19.02.1979

Etwas verkalkuliert

Mit Fußballern wie mit Fallobst handelte der Vorsitzende des traditionsreichen Vereins Wormatia Worms. Nun wurde der Klub ausgetrickst, die Spieler werden vorn Finanzamt scharf gedeckt.
Im städtischen Spiel- und Festhaus zu Worms mußten sechshundert Sportfans gegen Mitternacht zwischen zwei Mannschaftsführern mit kleinen Fehlern wählen. "Wollt ihr einen Vorsitzenden, der eine Million Schulden gemacht hat", rief der Kandidat ins Mikrophon, "oder wollt ihr einen, der zu Gefängnis verurteilt worden ist?"
Die Mitglieder votierten für den Vorbestraften. Winfried Heyn, 41, blieb Vorsitzender des Fußballvereins Wormatia Worms, obwohl ihn der restliche Vorstand wegen undurchsichtiger Geldgeschäfte gerade suspendiert hatte. Und er gelobte "hiermit fest, daß ich nichts tun werde, was dem Verein in irgendeiner Form schaden könnte".
Doch im Dezember letzten Jahres wurde Heyn erneut suspendiert ("vereinsschädigendes Verhalten"). Wormatias Absicht, ihn aus dem Klub zu schmeißen, unterband der Deutsche Fußball-Bund (DFB) bisher. Die Fußball-Oberen wollen den Spielverderber sogar auf Lebenszeit vom Ball trennen, in jedem Verein. "Ein Fußball-Märchen", schrieb die lokale "Wormser Zeitung" bedauernd, "endet vor den Schranken des Gerichts. Richard Schmitt, Chef des Wormatia-Verwaltungsrats: "Ich kann nur hoffen, daß Herr Heyn bald hinter Gitter kommt."
Den Ex-Präsidenten mit Hilfe von Juristen zu besiegen, dürfte den Wormsern jedoch ebenso schwerfallen wie die Verwirklichung der schönen Idee, mit den Fußballern in die Bundesliga aufzusteigen -- für die sie sich seit Monaten als Tabellenführer der Zweiten Liga Süd empfohlen hatten. Zahlreiche Klagen sollen eine düstere Affäre im bezahlten deutschen Fußball aufhellen. Sie gibt Einblick in die Usancen einer Unterhaltungs-Branche, in der die Akteure nach merkwürdigem Ritual wie Ware gekauft, verkauft, ausgeliehen und verpfändet werden. Wormatias Münchner Anwalt Friedrich E. Zirngibl: "Eine moderne Form von Menschenhandel."
Allzu freizügig ließen die vom Bankrott bedrohten Wormser den Vorsitzenden gewähren, der vor gut zwei Jahren gekommen war, um "den Leuten mal zu zeigen, was man aus einem ruhmreichen Verein machen kinn". Der Münchner Finanzmakler Heyn, Sohn eines Wormser Zahnarztes. wollte in seiner alten Heimatstadt mit der drittklassigen Wormatia "wieder jenen Platz im deutschen Fußball erreichen, der ihr aufgrund ihres Namens gebührt" -- und wurde als Retter umjubelt.
Das Unternehmen ließ sich gut an. Verstärkt durch fünf erfahrene Profi-Kicker von 1860 München und Hertha BSC Berlin, die allesamt Heyn besorgt hatte (ein Vorstandsmitglied: "Uns gingen die Augen über"), schafften die Wormser Amateure prompt den Aufstieg in die zweite Bundesliga.
Heyn brachte immer neue Spieler wie den früheren Frankfurter Bundesliga-Kicker Egon Bihn bei, verpflichtete prominente Klubs (Bayern München) zu Privatspielen und verloste unter den Zuschauern Wochenendtrips zu Paul Breitner nach Madrid. in der Boulevardpresse ließ er sich als "Gönner" und Mäzen" feiern, als "Millionär, der sich eine Fußballelf hält".
Aber Heyn, so haben Steuerfahnder jetzt festgestellt, ist mittellos. Das Geld, das er den Spielern in separaten Arbeitsverträgen zugesichert und mitunter "bündelweise aus der Hosentasche" (so der jetzt amtierende Vorsitzende Hans-Gönther Bauer) ausbezahlt hatte, war geliehen. Versteuert hatte die Einkommen der Kicker niemand. Wormatia-Kapitän Hans-Dieter Seelmann: "Uns wurde zugesichert, das seien Netto-Verträge, wer sie versteuert, war nicht unser Bier."
Jetzt sind die Steuerbeamten, weil bei Heyn
nichts zu holen war, den Fußballern auf den Fersen. Die Gerichtsvollzieher kommen zur Taschenpfändung ins Training. Spitzenverdiener wie Vorstopper Seelmann müssen für zwei Jahre 72 000 Mark Lohnsteuer nachzahlen -- eine Summe, die auf Jahresgagen von über 200 000 Mark schließen läßt und mithin auf Einkünfte, wie sie selbst in der ersten Bundesliga nur jene Männer erlösen, die beim Balitreten besondere Fertigkeiten entwickelt haben.
Die braven Fußball-Funktionäre aus der rheinhessischen Provinz sollten und wollten offenbar nicht wissen, wie Heyn mit Handgeldern und Ablösesummen jonglierte. Bauer: "Er hat niemals Stellung bezogen, wie er das macht." Die Treue der Nibelungen nutzte der Münchner Finanzier zu trickreichen Transfer-Geschäften.
Ohne Wissen der Spieler und des Vorstandes verhökerte Heyn eine komplette Mannschaft an den Münchner Versicherungsmakler Wolfgang Staun, von dem er dafür ein Darlehen über 750 000 Mark kassierte, einschließlich Zinsen. Staun wurden vertraglich "alle künftigen Forderungen aus Vereinswechseln und Ablösegeschäften" für insgesamt elf Spieler zugesichert; im Besitz des Vereins blieben nur noch Fußkranke und formschwache Revervisten.
Weil aber Wormatias damaliger Schatzmeister Peter Klotz mit unterzeichnete und nach eigenen Angaben mit "etwa DM 600 000" heute selbst zu Heyns Hauptgläubigern gehört, war die Abmachung formal wirksam, für Staun "rechtlich solide". Wormatia-Anwalt Zirngibl hält dagegen: "Der Vertrag ist sittenwidrig, weil der Verein geknebelt wird bis zum wirtschaftlichen Ruin."
Daß Heyn nur in Worms als Gönner auftrat, anderswo aber "Kaufvereinbarungen" unterzeichnete, in denen er als Profession angab, "günstig Spieler zu erwerben und ausschließlich mit Gewinn weiterzuveräußern", erschloß sich den gutgläubigen Wormaten erst Ende letzten Jahres. Damals meldete auch noch ein Münchner Diplom-Kaufmann namens Dr. Hans Adam Besitzansprüche an, Geschäftsführer einer "Internationalen-Treuhand-Handelsgesellschaft mbH".
Schon vor der Abmachung mit Staun, behauptete Adam in einem Brief an den Verein, habe ihm Heyn "12 Fußballspieler von Wormatia Worms sicherungsübereignet" (Zirngibl: "Rechtlich völlig unhaltbar") und ihm quasi "als Köder" (Adam) noch ein Gemälde angedient, das von Experten später als "Rembrandt-Fälschung" entlarvt wurde. Immerhin war ihm der Marktwert der Wormser Spieler, den Heyn auf 1,27 Millionen Mark bezifferte, hoch genug, einen Kredit über 350 000 Mark zu gewähren.
Waghalsige Investitionen gehören im bezahlten Fußball zum täglichen Geschäft. Private Geldgeber lassen sich ihre Kredite von den hochverschuldeten Vereinen meist dadurch absichern, daß ihnen Fußballer übereignet werden. "Wir schreiten erst dann ein", so DFB-Wirtschaftsreferent Wolfgang Holzhäuser, "wenn durch Mäzenatentum Abhängigkeiten entstanden sind." Holzhäuser: "Es ist nicht unser Problem, ob das, was zwischen Wormser Spielern und Herrn Heyn läuft, im gesetzlichen Rahmen geblieben ist."
Heyn gibt zwar zu, sich in Worms "etwas verkalkuliert" zu haben, bestreitet aber den Vorwurf des Vereins, Spieler "doppelt und dreifach abgetreten" (Schmitt) zu haben. "Das ist ein glatter Betrugsvorwurf", wehrt sich der geschaßte Präsident, der seinerseits von Wormatia Worms ("Euer Scheißverein interessiert mich nicht") als "Aufwendungsersatz" 1 843 302,35 Mark zurückhaben will. Der kommissarische Vorsitzende Bauer, der gegenwärtig die Heynsche Hinterlassenschaft verwaltet: "Er hat doch nie einen Pfennig in die Kassen eingebracht, sondern nur Darlehen aufgenommen und spätere Ablösesummen abgetreten."
Ende Januar präsentierte auch noch der Bonner CSU-Abgeordnete Erich Riedl, nebenberuflich Präsident des TSV 1860 München, den Wormsern eine alte "Vereinbarung", in der Heyn für vier von ihm übernommene Spieler "bei einem Weitertransfer bis zum 30. 6. 1980 fünfzig Prozent der dabei erzielten Ablösesummen" an die Münchner abgetreten hat -- dieselben Wormser Spieler, für die auch die Vertragspartner Adam und Staun Anspruch auf Ablösesummen erheben.
Eile beim Geldeintreiben scheint für die Gläubiger geboten. Vor dem Landgericht Arnsberg (Westfalen) geht jetzt ein Prozeß zu Ende, in dem Heyn als einem von vier Angeklagten vorgeworfen wird, "Hauptinitiator" eines "Betrugsrouletts" gewesen zu sein und mit einer "erheblichen kriminellen Energie" einige Geschäftspartner um Millionen-Beträge erleichtert zu haben.
Nach 67 Verhandlungstagen kam Staatsanwalt Klaus Schopen zum Plädoyer: Fünfeinhalb Jahre Freiheitsstrafe für Heyn wegen sechsmal vollendeten Betrugs. Das Gericht sondiert noch den Strafraum.

DER SPIEGEL 8/1979
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