15.01.1979

PRESSESchnief, schnief

Die Frankfurter Staatsanwaltschaft deckte fragwürdige Arbeitsmethoden. von „Bild“-Reportern auf. Um an Material zu kommen, wurde eingebrochen.
Bild" hatte Blut geleckt. Der stille junge Mann mit dem roten Vollbart, der aussah "wie Rasputin", hatte schon als Metzgerlehrling "immer Ochsenblut getrunken".
Jetzt, da er aufs Gymnasium ging, um sein Abitur zu machen, mußte er sich umstellen. "Auf Menschenblut!"
Der kleine, schmächtige Oberschüler mixte sich des öfteren einen "makabren Trank": einen Eßlöffel Sherry, einen Eßlöffel schwarzen Tee, dazu einen Eßlöffel Blut, das er vorher "jungen Mädchen abzapfte".
Michael K., 22, servierte "Blut-Tee" bei Kerzenlicht und roter Beleuchtung, den er trank, um "groß und stark" zu werden.
Und nicht nur das: Er gestand, wenn auch nur "Bild" bislang, "mit einer Spritze" minderjährigen Mädchen "Blut aus den Adern" gesaugt zu haben. Mit "Drogen", auch mal mit "in Cola aufgelösten Beruhigungsmitteln" machte er, angeblich, die Mädchen gefügig, soll sie "mit Haschisch willenlos gemacht und verführt" haben. Liebte er ein Mädchen, dann geschah es auf seiner "mit rotem Samt bezogenen Couch", bei "leiser Bach-Musik" und "irrsinnig zärtlich". Als ein Mädchen nicht mit ihm schlafen wollte, schluckte er, aus Verzweiflung, Zyankali mit Essig.
Tagelang saugte sich "Bild" so durch. Aus dem stillen Jungen, der Orgel und Klavier spielte, der stundenlang in der B-Ebene der Hauptwache auf seiner Gitarre klimperte, war, nach intensiver "Bild"-Recherche, der "Vampir von Sachsenhausen" geworden -- einer von jenen "unheimlichen Tätern, die in der Kriminalgeschichte immer wieder auftauchen".
Michael K. wurde zum Ungeheuer hochgeschrieben, zum " Blutsauger bei Vollmond und Kerzenlicht", wurde verglichen mit dem 1925 hingerichteten Massenmörder Fritz Haarmann aus Hannover, dem 24 Morde nachgewiesen wurden.
Die "Bild"-Zeitung hatte schnell ihr schauriges Urteil über Michael K. -- der nur wegen "Verdachts des Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz" in Untersuchungshaft sitzt -- gefällt, zumal auch der Polizeibericht, wie das hessische Justizministerium urteilte, "etwas reißerisch" abgefaßt worden war. In der Mansardenwohnung des Schülers im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen fanden Kripobeamte neben Flaschen mit Blut auch Marihuana, Cocablätter und Arsen.
Was die Frankfurter Polizei über die Veranlagung des jungen Mannes bekanntgab -- er habe den "Genuß mehrerer kleiner Blutmengen" gestanden, das Blut will er sich und "Freunden" abgenommen haben -, mischten die "Bild"-Leute mit eigenen Erkundungen und Deutungen zum blutsaugenden Monster.
Um das Bild abzurunden und den Lesern möglichst authentisch vom Tatort berichten zu können, knackten zwei "Bild"-Reporter die von der Polizei verriegelte Wohnungstür des Michael K. und nahmen Photos mit, die anderntags im Massenblatt veröffentlicht wurden. Denn sexuell Abartiges und Rauschgift, Blut-Tee bei Kerzenschimmer -- obskure Rituale, das ist die rechte Mischung, mit der die größte Tageszeitung Westeuropas ihr Millionen-Publikum gerne unterhält.
Jetzt kam die Polizei zu "Bild", wegen Verdachts auf Hausfriedensbruch und schweren Diebstahl. In den Redaktionsräumen in Neu-Isenburg wurden die Beamten fündig. Verteilt auf mehrere Papierkörbe, fanden sich Schnipsel eines Gedächtnisprotokolls, in dem der Einbruch minutiös nachgezeichnet war. Ein Beamter des hessischen Justizministers: "Das liest sich wie ein Erfolgsbericht."
Den Auftritt von Staatsanwalt Harald Körner, der, mit richterlichem Durchsuchungsbeschluß und 19 Kripo-Ermittlern im Gefolge, die Beweisstücke einsammelte, wertet die Chefredaktion der "Bild"-Zeitung in Hamburg als "beispiellose Nacht-und-Nebelaktion", einen "geradezu kriegsmäßigen Polizeiaufmarsch". Vor Ort hörte Staatsanwalt Körner Urteile über seine Person: "Goebbels", "Mann im Gestapomantel", "wie aus dem Verbrecheralbum" und gar "Vampir".
Chef der schimpfenden "Bild"-Mannschaft war Lothar Schindlbeck, der schon mehrfach von sich reden machte. Mal warfen ihn Studenten der West-Berliner Freien Universität aus einer Seminarveranstaltung, mal schlich sich bei ihm in der "Bild"-Redaktion Hannover der linke Enthüllungsliterat Günter Wallraff unter falschem Namen ein.
In seinem Buch "Der Aufmacher" gab Wallraff danach Kostproben von Schindlbecks Arbeitsmethoden. An einem für die "Bild"-Zeitung trostlosen Tag, kein Mord, keine zünftige Vergewaltigung, kein origineller Selbstmord, habe Schindlbeck die Tageslosung ausgegeben: "Ich will eine rührende, ans Herz gehende Tiergeschichte mit viel Schnief-Schnief."
Was in Frankfurt inszeniert wurde, um Informationen und Bilder zu beschaffen, wollte die "Bild"-Chefredaktion nicht billigen. Schindlbeck, erst seit wenigen Tagen in Frankfurt kom· missarischer Redaktionsleiter, mußte kündigen.
Publizistischen Beistand für die Bilderstürmer von Sachsenhausen leiste· ten die Schreiber anderer Springer. Blätter. Ein "Welt"-Kommentator ("Großoffensive") sah die Pressefreiheit in Gefahr, "wenn mit Maschinengewehren auf Spatzen geschossen; wird". Schließlich habe der Reportei die Bilder "nicht in Zueignungsabsicht" entwendet, sondern "nur zum Gebrauch", was "allenfalls Hausfriedensbruch" bedeute. Für Juristen wie den Referenten im hessischen Justizministerium Hans Joachim Suchan ist diese Unterscheidung "schlicht blödsinnig".
"Was war auch schon geschehen?" fragte "Bild" scheinheilig, daß die Polizei gleich "in der Art eines Sturmangriffs" losschlagen mußte. Für "Bild" jedenfalls war der Anlaß "winzig". Es ging ja nur "um die Beschaffung von Photos eines Drogentäters".

DER SPIEGEL 3/1979
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