar unser Sinn für Menschlichkeit erschüttert. Zeitweise schien unsere Gesellschaft am Rande des Zusammenbruchs."
Es ist dies nicht der erste, wohl aber der bislang entschlossenste Versuch der Tones seit Disraeli, sich von dem Stigma zu befreien, sie seien eine Interessenvertretung der Grundbesitzer und Empire-Nostalgiker, und sich statt dessen als eine "Partei der einfachen Leute, mit einfachen Hoffnungen und Überzeugungen" darzustellen, so Margaret Thatcher.
Über alle Klassen hinweg verspricht die Parteichefin einen neuen Anfang, basierend auf Unternehmungsgeist, Fleiß und Patriotismus, "eine Rückkehr zu den traditionellen Werten unserer Gesellschaft", namentlich zu "Anständigkeit, Gesetzestreue, moralischen Werten".
Kurz: Margaret Thatcher will ein Volk von männlichen und weiblichen Margaret Thatchers, begnadet mit jenen Eigenschaften, denen sie ihren eigenen Aufstieg verdankt.
Sogar Parteifreunde fragen sich, wie dieser mit evangelistischem Erweckungswillen gepredigte Advent einer neuen Meritokratie mit ihrem immer wieder bezeugten Glaubensbekenntnis zu einer einigen und versöhnten Nation zu vereinbaren ist. Denn, kein Zweifel, ein Erfolg wie der Margaret Thatchers läßt sich nur auf Kosten anderer erringen.
James Callaghan brandmarkte ihr Rezept denn auch als die Rückkehr zum "Gesetz des Dschungels", und sein Transport-Minister William Rodgers sah darin die brutale Anwendung des Rechts des Stärkeren, der "die Schwachen an die Wand stellt".
Manches in ihren Reden ist dabei so gefühlige rechtskonservative Spruchweisheit, wie sie dem Franz Josef Strauß nicht mal in Niederbayern über die Lippen kommt. So wenn sie gegen den staatlichen Despotismus den "großen Chor des Zorns und der Entschlossenheit" vernimmt, "auf daß wir wieder frei und stark sein werden".
"Wenn du glaubst, dann komm mit."
Und schrecklich tönte sie dann: "Weg mit unserer jüngsten grauen und elenden Vergangenheit, weg mit allem Defätismus! Unter den Zwilingsbannern des Unternehmungsgeistes und der Freiheit hat eine neue und erregende Zukunft begonnen."
So weit geht ihr Horror vor dem Gewerkschaftsstaat, daß sie die Konfrontation mit den Gewerkschaften, an der ihr Vorgänger Heath scheiterte, schon provozierte, bevor sie überhaupt an der Macht war. Immer wieder wies sie darauf hin, daß die nächsten Wahlen 1984 seien -- ein Appell an alle jene, die von der Furcht besessen sind, daß der totale Überwachungsstaat, wie in George Orwells "1984" beschrieben, nach einem Labour-Wahlsieg 1979 wie von selbst über Britannien kommen und das Glück der Bürger zerstören werde.
Zu ihren Reformplänen gehören die Einführung der obligatorischen geheimen Briefwahl hei Abstimmungen und Wahlen der Gewerkschaften, wodurch die "schweigende Mehrheit" mehr Durchsetzungskraft gegen die Einschüchterungsversuche der militanten "wrecker" (Zerstörer) bekommen soll, außerdem eine Herabsetzung der staatlichen Sozialhilfe für streikende Arbeiter und statt dessen die Zwangsverpflichtung der Gewerkschaften, die Differenzen aus der Gewerkschaftskasse zu zahlen.
In der Lohnpolitik will sie einerseits, ganz im Sinne ihrer lupenreinen Vorstellung von freier Marktwirtschaft, die Rückkehr zum "Lohnkampf bis aufs Messer" und ist gegen jede Art staatlicher Intervention.
Auf der anderen Seite dürfe diese Freiheit nicht für die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes gelten, dessen Ausgaben gekürzt werden sollen. "Dies muß notwendigerweise zu einer Diskrepanz von Löhnen im privaten und öffentlichen Sektor führen", klagte der "Observer", "Frustrationen und Ärger sind die unvermeidbare Folge."
Der Anteil des Staates an der Wirtschaft des Landes soll drastisch zurückgestutzt werden, das National Enterprise Board, die Holding für die Staatsbeteiligungen, die über das Ausmaß staatlicher Subventionen für in Schwie-
* Uni den Kaufkraftschwund zu belegen, demonstriert sie, was man 1974 unter den Konservativen (rechte Hand) und was man 1979 unter Labour (linke Hand) für ein Pfund kaufen konnte.
rigkeiten geratene Betriebe entscheidet, soll, so Margaret Thatchers Wirtschaftssprecher James Prior, nur noch eine "ambulante Durchlaufstation" sein.
Warum, erklärte Margaret Thatcher mit einem Bilderbuch-Beispiel, das auch dem einfachsten Wähler einleuchten sollte: "George Stephenson brauchte das National Enterprise Board nicht, um die Dampflokomotive zu entwickeln."
Als erstes wollen die Konservativen den kürzlich verstaatlichten Schiffbau und die Luftfahrtindustrie wieder in Privatbesitz überführen, später sollen auch größere Staatsgesellschaften wie "British Airways" an die Reihe kommen.
Die harten Züge ihres Manchester-Kapitalismus veranlaßten den bisherigen Schatzkanzler Denis Healey vergangene Woche zu dem Wort, sie plane die "Rückkehr zur Politik eines Dickensschen Armenhauses".
Margaret Thatcher will das von Labour vorsichtig reformierte Erziehungswesen des Landes, das die Privatschulen nicht antastete, aber neben ihnen Gesamtschulen einführte, meritokratisch so verändern, daß die junge Elite von morgen schon früh, und zwar mit staatlicher Unterstützung, in besondere Begabten-Schulen abgezweigt und gefördert wird.
Besonders weit zurück will die Retterin Britanniens in ihrem Programm für Recht und Ordnung. Konsequent kämpfte sie im Unterhaus für die Wiedereinführung der 1965 abgeschafften Todesstrafe -- das einzige wichtige Thema, über das, soweit bekannt, Ehemann Denis anderer Meinung ist als seine Frau. Sie widersetzt sich jeder Liberalisierung des Scheidungsrechts und der sozialen Indikation bei Abtreibungen.
Härteren Strafen und Gesetzen im Inneren entspricht eine Politik der Stärke nach außen. Die neue Premierministerin will die britischen Streitkräfte stärken, den Verteidigungsetat erheblich aufstocken und warnt unermüdlich vor einer Invasion Westeuropas durch die Sowjet-Union.
Ihre Reden gegen die Kommunisten ("honigsüße Stimmen", aber "Appetit des Wolfes") trugen ihr schon vor Jahren nicht nur wütende Antworten aus Moskau ein, sondern auch die Frage des eigenen Verteidigungsministers, ob sie nun "Krieg oder Frieden" wolle.
In Südafrika und Rhodesien versprechen sich die Weißen von der Regierung der "eisernen Maggie" mehr Verständnis; gegenüber Europa dürfte Londons Ton freundlicher werden als unter Callaghan, der dem Druck seiner fanatisch anti-europäischen Linken ausgesetzt war, aber ein bequemer Verhandlungspartner für die Herren Giscard und Schmidt ist Margaret Thatcher bestimmt nicht.
Dies sei "die reaktionärste Konservative Partei nach dem Kriege", behauptete der Staatssekretär im Labour-Außenministerium Frank Judd -- und das gilt besonders für die Rassenpolitik der Thatcher-Tories.
Vorletzte Woche, in der Endphase des Wahlkampfes, spülten Rassenkrawalle in mehreren Städten Englands, mit über hundert Verletzten und einem Toten, Margaret Thatchers Lieblingsthema wieder hoch: den Zuwandererstrom farbiger Besitzer britischer Pässe "klar" zu beenden, um "fundamentale britische Eigenheiten" zu schützen. Denn das britische Volk befürchte, "von einer anderen Kultur überschwemmt" zuwerden.
Margaret Thatcher führt von und nach rechts. Und so antiquiert ihre Rückkehr zu den verquollenen Werten des viktorianischen Zeitalters ist -- sie steht weder allein noch darf sie als Opportunistin gelten, die den neuen Horizont nur deshalb anpeilen würde, weil sich eine Marktlücke bietet.
Das Bekenntnis, "Überzeugungstäterin" zu sein ("a conviction politican"), nehmen ihr auch ihre ärgsten Gegner ab. Sie glaubt offenbar, was sie predigt: "Die Propheten des Alten Testaments sagten auch nicht "Bruder, ich will Konsensus", sie sagten "dies ist mein Glaube, dies ist meine Vision, wenn du auch glaubst, dann komm mit'."
"Dieses verdammte Weib", entfuhr es dem Labour-Abgeordneten Andrew Faulds.
Vorigen Freitag schon ergriff die Neue von den geheiligten Räumen des Premierministers an Londons Downing Street 10 Besitz, mit einem Wort des Heiligen Franz von Assisi auf den Lippen: "Wo Verzweiflung ist, soll Hoffnung einkehren."
Der besiegte Callaghan kommentierte seine Niederlage wie ein Gentleman: "Daß eine Frau dieses Amt einnimmt, ist ein großer Augenblick in der Geschichte dieses Landes."

DER SPIEGEL 19/1979
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