15.01.1979

MATHEMATIKKlima wie hei Kafka

Von verstecktem Antisemitismus gegen Intellektuelle in der Sowjet-Union sind vor allem Mathematiker betroffen.
Die Preissumme ist gering, doch groß die Ehre: Die Fields-Medaille, derzeit mit 1500 Kanada-Dollar datiert. wird nur alle vier Jahre verliehen und gilt als eine Art Nobelpreis der Mathematik.
Als der 18. Internationale Mathematiker-Kongreß im August letzten Jahres in Helsinki eröffnet wurde, konnten die Amerikaner Daniel Quillen und Charles Fefferman und der Belgier Pierre Deligne die Auszeichnung unter gebührendem Applaus entgegennehmen. Mit stehender Ovation aber feierte das Auditorium den vierten Preisträger, der gar nicht erschienen war -- Grigorij A. Margulis aus Moskau.
Weshalb Margulis an der Reise ins Nachbarland gehindert war, vermochten die finnischen Organisatoren nicht zu sagen; Dr. Elja Arjas etwa wußte nur zu berichten, Margulis habe mitgeteilt, er wolle die Ehrung annehmen.
Beim Leiter der russischen Delegation hingegen erweckte diese Frage offenbar Ärger. Margulis, erklärte Lew Semjonowitsch Pontrjagin, hätte überhaupt nicht für die Fields-Medaille nominiert werden dürfen, da er nicht von den Sowjet-Funktionären vorgeschlagen worden sei.
Den wahren Grund dafür, daß der hervorragende Mathematiker kein Ausreisevisum erhielt, enthüllte jedoch nun die angesehene US-Wissenschaftszeitschrift "Science": Margulis ist Jude.
Diese Affäre ist nur der spektakulärste Fall einer Welle von Antisemitismus gegen Wissenschaftler in der Sowjet-Union, unter der bislang insbesondere jüdische Mathematiker zu leiden hatten.
Zwar sind sie nicht, wie die jüdische Elite im Deutschland von 1933, von offener Hetze des Regimes bedroht. Und jüdische Physiker etwa. können zumindest zu korrespondierenden Mitgliedern der sowjetischen Akademie der Wissenschaften gewählt werden.
Ein Emigranten-Weißbuch aber, das in einigen Exemplaren auch in der Sowjet-Union zirkuliert und das in abgemilderter Form in den "Notices of the American Mathematics Society" veröffentlicht wurde, sowie ein Samisdat-Beitrag des. Mathematikprofessors Gregorij Freiman von der Universität Kalinin belegen: Jüdische Mathematiker werden erheblich diskriminiert.
Fast immer unter schwer durchschaubaren Vorwänden, berichtet "Science", werde jüdischen Mathematikstudenten der Zugang zur Universität verwehrt, würden ältere Forscher an akademischen Karrieren gehindert.
Seit geraumer Zeit dürfen sie Einladungen ins Ausland nicht folgen. Ihre wissenschaftlichen Arbeiten bleiben ungedruckt. Die Akademie der Wissenschaften ist ihnen verschlossen.
Haupt der kleinen, doch bisher einflußreichen Clique von Funktionären, die wieder Rassismus in die sowjetische Forschungspolitik gebracht haben, ist Pontrjagin. Er repräsentiert sein Land in der Internationalen Mathematischen Union, er ist Chef des Herausgeber-Gremiums, das über das Erscheinen aller Fachbücher entscheidet; er wurde schließlich auch Chefredakteur der wichtigen Zeitschrift "Matematitscheski sbornik".
Darin immerhin wurde Pontrjagins antisemitischer Kurs offenkundig.
Früher stammte stets etwa ein Drittel der rund hundert Beiträge, die das Fachblatt jährlich veröffentlicht, von jüdischen Wissenschaftlern. 1975, als Pontrjagin die Leitung übernahm, sank ihre Zahl auf zwölf, 1976 auf acht. Im ersten Band des Jahrgangs 1977 erschienen noch vier Artikel jüdischer Autoren, im zweiten Band war es nur noch einer, im dritten Band keiner mehr.
In privatem Kreis, berichten sowjetische Mittelsmänner, rühme sich der Funktionär Pontrjagin gar mit einem deutschen Nazi-Terminus: "Matematitscheski sbornik" sei nun "judenfrei".
Solcher Rassenwahn, der seit Stalins Tod überwunden schien, hat mittlerweile wieder -- so "Science" -- "ein Klima wie in Kafka-Erzählungen" entstehen lassen. Gerade versteckte Unterdrückung macht es schwer, der bedrängten Minderheit von außen her zu helfen.
Im Jahre 1964 beispielsweise waren 84 von 410 Mathematikstudenten, die an der Moskauer Universität graduiert wurden, Juden. Seit 1970 wurden nur jeweils zwei zum Studium zugelassen.
Unter den Abgewiesenen sind sogar Gewinner der sogenannten Mathematischen Olympiaden. Jurij Sorkin etwa, Erster Preisträger eines solchen Wettbewerbs zur Talentsuche, wurde bei der Aufnahmeprüfung einem weit schwierigeren Problem als russische Studienanfänger konfrontiert.
Er löste es -- und Professor Freiman wundert sich noch immer, wie er es ohne Benutzung von Tabellen schaffen konnte. Bei der mündlichen Nachprüfung fiel Sorkin gleichwohl durch.
So kommt es, daß etliche jüdische Mathematiker, die als Kapazitäten weltweit anerkannt sind, nicht den Doktorgrad (der etwa der deutschen Habilitation entspricht) erwerben konnten. International publik aber wurde derartige Diskriminierung erst, nachdem Grigorij Margulis dem Verleihen der Fields-Medaille fernbleiben mußte.
Zu unbedacht hatte Pontrjagin in diesem Fall gehandelt:
Die wissenschaftliche Reputation des Juden Margulis ist nicht zu bezweifeln. Er arbeitete über "Liesche Gruppen", die für die Analyse von Differentialgleichungen und damit für viele Gebiete -- Astrophysik und Teilchenphysik wie auch Chemie -- bedeutsam sind.
Und die höchste Auszeichnung in der Mathematik war gerade geschaffen worden, um persönliche Leistungen unbeschadet aller Gegensätze auf der Welt zu honorieren.
Der Initiator, der Kanadier John Charles Fields, hatte die Stiftung dieses nun nach ihm benannten internationalen Preises betrieben, als deutsche Wissenschaftler nach dem Ersten Weltkrieg von den Mathematiker-Kongressen 1920 in Straßburg und 1924 in Toronto ausgeschlossen blieben.
Gegen diesen kosmopolitischen Geist der Ehrung verstieß Pontrjagin in Helsinki eklatant -- wenn er auch seine rassistischen Tendenzen kaschierte. Die Sowjet-Union, ließ er verlauten, werde an den Internationalen Kongressen nicht mehr teilnehmen, wenn die Anwärter auf die Fields-Medaille nicht von ihren Heimatstaaten vorgeschlagen werden könnten.
Damit, erfuhr "Science", hat Pontrjagin allerdings seine Kompetenzen wohl überschritten. Die Sowjet-Führung, so berichten Eingeweihte, habe ihm bedeutet, sich künftig politischer Entscheidungen zu enthalten.

DER SPIEGEL 3/1979
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