12.02.1979

Sklaven für Himmlers Waffenschmiede

Das Fernschreiben kam für Tausende einem Todesurteil gleich. "Bis zu 100 000" sowjetische Kriegsgefangene, so wies das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) am 25. September 1941 den Militärbefehlshaber im deutsch-besetzten Polen an, seien "an Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei in der Gegend Lublin" zu übergeben.
Die Verfasser der OKW-Order mußten wissen, was das für die Elite der ehemaligen Sowjetarmisten bedeutete, denn seit spätestens April war bekannt, daß der Reichsführer-SS Heinrich Himmler, Herr über Polizei und Konzentrationslager des Dritten Reiches, im Rußlandkrieg "Sonderaufgaben" verfolgte -- darunter auch die physische Vernichtung der "jüdisch-bolschewistischen Führungsschicht", wie Hitler das nannte.
Himmlers Beauftragte erschienen denn auch bald in den Auffanglagern der Wehrmacht, um die ihnen vom OKW ausgelieferten Russen in Empfang zu nehmen. Riesige Marschkolonnen ausgehungerter, mißhandelter und verängstigter Sowjetmenschen bewegten sich über die polnischen Landstraßen und verschwanden in Konzentrationslagern, so auch 10 000 Mann im KZ Auschwitz.
Kaum war Ende Oktober der letzte der 10 000 Russen im Lager eingetroffen, da trat ein SD-Kommando zusammen und liquidierte jeden, der nach Himmlers Maßstäben als "fanatischer Kommunist" und "politisch Untragbarer" galt -- insgesamt 1000 sowjetische Gefangene.
Das überraschte die älteren Häftlinge von Auschwitz nicht mehr, denn seit Juli 1941 waren sie es gewohnt, daß in das Lager kleinere Gruppen ausgewählter Sowjetgefangener, meist Kommissare, Geheimdienstoffiziere und KP-Funktionäre, eingeliefert und vom SD entweder erschossen oder vergast wurden.
Doch Himmler erfreute sich nicht nur an den Ziffern getöteter Sowjetgefangener. Noch stärker interessierten ihn die Ziffern der lebenden, sofern sie arbeiten konnten -- mit ihnen verfolgte er einen besonderen Plan: Die sowjetischen Arbeitssklaven sollten ihm helfen, in Auschwitz eine gigantische Waffenschmiede der SS zu schaffen.
Im März war Himmler in Auschwitz erschienen und hatte erläutert, wie er sich die Zukunft vorstellte: Ausbau des KZ zu einem Lager für 30 000 Häftlinge, Anlage eines
Kriegsgefangenenarbeitslagers" (KGL) bei Birkenau für weitere 100 000 Gefangene, Räumung aller Ortschaften in einem Gebiet von 40 Quadratkilometern und ihre Zusammenfassung zu einem "Interessengebiet Auschwitz" unter alleiniger Kontrolle der SS.
Die inzwischen in Auschwitz eingetroffenen sowjetischen Kriegsgefangenen aber sollten nun beginnen, das KGL Birkenau zu schaffen. SS-Männer und ihre Kapos trieben die Russen nach Birkenau; unter barbarischen Bedingungen mußten die Gefangenen Baracken bauen, Wege roden und Schienen anlegen.
Nur wenige Russen überlebten den Terror dieser Sklavenarbeit. Als das Lager im Frühjahr 1942 fertig war, lebten nur noch 1680 Gefangene. Die Überlebenden zogen in das leere Barackenlager von Birkenau.
Himmler aber dämmerte, daß das Experiment mit den sowjetischen Kriegsgefangenen gescheitert war, zumal jetzt auch das OKW Zeichen der Distanzierung verriet. Die Behandlung der sowjetischen Gefangenen in den KGL der SS hatte sich rasch herumgesprochen. Nicht aus Menschlichkeit, wohl aber aus Rücksicht auf die deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjet-Union zog es die Wehrmacht vor, keine Russen mehr an die SS auszuliefern.
Die Baracken von Birkenau blieben leer, doch schon bald kündigte Himmler den KZ-Kommandanten mit der ihm eigenen Sprache der Verschleierung an, er werde "schon den Juden und Jüdinnen, die aus Deutschland ausgewandert werden, eine große Anzahl in die Lager schicken". Im Frühsommer 1942 trafen die ersten größeren Judentransporte in Birkenau ein. Aus dem KGL wurde das größte Vernichtungslager des Dritten Reichs, in dem später Hunderttausende jüdischer Menschen ermordet wurden.
Als im Juli 1942 die letzten Russen in einen anderen Trakt verlegt werden sollten, befürchteten sie, nun auch vergast zu werden. Darauf brachen sie in einem Verzweiflungsakt aus dem Lager aus.
Auschwitz-Kommandant Höß: "Ein großer Teil wurde dabei erschossen, doch gelang es vielen zu entkommen."
Beim nächsten Appell wurden nur noch 163 sowjetische Kriegsgefangene im Lager registriert -- der Rest von 10 000. Von ihnen haben schließlich 96 die Hölle von Auschwitz überlebt.

DER SPIEGEL 7/1979
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