23.05.2005

Heilige Johanna der Agentur

Neue Fallmanager sollen Langzeitarbeitslosen Jobs bringen - eine schier aussichtslose Mission.
Herr Schlüter* sitzt auf dem kleinen Stuhl neben ihrem Schreibtisch. Sie hat ihn eingeladen, weil er seit sieben Jahren keine Arbeit hat. "Ich möchte mit Ihnen über Ihr Bewerberangebot beziehungsweise Ihre berufliche Situation sprechen", schrieb sie ihm.
In den Akten über Herrn Schlüter steht etwas von Suchtproblemen, nichts Genaues. Frau Jünemann denkt an Alkohol, an Heroin, das Übliche hier in der Hartz-IV-Welt von Berlin-Neukölln, dem wohl größten Jobcenter der Republik.
Dann lehnt sich Herr Schlüter zu ihr rüber. "Ich bin sexsüchtig", flüstert er. Birgit Jünemann zuckt, dann unterdrückt sie ihr Lachen. "Immer, wenn ich etwas Geld habe, renne ich damit zu einer Prostituierten." Herr Schlüter sieht verzweifelt aus. Frau Jünemann muss handeln.
In der elektronischen Akte des Kunden Schlüter vermerkt sie unter der Rubrik "Vermittlungshemmnisse" dessen Sexsucht. Sie schickt ihn zur Therapie und vereinbart schriftlich, dass er danach wiederkommt. "Früher hätte ich gesagt: Der ist arbeitsfähig, der Rest interessiert mich nicht." Jetzt aber ist sie Fallmanagerin.
Sie soll nicht nur nach freien Stellen suchen. Sie muss die Langzeitarbeitslosen jetzt "ganzheitlich" betreuen. Sie soll die Gründe aufspüren, weshalb jemand so
lange ohne Job ist - und sie beseitigen helfen: Sucht, zerrüttete Familien, Schulden, Probleme mit der Wohnung oder bei der Kinderbetreuung. Sie soll eine Art Heilige Johanna der Agentur sein.
Frau Jünemann sitzt in einem Büro von der Größe einer Familiensauna, alles ist grau, die Wände, der Fußboden, der Schreibtisch. Auf einem Schrank ruhen ein paar Ordner. Auf ihnen stehen Wörter wie "Vermittlungsoffensive", "ABM", "JobAktiv". Es sind die Schlagworte der Vergangenheit, Begriffe aus der langen Geschichte der deutschen Arbeitsmarktpolitik, die immer modernere Begriffe produzierte und mit jeder neuen Erfindung auch mehr Arbeitslose.
Seit Hartz IV hat Fallmanagerin Jünemann noch mehr neue Vokabeln. Vorher war sie Vermittlerin in der Arbeitsagentur. Das klang nach gebohnerten Fluren. Manager klingt nach Tatkraft und Effizienz. Sie soll die Zusage einlösen, dass mit Hartz IV nicht nur mehr gefordert, sondern auch viel besser gefördert wird. Sie soll eine der neuen Helden der Arbeit sein, Wunderwaffe im Kampf gegen die Langzeitarbeitslosigkeit. Sie ist ein Versprechen.
Auf ihrem Schreibtisch stehen eine Tonschildkröte, ein Stoff-Elch und Plastikschweine. Birgit Jünemann, 40, ist eine leise Frau, zierlich, der Blusenkragen sitzt ordentlich, das Haar liegt korrekt.
Sie liest die Geschichte ihres nächsten Kunden. Herr Finke hat mal als Bauhelfer, als Tischlergehilfe und Möbelschlepper gearbeitet. Er hat keine Ausbildung. Er ist 40 Jahre alt und seit 1991 ohne festen Job. "Wahrscheinlich ein Schwarzarbeiter", sagt Frau Jünemann. "Den werde ich mal mit ein paar Angeboten in die Ecke drängen." Dann kommt Herr Finke.
Er redet nicht viel, er kommt eigentlich mit drei Worten aus, mit "ne", "ähem" und "jut". Frau Jünemann sucht in ihrem Rechner nach Jobangeboten als Bauhelfer. Aber sie findet keins. Vergeblich sucht sie nach Möbelpackern, dann nach Lagerarbeitern.
"Haben Sie einen Staplerpass?"
"Ne", sagt Herr Finke.
"Dann machen Sie jetzt mal einen."
"Jut", sagt Herr Finke.
Dann setzt Frau Jünemann einen Vertrag mit Herrn Finke auf. Er hält fest, dass Herr Finke erst mal eine Lizenz zum Gabelstaplerfahren auf Kosten des Jobcenters machen und sich dann wieder melden soll. Der Vertrag heißt Eingliederungsvereinbarung. Es ist ihre schärfste Waffe gegen Faulheit und Missbrauch. Wenn Herr Finke nicht spurt, kann sie ihm für drei Monate das Geld kürzen.
"Dann wollen wir doch mal gucken, dass wir künftig was mit Ihnen machen", sagt Frau Jünemann. Sie lächelt freundlich. "Ähem", sagt Herr Finke und geht. "Der schien doch recht motiviert", sagt die Fallmanagerin, die sich ihre Genügsamkeit aus der alten Arbeitsamtswelt in die neue Ära hinübergerettet hat.
In einer Woche im Januar wurde aus der Arbeitsvermittlerin die Fallmanagerin. Es dauerte von Montag bis Donnerstag, acht Stunden pro Tag. Sie saß zusammen mit 20 Kollegen in einem Berliner Bildungscenter und sah sich einen Film an. Er zeigte ein Coaching-Programm
für schwer Vermittelbare, für alte Menschen, Alkoholiker und andere Suchtkranke. Im Film sah man, wie ein toller Coach kaputte Menschen wieder fit machte für den Markt. Am Ende war der Alkoholiker trocken und voller Spannkraft, ein 70-Jähriger hatte einen Job als Empfangschef im Hotel. "Das fand ich gut", sagt Frau Jünemann.
Es war ein Film aus einer anderen Welt, aus einer gesunden Arbeitswelt. Vielleicht war Wolfgang Clement der Regisseur.
Vor Jünemanns Bürotür wartet die Realität, eine 30 Meter lange Menschenschlange. Die Leute wirken, als wären sie eingeschlafen oder am roten PVC-Boden festgewachsen. Die Luft ist feucht, es riecht nach Schweiß. Es ist eine Schlange der Hoffnungslosigkeit, die sich jeden Tag neu formiert. Sie wird nicht kürzer.
In Berlin gibt es 332 874 Menschen, die Arbeit suchen, und 16 912 offene Stellen. Im Bezirk Neukölln haben viele Arbeitslose nie eine Ausbildung beendet. Hier gibt es viele Ausländer, die kaum Deutsch sprechen. Hier leben viele Suchtkranke.
Manchmal fühlt sich Frau Jünemann wie eine Managerin ohne Macht. Sie sitzt jetzt in der Kantine der Agentur. Es gibt Graupensuppe mit Hühnerfleisch. Sie sagt, sie habe nicht Fallmanagerin werden wollen. Der Name klinge so unmenschlich, er mache persönliche Schicksale zu Fällen. Kaum einer habe freiwillig in den Hartz-IV-Bereich wechseln wollen, in die ALG-II-Welt der Langzeitarbeitslosen. Sie sagt: "Ich hatte Angst, nur noch mit dem Personenkreis zu tun zu haben, bei dem eh nichts mehr zu machen ist."
Aber das Amt brauchte die Besten, die Fallmanager sollten die Bannerträger der neuen Arbeitsmarktpolitik werden. Frau Jünemann gehörte zu den Besten. Jetzt hat sie manchmal Angst, "mit runtergezogen zu werden" - von der Arbeit, den Schicksalen, den Misserfolgen.
Später steht ein Mann im Türrahmen. Eigentlich hat er erst morgen einen Termin, aber da wird er operiert. Er ist aus dem Krankenhaus kurz vorbeigekommen. Er ist 47 Jahre alt, trägt ein rotes Netzhemd, eine rote Weste, eine rote Baseballkappe und eine rote Dreiviertelhose. Er sagt: "Da bin ick."
Frau Jünemann nennt den Mann "meinen Alki". Vor kurzem hat sie angeordnet, dass er sein Arbeitslosengeld wöchentlich in Raten ausgezahlt bekommt, weil er alles vor Monatsende versoffen hatte. "Ick bin froh, dat ick nüsch Ihr Ehemann bin", hat er da geschimpft.
Jünemann sucht das neue ärztliche Gutachten. Sie sagt dem Mann, dass er jetzt nicht mehr arbeitsfähig sei, dass sie jetzt Sozialgeld für ihn beantragen müsse. "Ja, jut", sagt der Mann, und zum Abschied: "Jetz bin ick traurig, dat ick nüsch mehr bei Ihnen bin, demnächst." Als er raus ist, sagt die Fallmanagerin, dass das Gutachten des Arztes furchtbar sei. "Der ist bald hinüber. Die Leber ist ganz weggefressen."
Sie würde sich gern intensiver um ihre Kunden kümmern, so wie es das Gesetz vorsieht. Sie sagt, die wirklich persönliche Betreuung solle erst noch kommen. Irgendwann. "Wenn wir genügend Leute haben. Und genügend Platz. Vielleicht im Oktober."
Viele Behörden wurden von Hartz IV überrollt. Die Politik hatte ihnen zu wenig Zeit gelassen. Es war, als würde man der Stadt Cottbus heute sagen, sie solle im Juli die Olympischen Spiele ausrichten.
Seit Januar muss sich Frau Jünemann ihr winziges Zimmer mit einem anderen Fallmanager teilen. Das Gebäude für das neue Jobcenter ist noch nicht fertig. Auch die versprochene Betreuungsquote ist längst nicht erreicht. Eigentlich soll sie 150 Kunden betreuen. In Neukölln hofft man, vielleicht im Sommer bei einem formalen Verhältnis von 1 zu 200 zu liegen.
Täglich sieht Birgit Jünemann neue Kollegen. Sie kommen von der Telekom, von der Bahn oder der Bundesanstalt für Angestellte. Es sind die Aussortierten der anderen Behörden. Sie verstehen von der Jobvermittlung so viel wie ein Parkhauswächter von der Flamingo-Zucht.
Die Schlange vor der Tür ist wieder lang. Eine junge Frau hat Angst, dass sie bald aus ihrer Umschulung zur Veranstaltungskauffrau fällt, weil der Träger vom Amt noch kein Geld bekommen hat. Frau Jünemann kann nicht herausfinden, welche Behörde die bewilligte Maßnahme bezahlen soll. Die Frau ist ALG-I-Kundin, zugleich gehört sie aber zur Bedarfsgemeinschaft ihres Mannes, der ALG II bekommt. Jünemann sucht im System, sie rennt zweimal zu Kollegen, sie führt fünf Telefonate. Ihre Stimme klingt immer strenger. Einmal sagt sie ins Telefon: "Wir dürfen das Chaos doch nicht auf dem Rücken der Kundin austragen."
Die Kundin wartet. Eine halbe Stunde später sagt die Fallmanagerin: "Echt blöde." Sie muss die Frau nach Hause schicken und verspricht Klärung.
Manchmal muss sie an den Film übers Coaching denken. Seit fast fünf Monaten ist sie nun Fallmanagerin. Die meisten ihrer Kunden konnte sie bislang nicht mal kennen lernen. Sie ist fleißig und sehr gewissenhaft. Aber sie hat noch keinen ihrer Langzeitarbeitslosen in Arbeit vermittelt. Sie hat sich geschworen, nie nie zu sagen - "aus Prinzip". MARKUS FELDENKIRCHEN
* Die Namen der Arbeitslosen wurden von der Redaktion geaendert.
* Die Namen der Arbeitslosen wurden von der Redaktion geändert.
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 21/2005
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