07.05.1979

REAKTOR-UNFALLWen's trifft

Wesentlich höher, als ursprünglich angenommen, war die Strahlenbelastung der Anwohner von Harrisburg. US-Gesundheitsminister Califano rechnet mit zusätzlichen Krebstoten.
Fast fünf Wochen sind seit der Beinahe-Eruption des Atomreaktors von Harrisburg vergangen. Aber Nachbeben zeigen sich noch immer.
Wurde die radioaktive Wolke, die aus dem 200 Meter hohen Schlot des Atommeilers ausgetreten war, die Gesundheit der Anwohner gefährden? Am 4. April, eine Woche nach dem Reaktorunfall, hatte US-Gesundheitsminister Joseph Califano diese Frage noch eindeutig verneint.
Letzte Woche aber, vor einem Unterausschuß des US-Senats, mußte der Minister seine Meinung revidieren: Die zusätzliche Strahlenbelastung, der die Anwohner von Harrisburg in einem Umkreis von 80 Kilometern durch den Reaktorunfall ausgesetzt waren, ist nach neuesten Berechnungen doppelt so hoch, wie ursprünglich angegeben.
Das bedeutet: Nach statistischer Wahrscheinlichkeit muß in diesem Gebiet mit mindestens einem, möglicherweise sogar mit zehn zusätzlichen Krebstodesfällen gerechnet werden.
Von den rund zwei Millionen Einwohnern im 80-Kilometer-Umkreis von Harrisburg werden, entsprechend der derzeitigen US-Todesursachenstatistik, 325 000 an Krebs sterben. "Ein oder zehn zusätzliche Krebstote", so kommentierte Califano seine Erklärung vor dem Ausschuß, "mögen angesichts dieser Zahl statistisch gesehen wenig wiegen." Dennoch seien die neuen Erkenntnisse "von höchster Bedeutung -- für diejenigen, die es trifft".
Die neuen Berechnungen der Verantwortlichen in USA stützen sich unter anderem auf veränderte Einschätzungen, die Wissenschaftler der amerikanischen National Academy of Sciences Mitte letzter Woche bekanntmachten; Die Gesundheitsgefährdung durch vergleichsweise niedrige Strahlendosis sei bisher offenbar unterschätzt worden.
Da der Nachweis einer Krebserkrankung als Folge von radioaktiver Strahlung einstweilen nur für hohe Strahlendosis zu führen ist, sind die Mediziner darauf angewiesen, die Risiken geringerer Strahlenbelastung rechnerisch zu ermitteln. Die Krebsgefahr, so die gängige Annahme, vermindert sich proportional zur verringerten Strahlendosis.
Nun aber zeigt sich, daß zumindest die Strahlenempfindlichkeit schon von Individuum zu Individuum stark unterschiedlich ist. Generell ist das Krebsrisiko durch Strahlung für Frauen größer als für Männer; Kinder sind stärker gefährdet als Erwachsene.
Während man bisher annahm, Leukämie sei die häufigste Krebsart nach einem Strahlenunfall, zeigt sich nun ein differenzierteres Bild: Zwar tritt, nach einem Strahlenunfall, Leukämie (wegen der relativ kurzen Latenzzeit) als erste zutage. "Langfristig aber", so der Bericht der Academy of Sciences, "könnten Brust-, Lungen-, Schilddrüsen- und Krebse des Verdauungssystems viel häufiger auftreten."
* rem: Abkürzung für "Roentgen equivalent man"
= Maßeinheit für die relative biologische wirksamkeit von Strahlung.
Weitere Informationen über das Strahlenrisiko bei Reaktorunfällen erhofft sich der US-Gesundheitsminister von einer Studie, die amerikanische Wissenschaftler noch in diesem Sommer liefern wollen: Sämtliches bei US-Regierungsstellen gespeicherte Material über Strahlenbelastung bei Atombombenversuchen in den fünfziger und sechziger Jahren soll erneut gesichtet werden.
"Ungewißheit" herrsche auch nach den jüngsten Berechnungen noch über die möglichen Spätfolgen von Harrisburg, gestand Califano letzte Woche. Fest steht immerhin, daß die sogenannte "Bevölkerungsdosis" im Umkreis des Reaktors, ursprünglich auf 1800 rem* geschätzt, in Wahrheit mindestens 3500 rem betrug. Im statistischen Durchschnitt habe jeder Einwohner der Gegend in der Zeit vom 28. März bis 2. April eine zusätzliche Strahlenbelastung von 0,9 Millirem erlitten.
Ausgenommen von dieser Rechnung freilich sind die 261 Beschäftigten, die sich zur Unfallzeit auf dem Reaktorgelände aufhielten. Die meisten von ihnen waren mindestens der hundertfachen Strahlendosis ausgesetzt wie die Zivilbevölkerung. Einige von ihnen bekamen sogar 3000 bis 4000 Millirem ab -- fast soviel, wie Arbeitern in einem Reaktor sonst über ein ganzes Jahr zugemutet werden darf.

DER SPIEGEL 19/1979
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