07.05.1979

PHILOSOPHENCatch-as-catch-can

Paul Feyerabend: „Erkenntnis für freie Menschen“. Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 272 Seiten; 24 Mark.
Der Beitrag von Mad Dog Mayne, Haystack Calhoun und Gorilla Monsoon "zum Glück der Menschen ist unmeßbar größer als der Beitrag eines Kant, eines Einstein und ihrer farblosen Imitatoren".
Es hat keinen Zweck, nach einem großen oder enzyklopädischen Lexikon zu greifen. Leben und Werke des tollen Hundes Mayne, des wilden Calhoun und des Gorillas Monsoon sind darin nicht verzeichnet. Man muß sich schon, amüsiert oder schockiert, bis Seite 214 des neuen Buches von Paul Feyerabend durchringen, um zu erfahren, wer die drei Menschheitsbeglücker waren und -- wenn sie nicht gestorben -- noch sind: Catcher, die vor Jahren in Cow Palace bei San Francisco auftraten.
Warum die drei Muskelmenschen dem in Wien geborenen und in Berkeley lehrenden Philosophie-Professor Feyerabend, 55, so sehr imponieren, ist relativ einfach: Sie quälen nicht die Menschheit mit reiner Vernunft, verwandeln ohne komplizierte Formel Masse in Energie, schinden sich damit gegenseitig und erzeugen so "Leben und Heiterkeit" beim Publikum, was Kant und Einstein nie gelungen ist.
Man kann sich Kant und Einstein auch nicht als Freistilringer vorstellen. Eher schon den Professor Feyerabend als Anarchisten-Paule im Ring, wenn er den Rationalisten-Karle zu fassen bekäme und mit ihm die ganze Wissenschaft einschließlich ihrer Theoretiker und Logiker auf die Matte legen könnte für immer.
Denn "nicht "die Wahrheit" macht uns frei", sondern "das Scherzen, die Unterhaltung, die Illusion". Und als Illusionist, als Entertainer -- eine Laufhahn, die einzuschlagen er erwägt -- brächte der Theaterwissenschaftler und ausgebildete Sänger Feyerabend sein Publikum bestimmt in Stimmung -- genau wie Catcher, Clowns und Komödianten.
Statt Allez hopp und Simsalabim heißt es bei Feyerabend "Anything goes" (mach, was du willst), denn das ist "der einzige Grundsatz, der den Fortschritt nicht behindert", und der Trick, die Lacher für sich zu haben, ist auch alt, uralt: Man macht den anderen lächerlich, verulkt seine Fehler als Schwächen.
Genau so kündigt Feyerabend als philosophischer Clown seine gefährliche Dressur der Intellektuellen an und führt sie als "Mäuse in schlechtsitzenden Löwenkleidern" in die Manege, zum Totlachen. Tusch: Jetzt "geht es ihnen an den Kragen". Tusch! "Die Zeit ist vorbei, wo Große Geister, verbunden mit den Starken Kräften der Gesellschaft, das Leben der übrigen Menschen dirigieren konnten."
"Meine Argumente waren sehr gut", erklärt er dem Publikum, damit es weiß, wann es zu staunen hat, wann es sich auf die Schenkel schlagen darf. Wer wegen des Wortes "Argumente" noch nicht gleich lacht, kommt wegen seines "rationalistischen Stumpfsinns" in die Ecke. Da mag er erkennen, "daß heute die Institutionen des Staates die Intellektuellen bei ihrem Feldzug der Volksverblödung unterstützen".
Aber fürchtet euch nicht: "Anything goes." Überwurf und Nierenschere: "Beseitigung der "akademischen Freiheit"; Beseitigung der Macht wissenschaftlicher Schutzverbände; Übernahme der Universitäten durch freie Bürger -- oder ihre Verwandlung in Privatunternehmen; Kontrolle von Steuergeldern für die Wissenschaften; Kontrolle wissenschaftlicher Unternehmungen und so weiter."
Wer lacht da noch nicht, wenn sie in Pauls Schwitzkasten zappeln, die Mediziner, die Götter in Weiß, die Gerichtsgutachter, Experten für Wahn und Wirklichkeit, die Atomphysiker, Herren über Strom und Strahlen und all die anderen Intellektuellen.
Wer taucht da nicht auf "für kurze Zeit aus dem Ozean von Angst, Elend, Selbstsucht ... in den ihn sein Schicksal geworfen hat und wo er gewöhnlich von den "Wahrheiten" seiner Erzieher festgehalten wird" -- es darf gelacht werden, es soll gelacht werden.
Es gebe "teilweise frappierend ähnliche Formulierungen" bei Paul Feyerabend und bei Adolf Hitler, meinte ein Kritiker, der Mannheimer Philosoph Helmut Spinner. "Typisch für den moralischen Katzenjammer deutscher Intellektueller", so kontert unser philosophischer Herr Karl. Und mit "Anything goes" trickst er seinen Partner Spinner aus: "Hitler war eben ein intelligenter Mensch, intelligenter als die meisten kritischen Rationalisten, mit einem klaren Blick für die Komplexität historischer Abläufe", und im übrigen sei das Hitlerproblem "schwerer, als es sich der kleine Helmut vorstellt".
Das kommt davon, wenn man sich mit Feyerabend anlegt, ihm, dem Entertainer, mit "einfältiger politischer Rhetorik" ins Programm pfuscht. Außerdem könne er sich ja nicht "die Nase abschneiden, weil Herr Hitler auch eine Nase hatte" -- aber vielleicht könnte er seine Clown-Nase mal abnehmen.
Die hat er nämlich nicht unbedingt nötig. Zwar mag Feyerabends harte Abrechnung mit den Wissenschaftlern und Technokraten viele vor den Kopf stoßen, nicht ganz unrecht hat er allemal mit seiner Behauptung, "daß die modernen Wissenschaften und der moderne Rationalismus vielleicht auch grundlegende Fehler haben".
Freilich, ob die von Feyerabend in seinem Buch propagierte "freie Gesellschaft" -- "eine Versammlung reifer Menschen" -- die Welt besser macht, mit ihren "Bürgerinitiativen statt Erkenntnistheorie"?
Er sollte doch lieber Entertainer werden, der Philosophie-Professor Feyerabend. Aber erst einmal haben ihn die fröhlichen Züricher an ihre Technische Hochschule geholt: als Ordinarius für Philosophie der Wissenschaften. Viel Vergnügen mitanand.
Helmut Gumnior

DER SPIEGEL 19/1979
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