07.05.1979

AUTOMOBILEAufgeblasener Löwe

Für Europas Mittelklasse-Fahrer läßt der französische Peugeot-Konzern nach elf Jahren ein neues Modell anrollen: den Peugeot 505.
Die Premiere mußte verschoben werden, Streikende Arbeiter hatten die Peugeot-Automobilwerke in Sochaux, nahe der schweizerischen Grenze, besetzt, zerdepperten neue Autos und Werkzeugmaschinen, schlitzten Reifen auf.
Dann waren die Polizei und der rund 100 Köpfe zählende Peugeot-Familienclan wieder Herr der Lage: Generaldirektor Francois Gautier konnte, im Juni 1968, endlich seinen "großen Tourenwagen europäischer Tradition von klassischer Formgebung und eleganten Linien" enthüllen. Es war der erste große Mittelklassewagen von Peugeot, genannt Peugeot 504.
Einziges auffälliges Merkmal des Neulings mit dem Löwen als Markenzeichen war eine betonte Schlitzaugenstellung seiner Scheinwerfer. Das Komfortauto mit dem leisen Motor und der aufwendigen Schräglenker-Hinterachse wurde ein Marktschlager.
In elf Jahren wurden, einschließlich zusätzlicher Dieselmodelle und einer zur Ölkrise von 1973 rasch präsentierten Spar-Version mit der Starrachs-Technik des alten Peugeot 404, weit über 2,5 Millionen Exemplare gefertigt. Deutsche Käufer, unter denen der Peugeot insgeheim als "französischer Mercedes" geschätzt wird ("Auto, Motor und Sport": "Der Sanfte aus Frankreich"), erwarben mehr als 200 000 Peugeot 504.
Der einstige Hersteller stählerner Korsettstangen, mit denen die Französinnen ihre Fettpolster besser als mit Fischbeinstäbchen zügeln konnten, hat unterdes selber zugenommen. Peugeot, regiert von den drei Vettern Roland, Bertrand und Pierre, schluckte zuerst den siechen Konkurrenten Citroen. Danach übernahm das Familienunternehmen, gegen 230 Millionen Dollar in bar und einen Batzen Peugeot-Aktien, auch noch die europäischen Töchter des US-Autokonzerns Chrysler und wurde dadurch Europas größter Autohersteller.
So gestärkt, machten sich die Peugeot-Ingenieure an die Vollendung des Nachfolge-Modells ihres Erfolgsautos. Der Neue, folgerichtig Peugeot 505 genannt, kommt nun auf den Markt. Nach Art des Hauses deklariert Peugeot den neuen Wagen, noch komfortabler geartet und stärker motorisiert als der alte, verschämt als "Ergänzungstyp", weil der Peugeot 504 womöglich noch einige weitere Jahre gebaut werden soll. Unverkennbar verrät auch das "505"-Antlitz den Asiaten-Look der ganzen Peugeot-Linie.
"Alles glatt und sauber, aber keine Highlights", urteilte ein Autotester nach ersten Probefahrten. Während Peugeot seinen jüngsten Sproß als "attraktiven Europäer" einstuft, empfanden andere Tester ihn als "sympathischen Langweiler, an dem nichts aufregt", und als "ein schönes Auto, aber wie ein aufgeblasener Peugeot 305" anmutend (womit der Peugeot der unteren Mittelklasse gemeint ist) "L'Express" beklagte "eine gewisse Seitenwindempfindlichkeit" und einen "ungeschickt placierten Aschenbecher".
Peugeot offeriert seinen 4,58 Meter langen Stufenheck-Fünfsitzer "von stattlichem, jedoch unaufdringlichem Erscheinungsbild" (so Peugeot) wahlweise mit zwei Ottomotoren, beides Vierzylinder-Triebwerke mit zwei Liter Hubraum, wie beim Peugeot 504. Ihre Leistungen liegen kaum über den Daten des Vorgängers: 96 PS und 164 km/h mit dem Vergaser-Modell, 110 PS und 175 km/h als Einspritzer.
An Getrieben bietet Peugeot alles: vier Gänge, fünf Gänge und Automatik. Die Preise stehen noch nicht fest, werden aber vermutlich, je nach Ausstattung, von etwa 18 000 bis 21 000 Mark reichen -- alles interessant genug, um sogar lieferfristen müde Mercedes-Kunden ins Wanken zu bringen.
"Ein Auto, an dem nichts fehlt -- außer ein paar PS", hatte einst ein Autotester der "FAZ" über den "504"-Diesel (65 PS) geklagt und den Wagen einen "müden Löwen" genannt. Der neue Diesel-Peugeot 505 (Hubraum: 2,3 Liter) hat fünf PS mehr, um dem Löwen Beine zu machen.
Teile der Karosserie baut Peugeot zudem aus luxuriös verzinkten Stahlblechen, läßt überdies schützendes Wachsgemisch in blecherne Kavernen blasen -- alles nur, um das von etlichen Peugeot-Eignern beklagte heimtückische Walten jener Unholde zu verhindern, die von der "ADAC-Motorwelt" einmal "Vater Rost und Bruder Gammel" genannt wurden.

DER SPIEGEL 19/1979
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