29.01.1979

RUDOLF AUGSTEIN„Ich habe es nicht gewußt“

Auf meine Nazi-Vergangenheit komme ich ungern zu sprechen. Nicht weil ich etwas zu verbergen hätte, sondern, ganz umgekehrt, weil ich zufällig aus einer Familie stamme, die wegen ihrer katholischen Überzeugung in strikter Gegnerschaft zum Hitlerreich stand.
Helden waren auch wir allesamt nicht. Ich beispielsweise, Jahrgang 1923, wurde 1938 Mitglied der Hitler-Jugend in einer Marionettenspielschar. Aber mit dem Schulspeisungs-Kakao, den ich als Sproß einer kinderreichen Familie kostenlos suckeln durfte, sog ich Haß und Feindschaft gegen das Hitler-Regime mit ein. Mein Vater und meine Freunde, wir waren überzeugt, daß Hitler einen neuen Krieg machen werde und daß er ihn, um Deutschlands willen, verlieren müsse. Nie war ich so deprimiert wie in den großen Tagen von 1940, als Hitler durch Paris streifte.
Wie gesagt, nicht mein Verdienst. Man konnte auch anders aufwachsen. Ich schicke diese Erklärung nur voraus, um zu belegen, daß ich die Verbrechen der Nazis, wo ich ihrer gewahr wurde, sorgfältig registriert habe (mein Vater glaubte sogar, die Nazis hätten den Bischof von Hildesheim, Nikolaus Bares, vergiftet, und wir wissen ja inzwischen, daß die Nazis deutsche Bischöfe nicht umgebracht haben).
Dreieinhalb Jahre war ich, Arbeitsdienst eingerechnet, an der Ostfront, als Soldat in einer selbständigen (Schwerpunkt-)Einheit der Heeresartillerie. Ich bin dort viel herumgekommen. Aber erst nach Kriegsende erfuhr ich, daß die Nazis die Juden systematisch ermordet hatten. Auf diese Idee war selbst ich, der ihnen alles zutraute, nicht gekommen.
Der Kaufmann Rüdenberg und seine Frau in Hannover, der meinem Vater seine Bildersammlung, lauter Lovis Corinth"s, zum Geschenk anbot ("Nach dem Krieg geben Sie mir die Hälfte wieder, wenn ich noch lebe", mein Vater wollte nicht, er fand die Bilder auch zu schweinisch), was war aus beiden nach unserer Ansicht geworden? Nun, man hatte sie nach Osten gefahren und in Arbeitslager gesteckt. Ihre Chancen, zurückzukehren, waren 50:50, vielleicht etwas geringer, wenn man ihr Alter bedachte. Aber einem Juden, der noch arbeiten konnte oder der pfiffig war, würde man dem nichts zu essen geben? Undenkbar übrigens, meine eigene Chance, als VB-Funker den Krieg zu überleben, schätzte ich nicht viel höher ein).
Als Kantinenwirt des Reichsarbeitsdienstes in Kulm 1941 erfuhr ich von dem Vormann Schnase (an dem Tag, als er das Lager verließ), SS-Leute hätten Kulmer Juden so lange mit Bambusstöcken auf die Hoden geschlagen, bis diese ohnmächtig geworden seien. Nun, das glaubte ich, so schätzte ich die Dreckskerle ein.
Gerüchten dieser Art nachzugehen, fehlte unsereinem die Zeit, die Gelegenheit und die Energie. Wozu auch? Wir hatten mit der Nazi-Maschinerie selbst genug zu tun, und machen konnten wir ohnehin nichts. Wir wollten nichts anderes als die Juden auch, nämlich überleben.
In der Ukraine, im Sommer 1943, während des einzigen Vormarschs, den ich je mitgemacht habe, zogen unsere Leute bei der Mühle von Gadjatsch einen sowjetischen Kommissar aus einem Loch. Sie machten sich über seine rotgelackten Offiziersstiefel her und schickten ihn barfuß nach hinten: "Der wird ja doch erschossen." Dies wußten wir. Ich habe nicht protestiert. Einen der Spionage verdächtigten Polen ließ ich entlaufen, als ich nachts Wachdienst hatte. Der Batteriechef brüllte mich an und sagte dann nur kurz: "Ich danke Ihnen."
In Woitowka, einem rumänischen Dorf, wurden 1944 rumänische Juden zusammengezogen, konzentriert. Sie waren wegen ihrer Fertigkeiten bei der dumpfen bäuerlichen Bevölkerung unbeliebt, bei uns Soldaten beliebt. Ein junges Mädchen sagte mir: "Morgen muß ein Teil von uns weg. Wir werden alle ermordet." Ich fragte: "Wie machen die das? Und wieso ihr alle?" Sie sagte: "Weiß ich auch nicht. Wir haben aber zuverlässige Nachrichten, daß niemand von uns wieder zurückkommt, das ist alles." Ich sagte: "Du bist jung, und sie brauchen Arbeitskräfte. das sieht man doch." "Nützt alles nichts", sagte sie. Ich ahnte also und wußte nichts.
Auf unseren Rückzügen trafen wir keine Juden an, aber das machte mich nicht stutzig. Wir trafen ja auch nicht auf junge Männer. Gegen Kriegsende kam ich als Offiziersanwärter noch nach Theresienstadt und konnte nun mit eigenen Augen feststellen, daß es noch Juden gab. Ob die beiden Rüdenbergs nicht vielleicht doch hier in Theresienstadt saßen?
Und mein Vater, der jeden Abend Radio London und Radio Moskau hörte? Auch er hatte es nicht gewußt. Wie denn auch? Der kanadische Abwehroffizier im britischen Geheimdienst, Milton Shulman, hat in den ersten Monaten des Jahres 1944 "mit Entsetzen" das Vernehmungsprotokoll eines deutschen Kriegsgefangenen gelesen, in dem eine Massenerschießung à la "Holocaust" beschrieben wurde.
Er und seine Kollegen hielten die Geschichte für übertrieben, "äußerstenfalls für einen schlimmen Einzelfall". Ungeheuerlich bleibt, daß die Radiostationen des westlichen Auslands, daß der Papst das Morden nicht lauthals angeprangert haben: So unempfindlich waren die Nazis nicht, daß sie auf die Stimmung ihrer Truppen und der Bevölkerung nicht irgendwie hätten Rücksicht nehmen müssen; vielleicht, vielleicht auch nicht.
Habe ich also wirklich nichts gewußt? Ja und nein. Jeder von uns kannte Dachau, Dachau stand für Eingesperrtsein und Nazi-Brutalität, für Konzentrationslager schlechthin. Ich kam aus dem östlichen Krieg nach Hause und wußte nichts von Gaskammern, nichts von der systematischen Ausmordung. Der Krieg hatte mich stumpf gemacht, mir wurde plötzlich bewußt, daß ich mich alt die Zeit nur um mein eigenes Schicksal und das meiner Familie gekümmert hatte. Das Los der Juden war aus meinem Blickfeld herausgetreten.
Die ersten Bilder von Skelett-Halden machten mir Grausen, aber kein schlechtes Gewissen. Sie waren nur der Anfang und kamen aus dem britisch besetzten Bergen-Belsen, wo nicht vergast worden war. Als Reporter wurde ich von den Briten eingeteilt für den ersten KZ-Prozeß.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 5/1979
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