23.05.2005

US-MEDIEN„Epidemie der Feigheit“

John MacArthur, 48, Herausgeber des US-Magazins „Harper's“, zur Debatte um einen zurückgezogenen „Newsweek“-Bericht und die Folgen für die amerikanischen Medien
SPIEGEL: Die "New York Times" saß Fälschern auf. Die TV-Ikone Dan Rather musste gehen. Jetzt zieht "Newsweek" eine Meldung über angebliche Koran-Schändungen in Guantanamo zurück, nachdem es wegen der Nachricht in Afghanistan bei Unruhen 17 Tote gab und die Quelle offenbar einen Rückzieher machte. Was ist los mit den US-Medien?
MacArthur: Es gibt ein Klima der Angst, wie ich es noch nie erlebt habe, und eine Epidemie der Feigheit bei den großen Medienkonzernen.
SPIEGEL: Wollen Sie sagen, "Newsweek" hätte trotz Zweifeln an der Quellenlage die Geschichte verteidigen sollen?
MacArthur: Ich bin sicher, dass wir noch nicht alles wissen. Es gab massiven Druck aus der Regierung und aus dem Pentagon, sowohl intern auf die zitierte Regierungsquelle als auch öffentlich auf das Magazin. Dort ist man eingeknickt - wie zuvor CBS im Fall von Rather. Aktuell redet in den USA niemand über den erwiesenen Gefangenenmissbrauch. Alle debattieren über vermeintliche Fehler der Medien.
SPIEGEL: Die Kritik kommt aber nicht nur aus der Politik, sondern auch von anderen Medien, die "Newsweek" eine antimilitärische Haltung vorwerfen.
MacArthur: Daran können Sie erkennen, wie sehr sich die Bush-Regierung mit ihrer Forderung nach Kollaboration der Mainstream-Medien schon durchgesetzt hat. Inhaltlich ist diese Aussage totaler Unsinn. "Newsweek" gehört zur Washington-Post-Gruppe. Die war ganz eindeutig für den Krieg gegen den Irak und für eine Invasion. Jetzt hat das Weiße Haus "Newsweek" öffentlich aufgerufen, den Schaden wiedergutzumachen, durch nette Artikel zum US-Militär. Das ist wirklich ohne Beispiel.
SPIEGEL: Welche Konsequenzen wird der "Newsweek"-Rückzieher für die US-Medienlandschaft haben?
MacArthur: Es wird für jeden Journalisten noch schwieriger, mit kritischen und sensiblen Geschichten im Blatt zu landen. So traurig es ist: Insofern hatte die Regierung mit ihren Einschüchterungsversuchen schon Erfolg.

DER SPIEGEL 21/2005
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