26.02.1979

Tücken der Technik

Erstmals klagte der DFB nachträglich einen Bundesligaspieler aufgrund eines TV-Films an. Strittig bleibt, wie zuverlässig Filmbeweise im Fußball aussagen.
Treten, Spucken und Ohrfeigen gingen in den besten Bundesligakreisen durch -- falls sie Schieds- und Linienrichtern entgangen waren. Damit ist es nun aus. Wen das Fernsehen, auch hinter Schiedsrichters Rücken, bei einem Foul ertappt, den holt neuerdings der Kindermann.
Hans Kindermann, Vorsitzender des Kontrollausschusses und Ankläger des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), zitierte den HSV-Bundesligaspieler Felix Magath am Montag dieser Woche wegen einer Backpfeife, die er seinem Gegenspieler Horst Wohlers aus Mönchengladbach verabreicht haben soll, vor das DFB-Sportgericht.
Das war geschehen: Im Punktspiel Borussia Mönchengladbach gegen den HSV am 10. Februar war Magath zweimal gefoult worden. Er stürzte und tätschelte beim Aufstehen Wohlers zur Versöhnung die Wange -- nach seiner Darstellung. Wohlers dagegen fühlte sich schlicht geohrfeigt und trat spontan nach Magath. Der Schiedsrichter beobachtete nur den Tritt und schickte allein Wohlers vorzeitig zum Duschen.
Nachdem er die aufgezeichnete Szene im Fernsehen beobachtet hatte, beschloß Kindermann, auch Magath zu verfolgen. Alsbald flammte von Berlin bis Bochum der Streit um die Beweiskraft von TV-Filmen wieder auf. Gerade der DFB hatte sich lange dagegen gesträubt, das Recht des Schiedsrichters zu unanfechtbaren, sogenannten Tatsachenentscheidungen durch Filmbeweise entwerten zu lassen. Der Wettbewerb würde jedenfalls verzerrt werden: In welchen Stadien wer was und wieviel filmt, bestimmen die TV-Anstalten.
Zudem stehen die Kameras fest und können anders als das menschliche Auge "Szenen nicht räumlich erfassen", wie TV-Fußballexperte Rudi Michel einschränkt. Das Teleobjektiv läßt etwa zwei Spieler scheinbar in Tuchfühlung nebeneinander laufen, die in Wirklichkeit meterweit voneinander entfernt hecheln.
Technisch ließe sich das Problem lösen: Unanfechtbare Beweise könnten nach Expertenmeinung stadioneigene TV-Anlagen mit zwölf Kameras und Aufzeichnungsgeräten liefern.
Beim Olympia in Montreal übertrugen die Veranstalter erstmals Wettkampfszenen auf zwei riesige Anzeigetafeln. Die Zuschauer (und Schiedsrichter) konnten sofort von ihren Plätzen aus spannende und strittige Aktionen in Zeitlupe beobachten. Doch die gesamte Ausstattung kostete mehr als sechs Millionen Mark.
Doch zuweilen bezeugten herkömmliche TV-Kameras immer noch präziser Hiebe und Tritte am Tatort, als es der Schiedsrichter vermochte. Ein Schweizer Fußballgericht sperrte schon 1967 zwei Spieler, die durch Filmaufnahmen überführt worden waren.
In England rief der Profi Ernie Machin ein ordentliches Gericht an, weil ihn die Fußballjury ungerechterweise bestraft hatte. Er bewies seine Unschuld mit einigen Filmmetern und erlangte seinen Freispruch. Seither werten Englands Fußballrichter Filme als Beweismaterial. Auch in Österreich und Holland zogen Sportgerichte optische Hilfen heran. In der Sowjet-Union müssen seit 1977 alle Spiele der höchsten Klasse gefilmt werden.
Da zog sich 1977 auch das DFB-Sportgericht erstmals in einen abgedunkelten Kinosaal zurück. Im Bundesligaspiel 1.FC Köln gegen Rot-Weiß Essen waren die Spieler Heinz Flohe und Werner Lorant aufeinandergeprallt. Lorant stürzte. Der Schiedsrichter zeigte beiden die rote Karte. Doch Lorant fühlte sich zu Unrecht verurteilt. Auf Tätlichkeiten stehen in der Regel acht Wochen Sperre (und Prämienverlust).
Tatsächlich glaubte das Sportgericht dem Objektiv-Zeugen und ließ Lorant laufen. Das Fernsehen stempele die Unparteiischen zu "den Pfeifen der Nation", fürchtete nun Schiedsrichter Walter Eschweiler. "Ich bin entsetzt", empörte sich Kindermann. "Wenn das durchgeht, kriegen wir die Kameras nie mehr aus dem Gerichtssaal."
Nicht nur Kindermann bangt davor, daß immer häufiger Spiele, in denen es um hohe Summen geht, erst nach langen Prozessen entschieden werden müßten. Er legte Berufung ein. Die zweite Instanz, das DEB-Bundesgericht, sperrte Lorant dann doch, wenngleich nur für drei Spiele.
Vor ihrem Urteil hatten die Richter Sachverständige angehört, die als einzig unantastbare technische Zeugnisse Aufnahmen "senkrecht von oben herab" empfahlen. "Hier wurden der Beweiskraft des Fernsehens Grenzen gesetzt", lobte Kindermann.
Ein Jahr darauf verloren in der Zweiten Bundesliga die Stuttgarter Kickers bei Borussia Neunkirchen 3:4. Die Kickers protestierten, weil der entscheidende Treffer in Wirklichkeit nicht gefallen sei. Als technische Nothilfe dienten sie die TV-Aufzeichnung an: Sie bewies eindeutig, daß der Ball durch ein Loch im Tornetz seitwärts in das Tor geflutscht war. Die Richter erkannten einen "offenkundigen Fehler" an. Das Spiel wurde wiederholt.
Als nun jüngst Magath an Wohlers geriet, traf er "in eine journalistische Marktlücke" ("Welt"). Fans und Funktionäre verfolgten an jenem Sonnabend jede Einzelheit besonders aufnahmebereit: Abermals hatte der Winter nur zwei Bundesligaspiele zugelassen.
Überdies weiß niemand, ob DFB-Ankläger Kindermann, der vor zwei Jahren noch alle TV-Zeugnisse ablehnte, nur seine Meinung geändert hat oder ob er demonstrieren will, wohin es führt, wenn das Fernsehen zum Oberschiedsrichter bestellt wird.
Die Entscheidungen des Schiedsrichters "über Tatsachen, die mit dem Spiel zusammenhängen, sind endgültig, soweit es sich um das Spielergehnis handelt", bestimmt die "Regel 5". "Aber", wendet Magaths Anwalt, der frühere HSV-Olympiateilnehmer Dr. Wolfgang Klein, ein, "der Schiedsrichter hat gegen Magath nichts entschieden. Also kann durch Fernsehaufnahmen auch nichts korrigiert werden." Ob Magaths Geste aggressiv oder versöhnlich gemeint gewesen sei, zeige auch der Film nicht zweifelsfrei.
Allerdings erlaubt die Rechts- und Verfahrensordnung des DFB wie im Fall Magath, Verfahren wegen "unsportlichen Verhaltens" durch schriftliche Anzeigen einzuleiten. Sie ändern nicht das Spielergebnis. DFB-Schiedsrichter-Obmann Johannes Malka protestierte dennoch im Namen der schwarzen Gilde: An der Tatsachenentscheidung dürfe auch nachträglich "nicht gerüttelt werden. Sonst machen wir das ganze Spielsystem kaputt".
Sollte sich Magath dennoch in den Filmschlingen verfangen, sieht Anwalt Klein das Anzeigen-Unwesen schon wuchern. Dann könnten Vereine "Anzeigen-Formulare entwerfen und verteilen", die dann nach den Spielen "mit Freiumschlag per Einschreiben" an den DFB abgehen.

DER SPIEGEL 9/1979
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