23.05.2005

City of Klaus

Ortstermin: In Berlin diskutieren Bürgermeister aus aller Welt über die Zukunft der Stadt.
Er ist schon da, als die anderen noch beim Frühstück sitzen. Klaus Wowereit steht in einem großen Konferenzsaal im Hotel Intercontinental und wartet auf den Rest der Welt. Er trägt einen dunklen Nadelstreifenanzug, sein Haar ist perfekt geföhnt. Seine Schuhe glänzen.
Wowereit blickt auf die Uhr und lächelt. Soll die Welt sich verspäten, Berlin ist pünktlich, Berlin ist bereit.
Über die Zukunft wollen sie reden, 500 Vertreter von Städten aus aller Welt, von Abidjan bis Wien, versammelt zum 8. Weltkongress von Metropolis, dem Netzwerk der Millionenstädte. "Tradition und Transformation" ist ihr Thema, und an diesem Morgen wollen sie über Stadtmanagement diskutieren. Was funktioniert und was nicht?
Er könnte jetzt noch schnell ein paar Akten studieren, sich die Zahlen in Erinnerung rufen. Aber dann sähe er aus wie der Streber, der die deutsche Gründlichkeit unter Beweis stellen muss. Klaus Wowereit aber will wirken wie ein "modern mayor", ein Stadtmanager, der die Zahlen im Kopf hat und die Sätze frei formuliert.
Er ist schließlich der Mann auf dem Titel von "Time", "the glamour guy", einer von Europas "smart big city bosses", ein Modernisierer mit einer "new vision" des Lebens in der Stadt.
Die Bühne erstrahlt jetzt in gleißendem Licht, und Wowereits Leibwächter postieren sich rechts und links von ihr. Die Bürgermeister sinken in ihre Sessel und stöhnen. Die Wirtschaftsmigranten überrennen uns, klagt die Vertreterin von Athen. Wir tragen noch immer am Erbe der Franco-Diktatur und den zentralistischen Zügen des Staats, sagt der Bürgermeister von Barcelona. Der Mann aus Abidjan unkt, dass sich ein Drittel aller Bewohner der Elfenbeinküste inzwischen in seiner Stadt drängt. Die Dame aus Santiago de Chile ist so schön, dass auch Wowereit ihre Beine betrachtet. Aber sie sieht sehr besorgt aus, wenn sie über ihre Stadt redet, weil 20 Prozent der Bevölkerung 80 Prozent des Reichtums besitzen.
Die Bürgermeister der Welt haben sich in Deutschland schnell akklimatisiert. Sie jammern alle. Aber nicht über Berlin.
Wenn sie über Berlin sprechen, erzählen sie mit weitgeöffneten Augen, dass im Zentrum der Stadt tatsächlich Menschen leben. Sie erzählen von den drei Opern, den Parks und Museen und diesem unglaublichen U-Bahn-System, dessen Tentakel bis in die letzten Winkel der Stadt reichen. Und von den vielen jungen Menschen überall. Und von der Geschichte, die man hier atmet.
"Ich beneide Berlin", sagt Joan Clos, der Bürgermeister von Barcelona. "Ich beneide den Bürgermeister um seine politische Macht, wie er gestalten kann, weil er gleichzeitig Ministerpräsident eines Landes ist." Er lehnt sich herüber zu Wowereit, greift nach seinem Arm, als hoffte er, dass sich die Energie des Bürgermeisters und seiner Stadt auf ihn übertrage. "Berlin scheint die Antworten auf viele Fragen gefunden zu haben", resümiert der Mann aus Abidjan.
"Berlin", sagt Jesse Calvert, der Jugendvertreter aus Toronto, "is very cool."
Wowereit hört sich das an mit dem Lächeln eines Onkels, den die Verwandten bewundern. In der Dekoration hinter ihm leuchtet der Alex in der Abendsonne. Er will die anderen jetzt nicht zu sehr deprimieren, aber er muss noch schnell erzählen, wie er New York die Weihnachtsurlauber wegnehmen wird. Wie er die Airlines und Hotels an einen Tisch holte und ein neues "branding" für die Stadt setzte.
Und jetzt sei die Stadt voll mit Touristen, auch in der Weihnachtszeit. "Man muss",
erklärt Wowereit der Welt, "nicht immer nur nach politischen Lösungen suchen."
Dass Berlin pleite ist, dass bis 2009 mehr als eine Milliarde Steuereinnahmen fehlen wird, dass in der Universitätsklinik Charité jeder zehnte Mitarbeiter entlassen wird, dass die Stadt in Hundescheiße versinkt und dass in der Ausländerbehörde niemand vernünftig Französisch spricht, das sagt er nicht.
Ah, so what?
Wowereits Handy klingelt. Er zieht es aus der Tasche, es sieht aus, als käme es direkt aus der Forschungsabteilung eines Technologiekonzerns. Wowereit klappt es kurz auf und wieder zu. Die Welt beobachtet beeindruckt die Demonstration seiner Macht. Er hat das modernste Handy der westlichen Hemisphäre, und wenn es klingelt, geht er nicht ran.
Die stellvertretende Bürgermeisterin von Stockholm scharrt mit ihren roten Schuhen. Sie beobachtet seit einiger Zeit mit Argwohn, was hier auf der Bühne passiert. Sie bittet um das Wort und wendet sich Wowereit zu. "Bekommen Frauen bei Ihnen eigentlich die Angebote, die sie brauchen, Kinderbetreuung zum Beispiel? Die Macht haben Sie. Aber haben Sie das Geld?"
"Das Geld haben wir nicht", sagt Wowereit und grinst, "aber wir bezahlen dafür."
"Aha", sagt die Schwedin, "deshalb sind Sie also arm."
Die Welt ist jetzt hungrig, sie raschelt mit ihren Papieren. Sie hat genug von ihren Problemen gehört. Sie will hinaus in die Stadt der Lösungen. Auf der Bühne erheben sich die Bürgermeister, und die Delegierten strömen auf Wowereit zu. Die schöne Frau aus Santiago lächelt ihn an und bittet um ein Erinnerungsfoto. Wowereit leuchtet, Blitzlichter flackern.
Ein Delegierter aus Colombo geht auf Wowereit zu. Er verbeugt sich, dankt ihm für die Gastfreundschaft und überreicht ihm eine samtbezogene Schatulle mit einer goldenen Plakette. Sie zeigt ein imposantes Gebäude seiner Heimat.
"Wie unser Dom", sagt Wowereit.
"Sieht der auch aus wie das Weiße Haus?", fragt der Mann aus Colombo.
"Größer", sagt Wowereit. MARIO KAISER
* Ximena Rincón aus Santiago de Chile, Gérald Tremblay aus Montreal, Joan Clos aus Barcelona sowie Diskussionsleiter Gerd Appenzeller.
Von Mario Kaiser

DER SPIEGEL 21/2005
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