14.05.2005

FRÜHGEBURTKinder an der Grenze

Jedes Jahr kommen in Deutschland 50 000 Kinder vorzeitig auf die Welt. Die moderne Medizin gibt ihnen schon ab der 24. Woche eine Überlebenschance - oft mit der Folge schwerer Behinderungen. "Hilflos stehen die Eltern dann vor einem Wesen, das nur wenig mit dem Baby ihrer Wunschvorstellungen gemeinsam hat", schreibt Achim Wüsthof, der selbst als Arzt fast vier Jahre lang auf der Intensivstation Frühgeborene betreute. Sein Buch "Früh geboren" erklärt Frühchen-Eltern die Intensivmedizin mit ihren Monitoren, Alarmtönen, Beatmungsmaschinen. Es beschreibt die Nöte der Ärzte, unter dem Druck der Machbarkeit Entscheidungen zu treffen - mit lebenslangen Folgen für Eltern und Kinder. Das Buch mit Fotos von Verena Böning und Sebastian Schupfner bringt aber auch Ärzten die Sicht der Eltern nahe: "Nach meinen ersten Besuchen auf der Intensivstation hatte ich oft das Gefühl, dass mir das Baby gar nicht gehört", sagt eine Mutter, "als ob es Eigentum des Krankenhauses wäre." Die Eltern, fordert Wüsthof, sollten mehr Mitspracherecht haben. Einfühlsam und unsentimental berichtet das Buch, das mit dem Publizistik-Preis der Stiftung Gesundheit ausgezeichnet wurde, von den Frühchen-Schicksalen: von einer Mutter, die nicht möchte, dass ihr 350 Gramm schweres Kind nach dem Kaiserschnitt qualvoll am Leben gehalten wird; die Ärzte lassen es sterben. Von Lukas, dessen Eltern damit hadern, dass ihr Sohn mit drei Jahren nicht sprechen und laufen kann. Von Dustin, dessen Mutter vor Freude weinte, als er mit gut zwei Jahren seine ersten Schritte machte. Oder von Giulia, die mit 803 Gramm auf die Welt kam und sich ganz normal entwickelt hat.
Achim Wüsthof, Verena Böning: "Früh geboren. Leben zwischen Hoffnung und Technik". Elsevier/Urban & Fischer, München; 112 Seiten; 19,95 Euro.

DER SPIEGEL 20/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 20/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FRÜHGEBURT:
Kinder an der Grenze

  • Anschlagsserie in Sri Lanka: Video zeigt weitere Explosion
  • Meereswissenschaft: Durch die Augen eines Weißen Hais
  • "Heilige Treppe" in Rom: Freie Sicht auf den Leidensweg Jesu
  • Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit