23.05.2005

RECHTSRADIKALISMUSNPD statt LSD

Rechte Musik, rechte Sprüche und rechte Klamotten sind längst auf dem Weg zum Mainstream. Leise, aber stetig hat sich eine gefährliche Jugendkultur entwickelt, die Eltern und Lehrer ratlos macht. Der kollektive Nationalstolz nutzt der NPD, den Skinheads und dumpfen Schlägern.
Wie hat es eigentlich angefangen, mit dem "Deutsch"-sein? Wer war der Erste aus der Clique, der im Lonsdale-Shirt zur Fete kam, wer schimpfte als Erster über "die Russen", wer hatte die neuesten CDs runtergeladen von den germanischen Heavy-Metal-Rockern der Bremer Hooligan-Band Kategorie C?
Wie es losging, ist nicht mehr wichtig für Christian, Stefan und Andy. Sie sehen sich als brave Jungs, leben in intakten Familien in einer kleinen Stadt westlich von München. Sie sind 17 und 18, machen bald ihr Fachabitur. Und sie sagen, dass es zu viele Ausländer gebe "bei uns". Dass "die" weg sollten, dann wäre wohl alles gleich besser.
Dann gäbe es wieder mehr Jobs, dann würden die arbeitslosen Türken den Staat kein Geld mehr kosten, dann gäbe es keine albanischen Drogenhändler, dann würde kein islamischer Macho mehr ihre Mädels anmachen. Und dann würden sie freitagnachts nicht mehr vor ihrer Stammkneipe verprügelt - von "den Russen", die immer viele sind, mindestens ein Dutzend. Und angeblich immer einfach zuschlagen.
Christian, Stefan und Andy schlagen nicht zu. Sie klopfen dumme braune Sprüche, und doch sind sie keine dumpfen Gröler, sie würden nie die NPD wählen - noch nicht. Sie sagen, sie hätten Angst. Angst in ihrer eigenen Heimatstadt vor gewalttätigen Fremden. So große Angst, dass sie nicht einmal ihre richtigen Vornamen nennen.
Für Freitagabend haben sie sich einen Schleichweg durch die Gärten gesucht, um ohne blutige Nase heimzukommen. Denn seit das Viertel beim Bahnhof zum Aussiedler-Ghetto geworden ist, ziehen junge Russlanddeutsche nachts angetrunken durch die Gassen der Innenstadt und suchen Streit. Das beginne, erzählt Andy, mit Einkesseln, Herumschubsen, und im Nu flögen die Fäuste. Die drei Jungs, jeder von ihnen sportlich und knapp zwei Meter lang, meiden seither die Tankstelle oder den Parkplatz des Sportclubs. Dort sind die Treffs der Deutsch-Russen.
Die Abwehr heißt Deutschtümelei: wir gegen die Russen, Türken, Albaner. Sie haben verlernt zu unterscheiden, zwischen ausländischen Schlägern und friedlichen ausländischen Mitbürgern. Sie sind sicher, dass ihre Generation sich nicht mehr die Schuld für Hitler geben muss.
Ob man nicht besser zur Polizei gehen sollte oder mit den Eltern sprechen? "Die", sagt Stefan, "haben doch keine Ahnung, was abgeht. Und die Polizei kommt nicht mehr, das ist denen egal."
Über seine Mutter, die "eher links" sei, erzählt der Schüler, wie die sich aufgeregt habe, als seine Clique im Sommer beim Camping die deutsche Fahne aufs Zelt gebunden hat. "Hey Jungs, ihr spinnt wohl, wo sind wir denn hier", habe die sich aufgeregt. Und nicht bemerkt, dass ringsum Niederländer, Engländer und Ungarn ihre Fahnen hissten, völlig zwanglos. "Wir dürfen keine Patrioten sein. Wir dürfen nicht stolz auf unser Land sein, die anderen schon. Warum? Das ist doch ätzend", sagen sie.
Jetzt tragen sie diese heimlichen Insignien der rechten Szene, New-Balance-Schuhe etwa mit dem "N" für "national", davon haben Mütter eben keine Ahnung. Holen sich die Songs von Störkraft aus dem Web und lassen sich die Haare kurz rasieren. Und sind damit in ihrer Schulklasse keine Randgruppe, sondern voll im Trend.
Still und ungebremst hat sich im Osten und im Westen der Republik eine neue Jugendkultur entwickelt: germanisch, ausländerfeindlich und deswegen brandgefährlich.
Während die Bundesregierung sich müht, Neonazi-Aufmärsche vor den Gedenkstätten für NS-Opfer zu verbieten, gewinnt der braune Spuk in Schulen, Konzertsälen und Jugendtreffs an Boden. Die "völkische Stimmung" sei "chronisch und normal" geworden, stellt der Extremismusforscher Bernd Wagner für die neuen Bundesländer fest. Dort treffen die Jugendlichen allerdings kaum auf Ausländer. Ihr Rechtsextremismus, deutet etwa eine aktuelle Studie der bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, ist der Protest gegen das bürgerliche Lager aus dem Westen - die Auflehnung an sich.
Die Jung-Rechten aus West und Ost sind in der Regel nicht gewaltbereit, doch sie pflügen das Feld für Skins und dumpfe Schläger. Die ersten Auswirkungen sind bereits zu spüren. In ihrem Jahresbericht verzeichneten die Verfassungsschützer vergangene Woche bei Neonazis einen Zuwachs von über 25 Prozent. Auch die Zahl der rechtsextremen Straf- und Gewalttaten steigt, ebenso die Häufigkeit von Skinhead-Konzerten. Der immer aggressiver werdende Rechtsextremismus gebe Anlass "zu großer Sorge", sagt Bundesinnenminister Otto Schily.
Viele Eltern stehen - ebenso wie viele Lehrer - den fremdenfeindlichen Tendenzen ihrer Kids völlig ratlos gegenüber. Es sind Väter und Mütter mit 68er Sozialisation, die ihren Sprösslingen eine liberale Erziehung angedeihen ließen und nur eine Angst kannten: Hoffentlich nimmt der Junge keine Drogen. Von der rechten Gesinnung der Jugendlichen werden sie kalt erwischt. Wie eine Mutter aus Bremen, die vor einigen Jahren mit Mann und drei Kindern aufs Land zog. "Hier ist alles wunderbar", dachte sie damals. Als sie ihren Sohn zweieinhalb Jahre später aus dem Haus warf, verabschiedete der sich mit dem Hitlergruß.
In der Zeit dazwischen hatte die Szene den Jungen immer stärker angezogen. Die Eltern sahen alles und verstanden doch lange nichts. Woher hätte sie wissen sollen, dass Pullover von Lonsdale oder Pitbull bei Rechtsextremen besonders beliebt sind? "Diese Kleider sind ja auch teuer - da dachte ich, das ist bestimmt gute Qualität, also Markenqualität." Einmal habe sie sich auch Sorgen gemacht - aber die falschen. Da war einer dieser neuen Freunde aufgetaucht und trug eine Jacke mit der Aufschrift "Bierpatrioten", dem Namen einer einschlägigen Band. Die Mutter hingegen sorgte sich, dass ihr Sohn zu viel trinke.
Später war es nicht mehr zu übersehen, dass ihr Sohn nach rechts abgedriftet war. Er hörte CDs wie "Rache für Rudolf Heß" und erhielt Besuch von der Polizei. Gemeinsam mit zwei Kumpanen soll er einen Polen niedergeschlagen haben. Das reichte, die Mutter schmiss den Jungen raus.
Die braunen Horden suchen ihren Nachwuchs vornehmlich auf dem Land. "Dorffaschismus" nennt der Augsburger Streetworker Heiko Helbig das Phänomen. Der Grund: In der Provinz mangelt es an Freizeitangeboten, wer keinen Sport im Verein treibt, ist leichte Beute für die Verführer. Helbig etwa findet in den Jugendtreffs schon mal Heftchen mit Wehrmachtsliedern bei Jungs, die völlig harmlos scheinen.
Seine Kollegen berichten von Schülern, die von der NPD zu Demonstrationen nach Dresden eingeladen werden - Busfahrt, Brotzeit und Bier gratis. "Die Rechten", sagt der Nürnberger Jugendberater Detlef Menske, "haben offenbar den Schlüssel gefunden", die Nazi-Kultur habe den Jugendalltag erfasst: mit der Stimme Adolf Hitlers als Handy-Klingelton oder mit NS-Symbolen auf dem Display.
Das Fatale an den braunen Umtrieben auf dem Land ist das Schweigen der Elterngeneration. Noch immer sprechen Bürgermeister und Polizei dort gern von Randerscheinungen, noch immer wollen sie nicht den Konflikt sehen, den auch gewaltbereite ausländische Banden in die Kleinstädte hineintragen.
Im bayerischen Aichach berichtete die Presse von einem vermutlich ausländischen Schlägertrupp, der deutsche Jugendliche völlig wahllos niederprügelt. Eine "einzelne Gruppe", wiegelt die Polizei ab. Mag sein, allerdings erzählen Jugendliche von mehreren Übergriffen, ein Umstand, den dort offenbar niemand ernst nimmt - außer den Rechten.
Ähnlich in der Kleinstadt Cloppenburg im Oldenburger Münsterland. Dort ist inzwischen jeder vierte Einwohner Spätaussiedler, auch hier verbreiten in Russland geborene junge Deutsche Angst. Der Stadtpark ist mittlerweile bei Dunkelheit nicht nur für schreckhafte Cloppenburger ein Sperrbezirk; Passanten berichten von Überfällen mit Messern. Erst als der örtliche CDU-Politiker Hans-Jürgen Grimme ausgeraubt wurde, begann eine offene Diskussion über die Integrationsprobleme.
Die missglückte Eingliederung mündet im Dauerkonflikt, den zahllose, meist kleine Gemeinden austragen müssen. Allein von 1993 bis 2004 kamen fast 1,6 Millionen Immigranten aus der früheren Sowjetunion ins Land. Programme für Sprachunterricht und Integration gab es reichlich, doch kaum jemand hatte mit dem Widerstand einiger junger Einwanderer gerechnet, die
Sprache zu lernen und sich anzupassen. Manche igelten sich lieber in ihren Parallelgesellschaften ein - mit eigenen Gesetzen. Eine Kulisse, die Anhänger nationaler Gesinnung dann für ihre Propaganda missbrauchen.
So brisant die Lage auch ist - die Politik, überfordert mit der Lage und verständlicherweise bemüht, keine Ausländerfeindlichkeit zu schüren, verschweigt oder verwässert das heikle Problem nur zu oft. So weisen die Kriminalstatistiken Taten von Spätaussiedlern erst gar nicht gesondert aus - denn die haben einen deutschen Pass.
Hans-Peter Kemper, der Aussiedlerbeauftragte der Bundesregierung, hält die Integration der insgesamt mehr als zwei Millionen Spätaussiedler generell für geglückt. Er empfindet die Darstellung von kriminellen Jugendlichen aus diesem Milieu als überzeichnet und statistisch nicht belegt, schließlich seien, etwa in Nordrhein-Westfalen, 95 Prozent der Russlanddeutschen polizeilich noch nie aufgefallen. Aber: "Es ist nicht zu verschweigen, dass es unter den Spätaussiedlern eine kleine Minderheit junger Männer gibt, die durch Gewaltbereitschaft und starken Drang zu Alkohol und Drogen auffällt."
Das kollektive Schweigen sowohl über die gewalttätigen Aussiedlerbanden als auch über die einheimischen Jungnazis nützt vor allem den Rechten. Längst sprechen Neonazis die Jugendlichen nicht mehr nur mit dumpfen Parolen an. Sie organisieren Zeltlager, Fußballturniere, laden zu Wanderungen und Konzerten ein und betreiben Jugendclubs.
Vor Schulen bauen Gruppen wie der "Heimatbund Pommern" Infostände auf. In Rheinland-Pfalz warben die NPD und deren Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten (JN) im vergangenen Jahr mit CDs und Flugblättern. Und in Stralsund verteilte die nach der Stadt benannte Kameradschaft lange ihre Jugendzeitung "Avanti", in der sie sich beispielsweise über das Sexualleben der Anne Frank lustig machte ("Unter die Decke gesehen").
Wie stark die Jugend dem neuen Kult folgt, sieht man etwa in einer Sekundarschule aus dem Kreis Jerichower Land in Sachsen-Anhalt. Dort hatten Schüler eine mit einem Hakenkreuz behängte farbige Puppe, auf der "Nigger hate" stand, getreten, bespuckt, an einem Schnürsenkel aufgehängt; schließlich drückten sie brennende Zigaretten an ihr aus. Das zeige, so der zuständige Verfassungsschutz, "dass rechtsextremistisches Gedankengut häufig bereits bei Schülern verwurzelt ist".
Die Einstiegsdroge für die meisten Jugendlichen auf dem Weg in die Szene aber bleibt die Musik. Rechtsextreme Konzerte, die im Ruch der Illegalität stehen, werden attraktiv, der Rechtsrock boomt. In Scharen ziehen die Jugendlichen zu den Konzerten von Bands wie Oidoxie; Songs brennen sie zu Hause am PC, meist für den symbolträchtigen Preis von 88 Cent. Denn die "88" steht für zweimal den achten Buchstaben im Alphabet: HH - Heil Hitler.
Was illegal ist, reizt die Kids am meisten, weiß der Düsseldorfer Torsten Lemmer, der mal den Verlag Rock Nord leitete: Was früher Drogen gewesen seien, "ist heute eine indizierte CD". NPD statt LSD.
Mit Ideologie aber, glaubt der Jugendpsychologe Wolfgang Bergmann, habe das wenig zu tun. Auch Streetworker meinen, dass der Rechtsextremismus zumindest für einige Jugendliche eher eine pubertäre Erscheinung bleibe - die letzte Stufe der Rebellion, der coolste Schocker in einer Zeit, in der weder Ecstasy noch schlechte Noten liberale Eltern aus der Fassung bringen.
Möglich, dass gerade deswegen das rechte Outfit für viele wichtiger ist als die innere Überzeugung. Klamotten von Masterrace, Pit Bull Germany oder Thor Steinar sind szenetypisch. Auch Springerstiefel von Doc Martens, Hemden von Fred Perry, Jacken von Lonsdale gehören zum Dresscode.
Geschockt vom martialischen Look, setzen Schulen wie die Realschule im schwäbischen Weinstadt bestimmte Marken auf den Index. Doch die Braunen sind kreativ. Was verboten ist, wird ersetzt. Der Aufdruck "88" etwa durch den Schriftzug: "Nicht schuldig im Sinne der Anklage" - die Parole der NS-Verbrecher bei den Nürnberger Prozessen. Aber welcher Lehrer weiß das so genau?
Der sächsische Justizminister Geert Mackenroth (CDU) will den Kampf um die jungen Köpfe aufnehmen. Mit Schülern der 10. Klasse des Friedrich-Schiller-Gymnasiums Pirna diskutiert er darüber, wie ihre Stadt von Jugendlichen "national befreit" wurde. 15-mal griffen halbe Kinder den "Antalya Grill" der türkischen Familie Sendilmen an. Dann gaben die Türken auf und zogen nach Berlin. Derzeit stehen sie vor Gericht, weil sie sich am Ende mit Baseballschlägern und Dönermessern gegen den rechten Jungsturm zur Wehr gesetzt haben sollen.
Vom Schiller-Gymnasium war damals allerdings keiner dabei. Da fragt Mackenroth besser mal in der Berufsschule nach. Hier musste die Leitung Springerstiefel wegen Verletzungsgefahr verbieten. Hier wird bei Aufsätzen als Adresse auch schon mal "Auschwitzweg" eingetragen.
Die Bundesregierung, deren Kanzler den "Aufstand der Anständigen" ausgerufen hat, will bis 2006 180 Millionen Euro für Programme gegen rechts ausgeben, vor allem für die Aufklärung in Schulen. Denn die Unwissenheit vieler Schüler über den Nationalsozialismus hat fatale Folgen; an Berliner Schulen, so die Jugendexpertin Brigitte Kather, verbreiten selbst gutsituierte Schüler antisemitische Klischees immer unbefangener.
Da hört sie schon mal solche Sätze über einen Unternehmer: "Ist ja klar, dass der reich ist, der ist ja auch Jude." Und ein Kreuzberger Gymnasiast definierte: "Juden sind Menschen, die dafür Geld bekommen, dass ihre Eltern ermordet wurden."
Inzwischen versuchen sogar Polizei und Verfassungsschutz, mit Aufklärungskampagnen an Teenager heranzukommen. "Wir müssen die sozialen Realitäten thematisieren", warnt einer der Geheimen, "sonst tun es die anderen."
Die Clique von Stefan, Andy und Christian aus dem Raum München wird so etwas kaum noch beeindrucken. Sie hat beschlossen, den Kampf gegen den gewaltbereiten Ausländernachwuchs auf der Straße zu führen. Als die örtliche Streetworkerin vorschlug, die verfeindeten Gangs sollten sich doch im Jugendzentrum treffen und sich aussprechen, zuckten die drei mit den Schultern: "Lächerlich, die kapiert gar nix." DOMINIK CZIESCHE,
CONNY NEUMANN, BARBARA SCHMID, CAROLINE SCHMIDT, MARKUS VERBEET, STEFFEN WINTER
Von Dominik Cziesche, Conny Neumann, Barbara Schmid, Caroline Schmidt, Markus Verbeet und Steffen Winter

DER SPIEGEL 21/2005
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