23.05.2005

FREIZEITEin Volk geht am Stock

Vor kurzem noch belächelt, avanciert Nordic Walking zum Massensport. Mit raffinierter PR mobilisierte eine finnische Firma bereits zwei Millionen Deutsche.
Zuerst ist es nur ein leichtes Vibrieren. Dann erzittert der Boden. Spätestens aber, wenn eine Brigade von Nordic Walkern in Sichtweite ist und im Gleichschritt auf den unbescholtenen Spaziergänger zuhält, sollte dieser sich schleunigst in Sicherheit bringen. Und bitte keine Sprüche wie "Fehlt der Schnee?". Nordic Walker sind mit Stöcken bewaffnet, verstehen selten Spaß und werden immer mehr.
Auf zwei Millionen ist die Zahl der neuen Marsch-Menschen hierzulande mittlerweile angewachsen. Die meisten sind Frauen zwischen 40 und 90 Jahren, die sich in ihrem bisherigen Leben offenbar strikt an das Churchill-Motto "No Sports" gehalten haben. Nun rüsten viele zum ersten Trimmdich-Programm seit ihrer Jugend. Manche tragen dazu Skibrillen zum Schutz gegen Ungeziefer. Man kann ja nie wissen, was bei einer Höchstgeschwindigkeit von sechs Stundenkilometern alles auf einen zuschießt.
Schon gibt es Nordic-Walking-Unterwäsche und Stöcke mit einem speziellen Click-Einstieg, der offenbar verhindern soll, dass sich die Hände in den Schlaufen verheddern. Zwei Zeitschriften betreuen die neue Bewegung. "Da kommt eine Riesenwelle auf uns zu", glaubt Ulrich Pramann, Chefredakteur des "Nordic Fitness Magazins".
Das verstockte Wandern sei eine "Ode an den Vierradantrieb", meint der selbsternannte Fitnesspapst Ulrich Strunz und legte schon sein zweites Buch zum Thema vor. Der neue Trend sei eine "Verbrennungsmaschine" ohnegleichen. "Wenn Sie mit Stöcken gehen, dann zaubern Sie einfach 50 Prozent mehr Fett weg als ohne."
Achim Schmidt, Sportwissenschaftler an der Deutschen Sporthochschule in Köln hält derlei Verheißungen für "Humbug". Sicher, bei richtigem Stockeinsatz könnten die Kniegelenke entlastet, die Rumpfmuskeln gestärkt werden. "Aber viele tragen ihre Stöcke nur spazieren, und da wird gar nichts entlastet", so Schmidt.
Ein "Zaubermittel" sei Nordic Walking nicht. Dennoch spendieren viele Krankenkassen ihren Mitgliedern inzwischen rund 80 Prozent der Kosten eines Nordic-Walking-Kurses.
Trendsport, Vierradantrieb, Gesundheitsprävention? Tatsächlich ist Nordic Walking vor allem eines: die Marketing-Idee der finnischen Firma Exel, die Langlaufstöcke produziert. "Mitte der neunziger Jahre kamen wir an unsere Grenzen. Der Absatz von Langlaufstöcken ging zurück, und wir suchten nach etwas, um unser Sportartikelgeschäft anzukurbeln", sagt Exel-Manager Aki Karihtala.
Durch Zufall stieß die Firma auf Marko Kantaneva, einen Sportstudenten, der 1997 in einem Zeitschriftenartikel das "Gehen mit Stöcken" - ein altbewährtes Sommertraining der finnischen Langläufer - als ganzjährige Fitnesskur für jedermann beschrieb. Für die Fotos zum Artikel stellte Exel Langlaufstöcke.
"Griff, Schlaufen, Stockspitze, das mussten wir alles ändern", erinnert sich Kantaneva. Dann suchte man nach Formeln für das richtige Stockmaß. "Bis heute", gibt der 34-jährige Erfinder des Nordic Walking zu, "habe ich eigentlich keine Ahnung, wie die genaue Länge sein muss."
Als Exel die neuen Wanderstäbe dann den Händlern anbot, "haben die uns ausgelacht", so Karihtala. Da für millionenschwere Werbekampagnen das Geld fehlte, mussten die Finnen ganz unten anfangen: Sie tingelten von Verein zu Verein, hielten Vorträge und deckten die Trainer mit Stöcken ein.
Im Frühjahr 2000 lud Karihtala die erste Vertriebsmannschaft aus Deutschland ein. Dem damaligen Exel-Vertriebsleiter Andreas Körber war sofort klar: "Dafür müssen wir in Deutschland einen Verband gründen."
Also finanzierte Exel die Gründung des Deutschen Nordic Walking Verbandes (DNV). Inzwischen gibt es ein halbes Dutzend solcher Verbände, die alle nach irgendwelchen Regeln Trainer ausbilden, manchmal innerhalb von Stunden. Die meisten werden von der inzwischen florierenden Finnenfirma unterstützt - wie auch Ulrich Strunz, der natürlich ausschließlich am Exel-Stock geht.
"Als ich im April 2000 bei Exel begann", erinnert sich Körber, "waren wir bei 200 Paar Langlaufstöcken." 2003, im Jahr als Körber die Firma verließ, verkaufte Exel in Deutschland knapp 500 000 Paar Nordic-Walking-Stöcke. Inzwischen hat er seine eigene Stockfirma One Way. In Xiamen, einer chinesischen Hafenstadt, lässt er auch für andere europäische Marken produzieren. Sogar die Bambus-ummantelten Luxusstöcke der Modefirma Bogner zum Setpreis von 325 Euro kommen von dort.
Von billig bis Bogner: 2,4 Millionen Paar Stöcke seien hierzulande im vergangenen Jahr verkauft worden, schätzt "Nordic-Fitness"-Chefredakteur Ulrich Pramann. Nirgendwo in Europa hat sich der Trend so breit gemacht wie in der Bundesrepublik. Die Lage auf den deutschen Gehwegen wird immer unübersichtlicher.
Fast entspannend kam Pramann da sein Gang beim letzten New-York-Marathon vor. Er war einer der wenigen Walker und bemühte sich, die Kommentare der Zuschauer zu ignorieren. Ein Mann jedoch habe seinem kleinen Sohn unüberhörbar zugeraunt: "Dieser Mann hat unsichtbare Ski." NILS KLAWITTER
Von Nils Klawitter

DER SPIEGEL 21/2005
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