23.05.2005

NATURSCHUTZRiesen im Raps

In Mecklenburg-Vorpommern leben Nandus in freier Wildbahn. Für die einen stören sie das ökologische Gleichgewicht, für die anderen sind sie niedliche Neubürger.
An was denkt ein Spaziergänger, wenn es im Rapsfeld raschelt? An ein Reh wahrscheinlich, ein Wildschwein oder einen Ökobauern. Auf keinen Fall aber an ein Wesen, das seinen winzigen Kugelkopf wie ein flauschiges Periskop aus der Blütenpracht streckt und freundlich lächelt.
"Ganz rührende Gesellen sind das", sagt Ursula Langmaack, Wirtin der Lenschower Deel im mecklenburgischen Schattin. Sie hat die großen Vögel lieb gewonnen, die regelmäßig an ihrem Waldhotel auftauchen, herumstolzieren und sich füttern lassen. Den Ziegen und Kaninchen in ihrem Streichelzoo haben sie in der Sympathieskala längst den Rang abgelaufen.
Bei den tierischen Gästen handelt es sich um Nandus, eine südamerikanische Vogelart. Drei Paare waren im Herbst 2000 aus einem Gehege im nahe gelegenen Groß Grönau ausgebrochen. Die Züchter dachten, die Flüchtlinge würden in freier Wildbahn eingehen. Doch die zähen Vögel überlebten den Winter, vermehrten sich und nisteten sich im Naturschutzgebiet der Wakenitz-Niederung ein. Gut 50 der maximal 1,70 Meter großen und bis zu 20 Kilo schweren Laufvögel sind nun im Grenzgebiet zu Schleswig-Holstein unterwegs.
Dem einen oder anderen Jogger mag schon mal das Herz stillstehen, wenn aus heiterem Himmel einer dieser Riesenvögel aus dem Unterholz bricht. Für den Tourismus in der strukturschwachen Region jedoch sind die Nandus ein Segen. Langmaacks Hotel wirbt mit ihnen um Gäste, Ferienanbieter verweisen stolz auf die Pflanzen- und Insektenfresser, die "sich gut an den neuen Lebensraum angepasst haben". Seit Anfang des Jahres streift das exotische Federvieh ganz legal durch deutsche Wälder: Es ist erstmals in die Rote Liste des Umweltministeriums Mecklenburg-Vorpommern aufgenommen worden.
So ungewöhnlich die Vögel inmitten von Sumpfwiesen und Rapsfeldern auch anmuten - sie sind nur eine von rund 1400 nicht einheimischen Tierarten, die in Deutschland leben. Ob amerikanische Ochsenfrösche rund um Karlsruhe, nordamerikanische Waschbären im Raum Kassel oder afrikanische Halsbandsittiche im Kölner Stadtgebiet - überall in der Republik haben sich tierische Einwanderer etabliert.
Neozoen nennen Biologen jene Arten, die - unter mehr oder weniger direkter Mithilfe von Menschen - in Gebiete vorgedrungen und heimisch geworden sind, in die sie von allein nie gelangt wären.
Doch wie immer, wenn Fremde auftauchen, wachsen Angst und Misstrauen. Wolfgang Menken, Jagdpächter im Nandugebiet, fürchtet angesichts der gefiederten Latino-Schar um das ökologische Gleichgewicht: "Die Wakenitz-Niederung ist als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Das heißt: Im Vordergrund steht der Schutz der Landschaft und der dort heimischen Tierwelt. Nandus haben da nichts zu suchen."
Ähnlich Nandu-feindlich äußern sich seine Kollegen vom Jagdschutz-Verband. In einer vom Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie einberufenen Expertenrunde wussten sie Schreckliches zu berichten: etwa über das abartige Sexualverhalten eines Nanduhahns. Der soll auf einer Weide ein Kalb mit seinem Balztanz derart bedrängt haben, dass es in wilder Panik in einen Stacheldrahtzaun rannte. Seltenen Heuschreckenarten wie der Blauflügeligen Ödlandschrecke drohe, so Menken, gar akute Lebensgefahr - vor allem an einer 50 Meter breiten Grünbrücke, die allem, was kreucht und fleucht, den Weg über die A 20 ebnen soll. "Jede Nanduhorde, die sich dort hinstellt, hat einen gedeckten Tisch."
Ragnar Kinzelbach, Neozoen-Experte und Biologieprofessor an der Universität Rostock, hält derlei Ängste für "Kinderkram". Dahinter stehe ein statisches Naturbild, das zu einem "Blut-und-Boden-Naturschutz nach dem Motto 'Deutsches Land für deutsche Tiere'" führe. Für ihn ist Natur eine "permanente Dynamik, und viele Arten, die heute als heimisch gelten, sind selber zugewandert oder ausgesetzt worden, etwa der Fasan". Im Zeitalter weltweiter Warenströme sei eine Globalisierung von Flora und Fauna zwangsläufig und geradezu die "bedeutendste Veränderung der Biodiversität neben dem Artensterben".
Viele der Einwanderer bleiben nur inkognito, weil sie zu klein sind oder zu unbekannt. "Die Nandus dagegen", meint Kinzelbach, "sind für jedermann gut sichtbar und erregen deshalb die Gemüter."
Auch Lothar Wölfel, Nandubetreuer beim Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie, sieht vor allem "ein psychologisches Problem". Schließlich seien in Mitteleuropa noch keine Arten durch die Konkurrenz von Neozoen ausgestorben. Die Nandus will er zunächst im Rahmen eines Forschungsprojekts observieren lassen. Alles andere wäre auch schwierig, denn die Vögel unterliegen dem Washingtoner Artenschutzabkommen. Maßnahmen zu ihrer Dezimierung sind juristisch problematisch.
Wegen "der großen Bruterfolge" will Wölfel allerdings die Population im Zaum halten, "vorbeugend und unblutig" - durch simplen Eierklau in den Gelegen. Auf Manfred Langmaack, den Ehemann der "Nandu-Mutter" vom Waldhotel, kann er dabei nicht zählen. Der weiß zwar, wo Nester sind, will es aber nicht verraten. "Die Nandus gehören jetzt hierher, wer ihnen an den Kragen will, soll auch keine Kartoffeln mehr essen. Die kommen auch aus Südamerika." GUNTHER LATSCH
Von Gunther Latsch

DER SPIEGEL 21/2005
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