23.05.2005

GEWERKSCHAFTEN„Der völlig falsche Weg“

Frank Werneke, 38, stellvertretender Ver.di-Chef und Verhandlungsführer im Tarifkonflikt der Druckindustrie, über die Chancen einer Einigung
SPIEGEL: Die Arbeitgeber der Druckindustrie fordern das Ende der 35-Stunden-Woche, betriebliche Öffnungsklauseln für weniger Urlaubsgeld und Jahressonderzahlungen sowie den zuschlagfreien Samstag als regulären Arbeitstag. Sie selbst reagierten mit Warnstreiks. Wie geht es weiter?
Werneke: Wir werden die Warnstreiks ausdehnen und noch mehr Belegschaften einbeziehen. Die Verhandlungen über die Reform des Manteltarifvertrags für die 200 000 Beschäftigten laufen ja seit 2003, die Forderungen der Arbeitgeber liegen seit Frühjahr 2004 konkret vor. Wir hatten bereits 13 Verhandlungsrunden. Inzwischen ist der Tarifvertrag ausgelaufen und im Stadium der Nachwirkung. Es ist heute schon zu beobachten, dass manche Arbeitgeber versuchen, trotzdem den Tarifvertrag zu unterlaufen. Unsere Friedenspflicht ist erloschen.
SPIEGEL: Die Fronten sind verhärtet?
Werneke: Die Arbeitgeber beharren auf all ihren Forderungen. Wir fordern 3,7 Prozent mehr Geld, wobei wir mit Blick auf die Tarifabschlüsse anderer Branchen durchaus bewegungsfähig sind. Zusätzlich bieten wir eine ganze Reihe anderer Vorschläge an. Zum Beispiel mehr Flexibilität im Sinne von anderer Verteilung der Arbeit. Bisher war der Vertrag, was den Bereich Arbeitszeitkonten angeht, sehr restriktiv. Das muss nicht so bleiben, die 35-Stunden-Woche schon.
SPIEGEL: Warum wehren Sie sich so gegen längere Arbeitszeiten, die heute vielerorts schon üblich sind?
Werneke: Wir haben es mit einer Branche zu tun, in der die Produktion kontinuierlich zurückgeht, weil etwa die Zeitungsauflagen sinken. Eine Trendumkehr ist nicht erkennbar. Reagiert man in einer solchen Situation mit längeren Arbeitszeiten, kann man sich an drei Fingern abzählen, dass am Ende Arbeitsplätze gestrichen werden. Und das, obwohl in den vergangenen vier Jahren bereits 15 Prozent aller Jobs im Druckgewerbe abgebaut wurden. Arbeitszeitverlängerung ist der völlig falsche Weg.
SPIEGEL: Dann läuft alles auf eine Urabstimmung hinaus?
Werneke: Wir wollen den Flächentarifvertrag zügig neu abschließen. Wenn es notwendig ist, haben wir aber keine Angst, die Verhandlungen noch länger zu führen und mit Warnstreiks zu begleiten. Es mehren sich heute schon die Stimmen, die eine rasche Urabstimmung fordern, um den Streik flächendeckend auszudehnen. Wenn die Arbeitgeber nicht anfangen, ihr Forderungspaket aufzuschnüren, wird die Urabstimmung kommen. Und zwar nicht erst im Herbst.
SPIEGEL: Die Arbeitgeber können Sie doch noch lange zappeln lassen?
Werneke: Natürlich ist die Ausgangslage für Gewerkschaften derzeit nicht so günstig wie in den achtziger Jahren. Da mache ich mir keine Illusionen. Aber im konkreten Fall sehe ich bei den Belegschaften die Bereitschaft zu kämpfen.

DER SPIEGEL 21/2005
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