29.01.1979

Schwarzer Freitag für die Historiker

Es ist einfach phantastisch: Da haben sich nun unsere Zeitgeschichtler, Journalisten und Filmemacher jahrelang bemüht, in Dokumentationen, Artikeln und Filmen den ganzen Horror des deutschen Jahrhundertverbrechens zu vermitteln - und doch muß erst ein Konsumfilm Hollywoods kommen, um die Nach-Hitler-Deutschen aufzurütteln.
Und er macht seine Sache überwiegend gut, dieser vorher so vielgelästerte Rührfilm aus den USA. Nie zuvor wurde plastischer und drastischer vorgeführt, was Rassenfanatismus, Gleichgültigkeit und Seelenlosigkeit der Apparatschiks Menschen antun können; kein anderer Film hat jemals den Leidensweg von Millionen Juden in die Gaskammern so anschaulich, so nachvollziehbar gemacht.
Erst seit und dank "Holocaust" weiß eine größere Mehrheit der Nation, was sich hinter der schrecklichen und doch so nichtssagenden Bürokraten-Formel "Endlösung der Judenfrage" verbirgt. Sie weiß es, weil die US-Filmemacher den Mut hatten, sich von dem lähmenden Lehrsatz freizumachen, der ähnliche Versuche ihrer deutschen Kollegen immer zum Scheitern verurteilte: daß der Massenmord undarstellbar sei.
Sie erinnerten sich einer Idee, die zum erstenmal aufgetaucht war, als Adolf Eichmann in Jerusalem vor Gericht stand; damals meinten einige, es wäre der Gewissenserforschung der Welt dienlicher, wenn Eichmann nicht wegen der Ermordung von Millionen Menschen, sondern nur einer einzigen Familie angeklagt würde. Begründung: Der Tod von ein paar Menschen rüttele mehr auf als die Monotonie eines unvorstellbaren Massensterbens.
Die Ein-Familien-Idee griffen die Amerikaner auf, und die offenkundige Resonanz gibt ihnen recht: So rührselig auch manche Szene sein mag, so gekünstelt gelegentlich die Dramaturgie - das Schicksal der jüdischen Familie Weiss erschließt mehr als jede Addition ähnlicher Lebensläufe dem Zuschauer die ganze Wahn- und Horrorwelt des Judenmords.
Da wirken dann selbst die furchtbaren Massen-Erschießungs-Szenen des Films seltsam blaß. Was bleibt, was sich auf lange Zeit einprägen wird, sind die Leidensstationen dieser einen Familie: Terror beim Berliner Judenpogrom, die Hoffnungslosigkeit erster KZ-Haft, Leben und Tod im Warschauer Getto, Bestialitäten in Theresienstadt, das Ende im Vernichtungslager - Holocaust.
Wie anders: Der Film enthält Detailfehler. Drehbuchautor Gerald Green ist kein Historiker, so sehr ihn auch die Werbesprüche des WDR zu einem zeitgeschichtlichen Sachbuchschreiber aufwerten wollen. Er hat nur recht fragmentarische Kenntnisse über die Zustände in Hitlers Deutschland.
So informiert "Holocaust" in manchen Einzelheiten falsch. Da wird die alte Mär vom Halbjuden Heydrich wieder aufgewärmt, da werden die Hintergründe des November-Pogroms von 1938 in ihr Gegenteil verkehrt, da erfährt man Unrichtiges über die Chancen der jüdischen Auswanderung vor Kriegsausbruch, da sind die meisten der authentischen SS-Führer Karikaturen.
Auch Sprache und Gestus der NS-Deutschen stimmen oft nicht, ungewollt kommt Leicht-Komisches ins Bild. Selbst den ersten Phasen der Weiss-Tragödie haftet manches Unglaubwürdige an.
Doch was würde es nützen, wollte man nun pingelig darlegen, daß in Wirklichkeit der polnische Jude Weiss Ende 1938 nicht nach Polen ausgewiesen werden konnte, weil Warschau damals keine Juden mehr aufnahm; daß der nach dem Pogrom verhaftete Weiss-Sohn Karl wie seine Schicksalsgefährten spätestens im Frühjahr 1939 aus dem KZ wieder entlassen worden wäre und der Weiss-Verwandte Helms als Soldat der Wehrmacht nie strafweise zu einer SS-Einsatzgruppe versetzt werden konnte.
Der inneren, der höheren Wahrheit der "Holocaust"-Story können solche Korrekturen nichts anhaben, die Geschichte vom Leiden und Sterben der Familie Weiss bleibt auf ihre Art authentisch. Schließlich haben Green und sein Regisseur Marvin Chomsky keinen Dokumentarfilm drehen wollen; zudem lädt ein Film über den nazistischen Massenmord, zumal für amerikanische Konsumenten hergestellt, kaum zu zeitgeschichtlicher Differenzierung ein.
Gleichwohl bleibt dies für einen deutschen Zuschauer der gravierende Einwand gegen den Film: Er trifft nicht die volle Wirklichkeit des Dritten Reiches.
"Holocaust" beschränkt sich allzu sehr auf Verfolger und Verfolgte, auf Henker und Opfer - und ignoriert dabei die Grauzone der Durchschnittsdeutschen, die - angepaßt und fast gelähmt - gleichgültig beiseite standen oder sogar nach Wegen suchten, den bedrängten, verteufelten und aus der Gesellschaft ausgestoßenen Juden Solidarität zu bekunden. Der Film beraubt sich damit der Chance, die Mechanismen eines Regimes darzustellen, in dem bloße Menschlichkeit schon eine Art Heldentum war.
Diese Wirklichkeit würde auch gebieten, SS-Männer differenzierter zu sehen. In "Holocaust" sind sie wieder einmal auf die Rolle von Sadisten, Zynikern und Opportunisten reduziert; wo immer sie auftauchen, müssen sie schlagen, foltern, morden, intrigieren, saufen, Karriere machen. Gab es unter SS-Männern gar keinen, der auch menschlich sein konnte?
Natürlich kennt die Geschichte des Dritten Reiches Fälle, in denen SS-Männer Juden halfen, Mordbefehle nicht ausführten und sich Erschießungskommandos entzogen. Doch wichtiger ist dies: Die Reduzierung der Juden-Verfolger auf Sadisten und Schläger könnte eine der wesentlichsten Erkenntnisse der Nachkriegszeit verdrängen: daß die Judenvernichtung nicht allein eine Sache von Prüglern und Fanatikern war.
Abartige, die von Verbrechen dieser Art angelockt werden, hat es zu allen Zeiten gegeben. Das Unerhörte aber, das wahrhaft Entsetzliche der Judenvernichtung lag darin, daß Tausende biederer Familienväter dem öffentlichen Geschäft des Mordens nachgingen und sich am Feierabend in dem Gefühl streckten, gesetzestreue, ordentliche Bürger zu sein, denen es nicht einfallen würde, einen Schritt vom Pfad privater Tugenden abzuweichen.
Wie einfach wäre die Welt gewesen, wie leicht hätte sie das Furchtbare wieder abschütteln können, wäre der Massenmord ein Werk von Sadisten gewesen! Die Mörder in den Todesfabriken aber waren Beamtenseelen, die in ihrem grotesk-heuchlerischen Selbstmitleid sich als tragische Menschen vorkamen.
Daß Green und Chomsky für diese Aspekte keinen Blick haben, ist ihnen nicht sonderlich anzulasten. Ihr Thema ist das Martyrium des jüdischen Volkes - die Psychologie der Mörder und der deutschen Umwelt kümmern sie kaum.
Doch für deutsche Filmemacher sollte es an der Zeit sein, einen eigenen und vielleicht differenzierteren "Holocaust" in Angriff zu nehmen. Denn die Woche, in der ein ganzes, verwirrtes Volk vor den Bildschirmen in Erregung geriet, darf nicht ohne Folgen bleiben.
Auch Westdeutschlands Historiker, denen die "Holocaust"-Ausstrahlung zu einem Schwarzen Freitag geworden ist, haben einigen Grund, über Sinn und Nutzen ihrer Arbeit nachzudenken. Selten ist einer Wissenschaft so drastisch bescheinigt worden, daß sie jahrzehntelang an den Interessen und Bedürfnissen der Öffentlichkeit vorbeigelebt hat. Es ist Zeit, umzukehren.

DER SPIEGEL 5/1979
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