14.05.2005

ALPINISMUSTalfahrt in den Tod

Eine TV-Dokumentation über den Nanga Parbat wirft ein neues Licht auf den mysteriösen Absturz des Thüringers Günter Jung am Schicksalsberg der Deutschen.
Es ist eine Stunde nach Mitternacht, der Himmel über dem Nanga Parbat ist sternenklar. Wie im Zeitlupentempo quälen sich zwei Männer talwärts, keuchend stapfen sie durch den tiefen Schnee. Um 21 Uhr stehen sie mit zwei Teamkollegen auf dem 8125 Meter hohen Gipfel des pakistanischen Eisriesen. Als sie ihren Triumph festhalten, ist das Blitzlichtgewitter 4000 Meter tiefer, im Basislager des Alpinclubs Sachsen, zu sehen.
Aber das ist vier Stunden her. Und noch immer sind der Dresdner Markus Walter, 31, und Günter Jung aus dem thüringischen Schmalkalden nicht weiter als bis zu einer Höhe von 7600 Metern abgestiegen. Sie kommen nur langsam voran. Jung, mit 64 Jahren einer der Ältesten, die sich je am Nanga Parbat versuchten, ist völlig ausgedörrt. Walter und Jung müssen noch 500 Höhenmeter bis ins rettende Lager 4 hinab, um der sauerstoffarmen Todeszone zu entrinnen. Ihre beiden Expeditionskollegen sind längst auf dem Weg dorthin.
An einem steilen Hang geht der Jüngere voraus, sein Bergkamerad folgt ihm im Abstand von etwa 50 Metern. Plötzlich wird die Stille von Schreien zerrissen. Dann hört Walter hinter sich ein unheimliches Geräusch. Es ist nicht laut, eher ein gedämpftes Rauschen. Sekundenschnell kommt es näher.
Jung ist ausgerutscht. Bäuchlings, die Füße voran, gleitet er etwa zehn Meter neben Walter vorbei. Er rutscht in Richtung tiefer Gletscherspalten. Danach droht ihm ein Stück weiter der Sturz in einen Abgrund, 2000 Meter geht es dort steil hinab.
"Günter, bremsen, bremsen, bremsen", schreit Markus Walter voller Angst. Bergsteiger wissen, wie sie auf glattem Grund anhalten können: Sie versuchen, ihren Eispickel in den Schnee zu rammen oder die Fahrt mit Händen und Füßen zu verlangsamen. "Nein", ruft Günter Jung laut. Ein deutliches, unzweifelhaftes "Nein" - als wollte er nicht stoppen, sondern sterben.
Es ist beinahe Vollmond. Walter kann die Talfahrt seines Freundes in den Tod über Hunderte Meter beobachten. Stumm verschwindet Jung in der Dunkelheit.
Die mysteriösen Umstände seines Todes in der Nacht zum 1. Juli 2004 sorgten für Schlagzeilen, von Selbstmord war die Rede. Welches Motiv aber hätte Jung dafür haben können? Sollte die Besteigung des Nanga Parbat, sein wohl größter Lebenstraum, einen Schlusspunkt setzen? Hatte er sich deshalb im Basislager vom pakistanischen Koch der Expedition mit den düsteren Worten verabschiedet, man werde sich vielleicht nicht wiedersehen?
Ein Dokumentarfilm des bayerischen Kameramanns Gerhard Baur, der Pfingsten erstmals im Fernsehen gesendet wird, wirft jetzt ein neues Licht auf den Tod des Thüringers*. Baur, 1970 Teilnehmer der legendären Expedition am Nanga Parbat, bei der Reinhold Messners Bruder Günther ums Leben kam, war auch im Frühsommer 2004 mit seiner Kamera dabei. Seine Interviews mit den Expeditionsmitgliedern geben tiefe Einblicke in das Leben von Extrembergsteigern. Sie deuten darauf hin, dass Jungs jäher Tod wohl doch ein Bergunfall war - der vielleicht nicht passiert,
wäre, wenn er sich seine Träume schon in jüngeren Jahren hätte erfüllen können.
Dem DDR-Bürger Günter Jung war der Zugang zu den höchsten Bergen der Welt lange verwehrt. Als wissenschaftlicher Assistent an der Technischen Hochschule im thüringischen Ilmenau hatte er sein Auskommen, als Alpinist durfte er nur Berge besteigen, zu denen es Reisegenehmigungen gab. So stand Jung etwa auf dem 7495 Meter hohen Pik Kommunismus im Pamir-Gebirge - der Gipfel mit dem linientreuen Namen erhebt sich auf dem Territorium der früheren Sowjetrepublik Tadschikistan.
"Beim Fall der Mauer hat Günter gesagt: Jetzt kann ich auf die Achttausender", erzählt seine Lebensgefährtin Dagmar Rhein. In Baurs Film wird deutlich, welche Anziehungskraft der Nanga Parbat auf Jung hatte. Der Achttausender gilt als Schicksalsberg der Deutschen, weil dort, vor allem in den dreißiger Jahren, etliche deutschsprachige Alpinisten starben. Jung hatte 1954 in Ilmenau Hermann Buhls erlebt, dem ein Jahr zuvor die Erstbesteigung geglückt war.
"Der Nanga Parbat war seither sein Lebenstraum", sagt Dagmar Rhein.
Dass Jung unbedingt hinauf wollte, erzählte er dem Dokumentarfilmer Baur während der Expedition. Da ist er nicht mehr der Bergsteiger, der seit Jahrzehnten für seine Besonnenheit bekannt ist. "Für den Nanga Parbat würde ich schon ein bisschen mehr riskieren, als ich bisher riskiert habe", sagt er fröhlich und voller Tatendrang, "vielleicht würde ich auch ein Stück später umkehren." Schlecht nur, "wenn das so ganz richtig schief ginge".
Beim Aufstieg in die gewaltige Höhe, beobachtete Expeditionsleiter Christian Walter, 33, ein Bruder des Berggefährten Markus, habe der Senior dann "gekämpft wie ein Löwe". Er habe "auf keinen Fall umkehren" wollen.
Offenbar hatte Günter Jung seine Kraft überschätzt. "Vielleicht schaffte er es einfach nicht zu bremsen", sagt Markus Walter. Als Jung an ihm vorbeigerutscht war, suchte er stundenlang nach ihm und wäre dabei fast selbst ums Leben gekommen: Er verlor ebenfalls den Halt, rutschte 300 Meter weit hinab, kam aber rechtzeitig zum Stillstand. Ohne Handschuhe, Mütze und Eispickel machte er sich auf den Weg zurück - an beiden Ohren fehlen heute Hautlappen, die dabei erfroren.
"Selbstmord? Daran glaube ich nicht", sagt Walter. Jung habe noch "so viel vorgehabt", habe Wanderführer geschrieben und sich "unheimlich" auf die Veröffentlichung seines neuesten Buches gefreut.
Der Wanderführer über den maximal 982 Meter hohen Thüringer Wald kam ein paar Tage nach Jungs Tod in den Handel. CARSTEN HOLM
* "Unter unserem Himmel - Nanga Parbat". Teil 1, 15. Mai: "Die Herausforderung", Teil 2, 16. Mai: "Der tödliche Berg"; BR jeweils 19 Uhr.
Von Carsten Holm

DER SPIEGEL 20/2005
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