05.03.1979

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Der gefeuerte Chef der Münchner Tonbandgeräte-Fabrik Uher profitierte vom Know-how seiner ehemaligen Firma. Seine Mitarbeiter kamen wegen Industriespionage vor Gericht.
Die Ausgangsposition schien für einen österreichischen Adligen nicht gerade standesgemäß: "Ich war ja nun mal im Mist gelegen", erinnert sich Wolfgang Freiherr von Hornstein, 61, an den Beginn der Affäre.
Nach fast zwanzigjähriger Tätigkeit als Geschäftsführer der Münchner Tonbandgerätefabrik Uher war der Baron 1972 von Firmenbesitzer Hans Veit Graf zu Toerring-Jettenbach "rausgeschmissen worden" (Hornstein) -- "wegen Unregelmäßigkeiten", behauptet die Uher-Geschäftsführung, wegen "Rechenfehler", meint der Baron.
Daraufhin begann der entmachtete Adlige, mit 30 Hilfskräften in den ehemaligen Stauungen seines Bauernhauses in Münsing am Starnberger See Tonköpfe zu fertigen. Hauptkunde war zunächst -- Adel verpflichtet -- sein ehemaliger Arbeitgeber. Als Graf Toerring aber 1974 sein Uher-Erbe an den Diktiergeräte-Fabrikanten und Bundespost-Lieferanten Rüdiger Hoessrich ("Kein Anschluß unter dieser Nummer") verkaufte, waren die Köpfe des Barons nicht mehr gefragt.
Von Hornstein konnte seinen Hofbetrieb zwar mit Ersatzaufträgen aus der Filmprojektor-Branche ("Agfa", "Noris") auf Touren halten, zukunftsträchtige neue Entwicklungen aber fehlten ihm.
Um so aufmerksamer verfolgte der Baron daher von seinem Landsitz aus die Ereignisse in der Münchner Uher-Fabrik. Zahlreiche Getreue, einige davon sogar im Betriebsrat, hielten ihn stets auf dem neuesten Stand.
So wußte der Aristokrat mit den guten Kontakten zur Basis sofort Bescheid, als sich im Frühjahr 1977 ein Streit zwischen Uher-Geschäftsführung und Betriebsrat um eine Neuentwicklung zuspitzte. Mit Argwohn verfolgten die Arbeitnehmer-Vertreter die Bemühungen ihrer Geschäftsleitung, die Firma durch neue Produkte aus den roten Zahlen zu bringen. Die Belegschaft war auf Tonbandgeräte eingeschworen, seit Uher in den sechziger Jahren mit einem noch heute vielfach genutzten Reportage-Gerät bekannt geworden war. Die neuen Uher-Chefs dagegen wollten in die Datenverarbeitung.
Seit drei Jahren hatte ein Dutzend Leute in einer besonderen Entwicklungs-Abteilung für 1,5 Millionen Mark mit einem mobilen Datenerfassungssystem ("Datalog 2000") experimentiert. Auf der Grundlage des Uher-Kassettenrecorders CR 210 sollte ein tragbarer Datenspeicher gebaut werden, der etwa Lagerbestände oder Meßdaten für Energieversorgungsunternehmen aufnehmen könnte. Überdies sollte das Gerät die herkömmlichen mechanischen Fahrtenschreiber in Lkws ersetzen.
Das ehrgeizige Projekt unter der Leitung eines ehemaligen Raumfahrtphysikers hatte allerdings einen entscheidenden Fehler: Schon bei Temperaturen unterhalb von plus zehn Grad Celsius arbeitete das riemengetriebene Hi-Fi-Kassettenlaufwerk des CR 210 nicht mehr mit der nötigen Präzision.
Auf eine andere Laufwerks-Konstruktion wollten die Uher-Chefs sich aber nicht einlassen, weil sonst die kostensparende Verbundproduktion von Hi-Fi- und Datenlaufwerk unmöglich wurde. Die Entwickler drehten sich im Kreis.
Die an der Datalog arbeitenden Ingenieure und Techniker -- meist Leiharbeiter, die von einem Tag auf den anderen gefeuert werden können -- sahen das Ende ihrer Abteilung nahen und wurden unruhig.
Der Baron sah eine Chance, sich mit eigener Kraft aus dem "Mist" zu ziehen. Anfang Mai 1977 ermunterte er -- vermittelt von einem Intimus -- verstörte Mitglieder der Datalog-Gruppe, auf jeden Fall mal bei ihm vorbeizuschauen.
Von den Plauderstunden ihrer Mitarbeiter mit dem Edelmann erfuhren die Uher-Chefs sogleich -- auch sie hatten ihren V-Mann in der aufmüpfigen Abteilung. Sie erstatteten Anzeige wegen Industriespionage bei der Münchner Staatsanwaltschaft. Als er die Wohnung eines der Beschuldigten, des Maschinenbautechnikers Peter Frieske, durchsuchte, entdeckte Erster Staatsanwalt Walther Todd tatsächlich auch belastendes Material: etliche Uher-Blaupausen, Nachzeichnungen von Datalog-Teilen und Stücklisten.
Der ebenfalls von Uher angezeigte Freiherr von Hornstein stand besser da. Er hatte den Mechanik-Konstrukteur Frieske und den ebenfalls beschuldigten Elektronik-Fachmann Wolfgang Kanis formlos in seine Dienste genommen. Bezahlt wurde mit Barschecks. Um ganz sicher zu gehen, ließ sich von Hornstein zudem für die gezahlten Gelder einen Darlehensvertrag unterschreiben. Falls etwas schieflaufen sollte, hätte er die Summe von über 120 000 Mark zurückfordern können.
Peinlich ist dem Edelmann das unfeine Verfahren schon. "Ich genier' mich ein bißchen selber", gesteht er, "weil man sich als Unternehmer in solch ein Risiko hineinmanövrieren muß."
Doch das Unternehmerrisiko lohnte. Frieske und Kanis entwickelten dem Baron -- trotz des gegen sie laufenden Ermittlungsverfahrens -- ein Datenlaufwerk mit Direktantrieb', das nicht mehr die Fehler der Uher-Konstruktion aufweist und daher auch nicht als Nachbau verfolgt werden kann.
Fast ein Dutzend ehemaliger Datalog-Mitarbeiter ist mittlerweile zu Hornstein übergewechselt. Uher gab den Zweig Datentechnik auf. Und Hornsteins Motor läuft schon -- so der Baron zufrieden -- "bei einer großen Anzahl von Firmen zur Probe".
Gelassen verfolgte von Hornstein Ende Februar als Zeuge und Zuhörer vor dem Münchner Amtsgericht den Prozeß gegen seine Mitarbeiter Frieske und Kanis. Die Ermittlungen gegen den Freiherrn selber hatte die Staatsanwaltschaft schon nach wenigen Monaten eingestellt, da ihm konkrete Anstiftung zur Industriespionage nicht nachzuweisen war.
Die beiden Angeklagten wurden jetzt wegen Unterschlagung und Geheimnisverrats zu Geldstrafen verurteilt. Einen der beiden -- Frieske, der sich inzwischen mit von Hornstein zerstritten hat -- erwartet zudem ein vom Baron angestrengtes Betrugsverfahren. Den anderen benötigt der Freiherr noch dringend.
"Herr Richter", mahnte von Hornstein während des Prozesses, "der Herr Kanis geht mir unheimlich bei der Entwicklung ab."

DER SPIEGEL 10/1979
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