19.02.1979

SCHWEIZTiefe Furchen

Wer in wilder Ehe lebt, muß noch heute mit Strafe rechnen. Trotzdem wählen immer mehr Schweizer das Konkubinat -- der Steuervorteile wegen.
Jost Dillier, Staatsanwalt des urschweizerischen Kantons Obwalden, hat für Brautleute ein ganz besonderes Interesse.
Woche für Woche nimmt er die standesamtlichen Heiratsanzeigen "genau unter die Lupe", wie er selbst sagt. Und wenn Dillier bei zwei Heiratslustigen die gleiche Wohnadresse entdeckt, setzt er seine Kantonspolizisten in Marsch: Falls Braut und Bräutigam tatsächlich in der gleichen Wohnung leben, "gibt es eine Anklage wegen Konkubinat".
Die wilde Ehe gefährde "die geistigen Grundlagen des Volkes", erläutert Caspar Arquint, höchster Richter im Kanton. Deshalb dürfe "der Staat dieser Entwicklung nicht tatenlos zusehen".
In 13 der 26 Schweizer Kantone sind noch heute diejenigen mit Haft oder Buße bedroht, die der freien Liebe frönen: In sechs Kantonen wird die ungetraute Zweisamkeit von Staats wegen verfolgt wie anderswo Rauschmittelbesitz oder Prostitution. In weiteren sieben kann der Richter die Wohn- und Bettgemeinschaft verbieten, wenn etwa Nachbarn vermeintlich daran Anstoß nehmen.
Noch vor wenigen Jahren kam es regelmäßig vor, daß ein verdächtigter Wohnungsmieter morgens um sechs von den Sittenwächtern aus dem Bett geklingelt wurde, die Schlafzimmerbelegung überprüfen und Beweise sichern wollten: Durch Handauflegen ermittelten die Polizisten die Bettwärme, die Inspektion der Leintücher sollte über das sonstige horizontale Geschehen Aufschluß geben.
Da aber die Anwesenheit einer Frau allein noch nicht den Tatbestand des Konkubinats erfüllt, suchten die Polizisten nach weiteren Indizien -- etwa nach mehreren Kleidern und Schuhen im Schrank oder einer zweiten Zahnbürste im Badezimmer.
Zwar sind heute die Staatsanwälte selbst in der katholischen Inner- und Ostschweiz tolerant geworden, in mehreren Kantonen gelten die Verbotsbestimmungen nur noch auf dem Papier. Trotzdem hat "die Verachtung für jene, die "in Sünde leben", im Bewußtsein des Volkes tiefe Furchen gegraben", schrieb unlängst die "Neue Zürcher Zeitung".
Wie tief diese Furchen vor allem in den Landgegenden sind, erfuhr zum Beispiel die Wirtin des Restaurants Weihergarten im 200-Seelen-Dorf Herdern im Kanton Thurgau: Weil die geschiedene Frau mit einem unverheirateten Mann unter einem Dach wohnte, entzog ihr die Justizbehörde des Kantons das Wirtepatent wegen unsittlichen Lebenswandels.
"Es widerspräche jeder Lebenserfahrung", lehnte die Kantonsregierung die Beschwerde der Frau ab, "daß zwei erwachsene Personen verschiedenen Geschlechts in geschlechtlich aktivem Alter jahrelang unter dem gleichen Dach leben, ohne nähere Beziehungen miteinander aufzunehmen."
Im Kanton Zug dekretierten die Behörden, es sei niemand zum Lehrberuf zuzulassen, der eine "destruktive Grundeinstellung gegenüber dem Rechtsstaat und seinen demokratischen Einrichtungen" habe. Dieser Radikalenerlaß traf nicht nur politisch Unzuverlässige, sondern auch Pädagogen, die im Konkubinat leben, was laut Schulkommission "ein Ausscheren aus der Ebene der Familie" bedeutet.
Nach denselben Moralvorstellungen beurteilen auch viele Bürokraten der Berner Bundesbehörden Eingaben und Anträge aus der Bevölkerung.
Als etwa die Tochter eines Österreichers und einer Schweizerin um ihre Einbürgerung nachsuchte, schnüffelten die Beamten im Intimleben der jungen Frau, die mit ihrem Freund zusammenlebte. Prompt wollten die Kontrolleure vom Vater der Betroffenen wissen, ob sich seine Tochter "demnächst zu verheiraten beabsichtigt und gegebenenfalls wann". Denn für Otto Henggeler, Chef der Sektion "Schweizerbürgerrecht" im Justizministerium, "ist es das gleiche, ob jemand auf den Strich geht oder im Konkubinat lebt".
Wie nachhaltig die überkommenen Moralvorstellungen auch bei Verbän-
* Im vergleich zum Einkommen zweier Nichtverheirateter von 40 000 und 20 000 Franken.
den und Institutionen fortwirken, erfuhren zwei Rentner in Zürich, wo das Konkubinatsverbot 1972 aufgehoben worden war:
Der Stiftungsrat einer kommunalen Altensiedlung verweigerte dem Pärchen die für Ehepaare reservierte Zweizimmerwohnung und trennte die 71 Jahre alte Frau von ihrem ebenso alten Freund, nachdem beide 32 Jahre lang in Tisch- und Bettgemeinschaft gelebt hatten. Jetzt wohnt sie im dritten, er im siebten Stock des Altenheims, jeder in einer Einzimmerwohnung.
Trotz dieser intoleranten Spießbürger-Moral wurde in den vergangenen Jahren vor allem unter den jungen Leuten die wilde Ehe attraktiver -- als Gemeinschaft auf Probe, hauptsächlich aber wegen handfester Steuervorteile.
Anders als in sämtlichen Nachbarstaaten müssen nämlich in der Schweiz verheiratete Doppelverdiener höhere Steuern zahlen als unverheiratete. So kostet der Ehestand bei einem gemeinsamen Jahreseinkommen von 60 000 Franken im Kanton Thurgau rund 2600 Franken zusätzliche Steuern, im Tessin sogar 3800 Franken*.
Grund: Der Schweizer Fiskus besteuert nur den Haushaltsvorstand, dafür aber für das gesamte Familieneinkommen -- getreu der alten Regel, daß der Mann das Geld verdienen, die Frau hingegen daheim die Kinder erziehen solle. Sind nun beide Ehepartner Geldverdiener, wird das Einkommen addiert und zu einem höheren Prozentsatz versteuert, während die Konkubinierten ihre Einkommen getrennt und darum bei geringerer Progression deklarieren dürfen.
Ungewollt segensreich ist die wilde Gemeinschaft auch für geschiedene Ehefrauen: Oftmals nehmen sie einen schlechten Leumund auf sieh und leben im Konkubinat, weil eine erneute Heirat den früheren Ehemann von der Zahlung der Alimente befreien würde. Denn auch der Grundsatz der Unterstützungspflicht gegenüber der Ex-Frau entstammt dem überkommenen Familienbild vom Heimchen am Herd, das selber kein Geld verdienen könne und solle.
Hier allerdings kündigt sich jetzt ein Sinneswandel an: Die Schweizer Bundesrichter gaben einem Mann recht, der sich weigerte, seiner geschiedenen, aber im Konkubinat lebenden Frau monatlich 1000 Franken zu bezahlen: Er hatte geltend gemacht, seine Ex-Frau heirate ihren Hausgenossen nur wegen der Gatten-Rente nicht.
Mit ihrem Urteil haben die Bundesrichter das Konkubinat quasi als cheähnliche Institution anerkannt -- und seither sind sieh die Rechtshüter in den dreizehn Kantonen nicht mehr sicher, ob ihr gesetzliches Konkubinatsverbot nicht gegen das Grundrecht verstößt.

DER SPIEGEL 8/1979
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