23.05.2005

STRAFJUSTIZ„Levke ist ein Stück von uns“

Dem Leid der Eltern getöteter Kinder gibt das Landgericht Stade viel Raum. Doch darauf kommt es im Mordprozess gegen Marc Hoffmann nicht an. Von Gisela Friedrichsen
Ein Kind ist tot. Und noch eines. Levke, acht Jahre alt, Todestag 6. Mai 2004, erdrosselt. Felix, ein halbes Jahr später, am 30. Oktober, erwürgt. Tot, jetzt und in alle Ewigkeit.
Das Gericht prüft und wird, wenn die Voraussetzungen gegeben sind, wegen Mordes verurteilen. Die besondere Schwere der Schuld wird festgestellt und/oder Sicherungsverwahrung wird angeordnet werden - wenn es sich begründen lässt. Spielraum für Ermessen oder gar einen Deal bleibt in einem solchen Fall nicht.
Zu den Voraussetzungen einer Verurteilung zählt nicht, ob Levke ein fröhliches Kind war und Felix ein kleiner Frechdachs.
Es ist egal, ob ein getötetes Kind aus einer reichen oder einer weniger reichen Familie oder aus schlechten Verhältnissen stammt. Ob es dumm oder intelligent war, ob es gern sang oder unmusikalisch, blond oder dunkelhaarig war.
Im Gesetz heißt es: "Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet." Es heißt nicht: Ein besonders schlimmer Mörder ist und besonders hart bestraft wird, wer einen aufgeweckten, lebenslustigen Jungen tötet oder ein niedliches kleines Mädchen. Für die Höhe der Strafe spielt das keine Rolle. Ein Kind ist tot. Ein Mensch.
Für die Strafzumessung spielt auch keine Rolle, wie sehr die Angehörigen des getöteten Kindes trauern. Die Leiden der mittelbaren Opfer sind nicht Maßstab. Sonst wäre ja zu überlegen, ob nicht der, der ein Einzelkind tötet - welch absurde Vorstellung -, vielleicht härter zu bestrafen sei als der, der ein Geschwisterkind umbringt. Die Trostlosigkeit im einen Fall müsste dann vielleicht als noch gravierender bewertet werden als im anderen. Und was, wenn niemand um das Opfer trauert? Nein: Ein Mensch ist getötet worden, und allein dafür wird der Täter bestraft.
Im Prozess gegen Marc Hoffmann, 31, der sich vor der 2. Großen Strafkammer des Landgerichts Stade wegen Mordes an Levke und Felix verantworten muss, beschreibt die Mutter des Mädchens am zweiten Verhandlungstag das Leben der Familie nach dem Tod des Kindes: erst die zermarternde Ungewissheit, schlimmer noch als die Hölle. Dann die vernichtende Nachricht. Die zahllosen Winzigkeiten täglich, die den Schmerz unablässig anstacheln: Mettwurst, die Levke so gern aß, wochenlang konnte keiner in der Familie Mettwurst ertragen. Der Sonderposten Kabelbinder bei Aldi, dessen Anblick die Mutter durchfährt, war Levke doch mit einem Kabelbinder umgebracht worden. Die Fragen der Geschwister: Mama, wer macht so etwas? Musste Levi leiden? "Levke ist ein Stück von uns. Sie fehlt überall. Morgens, mittags, abends", sagt die Mutter.
Was sie vorbringt, wird "bewegend" oder "erschütternd" genannt. Tatsächlich gibt es kein Wort dafür. Wer sich bis dahin noch nicht Gedanken gemacht hat, was wohl das Schlimmste im Leben sein könnte, spürt es spätestens jetzt: Es ist der gewaltsame, sinnlose Tod des eigenen Kindes, noch dazu, wenn es zufällig einem Mann in die Hände fällt, dem die Prostituierten vom Straßenstrich nicht reichen.
Als die Mutter spricht, geschieht, was der Strafprozess nicht bewältigen kann: Leid und Schmerz überfluten den Gerichtssaal. Das Entsetzen über den Täter überwältigt. Der Angeklagte? Er duckt sich, taucht hinter der Barriere der Anklagebank
ab, bis er kaum noch zu sehen ist.
Am nächsten Sitzungstag geht es um Felix. Seine Eltern nehmen am Prozess nicht teil. Das Gericht hat, damit auch ihr Leid gewürdigt wird, zwei Betreuer aus den Reihen der Polizei als Zeugen geladen. Der freundliche Vorsitzende Berend Appelkamp räumt ihnen viel Zeit ein. In aller Breite tragen sie vor. Felix'' Mutter, erfährt man, sei "klein, zierlich, sehr intelligent und von Jugend an auf sich allein gestellt". Wann sie zusammenbrach, ihre Klinikaufenthalte und die finanzielle Not heute. Dass der Junge ihr Liebling gewesen sei und dass der leibliche Vater die große Tochter bei sich aufgenommen habe und ein Zimmer für sie einrichte und dass der Lebensgefährte der gebrochenen Mutter, eine "auffällige, interessante Persönlichkeit", sie inzwischen verlassen habe.
Was soll das? Es dürfe nicht nur vom Täter die Rede sein vor Gericht, wird heute oft angemahnt, das Opfer gehöre in den Mittelpunkt des Strafprozesses. Wenn eine Mutter ihr Kind noch einmal lebendig werden lässt, indem sie von ihm erzählt - niemand verwehrt es ihr. Die Aussagen von Dritten über Leid und Not aber sind für die Urteilsfindung bedeutungslos. Vom öffentlich ausgebreiteten Schmerz haben die Leidtragenden nichts, allenfalls die Medien profitieren davon. Und geschäftstüchtige Anwälte vielleicht.
Der Strafprozess, so ein geflügeltes Wort des großen Strafverteidigers Hans Dahs sen., finde in der Öffentlichkeit, aber nicht für die Öffentlichkeit statt. In Stade wird viel für dieselbe getan. Da darf eine Zeugin zwei Stunden lang sauerländisches Lokalkolorit verbreiten, der Angeklagte stammt aus ihrer Gegend. "Ich kenne ihn schon, bevor er geboren wurde", rühmt sie sich. Wie man dort lebt und feiert, die Geburtstage, die Silberhochzeiten, die Beerdigungen und Schützenfeste, die Frau ist ein Schatz für die Medien.
Ihr schwante bereits Unheil, als man nach Levke im Mai vorigen Jahres noch im Umkreis ihres Elternhauses in Cuxhaven suchte. Und erst recht, als dann im August das tote Kind im 300 Kilometer entfernten Sauerland gefunden wurde. Einem Schulfreund, heute Polizist, sagte die Zeugin bereits Anfang September auf einer Party: "Kuckt doch mal, wer von hier nach Cuxhaven gezogen ist - die Hoffmanns!"
Erst im November hätten sich die Ermittler bei ihr gemeldet und gefragt, "wie ich auf Marc käme", klagt die Zeugin. Grundlage ihrer Vermutung: Hoffmann habe 1994 eine Anhalterin vergewaltigt, er sei oft mit dem Auto unterwegs gewesen und nächtelang weggeblieben, er habe eine "sehr dominante" Mutter - und Hoffmanns Vater (!) habe 1979 versucht, einer ihrer Töchter unter die Strumpfhose zu fassen. "Meine Tochter sah als Kind aus wie Levke", sagt die Zeugin. Das Bild habe sie nicht mehr losgelassen. "Bei diesen Genen", sagt sie, "und diese blonden Haare." Ein Beamter der Soko vor Gericht: "Die Angaben waren nicht so konkret, dass man auf diesen Zug sofort aufspringen musste."
Geschieht ein spektakuläres Verbrechen, erhebt sich, sobald das Interesse an den Details erlahmt, geradezu reflexhaft Kritik an der Polizei. Dass das Verbrechen überhaupt geschehen konnte, dass nicht schnell genug aufgeklärt, dass geschlampt und falsch eingeschätzt wurde. Hätte, wäre, könnte. Felix würde noch leben, so etwa eine Theorie, hätte man die Ahnungen der Frau aus dem Sauerland ernst genommen.
Doch viele Leute hatten damals Ahnungen. Welche Spur führte zum Täter? Ausführlich schildern Polizeibeamte als Zeugen ihre Überlegungen und Ermittlungsansätze, und bisweilen klingen die Aussagen wie Rechtfertigungen gegen öffentliche Anwürfe. Dass man nicht auf Anhieb ins Schwarze traf, lässt sich im Nachhinein leicht kritisieren. "Man darf nicht Informationen einfach ungefiltert zusammenführen, weil man sonst in den Daten ertrinkt", erklärt der Ermittlungsführer. So seien zum Beispiel erst die der Polizei bekannten Sexualtäter, die ein Tötungsdelikt begangen hatten, überprüft worden. Hätte man Massendelikte wie Körperverletzung und Nötigung miteinbezogen, "die Datenflut wäre nicht mehr zu bearbeiten gewesen".
Hoffmann scheint ein Mensch zu sein, dem die Fähigkeit, sich in andere Menschen einzufühlen, vollständig fehlt. "Hat er die Kinder als Opfer gesehen?", wird der Beamte gefragt, der ihn vernommen hat. "Ich meine nein", antwortet der Zeuge.
Er hat getötet, um nicht verraten zu werden. Er hat die Leichen vergraben, am nächsten Tag wieder ausgebuddelt, ist mit ihnen im Kofferraum durch die Gegend gefahren, geriet in Polizeiabsperrungen, hat die Toten erneut versteckt und wieder geholt, wenn ihm der Ablageort noch immer nicht sicher genug erschien. Im Übrigen führte er ein unauffälliges Leben.
Die Verteidiger tragen vor, der Angeklagte halte sich für krank. Er fühle "zwei Persönlichkeiten in sich". Einerseits sei er Ehemann und Vater zweier Töchter, andererseits habe er vergewaltigt und töte Kinder. Er habe keine Erklärung dafür. Vielleicht die dominante Mutter? Der Vernehmungsbeamte als Zeuge: "Es gelingt nicht, einfach das eine für das andere verantwortlich zu machen. Wir haben auch nicht herausbekommen, ob das wirklich so ist."
Hoffmann ist von dem forensischen Psychiater Professor Norbert Leygraf begutachtet worden. Die Gespräche mit ihm seien "zu kurz" gewesen, auch habe er dem Sachverständigen wohl "nicht alles" gesagt, bemängeln die Verteidiger, denen das Ergebnis Leygrafs offenbar nicht gefällt. Sie versuchen, dem Vernehmungsbeamten die Aussage abzuringen, dass bei ihrem Mandanten "der Befriedigungsdrang im Mittelpunkt seines Denkens stand". Mit anderen Worten: dass er schwerstgestört, dringend behandlungsbedürftig und nicht voll schuldfähig sei. Was der Sachverständige anscheinend nicht erkannte. Der Ermittler lässt sich nicht darauf ein.
Hoffmann, so der bisherige Eindruck, hat keineswegs wie ein außer Kontrolle geratener Mensch gehandelt. Er hat zwar nach Opfern wie Levke und Felix Ausschau gehalten, konnte von seinem Vorhaben aber auch jederzeit wieder ablassen. Nach etwa drei Jahren, so ist in Stade zu hören, hoffe der Angeklagte, als "geheilt" entlassen zu werden. Diese Hoffnung wird sich wohl kaum erfüllen. Unabhängig von dem Unglück, das er über die Familien der Opfer - dazu gehört auch seine eigene - gebracht hat.
* An Hoffmanns Fahrzeug am 27. April.
Von Gisela Friedrichsen

DER SPIEGEL 21/2005
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