29.01.1979

„Machen Sie fertig den Galgen für 12 Mann“

„Wie ich diesen Leuten begegnen würde“, fragte sich Fernseh-Autor Ebbe Demant, bevor er Ende letzten Jahres mit den Aufnahmen begann. „Diese Leute“ waren einst KZ-Bewacher in Auschwitz und verbüßen jetzt in Schwalmstadt lebenslange Haftstrafen. Demants Gespräche bilden die Grundlage für verschiedene Sendungen, die der Südwestfunk plant. Die Interviews erscheinen demnächst bei Rowohlt*. Auszüge:
Wie sind Sie denn nach Auschwitz gekommen?
KADUK: Ja, nach Auschwitz bin ich gekommen durch das SS-9-Regiment. Ich war gewesen im Osteinsatz, und dann bin ich gekommen nach dem Osten, und in dem Osten da bekam ich Malaria. Und da bin ich gekommen nach Glatz, fuffzehn Mann, von dort sind wir nach Belau gekommen, Ersatzhaufen, und da hat man mir erzählt, daß wir kommen da auf einen Truppenübungsplatz, hat man uns belogen. Und da haben wir festgestellt, daß es ein Lager ist.
Wann war das?
KADUK: Das war Ende 1942. Und da haben wir das gesehen, gleich. Wir kamen in ein Haus der Waffen-SS, war gewesen vis-à-vis vom Bahnhof, und da stand die Streife da. Die haben uns kontrolliert. Die haben gesagt, ja, wir sind versetzt worden nach Auschwitz, und nächsten Tag, da haben wir uns zum Kommandeur gemeldet, alle, und der Kommandeur hat gesagt, ihr bleibt in Auschwitz. Da habe ich gesagt, wir wollen doch hier nicht bleiben. Da haben sie uns gesagt, wir bleiben ein halbes Jahr in Auschwitz, dann kommt ihr wieder zurück zur Truppe.
Als Sie das erste Mal das Lager betraten, welchen Eindruck hatten Sie?
KADUK: Ja, ja, wissen Sie, ich war etwas schockiert. Ich hab' geglaubt ... wir haben alle Häftlinge gesehen. Ich war schockiert, aber ich konnte an der Sache nichts machen.
Warum waren Sie schockiert?
KADUK: Ja, nun. Da haben sie abgesperrt. Da dachten wir: Mensch, da mit den Leuten, so viele Leute haben sie eingesperrt, und da habe ich mich sofort erkundigt, wieviel es damals waren. Da war es vielleicht im Stammlager damals, da hatten sie eine Stärke von ungefähr 13 000 Mann.
Starben da viele Menschen, haben Sie viele Menschen sterben sehen in Auschwitz?
KADUK: Ja, ich habe viele Menschen sterben sehen, es wurden auch viele Leute selektiert, sagen wir mal, das habe ich nicht persönlich gemacht; ich gebe zu, daß ich mal vielleicht vorbeigegangen bin, dabeistand.
Wer wurde da selektiert, die Kranken oder die Neuankömmlinge?
KADUK: Die Kranken wurden selektiert. Es war so gewesen, es waren so viel Zugänge gewesen, daß der Bettenbestand war voll, und da hat man dann selektiert. Manchmal hundert, manchmal hundertfünfzig, es war auch passiert, daß über zweihundert waren auch gewesen manchmal. Ich war verantwortlich gewesen, ich habe die Fahrbereitschaft angeläutet, betreffs der Wagen. Und da hatte ich persönlich mit der Sache nichts zu tun.
Was geschah dann mit den Menschen?
KADUK: Die sind dann gekommen an die Rampe, die kamen nach Birkenau in die Gaskammer.
Sind auch Menschen erschossen worden?
KADUK: Ja, erschossen wurden sie, und zwar im Block 11. Da hat die Politische Abteilung, war zuständig gewesen.
Können Sie sich noch an den Block 11 erinnern, wie sah der Block 11 aus?
KADUK: Ja, es war ein Block gewesen, es war eine Wand gewesen, und es waren Insassen dringewesen, die hatten Blenden gehabt, und da wurden sie am Schwarzen Brett erschossen.
Und warum wurden sie erschossen?
KADUK: Ja, das kann ich heute nicht sagen, nicht wahr. Es kam von Berlin aus eine Liste zu uns, und die Liste ist zum Schutzhaft-Lagerführer gegangen, Politische Abteilung, Schutzhaftlager, und ich habe die Leute für nächsten Tag bestellt und hab' gesagt, wir rücken zur Arbeit nicht aus. Und dann kamen sie nach Block 11 hin, und da hat die Politische Abteilung sie abgeholt, hat sie erschossen. Weswegen das war, weiß ich nicht.
Wie ging die Erschießung vor sich?
KADUK: Ja, das, ich war ... ich möcht' nichts sagen, wir wollen uns da nichts vormachen, ich war aber nicht dabeigewesen. Aber ich kann mir vorstellen, daß sie von kurzer Distanz erschossen worden sind. Es waren meistens Kleinkaliber, wurde angesetzt, von kurzer Distanz. Das war so wie eine Luftbüchse. Dann ist er umgefallen, dann kam der Wagen, dann bat man sie aufgeladen und ist herausgefahren zum Krematorium.
Ja, so traurig wie das klingt, aber leider, ich möchte auch nicht erinnert werden an die Sache, ich kann mir so vorstellen, daß so was passiert ist, manche sagen, wie war es möglich gewesen, ich frage mich auch, wo war die Kirche damals gewesen? Wehrmachtstransporte sind vorbeigefahren in Auschwitz, die standen am Bahnhof. Ein General, dann kam die schlechte Luft auf den Bahnhof.
Was für schlechte Luft?
KADUK: Daß sie was verbrannt haben, die Leichen, beim Krematorium, da schlug gerade die Welle auf den Bahnhof, das war so, als wenn der Bahnhof vernebelt wäre, da waren die von der Wehrmacht gewesen, da war ein General gewesen, der hat gesagt, bitte, machen Sie das Fenster zu, hat gesagt, meine Herren, was ist denn da hier los, keiner hat sich getraut, was zu sagen.
Welche politische Einstellung hatten Sie damals?
KADUK: Ja, ich werd' Ihnen was sagen, ich war damals gewesen war ich für das System. Ich habe mir geglaubt alles. Aber wo ich das gesehen habe, da war ich schockiert gewesen. Ich habe meiner Frau und meinen Kindern auch nichts gesagt, auch meinem Schwiegervater habe ich nichts gesagt, zu keinem habe ich etwas gesagt. Ich habe Angst gehabt.
Aber die lebten doch auch in Auschwitz, ihre Frau und ihre Kinder?
KADUK: Nein, die lebten in weiter Entfernung, weit entfernt waren sie gewesen. Ich habe nie gesagt ... Einmal kam mein Sohn auch mich besuchen, das war an einem Sonntag. Da war er damals acht oder zehn Jahre. Da hat er gefragt, was ist denn das? Da habe ich gesagt, das ist das Postamt. Und da hat er mir auch mal die Frage gestellt, Vati, hier riecht es so schlecht, schlechte Luft. Was sollte ich dem Jungen sagen? Können Sie mir das vielleicht sagen?
Und was haben Sie dem Jungen gesagt?
KADUK: Ja, ich habe, ich hab' ihm gesagt, das kommt mir so vor, das ist die Weichsel, vielleicht vom Wasser, so und so, aber er hat gemerkt ...
Wie war das gewesen mit den Frauen?
KADUK: Das waren die sich mit den Männern eingelassen haben, auf zwanzig Minuten, dreißig Minuten ...
Da gab es ein Lagerbordell?
KADUK: Ja, das war ein Bordell gewesen. Für eine Zeit war ich verantwortlich gewesen, aber das habe ich dann abgegeben.
Sie waren für das Lagerbordell verantwortlich?
KADUK: Ja, wir haben uns so abgelöst, mal der, mal der. Da konnte man zwanzig Minuten drin sein bei den Frauen, nach zwanzig Minuten da wurde geklingelt, da mußte man raus.
Und was waren das für Frauen?
KADUK: Das waren gewesen deutsche Frauen, meistens Deutsche oder Polinnen.
Kriminelle?
KADUK: Ja, das waren Kriminelle, weswegen, das kann ich nicht beurteilen, ich habe danach nicht gefragt, aber meistens, manchmal waren das Politische auch gewesen, Frauen, aber meist Kriminelle waren das gewesen. Wurden die Frauen gezwungen?
KADUK: Nicht gezwungen, freiwillig. Sie haben das alles freiwillig gemacht.
Für Häftlinge, und auch für Aufsichtspersonal?
KADUK: Ja, für Häftlinge, ja. Aufsichtspersonal hat mit der Sache nichts zu tun gehabt. Wir hatten nur die Aufsicht gehabt.
Und wie lange gab es dieses Bordell?
KADUK: Das gab es ziemlich lange, vielleicht bis zum Schluß, eineinhalb oder zwei Jahre wohl.
Und das war nur für auserwählte Häftlinge?
KADUK: Ja, für Auserwählte, na klar.
War das eine Auszeichnung?
KADUK: Ja, es war eine Auszeichnung, meistens waren es Deutsche gewesen, Berufsverbrecher, die waren gewesen tätig im Magazin oder in der Schreibstube, oder waren es Kapo gewesen. Und da haben wir ausgegeben solche Gutscheine, Gutschein zwei Mark, die Frau bekam eine Mark, eine Mark ging dann nach... Die haben sich freiwillig hingegeben die Frauen, man hat den Frauen auch versprochen, daß sie entlassen werden dafür, und das war nicht der Fall gewesen, man hat sie belogen.
Sie waren ja auch einmal bei einer Hinrichtungsaktion dabei?
KADUK: Ja, da war ich dabei, das gebe ich zu. Und die zwölf Häftlinge, die hat man mir ins Buch geschrieben... Und ich kannte sie auch sehr gut. Und da hat man sie ausgewählt, und da hat man sie nach dem Block 11 reingestopft. Block 11 waren sie gewesen, und da hat man sie zusammengepfercht, und das dauerte nicht lange, und da kam von Berlin die Hinrichtung. Soll ausgeführt werden am Dienstag, sagen wir mal, Moment, am Dienstag beim Appell. Da hat der Schutzhaft-Lagerführer gesagt, Herr Kaduk, machen Sie fertig, den Galgen für zwölf Mann, machen Sie alles in Ordnung. Ja, habe ich gesagt, wird ausgeführt. Also habe ich da eine Skizze gemacht, den Galgen haben wir aufgestellt, und dann habe ich die, die wo aufgehangen werden sollten, habe ich auch kontrolliert, und am Nachmittag hieß es, beim Appell werden die alle vorgeführt.
Und dann habe ich mir zwei Mann genommen nach Block 11, habe ich zwei Maschinenpistolen genommen, habe gesagt, geht holen, sie sollen vorgeführt werden, habe gesagt, paß auf, Hände auf dem Rücken, habe ich gesagt, tut mir leid, ich muß euch hier vorführen, keine Bewegung, sonst muß ich von der Schußwaffe Gebrauch machen.
Folgt mir, Abstand zwei Meter, vor dem Galgen mußten sie alle vor die Hocker stehen, alle. Und da hat mir der Alte gesagt, paß auf, sagte er, wenn sie verkünden, müssen sie hoch, auf den Hocker rauf, und jeder hat den Kopf in die Schlinge gelegt, so und so, und dann hat er vorgelesen, der von der Politischen Abteilung, und dann habe ich meinen Kollegen gesagt, so, Kameraden, ich gebe ein Zeichen jetzt, psst, und da haben wir die Hocker weggezogen, und da waren sie weg.
Haben Sie viele Tote gesehen in Auschwitz?
KADUK: Ja, ich habe viele Tote gesehen, will ich Ihnen sagen, mal klar, nicht, das geb' ich selber zu, ich hab's ja gesehen, wie sie auch rausgefahren sind, die sind auch meistens dann nach achtzehn Uhr mit dem Wagen rausgefahren.
Das Tor wurde aufgemacht, die Häftlinge sind reingefahren mit dem Wagen, haben einen Bretterwagen gehabt, und dann so eine Plane, da kamen die Toten drauf, und da können Sie sich ja vorstellen, wenn die da nicht mit Gas, nur mit, erschossen worden sind mit Kleinkaliber, können Sie sich ja vorstellen, was da in den Rinnstein lief. Blut, nicht. Bei so vielen, über hundert Tote. Und das ist auch ... die sind dann gefahren, die haben direkt Spuren hinterlassen dann. Das ist doch, das ging, Leichen.
Haben Sie Häftlinge geschlagen?
KADUK: Die hab' ich geschlagen, das geb' ich zu. Ich hab' sie nicht totgeschlagen. Ich habe sie öfters geschlagen, geb' ich zu, ne wahr, ich meine, ich will das nicht sagen, ne wahr.
Träumen Sie manchmal von Auschwitz?
KADUK: Ich habe so abgeschaltet. Eine Zeit hab' ich so nachgedacht, wissen Sie. Na, hab' ich gesagt, Mensch, die ganzen Opfer, was da war, das brauchte nicht sein, sagen wir mal.
* Ebbo Demant: "Auschwitz -- ,Direkt von der Rampe weg ...'" rororo aktuell Hand 4438; 4,80 Mark; ca. 128 Seiten.

DER SPIEGEL 5/1979
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