08.01.1979

UNWETTER / DDRKampf um Kohle

Scharfer Frost und Dauerschnee brachten die DDR an den Rand einer Energie-Katastrophe. Als die eigene Braunkohle im Boden gefror, suchte Ost-Berlin Zuflucht im Westen: bei bundesdeutscher Kohle.
Der ranghöchste Soldat in der Deutschen Demokratischen Republik heißt Heinz Hoffmann: Armeegeneral und Verteidigungsminister, hochdekoriert. Doch wenn in Deutschland Ost das Thermometer tief unter Null fällt, wenn Eis und Frost in Massen das Land okkupieren, übernimmt General Winter das DDR-Kommando.
Zum Jahreswechsel war es wieder soweit, und diesmal kam es schlimmer als sonst. Seither befindet sich die gesamte DDR in angestrengter Winterschlacht, traten SED-Politbüro und Ministerrat binnen weniger Tage zweimal zu gemeinsamen Sondersitzungen zusammen -- einziger Tagesordnungspunkt: "Überwindung der Folgen der extremen Witterung", so "Neues Deutschland". General Hoffmann mußte soviel Truppen für den Kampf an der weißen Front abkommandieren wie lange nicht mehr, viele tausend Mann.
Schon kurz nachdem zu Silvester 1978 die Temperaturen auf minus 27 Grad absanken und stundenlang Schneefälle die Straßen vor allem in den Bezirken nördlich der Hauptstadt Berlin unpassierbar machten, ging in weiten DDR-Landstrichen das Licht aus.
Hunderte mit Braunkohle beladene Güterzüge blieben auf den Wegen vom Tagebau der Bezirke Cottbus und Dresden zu den Kraftwerken im Schnee stecken. Und bald ging auch in den Kohlegruben der Ober- und Niederlausitz nichts mehr. Im Nu waren die knappen Rohstoff-Reserven der Energie-Erzeuger aufgebraucht. Etwa fünf Stunden bevor das Planjahr 1978 ausklang, verabschiedete sich auch die Stromversorgung.
"Flächenabschaltungen", wie die ostdeutschen Energieversorger die landesweiten Dunkelfelder nennen, trafen Dörfer wie Großstädte gleichermaßen. In der näheren Umgebung Berlins beispielsweise gab es kaum eine Gemeinde, deren Bewohner sich in der Silvesternacht nicht bei Kerzenlicht zuprosten mußten. Straßenbeleuchtung sowie die Illumination historischer Bauwerke und des Fernsehturms wurden gestrichen; der "Palast der Republik" schaltete bis auf weiteres auf Notbeleuchtung. Nur an der Berliner Mauer und auf den Todesstreifen blieb das Düstere in grelles Licht getaucht.
Im Großkraftwerk Vetschau am Rande des Spreewaldes standen in den kohleknappen Stunden um die Jahreswende die meisten Kraftwerksblöcke still. In einem Dorf gleich nebenan gingen erst nach neun Stunden die Lichter wieder an. Durch das rapide Absinken der Temperatur sprengte das zu Eis gefrorene Wasser zentimeterdicke Rohrwandungen aus hochlegiertem Stahl auseinander. "Die Reparaturbrigaden" beobachtete ein Reporter des (Ost-) Berliner Rundfunks", kamen "gar nicht so schnell mit dem Schweißen nach".
Bei den wenigen Zügen, die in der kritischen Phase die Kraftwerke doch noch erreichten, war die Kohle an den Waggonwänden festgefroren. Sie mußte teils mit Preßlufthämmern herausgebrochen, teils mit Heißdampf herausgelöst oder gar mit Triebwerken russischer MiG-Düsenjäger herausgepreßt werden. Dennoch mußten einige Brennblöcke wegen der ausbleibenden Kohle so rapide in der Leistung zurückgefahren werden, daß durch das jähe Erkalten Schäden an den Anlagen entstanden.
Die 120 000 Bergleute der DDR, zum Teil mit unheilverkündenden Einsatzbefehlen aus dem Urlaub zurückgerufen, erhielten am Morgen des 1. Januar Verstärkung durch Tausende von Volksarmisten und -polizisten.
1300 uniformierte Helfer schafften allein im Braunkohlenkombinat Regis südlich von Leipzig. Provisorisch untergebracht in Kulturhäusern und Turnhallen, gebettet auf eilends von der Bevölkerung erbetenen Decken und Luftmatratzen, versorgt aus Gulaschkanonen der DDR-Zivilverteidigung, mühten sie sich, trotz der Schneemassen mit Förderrekorden aufzuwarten.
So schaufelten beispielsweise die Bagger von Regis, durch Militär vom Eise befreit, statt des Plansolls von 22 000 Tonnen Rohkohle am vergangenen Mittwoch sogar 27 000 Tonnen. "Das ist", rühmt Alfred Glatz, Gewerkschaftsvorsitzender des Kombinats, "eine ungeheure Leistung."
In den Braunkohletagebau Nochten, der das modernste DDR-Kraftwerk in Boxberg versorgt, waren Soldaten einer Panzereinheit kommandiert. Ihr Frontauftrag: "Kampf um jede Tonne Kohle."
Auch im traditionsreichen Chemie-Großbetrieb Leuna eilten die in der Umgebung stationierten NVA-Einheiten beim Kohleentladen zu Hilfe. Zwar fiel von den Kohlezügen aus dem nahen Bitterfelder Revier ohnehin jeder dritte aus. Doch diejenigen, die durchkamen, erreichten das Werk als "in sich geschlossener Eisberg" (Pressebericht). Erst nach drei Stunden Erwärmung in Auftauhallen konnten die Wagen, immer noch mit erheblichen Schwierigkeiten, entladen werden.
Im Gaswerk des Kombinats "Schwarze Pumpe" bei Hoyerswerda in der Lausitz zerplatzten die im Freien verlegten Rohre für Wasser und Rohbenzin zu Dutzenden. In mühseliger Handarbeit mußten Leitungen aufgetaut und anschließend mit Isoliermaterial umwickelt werden.
Die Produktivität des petrochemischen Kombinats von Schwedt an der Oder, größter Kraftstoffproduzent der DDR, sank ebenfalls rapide ab: Zahlreiche Kesselwagenzüge mit Rohöl waren auf freier Strecke eingeschneit oder stauten sich auf entlegenen Güterbahnhöfen.
Das Edelstahlwerk "8. Mai 1945" im sächsischen Freital stellte weitgehend den Betrieb ein. Die Stromsperre hatte die Elektroöfen erkalten lassen. Um die Planziele für 1979 zu retten, zog die Werksleitung kurzerhand für später geplante Reparaturen vor.
Und in der Maxhütte im thüringischen Unterwellenborn war die Versorgung zeitweise gleich doppelt zusammengebrochen: Weder Rohmaterial noch Elektrizität waren verfügbar. Die Werktätigen beschäftigten sich derweil mit Schneeschippen auf dem Betriebsgelände.
In Deutschlands Norden machte das kalte Chaos an keiner Grenze halt. Im Bezirk Neubrandenburg herrschten, wie auch im gesamten ehemaligen Mecklenburg, ähnliche Zustände wie im bundesdeutschen Schleswig-Holstein. Wo die Energie ausblieb, fielen in Ost und West reihenweise die Heizungen aus. Kettenfahrzeuge der Nationalen Volksarmee mußten Molkereiwagen über verwehte Kreisstraßen lotsen, so wie Bundeswehrpanzer auf der anderen Seite Elektriker vor Ort fuhren.
Im extremsten Kälte-Notstandsgebiet, auf der Insel Rügen, wurden Dörfer teils von Hubschraubern aus der Luft versorgt, teils von schweren Panzern mit Fleisch und Brot beliefert. Hier halfen auch sowjetische Armee-Einheiten -- mit schwerer Räumtechnik, aber auch mit Brot aus den Kasernenbäckereien.
Den volkseigenen Höfen in den Agrarbezirken Rostock und Schwerin starben unter den erloschenen Infrarotstrahlern Ferkel ebenso weg wie den Schollebesitzern an der Geltinger Bucht. im Kreis Gadebusch nahmen die Dorfbewohner neugeborene Schweine, denen der Kältetod drohte, in persönliche Pflege.
Nur die Ursachen des Stromausfalls waren verschieden, auf nachgerade typische Weise nicht-gesamtdeutsch. Während im Westen Energie im Überfluß vorhanden war, aber wegen tagelang unterbrochener Leitungen nicht in Stube und Stall gelangen konnte, traf der jähe Temperatursturz die DDR-Versorger an ihrer empfindlichsten Stelle: dem Energiemangel schlechthin.
Und das ausgerechnet, als der Bedarf am größten war. Beim Überland-Stromwerk für Schleswig-Holstein, den "Nordwestdeutschen Kraftwerken" (NWK) in Hamburg, stieg wie immer bei Kältewellen mit jedem nächtlichen Minusgrad der Strombedarf um 40 Megawatt -- machte in Frostnächten mit minus 20 Grad 800 Megawatt, und das ist die Liefermenge eines großen Kraftwerkes. Kernkraftwerke und Gasturbinen stellten den Zusatzbedarf glatt.
In der Ost-Republik hingegen hatten schon starke Regenfälle im Spätsommer und noch einmal nach Weihnachten Engpässe bewirkt: Die Braunkohlegruben verwandelten sich in fast unwegsamen Morast. Nun, in tiefem Frost, gefroren sie schlagartig zu steinharter Kruste. Denn schon in normalen Zeiten hat die DDR-Braunkohle einen Wassergehalt von 60 Prozent.
Braunkohle aber ist für die DDR noch immer der Energieträger Nummer eins: Sie erbringt drei Viertel der Primärenergie. Das entspricht einer Jahresförderung von rund 250 Millionen Tonnen, von denen etwa die Hälfte zu Briketts verarbeitet wird.
Zwar möchte die Ost-Berliner Wirtschaftsführung den Kohleanteil bis Ende 1980 auf 60 Prozent herunterdrücken -- gegenüber noch 84 Prozent im Jahr 1970. Dafür sollen die Anteile der Kernenergie von null im Jahre 1970 auf fünf Prozent, bei Erdgas auf elf und bei Erdöl von 16 auf 26 Prozent gesteigert werden.
Wegen des steigenden Energiebedarfs darf jedoch auch nach 1980 die Fördermenge an Braunkohle nicht unter die derzeitige Leistung absinken, obwohl die Produktionsbedingungen von Jahr zu Jahr schlechter werden. Allein in diesem und im nächsten Jahr erschöpfen sich 16 Tagebaue; die dadurch fehlende Kapazität muß durch kostenaufwendigen Neuaufschluß von 18 Gruben ersetzt werden.
Zugleich verschlechtert sich auch das Verhältnis der Kohlegewinnung zum Abraum: Während zur Zeit für jede Tonne Kohle 3,5 Kubikmeter Sand und Gestein bewegt werden müssen, werden es Anfang der achtziger Jahre schon 4,8 Kubikmeter und nach 1990 bereits um die fünfeinhalb Kubikmeter sein. Ungünstige Abbaubedingungen dürften denn auch bereits im nächsten Jahr die Kosten für jede Tonne Rohbraunkohle um durchschnittlich zwei Mark verteuern.
Hinzu kommt, daß die DDR am Donnerstag letzter Woche, offenbar unter dem Kälteschock, eine beträchtliche Erhöhung der Kohleeinfuhren aus der Bundesrepublik vereinbarte -- gegen Devisen. Nach Saar- und Ruhrkohle-Importen für rund 150 Millionen Verrechnungseinheiten, etwa 550 000 Tonnen, im vergangenen Jahr sollen es dieses Jahr Steinkohle und Koks für 100 Millionen Verrechnungseinheiten mehr sein.
Sicher ist schon jetzt, daß die ostdeutschen Energieplaner, denen ohnehin die ständigen Verteuerungen am internationalen Erdölmarkt zusetzen, noch stärker in eine hausgemachte Inflation steuern. Denn trotz ständig steigendem Aufwand pro Tonne Kohle und pro Kilowattstunde Elektrizität haben SED-Führung und DDR-Ministerrat der Bevölkerung stabile Preise versprochen: acht Pfennig pro Kilowattstunde, sechzehn Pfennig pro Kubikmeter Gas und 1,70 Mark pro Zentner Briketts -- und das schon seit 1952.
Erst einmal aber werden Land und Volk alle Hände voll zu tun haben, die Verbraucher wieder überall ans Netz zu kriegen. Die DDR-Presse berichtet seit dem 2. Januar über den "selbstlosen Einsatz" ("Berliner Zeitung"), als gehe es allenthalben ums nackte Überleben. Die Reporter der "Winterschlacht" treffen exakt den Ton der Frontberichterstattung: Sieg trotz einiger Verluste.
"In Erfurt", begeisterte sich das CDU-Blatt "Neue Zeit", kämpften die Genossen der NVA-Einsatzgruppen von Oberleutnant Ketzel" fast 14 Stunden lang "erbittert gegen Schnee und Eis". Die Ketzel-Truppe versuchte auf dem Erfurter Hauptbahnhof, 1300 Weichen vorm Einfrieren zu bewahren. "Mit Hochachtung", heißt es im Blatt, sprechen die Eisenbahner nun von ihren "jungen Helden im Waffenrock".
Ziviles Heldentum verkörpert etwa der Ost-Berliner Straßenreiniger Lothar Schwabe, der dem Gewerkschaftsblatt "Tribüne" gestand, die Silvester-Raketen hätte er "gern selber gezündet". Aber: "In solchen brenzligen Situationen stehen wir zu unserem Betrieb."
Wahr ist wohl, daß das seit Mitte der siebziger Jahre über die Streitfrage "Konsum oder Kommunismus" gespaltene DDR-Volk in diesen Wintertagen tatsächlich wieder enger zusammengerückt ist. Auf den Bahnhöfen herrschte Nachkriegsstimmung. Volksarmisten und die Alten-Helfer von der "Volkssolidarität" wetteiferten im Tee-Ausschenken. Und über dem Rand des Tellers mit heißer Erbsensuppe war plötzlich des seligen Walter Ulbricht sozialistische Menschengemeinschaft sichtbar. Oder, wie eine DDR-Autorin pointierte: "Katastrophen verbinden, Wohlstand trennt."

DER SPIEGEL 2/1979
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