23.04.1979

JAPANLoch im Sommer

Neun Kernkraftwerke wurden aus Sicherheitsgründen stillgelegt -- in Mitteljapan ist die Stromversorgung nicht mehr gewährleistet.
Keine Leuchtreklame weist dem Gast den Weg in die nächste Bar; keine überdimensionalen Neon-Schilder flackern mehr für Kinos und Theater; keine Straßenlaterne leuchtet dem späten Passanten heim: In Japans Städten und Dörfern sind die Lichter ausgegangen.
Das Fernsehen sendet nicht, Radios bleiben stumm. Zehn Stunden jeden Tag ist das gesamte Inselreich ohne Elektrizität -- eine Horrorvision, "Hirngespinste eines frustrierten Oppositionspolitikers", wie das Wochenmagazin "Sunday Mainichi" nörgelte?
Die noch unvorstellbare Finsternis in Japan sagten nüchterne Beamte des Wirtschaftsplanungsamtes der Tokioter Regierung für 1985 voraus -- unter dem Schock der Ölkrise vor sechs Jahren.
Doch der Alptraum der Planer könnte in mehreren Teilen des Landes schon in diesem Sommer Wirklichkeit werden: unerwarteter Energiemangel.
Denn schockiert durch den Reaktorunfall in der amerikanischen Stadt Harrisburg hat die japanische Regierung die vorübergehende Stillegung von neun Kernkraftwerken angeordnet, allesamt Druckwasserreaktoren, gebaut von dem amerikanischen Konzern Westinghouse Electric.
Erst wenn die Ergebnisse einer eingehenden Sicherheitsüberprüfung ausgewertet sind, soll entschieden werden, welche Reaktoren wann wieder in Betrieb genommen werden. Es sei wahrscheinlich, ließ das Ministerium für Handel und Industrie (Miti) wissen, daß "mindestens fünf Kernkraftwerke bis in den Sommer hinein stilliegen".
"Unsere Lage ist vergleichbar einem Haus direkt am Kraterrand eines aktiven Vulkans", schauderte es Naohiro Amaya, den Chef des Amtes für Rohstoffe und Energie. Denn gerade im Sommer wird in Japan am meisten Strom verbraucht -- für den August haben die Elektrizitätswerke einen Spitzenbedarf von 92 Millionen Kilowatt errechnet, bald zehn Prozent mehr als im Vorjahr.
Fast zehn Millionen Kilowatt sollten Japans 19 Atomkraftwerke liefern, etwa die Hälfte davon die nun untätigen neun Druckwasserreaktoren. Besonders bedrohlich sieht die Lage für das Gebiet Kansai aus, dem Ballungsraum um die mitteljapanischen Millionenstädte Osaka und Kioto. Denn hier ist die Abhängigkeit von Atomstrom am größten. Aber Ostern mußten die Kansai-Elektrizitätswerke auf Geheiß der Regierung auch ihren letzten Reaktor stoppen -- den "Oi Nr. 1", Japans größten Kernreaktor, der erst vor einem Monat in Betrieb genommen wurde. Durch diese Schließung allein entsteht ein Stromloch von über einer Million Kilowatt.
"Mag sein", schwante es einem Sprecher des Kansai-Unternehmens, "daß über sechs Millionen Haushalte in unserem Versorgungsbereich Klimaanlagen und Fernsehgeräte abschalten müssen." Die dicken Stromverbraucher im Sommer sind in der Tat die Heimkühlanlagen, die in 60 Prozent aller Privatwohnungen des versorgungsgefährdeten Raumes stehen.
Wenig dürfte da der fast flehentliche Appell der Regierung fruchten, im Sommer, wenn die Temperaturen fast nie unter 30 Grad sinken, daheim und im Büro 28 Grad zu erdulden, Kühlstrom auch dadurch einzusparen, daß Japans Männer auf Jackett und Schlips verzichten; die Hauptstadtbürokraten sollen kurzärmlig mit gutem Beispiel vorangehen.
"Wenn die Leute erst mal ihre Klimaanlagen einschalten", befürchtet Industrie-Minister Masumi Esaki "könnten die Lichter ausgehen." Zwar will das Kansai-Elektrizitätswerk bei anderen Regionalversorgern um Notlieferungen nachkommen, selbst aus dem über 500 Kilometer entfernten Tokio, doch könnte ein heißer trockener Sommer auch diese Rechnung zunichte machen. Denn der Wasserstand in den Stauseen der konventionellen Kraftwerke ist bereits jetzt alarmierend niedrig: Der ungewöhnlich milde Winter hat nicht genug Schnee gebracht.
Bei diesen düsteren Aussichten hat sich die Regierung denn auch nicht leicht dazu durchringen können, die Stillegung der Reaktoren anzuordnen. Aber sie war nötig, um die in Atomfragen besonders empfindliche japanische Bevölkerung einigermaßen zu beruhigen, trotz der schwer zu überbrückenden Versorgungslücken.
Denn mit der Harrisburg-Beinahkatastrophe wurde vielen Japanern plötzlich erst bewußt, in welch gefährlicher Nachbarschaft sie leben: In aller Stille hatte sich das qualvoll dicht besiedelte Japan in den letzten Jahren "zum zweitgrößten Atomenergie- Produzenten der Welt" aufgeschwungen, wie die Regierung noch voriges Jahr frohlockte. 19 Reaktoren waren in Betrieb, 12 weitere sind fest geplant oder im Bau.
Und wie erst jetzt ruchbar wurde, hatten japanische Kernkraftwerke, bis auf einen alle amerikanischer Bauart, schon vor Jahren ähnliche Schwierigkeiten wie der Harrisburg-Unglücksreaktor. Eine Regierungsstudie über mögliche Unfälle. 1960 bereits ausgearbeitet, blieb streng gehütete Verschlußsache. Das schockierende "Phantompapier" (so ein Regierungsmitglied), in dem von möglicherweise einer Million strahlenverseuchten Japanern die Rede ist, blieb bislang selbst Parlamentsabgeordneten vorenthalten.
Wie Hohn klang da der Beschwichtigungsversuch von Tokuo Suita, dem Vorsitzenden der staatlichen Sicherheitskommission für Kernenergie. Suita bündig: "Ein Unfall wie in Harrisburg" sei in Japan einfach "nicht möglich, undenkbar".
Die Regierung hat vor wenigen Tagen dieses Urteil ihres obersten Atom-Sicherers offiziell zurückgenommen.

DER SPIEGEL 17/1979
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