19.02.1979

THEATERSanfter Tyrann

Der Amerikaner Robert Wilson, eigenartigster Theatermann der Welt, hat zum erstenmal in Deutschland inszeniert -- an der Berliner Schaubühne.
Bei Bob Wilson ist alles anders. Dieser sanfte Theaterdiktator aus Texas läßt sich mit keiner Richtung, Schule, Doktrin, mit keinem modischen Trend unter einen Hut bringen, obwohl andere Theaterleute, Klaus Michael Grüber zum Beispiel, viel von ihm gelernt haben, und obwohl es von ihm mehr zu lernen gibt, als unsere normale Theaterweisheit sich träumen läßt, kann man aus ihm keine Schule machen.
Seine optischen Einfälle. seine szenischen Phantastereien, die scheinbar zusammenhanglose slow motion seiner Theaterfigurationen, das alles gehört ihm so ausschließlich, daß da weder Kritik noch Beschreibung, weder Interpretation noch polemische Ablehnung heranreichen.
Er verfügt über Zeit, Sprache. und Raum mit einer Autonomie, die sich weder an übliche Probenpläne noch an herkömmliche Theatererwartungen hält.
Als er jetzt, erstmals in Deutschland, an der Berliner Schaubühne zu proben begann, versprach er ein Stück von etwa drei Stunden und eine Premiere, die kurz vor Weihnachten herauskommen sollte.
Jetzt ist es Mitte Februar bis zur (immer wieder aufgeschobenen) Premiere geworden, die Aufführung dauert
weit über fünf Stunden. Und, wenn man ehrlich ist, löst sie weder ihren Titel ("Death, Destruction & Detroit") noch ihren Untertitel ("Eine Liebesgeschichte in 16 Szenen") irgendwie ein.
Aber es ist auch wieder nicht so, daß sie, was sie ankündigt, gar nicht einlöst.
Übliches Theater tut dem Zuschauer Gewalt an, indem es ihn spannt, ärgert, bewegt, erregt oder langweilt. Wilson tut seinen Zuschauern Gewalt an, indem er ihnen keine Gewalt antut.
Man kann, zum Beispiel, in der Berliner Aufführung raus- und reingeben, wann man will, sich, wie das Programmheft human vermerkt, seine eigenen Pausen machen -- wie in einer Ausstellung, wo die Bilder ja auch geduldig warten, bis der Betrachter wiederkommt.
Wilson hat erkannt, daß übliches Theater "reißende Zeit" (Hölderlin) ist -- und setzt dem verweilende, ja stillstehende Zeit entgegen. Seine Szenen drehen sich, gleich langsam bewegten Zirkeln, im Kreise; sie haben die Eile und die Weile von Träumen; das heißt, sie sind jähe Momente und geduldige Momentaufnahmen, und das möglichst zur gleichen Zeit.
In "Death, Destruction & Detroit" unterhält sich ein Liebespaar in einer seltsam fernen Nähe, beide haben die unnahbare Intimität von Schaufensterpuppen.
Menschen reisen in Luftschiffen zum Mond und knarren nationalen Pomp. Dinosaurier kämpfen miteinander oder besser: lassen den Augenblick vor dem Kampf zu einem wehen Abschiedsbild der terrestrischen Entwicklungsgeschichte einfrieren.
In einem Greyhound-Bus läßt Wilson das Zeitmaß einer Fahrt durch ein endlos weites Land mit Fetzen einer wehen, verbitterten Geschichte von Beziehungen durchwehen. Und in einem Gewitter schreien zwei Leute monologisch gegeneinander an: Versuchen sie den Donner zu übertönen, oder gibt ihnen der Donner Gelegenheit, sich in die hitzige Lautstärke zu reden, die sich ihnen sonst von selbst verbietet?
Immer wieder, in allen sechzehn Szenen, die sich im Verhältnis acht zu acht spiegeln, lädt die Geduld, Genauigkeit, Schönheit zum Nachträumen ein. Der Zuschauer, der verstörend Schönes und ihm sinnenhaft anrührend Sinnloses sieht, hört und erlebt, wird, während Nebelschwaden von der Bühne wallen und die in ein unirdisch exaktes Licht getauchten Prospekte umwabern, zum eigenen Tagträumen eingeladen: Er bleibt aufmerksam-unaufmerksam, sieht und hört und ist doch auch mit sich selbst beschäftigt, während er sich den Bildern und Litaneien von Wilson aussetzt, hingibt.
Trotz der scheinbaren Vagheit Wilsonscher Inhalte wirken die Szenen wahr, sie stimmen. Weil Wilson Leben dort zu Bildern bündelt, wo es sich noch nicht den Stempel eines zusammenfassenden Sinns und Zwecks aufdrücken konnte.
Man kann da, als Besucher, nachträglich nur Andeutungen von Beschreibungen geben, die natürlich die verfälschende Interpretation schon durch Verkürzung in sich tragen.
Da nähert sich in einer Szene ein Vater mit groß aufgerissenen Glubschaugen der Wiege seines Babys, mit einer Schaufel von Sand in der Hand, die er. im letzten Moment, nach einer unendlich vorsichtigen Annäherung, unter die Wiege kippt. Dann fängt er für das Baby zu steppen an.
Otto Sander, witzig beklemmender Star des Wilson-Abends, ein Schauspieler, der in allen Szenen eine schwindelerregende, an den Komiker Valentin erinnernde Tiefe erreichte, zeigte in dieser Szene so etwas wie Mordlust, Wut, Zärtlichkeit, Rücksichtnahme, Intimität, Spott und Eitelkeit in einem. Und das, ohne daß auch nur ein Wort gefallen wäre.
Oder: Vor einem danse macabre, zu dem verstaubte Herrschaften in betörend schönen Kostümen sich durch Lichtsäulen drehten (ein Ballett aus Staub, Licht, Vergänglichkeit und Poesie), plapperte eine lieb-komische Alte. daß sie exakt ein Backrezept geträumt habe, das von Königskuchen. Nur habe sie im Traum statt einer Messerspitze Salz ein ganzes Pfund genommen.
In solchen Szenen, wo aus einer Hausfrau eine Königin wird und aus unserer Normalwelt ein schizophrenes Paradies, erfüllt sich Wilsons Theater.
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 8/1979
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