22.01.1979

JUDENNach Madagaskar

Ein hoher israelischer Regierungsbeamter macht die Alliierten für Hitlers „Endlösung“ der Judenfrage mitverantwortlich.
Eliahu Ben-Elissar forschte in der Vergangenheit und entdeckte: Nicht nur Hitler, auch die Alliierten sind schuld, daß Millionen Juden in den Gaskammern endeten.
Was bislang vor allem Nazis und ihre Anhänger behauptet hatten, fand damit Eingang in die seriöse Literatur. Denn Eliahu Ben-Elissar, 46, ist nicht nur Buchautor und Israeli, sondern auch Generaldirektor von Premier Begins Staatskanzlei. In seiner Dissertation, zuerst in Genf auf franzosisch vorgelegt, jetzt unter dem Titel "Verschwörung des Schweigens" auf hebräisch in Jerusalem erschienen, versucht er nachzuweisen, daß England, Frankreich, die USA, aber auch zahlreiche andere Länder Hitlers "Endlösung" der Judenfrage hätten verhindern können. Ben-Elissar: "Doch sie wollten nicht."
Mehr noch: Das Vorwort zu dem Buch seines obersten Gehilfen schrieb Israels Regierungschef Menachem Begin. Er nennt Ben-Elissar einen "markanten Forscher der Geschichte unserer Zeit" und bezeichnet das Buch als "ein Werk von größter historischer und erzieherischer Bedeutung", das jeder Israeli lesen sollte -- und das, obwohl Ben-Elissar Hitler in der Judenfrage teilweise rehabilitiert und Begin noch bis vor kurzem mit keinem Deutschen redete.
Nach Ben-Elissar hat Hitler die Juden ursprünglich nicht umbringen, sondern nur aus Deutschland vertreiben wollen. Ausländischen Diplomaten versicherte er mehrmals, er wünsche eine wirtschaftliche Lösung der Judenfrage: Die Juden sollten auswandern, sie müßten lediglich ihr Vermögen zurücklassen.
Diese wirtschaftliche Lösung ist laut Ben-Elissar gescheitert, weil sich die Alliierten weigerten, die Juden aufzunehmen. Zwar beteuerten 32 Teilnehmerländer einer Flüchtlingskonferenz im französischen Evian-les-Bains im Juli 1938 ihre Hilfsbereitschaft, beschlossen aber keine konkreten Schritte zur Rettung der bedrohten Juden.
Überdies hätten die Tschechoslowakei. Ungarn, Jugoslawien, Italien, Frankreich und Luxemburg zahlreiche Juden ins Reich zurückgeschickt die nach dcm Anschluß Österreichs ans Reich abgeschoben worden waren -"obwohl klar war, daß sie in Dachau enden würden", heißt es in "Verschwörung des Schweigens".
Auch die Schweiz hatte laut Ben-Elissar die jüdische Einwanderung bewußt gedrosselt: 1930 lebten dort 8170 ausländische Juden, zehn Jahre später waren es nur tausend mehr. "Wir wollen keine Judaisierung unseres Landes", soll ein Schweizer Diplomat im August 1938 dem deutschen Außenministerium erklärt haben.
Dennoch habe Hitler auch zu diesem Zeitpunkt noch die Auswanderung, nicht die Ausrottung der Juden gewollt, schreibt Ben-Elissar und sieht in dem Nazi-Slogan "Deutschland den Deutschen, die Juden nach Palästina" sogar prozionistische Züge.
Hitler hat demnach die antisemitischen Ausschreitungen gebremst und Ende 1938 ein Programm gebilligt, das die Emigration von 400 000 Juden vorsah. Selbst die "Reichskristallnacht" sollte nach Ben-Elissar nur die Vertreibung und Enteignung von Juden beschleunigen. Die reichen Juden sollten in Nordamerika und Kanada Land für ihre Glaubensgenossen kauten. Hitler am 30. Januar 1939: "Es gibt auf der Welt genug Platz für ihre Niederlassung."
Autor Ben-Elissar ist besonders fachkundig nicht nur als Israeli und hoher Staatsbeamter. Er gehört auch zu den wenigen Juden, die sich noch während des Zweiten Weltkriegs aus dem deutschbesetzten Polen nach Palästina retten konnten.
Damals vereinbarten die Berliner Botschafter der Schweiz und Spaniens einen Austausch zwischen dem Reich und England: Im britisch besetzten Palästina lebende deutsche Templer durften nach Hause reisen, dafür unter deutscher Hoheit lebende Briten-Bürger Europa verlassen. Mit falschem Paß reiste der in Radom geborene Ben-Elissar (damals: Gottlieb) als angeblicher Sohn einer palästinensischen Familienfreundin namens Golda Graueher in die Freiheit.
Selbst am 28. September 1939, einen Tag nach dem Fall Warschaus, zeigte das deutsche Außenministerium laut Ben-Elissar Bereitschaft zur Evakuierung der Juden -- doch die Alliierten hätten sich zum wiederholten Mal geweigert, Emigranten aufzunehmen. An dieser Weigerung seien auch alle Pläne gescheitert, jüdische Emigranten in Neu-Kaledonien, Guayana, Angola, auf Haiti oder Mindanao anzusiedeln.
Ben-Elissar weiter: Auch nach dem Fall Frankreichs dachte Hitler noch an eine Aussiedlung von Juden. So habe Diplomat Franz Rademacher, der im Außenministerium für die Judenfrage zuständig war, erklärt: "Die Lösung kann im Rahmen eines Friedens mit Frankreich gefunden werden, und zwar durch eine Neubelebung des Madagaskar-Projektes nach dem Endsieg."
Obschon Ben-Elissar in allen diesen Text-Stellen nur Beweise für taktische Flexibilität Hitlers sieht, belegen sie für ihn doch, daß Hitler selbst in der Judenfrage zu Konzessionen bereit war.
Im November 1940 verbot Hitler dann, seinen Artikel "Die Juden nach Madagaskar" weiterhin zu veröffentlichen -- etwa zu diesem Zeitpunkt, so glaubt Ben-Elissar, beschloß der Führer die tödliche Endlösung der Judenfrage.
Ben-Elissars Thesen dürften in Israel noch Wirbel machen. Schon beanstandete die liberale Zeitung "Haaretz" der Autor verfälsche zwar keine Tatsachen, ignoriere aber alle Unterlagen, die seiner Analyse widersprächen. Ergebnis: "Wenn dieses Buch für die Qualität des Denkens in Begins Amt und unmittelbarer Umgebung zeugt, dann gibt es Anlaß zu ernsten Überlegungen."
Ben-Elissar fühlt sich über alle Verdächtigungen erhaben: Sein Vater wurde zwei Monate vor Kriegsende im KZ Flossenbürg umgebracht.

DER SPIEGEL 4/1979
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