26.02.1979

KLIMATod im Treibhaus

In Genf tagte die Elite der Wetterforscher -- zentrales Thema: Bedroht eine Abgasglocke das Wettklima?
Diesmal war es schon fast Routine: Zum zweitenmal innerhalb von sechs Wochen rückten die Bergepanzer aus, um Straßen und Bahnlinien freizukämpfen, starteten Armeehubschrauber, um abgelegene Bauernhöfe in Holstein mit Brot und Arznei zu versorgen.
Städte, Dörfer und kilometerlange Fahrzeugkolonnen versanken in der weißen Flut, als Mitte vorletzter Woche der zweite schwere Schneesturm seit Jahresbeginn über Norddeutschland hinwegfegte. Wieder gingen in manchen Landstrichen Schleswig-Holsteins die Lichter aus, mußten Autofahrer eine Nacht in ihren Fahrzeugen verbringen.
Aus dem Radio empfingen die Eingeschlossenen unterdes die Mutmaßungen der Wetterkundler -- "Jahrhundertschnee" oder nur "Rückkehr zum normalen Winter", das war die Frage. Oder signalisierte der große Schnee vielleicht sogar einen weltweiten Klima-Umschwung? Der Verdacht immerhin, so hieß es in den Berichten, werde derzeit von einer internationalen Experten-Elite in Genf erwogen.
Dort nämlich hatten sich zur selben Zeit mehr als 400 Wissenschaftler aus rund 40 Ländern zur ersten "Welt-Klima-Konferenz" der "Weltorganisation für Meteorologie" (WMO) versammelt. Hauptthema der zweiwöchigen Veranstaltung: die künftige Entwicklung des Erdklimas.
Bedrohlich erscheinende Forschungsergebnisse aus jüngster Zeit hatten die WMO veranlaßt, den Klima-Kongreß einzuberufen. So ermittelten die Wissenschaftler in den letzten Jahren, daß etwa die Durchschnittstemperaturen im Nordatlantik langsam sinken, daß sich die klimabestimmenden Windgürtel des Erdballs verschoben haben oder die Kältezonen des Nordens, Kanada und Sibirien, zunehmend frostiger werden.
Umstritten allerdings blieben bislang die Ursachen wie die Auswirkungen solchen Wandels. Nur anhand von vorerst noch eher groben Klima-Modellen können die Wissenschaftler erklären. weshalb etwa weltweit die Wüsten wachsen oder in vielen Weitgegenden extreme Wettersituationen -- Dürreperioden, Überschwemmungen, Stürme oder Kälteeinbrüche -- neuerdings häufiger eintreten.
Was die Experten jedoch mehr beunruhigt, ist die Erkenntnis, daß mittlerweile die Menschheit begonnen hat, in die Entwicklung des Erdklimas einzugreifen. Lokale Störungen, verursacht etwa durch das Abholzen tropischer Regenwälder oder die Wärmeentwicklung über industriellen Ballungsgebieten, werden seit geraumer Zeit immer häufiger; sie könnten, nach Ansicht der Forscher in Genf, auf die Dauer unkalkulierbare Folgen haben.
Schon geringfügige Klimaschwankungen. so warnten die Fachleute auf dem Genfer WMO-Kongreß, dürften auf dem übervölkerten Planeten in Zukunft schwerste Katastrophen auslösen, etwa Hungersnöte oder Seuchen, die viele hundert Millionen Erdbewohner dahinraffen würden. Ein schärferer und globaler Klima-Kurswechsel könnte sogar ein Menschheitsdesaster nach sich ziehen.
Zumindest einige Wissenschaftler glauben die mögliche Ursache für eine solche Klima-Apokalypse bereits erkannt zu haben -- die steigende Sättigung der Erdatmosphäre mit Kohlendioxid (CO2), das bei der Verbrennung von Holz, Kohle, Heizöl und Benzin freigesetzt wird.
Wie eine Glasglocke, so fürchten die Forscher, werde sich in den nächsten Jahrzehnten eine immer dichtere CO2-Schicht über der Erde ausbreiten und den Planeten schließlich in ein gigantisches Treibhaus verwandeln: Da die CO2-Hülle das von der Sonne kommende, kurzweilige Licht passieren lasse, die von der Erde reflektierte, langwellige Wärmestrahlung aber zurückhalte, müsse die Temperatur auf Erden allmählich immer höher klettern.
Daß der Treibhaus-Effekt -- das zentrale Diskussionsthema auf der Genfer Klimatologen-Konferenz -- die Erde, zumindest theoretisch, dereinst bedrohen könnte, mochte die Mehrheit der in Genf versammelten Wissenschaftler nicht mehr ausschließen. Differenzen gab es nur über das Ausmaß der Gefahr.
Während die "Apokalyptiker" unter den Klimatologen vorhersagen, daß innerhalb der nächsten 200 Jahre das Polareis abschmelzen und damit der Meeresspiegel um etwa fünf Meter steigen werde, schätzen andere Forscher die Heizkraft der CO2-Glocke weit geringer ein. Fast einmütig aber empfahlen die Forscher, den Verbrauch fossiler Brennstoffe drastisch einzuschränken und die irdischen Waidreserven nicht noch weiter abzuholzen, die -- beim Vorgang der Photosynthese das CO2 aus der Luft entfernen.
Es komme, so betonten die Experten, auf der volkreichen und deshalb extrem "verwundbaren" Erde dringend darauf an, das herrschende Weltklima zu erhalten und drohende Schwankungen möglichst früh zu erkennen. Ob das aber möglich ist, bleibt fraglich.
Denn Klimaschwankungen, so haben Forscher am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie unlängst anhand von Computer-Modellrechnungen dargelegt, folgen keinem Gesetz, sondern dem Zufall: Eine unvorhersagbare Zufallsaddition von bestimmten Klima-Faktoren könnte danach jederzeit eine neue Eiszeit auslösen.
Dann, so sinnierte ein Genfer Kongreß-Teilnehmer, würde das CO2-Treibhaus die Rettung bringen -- sofern die Menschheit bis dahin ihren fossilen Brennstoff-Vorrat nicht schon verfeuert habe.

DER SPIEGEL 9/1979
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