23.05.2005

POSTBriefe im Weiher

Seit die Post Transportdienste auslagert, verschwinden immer mehr Sendungen. Mehrere Staatsanwaltschaften ermitteln gegen verdächtiges Personal.
Kurz vor Weihnachten nahm sich Thomas Kiessling viel Zeit. Liebevoll formulierte der Trierer Tenor über 150 Briefe für seine Fans. Dann packte er drei Pakete und fünf Päckchen voll Geschenke für seine Familie und Geschäftsfreunde und gab alle Sendungen bei der Post in der Matthiasstraße 21 ab.
Auf die Weihnachtsgaben warten seine Lieben heute noch - von den acht Lieferungen fehlt jede Spur.
Noch Schlimmeres beklagt Harry Hohoff von der Münchner Dividi Entertainment. Dort können Kunden online Filme auf DVD zur Ausleihe bestellen. Die Blockbuster werden per Post ausgeliefert und auch wieder zurückgeschickt. Normalerweise.
Über 7000 DVDs seien in den vergangenen Monaten verschwunden, berichtet Hohoff, "irgendwo im Postsystem werden unsere Produkte abgegriffen". Seiner Firma sei ein Schaden von rund 150 000 Euro entstanden. "Unser Geschäftsmodell steht auf dem Spiel", sagt er; deshalb hat er Strafanzeige gestellt.
Die beiden Postgeschädigten sind keine Einzelfälle. Tausende Briefe und Pakete verschwinden täglich irgendwo im Nirgendwo. Vergebens warten Kunden darauf, dass der Postmann klingelt. Verbraucherschützer beklagen die Missstände bei der Post. "In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Zahl der Beschwerden mehr als verdoppelt", sagt Elmar Müller vom Deutschen Verband für Post und Telekommunikation . Und der Berliner Kriminaloberrat Michael Schultz stellt fest, dass immer mehr Bankkarten aus Postkuverts gestohlen werden.
Ein Grund für die plötzliche Unzuverlässigkeit: Die Post will sparen. Für den Transport der Liebesbriefe, Anwaltspost, Handwerksrechnungen arbeitet das Unternehmen mehr und mehr mit Fremdfirmen. Den klassischen Postler von früher gibt es heute beim lukrativen Geschäft mit Briefen, Päckchen und Paketen kaum noch. Bei der Paketzustellung wurden mittlerweile "rund 600 Zustellbezirke outgesourct", sagt der Sprecher der Deutschen Post, Dirk Klasen. Manchmal werden Briefkästen vom Pizzaservice geleert.
Auf dem Weg zum Global Player setzt die 1995 in eine Aktiengesellschaft umgewandelte Post auf billige Subunternehmen - auch aus dem Ausland. In Offenbach etwa wurde der Posttransport an einen polnischen Dienstleister übergeben.
Orientierungs- und Sprachprobleme sind so programmiert. Verfährt sich der Postausfahrer zum dritten Mal, fliegt der Sack Briefe womöglich mal auf den Müll. Für die Kontrolle bei der Auswahl des Personals ist der Dienstleister verantwortlich, der sich bei der Post oft zu Niedrigpreisen verdingt.
Welche Art von Personal man zu Dumpinglöhnen erhält, offenbart derzeit ein Verfahren in Trier. Dort wurden vergangene Woche zwei mutmaßliche Posträuber vor der Großen Strafkammer des Landgerichts angeklagt. Ein 24-jähriger Speditionsfahrer, der für ein Subunternehmen der Post tätig war, und sein 52-jähriger Kumpel sollen gleich lastwagenweise Briefe und Pakete geklaut haben. Beide waren mehrfach einschlägig vorbestraft. "Da wurde der Bock zum Gärtner gemacht", empört sich der Leitende Oberstaatsanwalt Horst Roos.
Die Täter sollen die Sendungen erst nach Verwertbarem durchwühlt und den Rest im Wolfskaulweiher bei Trier kurzerhand versenkt haben. Weil Briefe auf dem See schwammen, flog die Sache auf. In aufwendigen Tauchaktionen barg die Berufsfeuerwehr die verschollene Post.
Auch andernorts hat der Postklau Konjunktur:
* In Frankfurt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen einen Viernheimer Subunternehmer, der unter anderem Tausende Einschreiben verschwinden ließ, Schaden: rund 270 000 Euro;
* in Köln bediente sich laut Anklage ein 47 Jahre alter Disponent eines Tochterunternehmens der Post aus dem Depot für Wertbriefe;
* in Stuttgart klaute ein Kurierfahrer offenbar massenweise Postsendungen;
* in Kassel soll ein 19-jähriger Ex-Angestellter einer Fremdfirma erst 70 Briefkästen geleert und dann rund 2000 Briefe gefleddert haben;
* in einem Briefzentrum in Hamburg-Altona schlitzte ein Unbekannter im vergangenen Jahr regelmäßig Briefe auf und stahl Geld und Wertsachen;
* vorvergangene Woche stellte die Polizei im Raum Frankfurt Handys, Computer und Kameras im Wert von rund 200 000 Euro sicher, die Postmitarbeiter geklaut haben sollen.
Genaue Zahlen über Diebstähle von ihr anvertrauten Sendungen will die Post nicht herausgeben. "Das machen unsere Mitbewerber auch nicht", ziert sich Sprecher Klasen. Pro Werktag befördert sein Unternehmen über 70 Millionen Briefe und Päckchen und rund 2,8 Millionen Pakete. "Ein paar tausend davon kommen vielleicht abhanden", räumt er ein. Denn: "Gegen Organisierte Kriminalität sind auch wir nicht gefeit."
Ob die Opfer dafür Verständnis haben? Wer verzweifelt einen Nachforschungsantrag stellt, bekommt Wochen später meist ein Formschreiben: "Ihre Sendung wurde leider nicht aufgefunden." FELIX KURZ
Von Felix Kurz

DER SPIEGEL 21/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung