14.05.2005

Raus aus dem Jungfrauenkäfig

In ihrer Textsammlung „Ich klage an“ liefert die Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali auch Tipps für junge Musliminnen, die weglaufen wollen.
Es gibt eine Menge Beschuldigte vor diesem publizierten Gericht. Zuvorderst klagt die einst zur strengen somalischen Muslimin erzogene Ayaan Hirsi Ali den Islam an sich an. Zusammen mit seinen koranbewaffneten Machos und Radikalen, die Frauen "auf ihr Jungfernhäutchen reduzieren", zusammen mit den Terroristen des Dschihad, die zu Ehren Allahs morden.
Aber auch der aufgeklärte Westen wird angeprangert, der vor lauter Toleranz vergessen habe, den unterdrückten und geschundenen Musliminnen beizustehen.
Die 35-Jährige aus Afrika hat nicht nur Mut. Sie hat Talent, unbequeme politische Debatten in ihrer neuen Heimat, den Niederlanden, in Gang zu setzen und am Kochen zu halten. Sie ist fast schon eine Ikone des muslimischen Freiheitskampfes, ein weiblicher Salman Rushdie, die noch dazu bereit scheint, sich für diesen Kampf in Lebensgefahr zu begeben. Nun hat sie ihre Forderungen gebündelt - in ein Buch, das provozieren wird, auch wenn die mit dem Tod bedrohte VVD-Abgeordnete nichts spektakulär Neues mitzuteilen hat.
Das mag vor allem daran liegen, dass die am 18. Mai im Pi- per Verlag erscheinende deutsche Ausgabe des niederländischen Originals "De maagdenkooi" ("Der Jungfrauenkäfig") größtenteils eine Textsammlung ist aus Aufsätzen und Essays der Islamkritikerin.
Eine junge Frau, die die Stimme erhebt gegen die Männerwelt der Muslime, die sich der Religion ihrer Familie widersetzt und zum Kampf aufruft - das ist mehr Provokation, als Gotteskrieger gewöhnlich ertragen müssen. Ayaan Hirsi Ali schont sie nicht. Und fordert radikal, man solle Muslimen, die sich weigern, Jobs von Frauen anzunehmen, die Sozialhilfe streichen.
Zum ersten Mal schildert die stolze Somalierin auch das Drama um ihre eigene Beschneidung, die ausgerechnet durch eine Frau - ihre Großmutter - durchgesetzt wurde, als ihr relativ liberaler Vater auf Reisen war. Das Besondere dieses Sachbuchs liegt ohnehin in der Biografie der Autorin, der zwar die Flucht vor den Gesetzen der Scharia gelang, die aber heute tödliche Rache fürchten muss.
Eines der letzten Kapitel könnte den Hass der Radikalen vor allem schüren: Dort gibt die selbst befreite Tochter Allahs ihren Leidensgenossinnen zehn Tipps für den Ausbruch aus der Versklavung. Etwa den, in Universitätsstädten unterzutauchen, wo es billigen Wohnraum gibt, und dabei Viertel mit auffallend vielen Muslimen zu meiden, die die Abtrünnige sonst entdecken und zu Hause melden könnten. Oder den Rat, kaum Gepäck mitzunehmen, nur wenigen zu trauen und sich vor der Flucht bei Behörden zu vergewissern, welche Mitarbeiter verzweifelten jungen Frauen weiterhelfen können. Wohl auch deshalb hat sich der Verlag entschieden, das Buch am 29. Juni zugleich in türkischer Sprache zu veröffentlichen. CONNY NEUMANN
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Ayaan Hirsi Ali: "Ich klage an - Plädoyer für die Befreiung der muslimischen Frauen". Piper Verlag, München; 224 Seiten; 13,90 Euro.

DER SPIEGEL 20/2005
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