23.05.2005

Schnell raus, schnell rein

Warum die Arbeitsagenturen in Österreich, Dänemark und Großbritannien erfolgreicher sind
Mit ein paar Überstunden war es diesmal nicht getan. Einen solchen Ansturm konnten sie auf konventionelle Weise nicht mehr bewältigen, ahnten die Mitarbeiter der Arbeitsagentur in Northfield im Süden von Birmingham, als sie vor sechs Wochen von der Pleite des britischen Autoherstellers MG Rover erfuhren. Auf einen Schlag hatten sie es mit rund 6000 Kunden zu tun, die bis dahin im Werk Longbridge gearbeitet hatten: Mechaniker, Ingenieure, Bürogehilfen - alle plötzlich auf der Suche nach einem neuen Job. Kurzerhand entschieden die Vermittler, das Büro auch am Samstag und Sonntag zu öffnen. "Das Jobcentre Plus tut seinen Teil, um zu helfen", kommentiert die Regionaldirektorin Rosemary Thew die Aktion nüchtern, als sei solches Engagement selbstverständlich.
Es weht ein neuer Wind durch die britische Arbeitsverwaltung, entfacht allerdings schon 1998, als die Regierung Tony Blair die Jobvermittlung systematisch zu modernisieren begann. Damit war der Premier nicht mal der Erste in Europa: Bereits Mitte der neunziger Jahre forcierten Dänen und Österreicher das Prinzip, Arbeitslose zu fördern und zu fordern. Und sie entwickelten Strategien, Jobs zu vermitteln statt nur Geld zu zahlen - lange bevor es in Deutschland diskutiert wurde. Heute ernten sie die Früchte dieser Politik.
Österreich startete die Reform im Sommer 1994 mit der Ausgliederung der Arbeitsbehörde aus der Bundesverwaltung. Der neuentstandene Arbeitsmarktservice (AMS) ähnelt in seiner Struktur einer Kapitalgesellschaft: mit Vorstandsvorsitzendem und testiertem Jahresabschluss.
Gut die Hälfte der 4500 AMS-Mitarbeiter sind in der Vermittlung tätig. Ihre Arbeit wird von klaren Vorgaben bestimmt: Jedes Jahr definiert der AMS zehn Ziele, die bis hinunter auf die regionale Ebene penibel quantifiziert werden. Im Burgenland zum Beispiel sollen die Vermittler in diesem Jahr mindestens 1503 Langzeitarbeitslosen eine Stelle verschaffen, so heißt es in "Ziel 4".
Monatlich prüfen die Landesbehörden, ob die AMS-Filialen im Plan liegen. "Wenn nicht, müssen wir Rede und Antwort stehen", sagt Dietmar Strobl, Leiter der Geschäftsstelle in Jennersdorf.
Erreichen sie die Vorgaben, winkt eine Prämie: Mit insgesamt 280 Euro pro Filiale hat sie freilich eher Symbolcharakter. Ansonsten arbeiten die AMS-Geschäftsstellen autonom. Jede bestimmt selbst, wie sie ihr Budget verwendet. Hauptsache, die Ziele werden erreicht.
Dieser dezentrale Ansatz ist auch charakteristisch für die Arbeitsämter in Dänemark. In fast jeder Gemeinde gibt es eine "Jobbutik", Anlaufstelle für alle Bürger, die Hilfe und Arbeit suchen. Die Vermittler entwerfen mit ihnen individuelle Handlungspläne, stehen ständig in Kontakt mit den Arbeitgebern der Region und wissen so genau, welche Kräfte gefragt sind. Um finanzielle Dinge wie die Berechnung von Leistungsansprüchen müssen sie sich nicht kümmern, das übernehmen die Arbeitslosenkassen.
Trotzdem bleibt den Vermittlern genug zu tun: Der dänische Arbeitsmarkt ist ständig in Bewegung, Arbeitgeber können ihre Mitarbeiter so schnell entlassen wie einstellen, der Kündigungsschutz ist minimal.
"Es ist hier keine Katastrophe, arbeitslos zu werden", sagt der langjährige Vermittler Poul Frank. Von den rund 130 000 Arbeitsplätzen in Sonderjylland, der südlichsten Festlandprovinz, werden innerhalb eines Jahres 35 000 neu besetzt.
Die britische Variante dieser Strategie sind die "Jobcentre Plus". Bis zum kommenden Jahr will Premier Blair sämtliche Arbeits- und Sozialbehörden neu organisiert haben. Die Grundlage für den Umbau hatte schon die Vorgängerregierung gelegt: 1996 fasste sie mit der "Jobseeker's Allowance" Arbeitslosengeld und Sozialhilfe zu einer Leistung zusammen.
Arbeit sollte sich wieder lohnen, lautete schon damals die Devise, auch niedrig entlohnte Beschäftigung. Seitdem fördert der Staat gezielt Geringverdiener: Er bezuschusst den Verdienst, indem er
ihnen einen Teil der Einkommensteuer zurückzahlt.
"Working Tax Credit" und "Child Tax Credit" heißen die Instrumente heute. Danach bekommt beispielsweise eine Familie mit zwei Kindern und einem Jahreseinkommen von 10 000 Pfund vom Staat 3930 Pfund zusätzlich.
Verdient sie mehr, sinkt der Zuschuss. Bei 25 000 Pfund sind es nur noch 545 Pfund extra. "Diese Steuergutschriften erhöhen die Anreize für Arbeitslose, eine Beschäftigung aufzunehmen, beträchtlich", meint Wolfgang Ochel vom Münchner Ifo-Institut.
Zuletzt ist der Anteil der Erwerbstätigen in Großbritannien jedes Jahr um ein Prozent gestiegen, die Arbeitslosenquote ist auf den historischen Tiefstand von 4,6 Prozent gefallen. In Dänemark liegt die Rate bei 5,4 Prozent, in Österreich sogar nur bei 4,5 Prozent.
Alle drei Länder - so unterschiedlich ihre sozialstaatlichen Traditionen auch sind - haben die Arbeitsverwaltung so organisiert, dass sich die Mitarbeiter ganz auf die Jobvermittlung konzentrieren können: Das macht großenteils ihren Erfolg aus. Denn letztlich ist die Zahl der Arbeitslosen vor allem auch eine Frage schneller Vermittlung: In Großbritannien dauert es im Schnitt 21 Wochen, in Dänemark 16, in Österreich 15 - in Deutschland sind es 33 Wochen.
Den Nachbarn kommt zugute, dass sie schon Mitte der neunziger Jahre die Arbeitsverwaltung umgebaut haben. So konnten die Reformen ihre Wirkung in den Aufschwung hinein entfalten. Die Nürnberger Bundesagentur hat es da jetzt ungleich schwerer: Am Ende hilft die beste Organisation nichts, wenn die Konjunktur schwächelt und es kaum Jobs zu vermitteln gibt.
Solche Probleme sind den Mitarbeitern im britischen Jobcentre Plus, das die Opfer der Rover-Pleite betreut, fremd: Bei einer eigens eingerichteten Hotline meldeten sich in kürzester Zeit fast 300 Arbeitgeber, die etwa 2000 Stellen anboten. ALEXANDER JUNG
Von Alexander Jung

DER SPIEGEL 21/2005
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