26.03.1979

„Wir sind unregierbar und unkalkulierbar“

In Marburg nennen sie sich "Lockere Liste", in Münster "Rührt Euch" und an der Fachhochschule Esslingen "Astarix". Sie treten im niedersächsischen Göttingen, im rheinland-pfälzischen Kaiserslautern und im nordrhein-westfälischen Aachen an unter so assoziationsträchtigen Kürzeln wie "Plu" ("Politik links unten"), "BauM" ("Bewegung aktiver unabhängiger Menschen") oder "LuSt" ("Liste undogmatischer Studenten").
In Berlin gehörten sie zu jenen, die am vorletzten Sonntag massenhaft die "Alternative Liste" wählten, ein "jugendliches Protestpotential"' das nach dem SPD-Vorsitzenden Willy Brandt "ganz ernst genommen werden muß".
Überall an den deutschen Hochschulen schlossen sich in den vergangenen Jahren Studenten zu "Sponti"- und "Basis"-Gruppen zusammen -- "Harlekine der akademischen Jugend von heute", wie sie der Münchner Politologe Kurt Sontheimer charakterisiert, "radikal, anarchistisch und destruktiv
Im Verbund mit Bürgerinitiativen und Umweltschützern schafften sie jetzt bei den Parlamentswahlen in Berlin, so ihr Spitzen-Sponti Heiner Bosselmann, erstmals "den Ausbruch aus der hochschulpolitischen Isolierung".
Aber nicht, um sich "in das Machtkalkül der etablierten Parteien" einbauen zu lassen. Denn: "Wir sind die", so das stolze Bekenntnis der Frankfurter Hochschul-Spontis, "vor denen unsere Eltern immer gewarnt haben. Wir sind unregierbar und unkalkulierbar." Ob sie "nur eine vorübergehende Erscheinung" oder womöglich "die Vorboten des Zerfalls unserer politischen Kultur der Nachkriegszeit?" (Sontheimer) sind -- jene Studentengruppen, die Spontaneität, persönliche Emanzipation und Basisnähe zum Programm erhoben haben, sind "der neue wichtige Faktor in der Studentenpolitik", so der Ex-Vorsitzende des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) Friedbert Pflüger.
Sie schmälern den Einfluß des kommunistischen MSB Spartakus und seiner Trabanten vom Sozialistischen Hochschulbund (SHB), machen vor allem aber den frei- und sozialdemokratischen Nachwuchsorganisationen an den Universitäten Konkurrenz. "Linke Leute, die vor wenigen Jahren zu uns gekommen sind", jammert Juso-Hochschulreferent Harald Metzger, "sind jetzt hei den Sponti-Gruppen."
Von Semester zu Semester erobern sie mehr Sitze in den Studentenparlamenten, obwohl sie sich schon bei der Abgrenzung ihres politischen Standortes schwertun. "Es gibt bei uns die verschiedensten Vorstellungen von Sozialismus", heißt es in der Aachener Sponti-Zeitung "Klenkes", von der "konsequenten Durchsetzung aller Menschenrechte" über die "Verwirklichung der Bergpredigt" bis hin zu "marxistischen oder libertär anarchistischen Ansätzen".
Ungeachtet solcher Positions-Schwierigkeiten stellen sie seit inzwischen vier Jahren in Frankfurt und Kassel nach der Maxime "Auf die Dauer Sponti-Power" den Asta. In der Gesamthochschule Essen gewannen die Basisgruppen bei den letzten Wahlen auf Anhieb zehn von 59 Sitzen, an der Beton-Uni Bochum lösten sie im vergangenen Wintersemester den RCDS-Asta ab, und an der Pädagogischen Hochschule in Lüneburg mußten die dogmatischen Kommunisten der spontanen "SOS" ("Selbstorganisation von Studenten") weichen.
Und kaum erlosch in Göttingen die "Bewegung undogmatischer Frühling", die den auch in den eigenen Reihen umstrittenen Mescalero-Nachruf auf den ermordeten Generalbundesanwalt Siegfried Buback zu verantworten hatte, da erblühte an der PH Karlsruhe eine "Bewegung undogmatischer Spätherbst".
Gemeinsam mit den Jungsozialisten beherrschen sie an den Unis in Saarbrücken, Oldenburg und Gießen den Asta. Spontis und Jusos stellen die Mehrheit an der PH in Neuss, an der TH Darmstadt und der Fachhochschule Fulda. Und wenn in Berlin nach dem neuen Landeshochschulgesetz erstmals seit 1969 wieder eine Studentenvertretung gewählt wird, "dann kriegen wir, wenn wir antreten", prophezeit Sponti Horst Hanke, "bestimmt die Mehrheit".
Noch streiten allerdings die Berliner Basisgruppen, welches Ziel sie mit ihrer Kandidatur überhaupt verfolgen: Wollen sie, so steht es in der jüngsten Ausgabe von "Konsequer", das "reformistische Einbindungsinstrument", den Asta, "lähmen" und "handlungsunfähig" machen oder mit einer konfliktorientierten "linken Politik" Wissenschaftssenator Peter Glotz zwingen, "den Asta abzusetzen"?
Auch in der Vollversammlung der Vereinigten Deutschen Studentenschaften (VDS), wo sie fast ein Viertel der achthundert Delegierten stellen, wissen Spontis und Basisgruppen nichts Rechtes mit ihrem ständig wachsenden Einfluß anzufangen.
Auf einem VDS-Meeting in Köln entwarfen sie nicht nur einen Speisezettel des "Gasthauses zu den Basisgruppen -- gutbürgerliche Gerüchteküche" mit "Sauce marxisme, Croquette theorie und Salat praxis" und als Nachtisch "Sauce Biermann und Action Knödel". Es kursierten auch Pläne einzelner Gruppen, die Bundesvereinigung zu verlassen und einen eigenen "linksradikalen Studentenverband" zu gründen. Das Motto der Spalt-Aktion: "Das Chaos vorantreiben".
Für die Berliner Sozialwissenschaftler Tilman Fichter und Siegward Lönnendonker sind die Sponti-Gruppen der Beweis, daß "die dritte studentische Nachkriegsgeneration endgültig die zweite abgelöst" hat. Nach der "eher opportunistischen" ersten "Generation des knurrenden Magens" habe es ab Mitte der sechziger Jahre eine zweite rebellische gegeben -- "sie analysierte, argumentierte und agitierte in dem Bewußtsein, daß diese Gesellschaft verändert werden muß und verändert werden kann".
Für die jetzige Generation hingegen sei das Gefühl typisch' "daß alles umsonst war, daß sich nichts geändert hat, daß überhaupt keine Veränderung möglich ist".
Der einstige Apo-Führer Bernd Rabehl machte ähnliche Erfahrungen mit der neuen Generation: "Sie sind zurückgeworfen auf Subjektivismus. Und der äußert sich dann in Skeptizismus und Zynismus."
Als Folge der "Orientierungskrise" befürchtet der Gießener Sozialpsychologe Horst Eberhard Richter eine "Absetzbewegung" der Jugend, die "noch gravierender einzuschätzen" sei als die vergangene Studentenrebellion. Meinungsumfragen bestätigen den Trend: Bis zu 25 Prozent der Jungwähler, so die Schätzungen, haben mit den bestehenden Parteien nichts mehr im Sinn.
Versuchten die Studenten Ende der sechziger Jahre, die Parlamente von außen unter Druck zu setzen, so glauben ihre antiautoritären Nachfahren, daß Streiks, Resolutionen und Demonstrationen nichts bewegen können. Derlei studentische Protestaktionen, schreibt das Asta-Kollektiv in Kassel, hätten sich als "hilflose, kalkulierbare Begleitmusik für die Politik der Herrschenden" entpuppt.
Sabine Lenk von der Berliner "LauS" ("Liste aktiver unorganisierter Studenten") resümiert: "Was früher eine außerparlamentarische Opposition war, wird jetzt langsam zu einer antiparlamentarischen Opposition."
So sind die Spontis und Basisgruppen peinlich darauf bedacht, es ja nicht den Alten nachzumachen und zu einer Partei mit Führungskadern und fixem Programm zu erstarren. Als abschreckendes Beispiel führen sie immer wieder die straff organisierten K-Gruppen der Leninisten und Maoisten an, vor allem aber auch MSB Spartakus und SHB mit ihren "selbsternannten Avantgarden der Arbeiterklasse", ihrer "Kampagnenpolitik der Sternmärsche und Programmdiskussionen".
Wann immer sich Anzeichen einer solchen "Stellvertreterpolitik" oder von "Funktitum" in ihren eigenen Reihen zeigen, wird aufgemuckt. Als die "Bundesfunktis" Ah Schmeissner und Axel Ickert, Sponti-Vertreter im VDS, eine Demonstration gegen den Rausschmiß ihrer Kommilitonen in "Highdelberg" ankurbelten, protestierten prompt die Stuttgarter Basisgruppen gegen diese "08/15-Kampagne", an der immerhin 10 000 Studenten teilgenommen hatten. Ah, Axel und Kompagnons hätten nur "einen schönen Luftballon produziert, der nach zwei Tagen zerplatzte".
So weit geht der Argwohn gegen Absprachen von oben, daß sie sich im letzten Jahr noch nicht einmal darauf einigen konnten, alle hessischen Asten aufzurufen, die Grünen Listen im Landtagswahlkampf zu unterstützen. Ebenso scheiterte im Oktober 1978 bei einem Berufsgruppenseminar in Trautskirchen der Versuch, regional und bundesweit Aktions-Schwerpunkte für das Wintersemester festzulegen.
Im Unterschied zu den anderen Hochschulgruppen machen die Spontis aus ihrer Unfähigkeit, sieh zu organisieren, Konzepte zu entwickeln und Alternativen anzubieten, keinen Hehl. "Spontis erfaßt halt oft der große Frust", verkünden die Frankfurter in ihrer "Uni-Info", "und da sie sehr sensibel (auch sehr nett) sind, tauchen sie dann ab und zu unter. Aber nie für immer."
Der freimütige Umgang mit den eigenen Problemen kommt vor allem bei der großen Masse jener Studenten an, die sich vom scheinbaren Perfektionismus ihrer Umwelt abgestoßen fühlen und der abgedroschenen Politslogans überdrüssig sind. Minutenlangen Beifall gab es jüngst im Audimax der Berliner FU nicht etwa für einen besonders schlagfertigen und geistreichen Diskussionsbeitrag, sondern für einen Sponti, der erklärte: "Mein Linkssein besteht doch eigentlich nur darin, daß ich mehrmals in der Woche mit der U-Bahn von Kreuzberg nach Dahlem an die Uni fahre. .
Während andere Hochschulgruppen Resolutionen und Programme zuhauf produzieren, bekennt der Frankfurter Asta schlicht: "Fast alle Leute haben die gleichen Schwierigkeiten wie wir: Es fehlt uns eine konkrete Utopie, soziale Phantasie, etwas worauf wir hinaus wollen."
Statt Dogmen und Doktrinen propagieren sie den Rückzug auf das "Ich" oder "Wir", weg von den großen Gesten der Globalveränderung. "Wir wollen nicht mehr sachlich über Sachen reden, sondern persönlich über Sachen und Personen", so das erklärte Ziel Berliner Spontis.
"Massenanziehend", analysieren die Jusos, "wurde die antiautoritäre und spontaneistische Subkultur erst, nachdem das Scheitern der wachstumsorientierten Reformpolitik, die verschärften Studien- und Prüfungsbedingungen und eine desillusionierende Berufsperspektive durch Akademikerarbeitslosigkeit und Berufsverbote eine neue Studentengeneration prägte." Aus der allgemeinen politischen Resignation sei das Bedürfnis erwachsen, "wenigstens die individuelle oder individualistische Emanzipation auch unter scheinbar unveränderlichen gesellschaftlichen Verhältnissen zu versuchen".
Während die hierarchisch organisierten K-Gruppen die Mehrzahl der Studenten mit ihrem Verlangen nach Kadavergehorsam und ständigem Einsatz abschrecken, setzen die Spontis auf die "freiwillige Bereitschaft" (Schmeiss~ ncr). Statt Leistung propagieren sie das Lustprinzip auch auf die Gefahr hin, daß sich durch diese gewollte Unverbindlichkeit die Zusammensetzung ihrer Gruppen ständig ändert.
Je mehr sich in den Universitäten -- um den Massenandrang zu bewältigen
* Ruhruniversität Bochum.
-- Bürokratie ausbreitete, je schneller sieh die Hochschulen zu anonymen Lernfabriken auswuchsen, desto stärker wurde der Zulauf zu der Sponti-Bewegung. Vor allem die Neuen, die sich isoliert, gegängelt und reglementiert fühlen, suchen bei den Sponti- und Basisgruppen Zuflucht und Wärme.
Das gibt inzwischen auch den Studenten-Funktionären der etablierten Organisationen zu denken: Für den RCDS-Vorsitzenden Günther Heckelmann ist die Sponti-Bewegung "ein Appell zur Überprüfung unserer eigenen Offenheit, Bürgernähe und Gesprächsbereitschaft". Karl-Heinz Krems vom Liberalen Hochschulverband gibt zu: "Der subjektive Faktor geht uns ab das fehlt uns." Und für den Göttinger Hochschul-Juso Gerhard Wegner schließlich muß sich noch vieles ändern, bis sein Verein "eine Alternative" zu den Spontis bieten kann.
Statt, wie ihre politisierenden Kommilitonen, Resolutionen zu verabschieden, führen die Basis-Gruppen die "direkte Aktion" oder auch "fröhliche Revolten" vor: Als in Frankfurt wieder einmal die Mensa-Preise erhöht wurden, luden sie sich die Tabletts voll und marschierten ohne zu zahlen an der Kassiererin vorbei: "Das war wirkungsvoller als jede noch so scharf formulierte Protestnote."
In Kassel pflanzten die Hochschul-Spontis eine Palme in den öden Granitboden des Zentralgebäudes der Universität, um "auf die erschreckend hohe Zahl derer aufmerksam zu machen, die mit ihrer Situation in der Hochschule nicht zurechtkommen, sich in Apathie, Depression, Isolation oder sogar den "Freitod' flüchten". Und als im Januar bei einer Festsitzung des Frankfurter Konvents der neue Unipräsident vorgestellt wurde, trieben die Spontis von der Studentenvertretung ein Schwein durch die Festversammlung, weil "uns für das Amt des Universitätspräsidenten ein echtes Schwein lieber ist als ein Professor ... und ein Saustall ein Wort der Befreiung sein kann".
Ein sanfter Konfettiregen statt des erwarteten heftigen Widerspruchs ärgerte Finanzminister Hans Matthöfer in einer Berliner Ökologie-Veranstaltung dermaßen, daß er die Kernkraftgegner wütend aufforderte: "Macht doch mal den Mund auf." Das taten sie auch draußen vor dem Saal, wo sie ein für die Polit-Prominenz aufgebautes kaltes Büfett ratzekahl aufaßen.
Doch nicht immer sind die Spontis nur gutmütig verspielte Softis. Sie mischen mit bei den Häuserbesetzungen im Frankfurter Westend, sind bei den Anti-Kernkraft-Demonstrationen in Grohnde und Gorleben dabei und "graben schon mal", so ein Hambürger Aktivist, "wenn's Dicke kommt, einen Pflasterstern aus
Auf die zur Zeit der Studentenrevolte noch heftig umstrittene Frage, ob Gewalt gegen Sachen und Personen zu billigen sei, geben sie keine eindeutige Antwort: "Darauf", so formuliert es Reinhard Mohr vom Frankfurter Asta, "gibt jeweils der Staat die Antwort." Sie "reagieren auf Polizeiknüppel", würden aber "niemals militärsttategisch bei einer Demo" vorgehen. "Es hängt halt von der Situation und der Entwicklung jedes einzelnen ab, ob er zum Stein greift."
Für den RCDS gelten die Spontis dennoch als Rekrutierungsfeld für extremistische Gewalttäter und Terroristen. Ihre Aktionen, heißt es in einer RCDS-Informationsschrift, seien "meist von subtiler oder unverhüllter Gewalt begleitet". "Teile der Basisgruppen", schreiben die Christdemokraten, seien "in die direkte Gewaltanwendung abgeglitten und durchaus den Terrorsympathisanten zuzurechnen".
Soweit mag selbst der Verfassungsschutz nicht gehen. "Die Mehrzahl der linksextremistischen undogmatischen Gruppen", heißt es im letzten Verfassungsschutzbericht, "befürwortete eine "fröhliche Revolte' und eine "fröhliche Militanz' und lehnte deshalb Terroranschläge der "Stadtguerilla' ab."
Mehr als durch handfeste Auseinandersetzungen machen die Sponti-Gruppen außerhalb der Universitäten durch ihre verbalradikalen Sprüche, mit dem Göttinger "Mescalero"-Nachruf oder auch dem Prozeß gegen die Berliner Agit-Drucker von sich reden. "Gemeinsam sind wir unausstehlich", heißt der Aufruf der Marburger für eine überregionale Hochschulzeitung. "Was lange gärt, wird endlich Wut", wurde zum geflügelten Wort der Sponti-Bewegung. "Fällt der Asta, fliegt das Pflasta" reimen die Kasseler und meinen es mit ihrem Zweizeiler genauso ernst wie die Aachener mit ihrem Motto "Erst der Sprung der Massen auf das Sofa schafft den Bossanova".
Mit ihrer saloppen Umgangssprache, die keine Tabus kennt, ihrer "Selbstironie und ihrem provokanten Witz" (der Tübinger Rhetorik-Professor Walter Jens) ecken sie bei all jenen an, die von Berufs wegen hinter jedem losen Mundwerk auch zügellosen Extremismus vermuten: Durch ihren "infamen "Politulk' und grobschlächtigen Stil", vermuten denn auch die Verfassungsschützer, habe die undogmatische Linke "wesentlich dazu beigetragen, bei ihren Anhängern die Hemmungen gegenüber Gewaltanwendung" abzubauen "Was wir als "locker' gemeint hatten", gehen die Herausgeber des Buback-Nachrufs offen zu, "wirkte auf die meisten Leser zynisch."
Gerade wegen ihrer rücksichtslosen Offenheit, aber auch weil sie weder auf ideologische Lehrsätze noch auf parteipolitische Bindungen Rücksicht nehmen müssen, können die Basisgruppen' so der liberale Studentenfunktionär Krems' eine "absolut ehrliche Diskussion über den Terrorismus führen" und manchmal sogar "Leute, die sonst total ausflippen würden, durch ihre Aktionen einbinden".
Im Unterschied auch zu allen anderen Hochschul-Organisationen können die Spontis den an der Massenuniversität Frustrierten Nestwärme oder gar Asyl in der Alternativen Szene bieten. Als Kommunarden in Wohngemeinschaften, Demonstranten gegen die Atomenergie, in linken Buchläden und Kneipen, bei den Landkommunen, die makrobiotische "Überlebensmittel" anbauen, in Bio-Läden und in Werkstätten, wo ausgeflippte Studenten an kaputten Autos herumbasteln -- überall treffen sie auf ihresgleichen.
Hochschulspontis dürfen sich zu der Solidargemeinschaft der Alternativen zählen, die zu besonderen Anlässen -- wie bei dem großen "Tunix"-Treffen in Berlin oder bei der Iran-Demonstration in Frankfurt -- Zehntausende auf die Straße bringen.
Für viele freilich, die sich nach einigen enttäuschenden Erlebnissen aus der Hochschulpolitik zurückziehen, wird die neue Spontaneität schließlich zum Getto. "Man/Frau geht nicht mehr zu Terminen. Man/Frau "lebt', und zwar gesund", beschreibt die Kölner Studentenzeitung "etcetera" den "Rückzug aus der Politik" in die "Alternative Kräuterszene" oder in die Subkultur. In der Basisgruppe Stuttgart beispielsweise brachen in den letzten zwei Jahren die Hälfte der Leute ihr Studium ab. Und einstige Aktive von der Göttinger "Bewegung undogmatischer Frühling" zogen sich in Landkommunen zurück.
Sie jobben als Taxifahrer und machen ihre politische Gesinnung allenfalls noch durch den Aufkleber "Atomkraft? -- Nein danke" kenntlich, kellnern in Kneipen und backen Vollkornbrot. Oder sie kassieren, solange sie können. Bafög und betrachten. beobachtete Professor Peter Grottian von der FU Berlin, das Studium nur noch als "komfortablen Wartesaal". Haben sich die Spontis erst einmal aus der Hochschulpolitik zurückgezogen und im alternativen Getto von Trotz und Resignation wohnlich eingerichtet, sind sie für die Politiker unerreichbar. "Nur an der Universität", meinen die Sozialwissenschaftler Fichter und Lönnendonker, sei "die Diskussion noch möglich, diese Möglichkeit muß aber ausgeschöpft werden".
Bislang freilich haben die Sozialliberalen und Christdemokraten die Universität als Ort der politischen Auseinandersetzung gemieden. Aus Angst vor faulen Tomaten und Eiern, vor Sprechchören und Buhrufen hielten sie sich vom akademischen Nachwuchs fern.
Als erster Hochschulpolitiker hat der Berliner Wissenschaftssenator Peter Glotz erkannt, daß den Spontis und Basisgruppen bei dem Versuch, die "Isolierung der Hochschule zu durchbrechen", eine Schlüsselrolle zukommt.
Denn sie repräsentieren viel mehr als alle anderen Gruppen die derzeitige Stimmung unter den linken Nachwuchsakademikern, denen -- wie es der FU-Professor Grottian formuliert -- "zwei Pfeiler weggebrochen sind": die Aussicht auf einen Beruf, in dem sie etwas bewirken können, und die Hoffnung, durch politisches Engagement an den gesellschaftlichen Verhältnissen etwas ändern zu können.
Wenn von fünf Jahrgängen "nur zehn Prozent der heute 900 000 Studierenden abschwimmen"' rechnet Wissenschaftssenator Glotz, "dann wäre die soziale Atmosphäre der Bundesrepublik verändert".

DER SPIEGEL 13/1979
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