23.04.1979

JUGOSLAWIENFlach wie Kekse

Schwer getroffen von den Erdbeben in Montenegro ist der Fremdenverkehr -- schlecht gebaute Großhotels fielen zusammen.
Ganz überraschend traf die Montenegriner die Erdbeben-Katastrophe vom Ostersonntag nicht -- aber gerade das machte ihre Lage nur schlimmer.
Schon Anfang April sah der Wissenschaftler Slavko Vucinic von der Erdbebenwarte in Titograd die Nadeln seiner Seismographen wild ausschlagen.
Und selbst als in der Nacht vom 8. auf den 9. April -- also eine Woche vor Ostern -- in der südjugoslawischen Küstenregion die Erde für vier Sekunden wankte, gaben die Seismologen keinen Großalarm, obgleich die zwölfstellige Mercalli-Skala ein Beben von 7,7 Grad Stärke anzeigte.
Im historischen Städtchen Ulcinj wurden schon in jener Nacht drei Viertel aller Gebäude beschädigt, zehn Prozent der Häuser so schwer, daß sich Reparaturen nicht mehr lohnten. In der Hafenstadt Bar trübte sich das Trinkwasser, das aus der Leitung kam, was auf Schäden an der Kanalisation oder gar an der Bergquelle schließen ließ.
Doch trotz rund 200 weiterer Nachbeben beschränkten sich die jugoslawischen Behörden darauf, die obdachlos gewordene Bevölkerung anderswo am Katastrophenort unterzubringen, meist in leerstehenden Erholungsheimen Belgrader Betriebe.
Die Sorglosigkeit der Behörden gegenüber Erdbeben hat im südlichen Jugoslawien Tradition -- sie rührt aus zu vertrauter Gewöhnung.
Denn die Küstenzone an der südlichen Adria wird seit Menschengedenken ständig von Erdverwerfungen heimgesucht; erste Schreckensmeldungen stammen aus dem 16. Jahrhundert. Die noch heute malerische Küstenstadt Dubrovnik zählt in ihren Chroniken zwölf schwere Beben auf, bei einem kamen allein 5000 Menschen ums Leben. Den Hafen Zadar traf es zehnmal, und auf der Adria-Insel Pag versank schon im Altertum in einer Nacht eine ganze Stadt.
In der mazedonischen Hauptstadt Skopje starben 1963 über tausend Menschen unter den Trümmern, das Zentrum der vorletzten Katastrophe in der Küstenregion lag im November 1968 wie diesmal zwischen den Küstenstädten Budva und Bar. Damals schrieb die Belgrader Parteizeitung "Politika", es gebe in Bar "praktisch kein Haus, das nicht beschädigt wurde".
Fachleute haben nachgerechnet, daß die Erdbeben in Jugoslawien in den ersten 70 Jahren dieses Jahrhunderts Energien freigesetzt haben, die der zerstörenden Kraft von 20 000 Atombomben des Hiroschima-Typs gleichkommen.
Die Zerstörungen in Bar blieben 1968 der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt; auch, daß zum Beispiel das Renommierhotel am Ort, das fünfstöckige Ausländerhotel "Agava", für rund 300 000 Dinar (45 000 Mark) wieder gekittet werden mußte. "Politika" wußte auch, warum die Behörden derart diskret waren: "Da es sich um ein Touristengebiet handelt, klangen die Berichte gedämpft."
Im April 1979 ließ sich das Unglück nicht verheimlichen: Die auf dem schwankenden Boden bereits mürbe gewordenen Mauern der Städte und Dörfer an der Küste Montenegros brachen am frühen Ostersonntag bei einem Erdstoß von 50 Sekunden Dauer zusammen. Rund 150 Tote -- ganz genau weiß es die Belgrader Regierung noch immer nicht -- sind allein in Jugoslawien, weitere 35 Tote im benachbarten Albanien zu beklagen.
Ein jugoslawischer Regierungssprecher meldete "das schwerste Beben des Jahrhunderts" und gab den Schaden mit einer Milliarde Mark an. Zwei Drittel der Bevölkerung zwischen Kotor und Ulcinj sind obdachlos, ungefähr 100 000 Menschen.
Hilfe von außerhalb des betroffenen Gebietes kam nur langsam voran. Die für den Katastrophen- und Kriegsfall vor zehn Jahren mit viel Propagandalärm aufgebaute "Territoriale Selbstverteidigung" stand sich durch Kompetenzstreitigkeiten oft selber im Weg. Sechzig schwerverletzte Kinder aus Kotor wurden erst zwei Tage nach dem Beben endlich ausgeflogen; von den rund 8000 in Bar benötigten Zelten für Notquartiere waren auch am Mittwoch erst 800 aufgebaut.
Schon wenige Stunden nach dem Unglück war, noch vor den Rettungsmannschaften, ein Prominenter an Ort und Stelle: Staats- und Parteichef Tito. Der Veteran, der im Mai 87 wird, hatte im nur knapp hundert Kilometer westlich von Kotor liegenden Radiumbad Igalo sein Ischias kuriert.
Tito ordnete als Soforthilfe die Auszahlung von sechs Millionen Mark an die betroffenen Montenegriner an, weitere sechs Millionen muß die Staatskasse an Wiederaufbau-Darlehen bereithalten. Viel wird es Montenegro, einer der ärmsten Republiken in Titos Vielvölkerstaat, nicht nützen.
Denn in der ohnehin industriearmen Gebirgsregion meldeten ausgerechnet die zwei Unternehmen, die zumindest für die Zukunft Gewinn versprachen, nach dem Erdbeben Totalverlust: der neue Terminal-Hafen von Bar und die Werft von Bijela in der Bucht von Kotor.
Beide Betriebe hatten für Jugoslawien auch politisches Gewicht: In Bijela ließen die Sowjets ihre Mittelmeerflotte warten und reparieren, den Ausbau von Bar zum modernsten Container-Terminal am Mittelmeer und den kostspieligen Bau einer Eisenbahnstrecke Bar-Belgrad hatten die Sowjets angeregt, die sich auf diese Weise endlich den Zugang zum Mittelmeer erhofften.
Im Vorjahr war Jurij Breschnew, Sohn des Moskauer Parteichefs, in seiner Eigenschaft als Vizeaußenhandels-Minister in Bar, um Gespräche über eine Anbindung der Küstenbahn an das osteuropäische Schienennetz zu führen. Und erst in der Woche vor Ostern schloß Jugoslawien mit Albanien ein Regierungsabkommen über eine Transitstrecke auf Schienen für den verkehrstechnisch isolierten Nachbarn.
Doch Werft und Hafen wurden nun von der dem Erdbeben folgenden Flutwelle praktisch weggespült, der strategisch so wichtige Schienenstrang an zahlreichen Stellen durch Erdrutsche und zerstörte Viadukte unterbrochen.
Am stärksten aber traf das Erdbeben den Fremdenverkehr, seit ein paar Jahren ohnehin für Montenegro die wichtigste Einnahmequelle an Devisen. Die Schäden im Hotel- und Gaststättengewerbe sind so groß, daß zwei der größten deutschen Reiseunternehmen, die Firmen TUI und N-U-R, alle Verträge bis Juni vorsorglich stornierten.
Fachleute in Belgrad rechnen sogar damit, daß Montenegro als Urlaubs- und Reiseland für die ganze Saison abgeschrieben werden muß -- für die Region ein nicht wiedergutzumachender Schaden. Dabei mag es die Montenegriner besonders schmerzlich treffen, daß ihnen nicht etwa die Furcht der ausländischen Touristen das Geschäft verdirbt -- erfahrungsgemäß rechnen die Reiseunternehmer mit "so gut wie keiner" Abmeldung als Folge von Erdbeben -, sondern eigene Fehler.
Denn das malerische Bergland, bis vor zehn Jahren noch Geheimtip für Individualisten, die eher Ursprünglichkeit als Urlaubskomfort suchten, hat sich zum Umschlagplatz des Massentourismus entwickelt. Im Vorjahr buchten allein die Ausländer in Montenegro drei Millionen Übernachtungen. Die Deviseneinnahmen stiegen um 50 Prozent auf 180 Millionen Mark und machten damit fast zehn Prozent der jugoslawischen Gesamteinnahmen aus dem Tourismus (rund zwei Milliarden Mark) aus.
Die traditionellen Berggasthäuser und Pensionen oder gar die spartanischen Blockhutten am Nacktbadestrand südlich von Ulcinj waren diesem Massenansturm nicht gewachsen: Also heizten die Behörden einen phantastischen Bauboom an, der den Haushalt von Montenegro im Vorjahr bis zur Zahlungsunfähigkeit belastete. Nur riesige Hotelkästen, so glaubte die Regierung in Titograd' könnten die sprunghaft gestiegene Nachfrage befriedigen.
Sie taten das auch, allerdings -- und das ist die traurige Bilanz nach dem Erdbeben -- oft auf Kosten der Sicherheit. Denn trotz strenger Auflagen, in dieser gefährdeten Region erdbebensicher zu bauen, umgingen die kapitalknappen Bauherren die Gesetze.
Als in Skopje ein Architekt -- strikt nach Vorschrift -- mehr Beton als üblich in die Fundamente von drei neuen Hochhäusern steckte, wurde er von der örtlichen Parteipresse als "Verschwender" angeklagt. Erst die Erdbeben-Katastrophe von 1963 konnte ihn rehabilitieren: Anders als die Nachbargebäude blieben die Neubauten des vorausschauenden Architekten stehen.
Nach dem Beben von 1968 hatten sich die Bauunternehmer von Ulcinj sogar öffentlich beschwert: Das Einhalten der Vorschriften erhöhe nur unnötig die Baukosten.
Doch nach dem Ostersonntag ist so gut wie keiner der vielstöckigen Hotelpaläste heil geblieben: Das "Agave" in Bar, die Hotels "Plaza", "Slavia" und "Adria" in Budva, das "Jadran" in Ulcinj sind nur noch Trümmerhaufen.
Schwere Schäden an den Hotels meldeten auch Kotor und Herceg-Novi und Petrovac, und selbst das für viel Geld zur Touristeninsel umgebaute alte Fischerdorf Sveti Stefan muß vorerst geschlossen bleiben.
Schon nach dem Beben von 1968 in der Kotor-Region hatte das Zagreber Parteiblatt "Vjesnik" gewarnt: Bei Hotelneubauten "achten die Investoren mehr darauf, daß die Objekte, die sie bauen, außen und innen schön sind. Daß sie auch sicher sind, ist nicht so wichtig. . . Je schöner ein Hotel ist, desto unsicherer ist es auch."
Ausländische Touristen, die Ostern in Budva mit dem Leben davongekommen sind, können das nur bestätigen. Ihre Hotels, so berichteten sie, waren nach dem Erdstoß "flach wie Kekse".

DER SPIEGEL 17/1979
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