23.05.2005

VERBRECHEN„Sie haben Ruhe, er auch“

Sie galt als vorbildliche Pädagogin, er als umgänglicher Schüler. Jetzt ist die Lehrerin Isolde F. tot, ihr Schüler Alex O. sitzt in U-Haft, um die Aufklärung sollen sich Gerichte kümmern. Erklärungen aber findet man woanders: in der Schule. Von Jürgen Dahlkamp und Bruno Schrep
Am 17. Januar 2005 fehlt der Schüler Alex O. in Französisch bei Frau Roep, die ersten zwei Stunden. Er verpasst Mathematik bei Frau Fretwurst, er kommt nicht zur Vierten, nicht zur Fünften, er kommt gar nicht in die 10c an diesem Montag. Alex O. bleibt zu Hause, er übergibt sich, er kotzt sich fast den Magen aus dem Leib, schon die ganze Nacht.
Am 17. Januar 2005 fehlt auch die Lehrerin Isolde F., Fächerkombination Deutsch, Kunst und Wirtschaft/Politik an der Heimgarten-Realschule in Ahrensburg. Sie hat sich nicht krankgemeldet, aber zur großen Pause um 9.25 Uhr ist sie immer noch nicht da. Auch nicht zu Deutsch in der fünften Stunde bei der 10c. Isolde F. liegt an diesem Morgen in ihrer Wohnung, in einer Blutlache, mit acht Messerstichen in der Brust, mit aufgeschlitzter Kehle. Sie liegt so schon die ganze Nacht.
Am 17. Januar 2005 kommt der Lehrer Oliver Jeßen zum Dienst. Es ist die Woche, in der sie im Kollegium die Halbjahresnoten vorbesprechen. Jeßen hat die 10c in Geschichte und Wirtschaft/Politik, in seinem Kalender steht für diesen 17. Januar ein Eintrag: "Isolde wegen Alex". Er will an diesem Tag reden, mit Isolde, über die Fünf, die Alex in Deutsch bekommen soll. Er will fragen, ob man die noch irgendwie drehen kann, in eine Vier.
Am 17. Januar 2005, mittags um zwölf, weiß auch Lehrer Jeßen, dass es zu spät ist, dass es nichts mehr zu reden gibt. Isolde F., 55, ist tot, ihr Schüler Alex O., 18, sitzt drei Tage später in Untersuchungshaft. Sein Bruder Vitali, 20, hat zugegeben, dass er ein Fleischermesser immer wieder in sie hineingerammt hat, am Abend des 16. Januar, nachdem er mit Alex bei ihr an der Haustür geklingelt hatte.
Gibt es wirklich nichts mehr zu reden, nur noch zu richten - hier zwei Russlanddeutsche, dort eine tote Lehrerin, Strafmaß demnächst vom Landgericht Lübeck? Die Tat sei "unvorhersehbar" gewesen, ein Exzess ohnegleichen und deshalb ohne Lehren, sagt Rektor Karl-Heinz Bock. Sollen die Juristen die Katastrophe abwickeln.
Für die geht es schließlich nur ums Übliche: um Mord oder Totschlag. Die Staatsanwaltschaft Lübeck glaubt, die Tat sei kalt geplant gewesen, von beiden, einer soll zugestochen, der andere festgehalten haben.
Für die Ermittler ein gemeinschaftlicher Mord - so steht es in der Anklage, die jetzt vorliegt. Und auch das Motiv ist für sie klar: Spannungen mit der Lehrerin, die Angst, die Fünf in Deutsch werde Alex die Zukunft bei der Bundeswehr verbauen.
Vitali behauptet dagegen, er habe Isolde F. nur drohen wollen, weil sie seinen Bruder ständig getriezt habe. An der Tür soll sie dann über Alex gehöhnt haben: "Du bist ein Verlierer, und das mit der Bundeswehr kannst du vergessen." Und Vitali will ausgerastet sein - das könnte Affekt sein und juristisch gesehen ein Totschlag. Alex selbst will nur daneben gestanden haben.
So oder so kann es also ausgehen, rein juristisch, in jedem Fall aber schonend für Rektor Bock und den Ruf seiner Lehranstalt in dem Städtchen nördlich von Hamburg. Es waren die Aussiedler, mal wieder, es war nicht die Schule, oder zumindest hätte es dann jede andere genauso gut sein können. Und wer will nach einem Schuldspruch noch fragen, ob nicht auch die Schule versagt hat, tragisch, aber versagt?
Es gibt tatsächlich noch etwas zu reden, über Isolde F. und Alex O. Nicht ob irgendetwas so eine Tat entschuldigen könnte, da gibt es nichts - so wenig, wie es je eine Erklärung dafür geben kann, warum es bei den Brüdern O. zur letzten Enthemmung gekommen ist, in Hunderten anderer Fälle nicht. Aber darüber, dass Isolde F. und Alex O. vor der Tat wie zwei Züge aufeinander zugerast sind, mindestens ein Vierteljahr lang, immer schneller, um den anderen einzuschüchtern, immer schriller pfeifend, damit der andere endlich das Gleis wechselt.
Der Schüler sah sich als Opfer ständiger Schikanen, die Lehrerin als Opfer ständiger Provokationen; sie nervten sich, stritten sich, sie bekämpften sich vor der ganzen Klasse, sie hetzten sich durch die Schulhierarchie, bis hoch zum Rektor. Und ein Strafsystem für Schüler, vor zwei Jahren eingeführt und so scharf, dass es in Schleswig-Holstein nicht mal Hauptschulen nachgeahmt haben, heizte den Streit noch an. Für jedes Vergehen eine Sechs - das war hier Schulprogramm.
Die Familie O.: Sie kam 1996 aus Petropawl, einer Stadt mit 200 000 Einwohnern irgendwo in Nordkasachstan, an einer Nebenstrecke der Transsib, wo das Leben so berechenbar ist wie der Zugfahrplan. Leonid, der Vater, wartete die Heizanlage in einer Lederfabrik; Valentina, die Mutter, war Köchin in einer Kantine, vielleicht 15, vielleicht 20 Jahre, so genau weiß sie das selbst nicht mehr. Zusammen kamen sie auf umgerechnet 150 Euro im Monat, für Petropawl gerade genug. Aber sie hatten die Kinder: Vitali, damals 12, Alex, 10, und Johannes, 8. Denen wollten sie mehr geben, als Kasachstans Provinz zu bieten hatte. Also ließen sie alles zurück und wanderten aus, ins Land, aus dem Leonids Vorfahren stammten: Deutschland.
Bei Leonid und Valentina wird es die typische Geschichte, eine Art Ehepaar Mustermann für Russlanddeutsche - man muss in der neuen Heimat nur genug schuften, um es zu schaffen. Leonid schuftet zuerst im Straßenbau, dann bekommt er eine Stelle als Gärtner auf einem Golfplatz. Er ist der stille, nachgiebige Teil dieses Paares, für eine harte Hand taugt er zu Hause nur, wenn die Hände kräftig zupacken müssen.
Das Kämpfen überlässt er Valentina, die halbtags in einem Altenheim arbeitet - und noch Fortbildungskurse belegt; hinterher putzen geht - und noch den eigenen Haushalt macht; zwischendurch die Söhne erzieht, mit strenger Hand. Diese Söhne, sie sollen es mal besser haben, für Valentina heißt das auch: Sie sollen es mal besser machen. Sie will ihnen den gleichen Ehrgeiz einimpfen, die gleiche Selbstdisziplin, die sie sich selbst abverlangt. Nur die Ziele sind höher.
Bei Vitali, ihrem Ältesten, muss sie sich mit dem Hauptschulabschluss begnügen: "Mama, mir reicht das, um den Beruf zu machen, den ich will", sagt Vitali. Er lässt sich nicht dreinreden, nicht viel gefallen, er ist robust, auch körperlich, selbstbewusst, auch überheblich, in der Schule packt er andere schon mal am Kragen. Aber vor zwei Jahren erreicht er, was er erreichen will: eine Lehrstelle als Koch im Restaurant Strehl, einer guten Adresse, und den Eltern verspricht er: "Ich reiß mir den Arsch auf, um mal besser zu werden als der Strehl."
Valentinas Hoffnung auf eine Tellerwäscherkarriere in zwei Generationen heißt aber Alex. Der kann kein Wort Deutsch, als er 1996 in Ahrensburg ankommt. Doch er büffelt, frisst den Stoff, sitzt nachmittags Stunde um Stunde. Nach drei Jahren erhält er eine Empfehlung fürs Gymnasium.
Da haben die O.s schon die Wohnung am Ahrensburger Tennisclub. Es sind nur vier Zimmer, 88 Quadratmeter, und weil Leonids Mutter nach Deutschland mitgekommen ist, müssen Alex und Johannes nachts im Wohnzimmer auf Matratzen schlafen. Aber es ist eine schöne Wohnung, neu, weiß gefliest, mit Holzfenstern, und sie liegt im besten Viertel der Stadt, rundherum alte Villen. Ein Viertel für Menschen, die es geschafft haben.
Der Eintrittspreis für die Familie O. liegt bei rund 800 Euro Monatsmiete; inbegriffen ein Kellerraum, in dem Alex und Vitali abends Popmusik hören, sich Freunde einladen, Deutsche und Ausländer, Mädchen und Jungen. Die Eltern freuen sich, dass sie ihre Söhne im Haus haben. Zwei umgängliche Jungs, die sofort die Musik herunterdrehen, wenn sie den Nachbarn mal zu laut ist, die im Treppenhaus grüßen und mit den anderen Mietern Fußball spielen, ohne auf die Knochen zu gehen.
Als Alex aufs Gymnasium geht, schließt er sich nach schlechten Noten zu Hause zwei Stunden im Badezimmer ein und heult. Das ist die Zeit, als für ihn schlechte Noten noch Dreier sind. "Hast du dich geschlagen?", fragt Valentina dann, und Alex, der durch die Wohnungstür schleicht wie ein geprügelter Hund, flüstert: "Nein,
eine Drei im Diktat." Manchmal schreibt er auch noch Zweien, mit einem, zwei Fehlern, und Valentina setzt nach: "Alex, das kannst du doch besser, du übst doch so viel!" Und dann übt Alex noch mehr, manchmal so lange, dass sogar Valentina ins Zimmer ruft: "Geh doch mal raus, zum Spielen, du machst dich noch kaputt."
In der achten Klasse reicht es trotzdem nicht mehr, drei Fünfen, in Englisch, Französisch, Physik; in Deutsch eine Vier. "Verhalten in der Schule - gut", steht im Zeugnis, aber auch: "Lernverhalten: Alex arbeitet nur sehr sporadisch aktiv mit."
"Alex, was machst du denn?", fragt Valentina. Sie hat mehr erwartet, auch Alex ist enttäuscht. Die achte Klasse wiederholen will er aber nicht, er geht lieber auf die Realschule, in die neunte Klasse. Im Sommer 2003 meldet er sich an. Heimgartenschule, 9c, Klassenlehrerin: Isolde F.
Auch Isolde F. war aus dem Osten nach Ahrensburg gekommen; dieser Osten war die DDR, und Isolde F. wollte schon weg, als sie gerade 20 war. Sie hatte sich geweigert, zu den Jungen Pionieren zu gehen, zur FDJ, sie blieb, ihrer Eltern wegen, und sie hat versucht, drüben durchzuhalten. Sie studierte Kunst und Germanistik, begann 1972 als Lehrerin an der 10. Oberschule in Berlin-Weißensee, Fächer: Deutsch und Kunst. Sie heiratete, bekam einen Sohn, dazu noch die Dreiraumwohnung in einem Plattenbau, aber dann ging es nicht mehr: Als die Behörden einen Verwandtenbesuch im Westen verbieten, stellt sie zusammen mit ihrem Mann einen Ausreiseantrag. In derselben Woche fliegt sie von der Schule. Drei Jahre, bis zur Ausreise, wird sie von der Stasi schikaniert.
Im Westen scheitert ihre Ehe, im Beruf aber findet sie neues Glück, an der Realschule in Ahrensburg. Kollegen beschreiben Isolde F. als Musterlehrerin, die Liste ihrer Vorzüge liest sich wie eine Vollausstattung an pädagogischen Primärtugenden: "Stets engagiert", "sehr gewissenhaft", hilfsbereit und "um das Wohl der Schüler bemüht", so hat sie Rektor Bock nach ihrem Tod gelobt.
"Sie war keine Burn-out-Lusche", bestätigt ein anderer Kollege. Und Fünftklässler schrieben nach der Tat: "Ich hatte noch nie eine so nette Deutschlehrerin wie Sie." Oder: "Sie haben mich mit meiner Lese- und Rechtschreibschwäche verstanden und mir geholfen."
Isolde F. pflanzte Bäumchen rund um den roten Trumm von Schulgebäuden. Sie kümmerte sich um die Praktika ihrer Schüler. Sie ging mit ihnen nach Hamburg ins Theater. Sie nahm ihren Beruf ernst, und vielleicht wurde ihr gerade das zum Verhängnis: diese Konsequenz, mit der sie arbeitete, ausgerechnet an einer Schule, in der Konsequenz zum Reiben und Aufreiben führen konnte - mehr als in anderen.
Im Jahr 2003 hatte die Schulkonferenz nämlich beschlossen, die Disziplin im Unterricht mit einem knallharten Strafkatalog zu verbessern. Fünf Minuten zu spät kommen - das gab von jetzt an eine Sechs und einen Klassenverweis für den Rest der Stunde. Hausaufgaben vergessen: Rausschmiss und Sechs. Schulbuch vergessen: Rausschmiss und Sechs. Lautes Dazwischenreden in der Stunde: Rausschmiss und Sechs.
"Diese Maßnahmen dienen dem Wohle der Schülerinnen und Schüler, die sich an die normalen Anforderungen des Unterrichts halten", begründete Rektor Bock damals das Experiment, das weder der Gymnasial- noch der Hauptschulzweig der Schule übernehmen wollten. Es erinnert an einen Typus Schule, in der Ordnung noch mit dem Rohrstock gelehrt wurde - das Ganze nun aber an einer modernen Lehranstalt, die als Unesco-Schule die Schützlinge zu Eigenständigkeit und Verantwortung, zu Selbstbewusstsein und kreativem Denken erziehen will.
Das Sechser-System spaltet das Kollegium: Es gibt keine Lehrerkonferenz, in der es nicht auch um diese Verhaltensnoten und ihren Sinn geht. Schüler erzählen von Stunden, in denen nur noch acht von ihnen übrig bleiben, der Rest steht draußen vor der Tür. "Der inflationäre Gebrauch der Note Sechs stumpft ab", sagt einer aus der Lehrerfraktion, die dieses System "befremdlich" findet; der andere Teil pocht darauf, dass der Unterricht sonst im Chaos untergehe. Schon bald halten sich manche Pauker nicht mehr an die Anweisung, andere ziehen sie konsequent durch. Bei einigen jedoch haben Schüler den Verdacht, es gehe nicht nur um Konsequenz: Der Katalog bietet alle Möglichkeiten, Schüler zu piesacken. Alex O. wird nun einer der Schüler, die den Eindruck haben, dass Frau F. sie auf dem Kieker habe.
Wann es begann? Für Alex vielleicht schon mit dem Satz "Bild dir bloß nichts darauf ein, dass du vom Gymnasium kommst", so erzählte er es zumindest seiner Mutter. Möglich, dass Isolde F. damit nur seinen Ehrgeiz anstacheln wollte, bei Alex traf der Stachel schon die Ehre.
Isolde F. war kein Kumpeltyp. Sie galt als streng, sie galt als eisern, "die ließ nie mit sich diskutieren", sagt ein Klassenkamerad von Alex. Und eine Ex-Schülerin erinnert sich noch gut an den Tag, an dem sie bei Isolde F. eine Hausarbeit abgab, fast die gleiche wie ihre Freundin, die hatte nämlich bei ihr abgeschrieben. Die Freundin bekam eine Zwei, sie selbst eine Fünf, und als die beiden nach vorn gingen und die Sache beichteten, soll Isolde F. entschieden haben, die Noten seien nicht zu ändern.
Alex, der zu Hause mit dreijährigen Nachbarskindern im Sandkasten spielt und in der Schule Nachhilfe für Ausländerkinder gibt, sagt seiner Mutter schon in der neunten Klasse, dass er mit Frau F. nicht klarkomme. Er geht deshalb auch zur Schulsozialarbeiterin J. Die spricht bereits damals mit Isolde F., doch als sie hört, dass bei Alex häufig die Hausaufgaben fehlen, steht für J. fest: Die Lehrerin hat recht.
Zu dieser Zeit hat Alex noch einen Deutsch-Dreier, und im Versetzungszeugnis
zur Zehnten steht zwar, dass er oft zu spät komme und unzuverlässig sei, aber auch das: "Alex-Leo verhielt sich gegenüber Lehrkräften und Mitschülern immer einwandfrei."
Auch Isolde F. scheint mit ihm zurechtzukommen. Sie rät Alex, an der Rechtschreibung und Grammatik zu arbeiten. Es klingt nicht so, als hätte sie ihn aufgegeben, aussortiert, im Gegenteil: Sie freut sich mit Alex, dass die Sparkasse ihm nach einem Betriebspraktikum in der Neunten gleich eine Lehrstelle verspricht. Ganz stolz habe sie das vor der ganzen Klasse verkündet, erinnern sich Schüler.
Wenn es einen Monat gibt, in dem es kippt, dann ist es der September 2004. Die 10c geht auf Klassenfahrt, nach Dankern an die holländische Grenze, und eigentlich sieht alles nach einer Woche Entspannung aus - auch zwischen Isolde F. und Alex. Alex backt Piroschki, Teigtaschen, gefüllt mit Hackfleisch, und serviert sein Menü stolz seiner Klassenlehrerin. "Alex ist wirklich ein feiner Kerl", sagt Isolde F., als Alex es gar nicht hören kann.
Der 27. September aber ist der Tag, an dem Isolde F. eine Deutscharbeit zurückgibt - einen Aufsatz, Thema: Rauchverbot an Schulen, ja oder nein? Alex sei vom Thema abgeschweift, schreibt sie ihm unter die Arbeit. Hinzu kommen 69 Rechtschreibfehler, Note "mangelhaft". Alex sieht nicht ein, wieso er das Thema verfehlt haben soll; er ist aufgebracht: In den Aufsätzen braucht er mindestens Dreier, um die Fünfer in seinen Diktaten auszugleichen.
Er stellt auf stur. Am 1. Oktober soll er die Berichtigung vorlegen - er tut es nicht. Am 18. Oktober wieder keine Berichtigung - Isolde F. gibt ihm eine Sechs. Am 20. Oktober das Gleiche: eine Sechs. Am 25. Oktober: Sechs. Am 26. Oktober: Sechs. Vier Sechsen wegen einer Berichtigung. Am 28. Oktober gibt Alex die Korrektur ab - Isolde F. nimmt sie nicht an, weil er sie auf einen Zettel geschrieben hat, das Klassenarbeitsheft aber nicht vorlegt. Ohne Heft könne sie damit nichts anfangen.
Jetzt hat es begonnen.
Ende Oktober kommt Isolde F. ins Schulsekretariat; sie sagt der Sekretärin, zwei Schüler hätten ihre Zeugnisse verloren und brauchten für Bewerbungen jetzt neue. Einer der Schüler ist Alex O. Bei dem solle die Sekretärin aber noch nichts tun. Der solle erst mal sehen, ob er das Zeugnis wiederfinde. Kurz danach steht Alex O. im Sekretariat. Er erhält nur eine Kopie. Damit kann er sich nicht bewerben.
Isolde F. lässt Valentina, die Mutter, in die Schule kommen. Es gebe Schwierigkeiten in Deutsch, sagt sie, zeigt ihr Notenbuch: nur Fünfen und Sechsen. Valentina findet, dass die Lehrerin "eigentlich ganz nett ist". Valentina will keinen Streit, und keiner der beiden spricht so recht über das, worüber sie jetzt sprechen müssten: über die Verhärtung, das Misstrauen, über alles, was nicht in den Notenspalten steht. Das Gespräch dauert nur zehn Minuten. Hinterher schreit Valentina ihren Sohn an: "Ich habe deine Sechser gesehen, du strengst dich zu wenig an." Alex sitzt zwei Stunden im Bad, heult: "Egal was ich sage, du glaubst doch nur ihr."
Am 4. November die nächste Deutscharbeit. Eine Woche vorher hat Isolde F. einen Zettel mit einer Geschichte verteilt. Es geht um einen Mutter-Tochter-Konflikt, die Schüler sollen jetzt aus der Sicht der Mutter einen Brief schreiben. Alex O. holt sein Arbeitsheft aus der Tasche, Isolde F. sieht das Heft, das sie die ganze Zeit vergebens angefordert hat, sie wirft Alex O. aus der Klasse. Außerdem hat er seinen Zettel mit der Geschichte vergessen - so steht es in dem Tadel, den Isolde F. hinterher verfasst.
Was sie nicht schreibt: Nur eine Minute nach seinem Rauswurf ist Alex wieder in der Klasse. Er hat den Zettel doch noch in seiner Tasche gefunden, er will mitschreiben. Doch Isolde F. lässt ihn nicht. Er fliegt wieder, Note Sechs. Andere Schüler, die ihren Zettel wirklich vergessen haben, benutzen dagegen den Bogen ihres Nachbarn mit, zwei Stunden lang.
Kurz vor Abgabeschluss kommt Alex zurück, er ruft durch den Raum: "Mich schmeißen Sie raus, aber wenn zwei Deutsche das Gleiche machen, passiert nichts. Ich finde, dass Sie ausländerfeindlich sind." Er schnauzt, er gehe jetzt zu Rektor Bock, um sich zu beschweren. Isolde F. schreibt in den Tadel, dass sich Alex "massiv im Ton vergriff".
Alex läuft ins Rektorenzimmer, es sprudelt nur so aus ihm heraus. Bock wird später der Polizei sagen, er habe hinterher mit Isolde F. gesprochen. Dann habe er Alex geraten, sich zu entschuldigen, wegen seiner Unbeherrschtheit.
Seinen Eltern schildert Alex die Begegnung mit dem Rektor anders: Bock habe ihn gefragt, ob er wirklich Frau F. zur Rede stellen solle oder ob dann nicht alles noch viel schlimmer werde. Sogar über den Wechsel in eine Parallelklasse habe Bock mit ihm geredet; es ist nicht das erste Mal, dass sich Schüler über Frau F. beschweren.
Auch Valentina, die Mutter, ist außer sich - allerdings über Alex: "Du bleibst in der Klasse, du beißt dich durch", sagt sie, und: "Du hast großen Mut und ein großes Maul gehabt, aber jetzt entschuldigst du dich." Sie telefoniert mit Isolde F., die Lehrerin beschwert sich: "Alex hat mich vor der ganzen Klasse angeschrien." Valentina wundert sich zwar - "So ist mein Sohn doch nicht" -, aber Fragen zu stellen, Isolde F. gar in Frage zu stellen, traut sie sich nicht.
Leonid, der Vater, knöpft sich Alex vor: "Reiß dich zusammen, es ist doch nur noch ein halbes Jahr!" Valentina schimpft: "Denk an deine Zukunft", und: "Ich musste auch viel herunterschlucken, so ist das im Leben." Alex sitzt im Bad und heult.
In der nächsten Stunde bei Isolde F. steht er auf, druckst eine Entschuldigung heraus. Isolde F., so sagen es Zehntklässler, würgt
ihn ab. Am Ende der Stunde dann noch ein Versuch, Isolde F. nimmt die Entschuldigung nicht an: Das tue er doch nur, weil seine Mutter das wolle.
Alex geht zur Schulsozialarbeiterin J.; wieder fällt das Wort "ausländerfeindlich". Die Sozialarbeiterin weist ihn zurecht, so etwas dürfe er nicht sagen - ausgerechnet über Isolde F., die einem russlanddeutschen Mädchen kostenlos Nachhilfe angeboten hatte. J. kennt Isolde F. seit Jahren. Sie hält sie für "objektiv bei ihrer Notengebung", "frei von persönlich gefärbten Urteilen". Sie rät Alex, er solle Streit mit Frau F. aus dem Weg gehen.
In dieser Zeit wird über den Zweikampf in der 10c viel geredet: Valentina mit Frau J. Frau J. mit Isolde F. Und Valentina mit einer Frau, bei der sie putzen geht und der sie das alles erzählen kann, einer richtigen Dame in einer richtigen Villa. Die Dame warnt sie schon damals, im Herbst: "Valentina, dein Sohn wird zum Pulverfass, nimm ihn aus der Klasse." Auch Alex will die Klasse wechseln. Doch die Mutter besteht darauf, dass ihr Sohn sich fügt, sie drängt, sie schreit, sie schimpft. Wenn sie seitdem hören will, wie es mit Frau F. gehe, sagt Alex nur noch monoton: "Ganz gut."
Er fliegt jetzt immer öfter aus der Klasse, meistens bei Isolde F. Wenn es im Unterricht unruhig wird, schnalzt die Lehrerin schnell mal "Alex, raus!", angeblich auch, wenn Alex gar nichts gesagt hat. Er ist allerdings nicht der Einzige, dem das passiert. Es gibt drei, vier Schüler, denen es genauso geht, auch deutsche, die nicht aus Russland kommen.
Alex aber wehrt sich, und glaubt man Schülern, gab es Dialoge wie diesen - Alex: "Ich hab doch gar nichts gemacht." F.: "Ist mir egal." Alex: "Ich geh zu Bock." F.: "Geh doch." Meistens flucht Alex dann, auf Russisch, und Isolde F. sagt: "Sprich Deutsch, du bist hier in Deutschland." Was Alex nicht weiß: Sie hat in der DDR Russisch gelernt; gut möglich, dass sie jedes verfluchte Wort versteht.
Irgendwann in dieser Zeit hat Alex einen Termin bei der Bundeswehr. Die Marine ist sein Ziel, Zeitsoldat für acht Jahre; er hat dafür sogar die Sparkasse abgehakt. Alex sucht an diesem Tag Isolde F., um sich abzumelden; er findet sie nicht. Also fährt er einfach. In der nächsten Deutschstunde verlangt Isolde F. die Entschuldigung, Alex hat sie, wie so oft, nicht dabei. Isolde F. notiert: Sechs. Als Alex die Bescheinigung der Bundeswehr nachreicht, streicht sie die Note - wie ein Mitschüler erzählt, mit den Worten: "Die Sechs krieg ich schon irgendwo anders unter, damit du's weißt."
Inzwischen sind zwei Monate vergangen, und Alex O. wartet immer noch auf eine beglaubigte Kopie seines Zeugnisses. Kurz vor Weihnachten fragt die Sozialarbeiterin J. bei der Schulsekretärin nach. Es ist dringend; Alex hat am nächsten Morgen einen Termin beim Arbeitsamt. Die Sekretärin aber traut sich nicht, erst am Tag darauf fragt sie Isolde F.; die entscheidet: Alex O. soll weitersuchen.
Die Sekretärin geht zu Rektor Bock, die Sache kommt ihr merkwürdig vor. Bock, so die Sekretärin, habe ihr erklärt, der Alex werde sich früher oder später doch sowieso beschweren. Dann bekomme er die Sache ja auf den Tisch. Heute sagt Bock, er wisse nicht mehr, ob es sich so zugetragen habe; fest steht aber: Alex O. wird bis zu der Tat kein Zeugnis mehr erhalten.
In einem Telefonat mit ihrer Schwester erzählt Isolde F., sie habe Angst vor Alex. Er drohe ihr, schon seit einem Jahr - ist es das Gefluche von Alex auf Russisch? Isolde F. beschäftigt das Verhältnis zu Alex, es lässt ihr keine Ruhe. Sie liest ihrer Schwester am Telefon aus seinen Aufsätzen vor, sie sagt: "Wenn ich keine Fünf mehr geben darf, was soll ich dann den Schülern geben, die sich eine Vier oder Drei erarbeiten?" Sie bereitet ihren Umzug in einen Nachbarort vor. Sie fühle sich nicht gut damit, dass so viele Schüler in ihrer Nähe wohnen, sagt sie ihrem Sohn Christoph, der in Berlin lebt. Von Alex erzählt sie ihm allerdings nichts, über Drohungen auch nicht.
Alex kämpft noch mal um seine Deutschnote. Der letzte Versuch ist ein Referat über Erich Kästner. Er hat sich freiwillig gemeldet, er macht es gut, erinnern sich Mitschüler, aber es bleibt dabei: Leistungsstand Fünf. "Ich bringe sie um", sagt Alex irgendwann, mehrere Klassenkameraden wollen es gehört haben.
Drei Wochen vor der Tat ruft Valentina bei Isolde F. an. Sie schlägt nun doch vor, dass Alex in die Parallelklasse wechseln soll. "Sie haben Ruhe, er auch", sagt Valentina. Isolde F. aber, so behauptet die Mutter, habe nur geantwortet: "Mir ist egal, was er macht. Er bekommt eine Fünf" - und dann einen Satz, von dem andere Lehrer sagen, so etwas könnten sie sich bei Isolde F. nicht vorstellen: "Damit kann er die Bundeswehr an den Nagel hängen." Ein Satz, den Valentina nicht für sich behalten kann: "Dummerweise habe ich Alex das erzählt."
Ob es noch etwas zu reden gibt? Isolde F. ist tot, ein Sohn, Christoph in Berlin, hat seine Mutter verloren, zwei alte Menschen ihre Tochter - ein Verlust, für die Familie bis heute unfassbar. Vitali hat gestanden; er hatte sich immer als Beschützer seines Bruders gefühlt, schon damals, als Alex im Gymnasium gehänselt wurde, als Russe, und Vitali mit ein paar Jungs vorbeikam, um sich Alex' Gegner vorzuknöpfen.
Alex habe mit der eigentlichen Tat im Grunde nichts zu tun, behauptet sein Bad Oldesloer Anwalt Patric von Minden. Auf Tötung im Affekt plädiert Thomas Elvers, der Anwalt von Vitali, auch wenn gegen beides erhebliche Indizien sprechen. Unter anderem eine SMS, die Alex am Nachmittag vor der Tat Vitali an den Arbeitsplatz bei Strehl geschickt hat. "Vergiss die blauen Säcke nicht", schrieb Alex - Müllsäcke zum Beseitigen von Beweismitteln, glaubt die Staatsanwaltschaft, selbst wenn sie dafür am Ende nicht verwendet wurden.
Im Sommer, wenn der Prozess beginnen soll, haben nun die Juristen das Wort. Die Schule aber schweigt, und wenn ein Lehrer redet, tut er es anonym. Alex sei doch intelligent genug gewesen, um zu wissen, wen er hätte ansprechen können, rätselt eine Pädagogin. Und gerade von Alex, dem sensiblen, hilfsbereiten Alex, da habe man so etwas doch am wenigsten erwarten können. Sogar Streitschlichter sei der an der Schule gewesen. Was solle man jetzt schon machen, außer sich das Hirn zu zermartern, ob man ein Zeichen übersehen habe. Und überhaupt: "Es gibt doch absolut keine Entschuldigung für eine solche Tat."
Keine Entschuldigung. Nur Erklärungen.
Dieser Artikel wurde aus rechtlichen Gründen nachträglich bearbeitet.
Von Jürgen Dahlkamp und Bruno Schrep

DER SPIEGEL 21/2005
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