23.05.2005

Klüger werden mit:Jochen Biganzoli

Der 41-jährige Theaterregisseur über die Kunst, sich selbst zu präsentieren
SPIEGEL: Sie zeigen in einem Seminar an der Universität Bremen Juniorprofessoren, wie sie sich besser präsentieren. Warum brauchen die Akademiker darin Nachhilfe?
Biganzoli: Unser Bildungssystem basiert auf Wissen. Vorlesungen sind in der Regel sehr inhaltslastig. Aber die Vermittlung von Inhalten geschieht durch den Menschen, folglich hat seine "Haltung" eine entscheidende Bedeutung. Ich versuche den Akademikern klar zu machen, dass es nicht reicht abzulesen, sondern dass sie in einer kommunikativen Situation etwas verkaufen müssen - und dass sie selbst dabei im Zentrum stehen.
SPIEGEL: Was sind Ihre Vorteile als Theaterregisseur?
Biganzoli: Als Theaterregisseur bin ich der erste Zuschauer und darin geübt, jemandem die Wirkung zu vermitteln, die er auf andere hat. Anders als Schauspieler sollen die Professoren nicht in eine Rolle schlüpfen, sondern lernen, ihre eigenen Stärken besser zu nutzen. Aber das Rüstzeug und das Ziel sind identisch: Ausstrahlung, Präsenz, Glaubwürdigkeit.
SPIEGEL: Wie unterscheidet sich Ihr Seminar von einem klassischen Rhetorikkurs?
Biganzoli: Ich vermittle keine Methode, sondern Grundlagen: Was ist Körperspannung, wie steuert man seine Gesten, wie funktioniert Augenkontakt? Und ich benutze keine Videokamera. Videokameras zeigen extrem die negativen Seiten, manche sind wirklich entsetzt, wenn sie sich sehen. Ich selbst bin die lebende Kamera, aber ich kann das Feedback so formulieren, dass es positiv ist.
SPIEGEL: Ist eine selbstbewusste Ausstrahlung für Akademiker heute wichtiger?
Biganzoli: Überall wird über die Einführung von Studiengebühren diskutiert. Wenn ich als Student 1000 Euro Studiengebühren zahle, dann würde ich es mir nicht mehr gefallen lassen, dass der Professor in seinen Bart nuschelt.

DER SPIEGEL 21/2005
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