23.05.2005

LIBANONMonsieur Detlev

Politische Morde werden in Beirut kaum je aufgeklärt. Ein deutscher Oberstaatsanwalt soll das jetzt ändern.
Drei Juristen, die Uno-Generalsekretär Kofi Annan mit der Aufklärung des Mordes an dem prominenten Geschäftsmann Rafik al-Hariri beauftragen wollte, hatten schon abgewinkt, der vierte sagte endlich zu: Er heißt Detlev Mehlis, ist 55 Jahre alt und Oberstaatsanwalt in Berlin. Man habe ihn im Urlaub auf Mallorca erreicht, so berichtete Annans Büro den Hariris in ihrem Beiruter Stadtpalais. Er habe nicht um Bedenkzeit gebeten.
Sein Nachname geht den Libanesen nur schwer über die Zunge, aber sein Vorname ist so einprägsam, dass tout Beirut schon Bescheid weiß, wer mit "Monsieur Detlev" gemeint ist. "Wir waren sehr erleichtert, als wir von seiner Ernennung erfuhren", sagt Saad al-Hariri, der Sohn des ermordeten Unternehmers und ehemaligen Ministerpräsidenten. "Detlev wird eine der wichtigsten Strafermittlungen in der Geschichte der arabischen Welt leiten."
Rafik al-Hariri war die Symbolfigur des Wiederaufbaus im Libanon nach dem Bürgerkrieg. Er starb am 14. Februar in seinem Mercedes bei einem Bombenanschlag auf der Corniche in Beirut. Der Mord hatte enorme politische Auswirkungen. Erst trauerte das Land, dann gab es Massendemonstrationen, und schließlich musste die kompromittierte Regierung zurücktreten. Mehr noch: Unter dem wachsenden internationalen Druck zog Syrien seine Armee aus dem Libanon ab - 29 Jahre nachdem sie zentrale Teile des Nachbarlands besetzt und wie ein Lehen behandelt hatte.
Im Tod erreichte Hariri, wofür er erst als Ministerpräsident und später als Gegner der aus Damaskus gesteuerten Regierung eingetreten war: Unabhängigkeit für den Libanon.
Nun bleiben dem deutschen Oberstaatsanwalt Mehlis maximal sechs Monate Zeit, die Hintergründe des Verbrechens zu ermitteln. Es wäre das erste Mal, dass ein Attentat im an Anschlägen reichen Libanon tatsächlich aufgeklärt würde.
Wie ein harter Ermittler sieht Mehlis nicht aus, eher wie ein ewiger Student. Er lächelt oft, spricht fließend Englisch und Französisch. Zu seinen Freunden zählen Geheimdienstler und Terrorismusfahnder in ganz Europa. Dieses Netzwerk wird er für seine Ermittlungen im Libanon gut gebrauchen können, denn bislang gab es vor allem Versuche, die Wahrheitsfindung zu verhindern.
Offenbar haben diverse Sicherheitsdienste, der syrische voran, Beweismaterial entweder manipuliert oder verschwinden lassen. Vor allem aber sind die Polizisten und Sicherheitskräfte den beiden wichtigsten Spuren zu spät und nur nachlässig nachgegangen: Da war ein weißer Pick-up, den eine Überwachungskamera unmittelbar vor dem Anschlag festhielt. Da war ein mysteriöses Telefonat, mit dem ein Anrufer auf die Ausstrahlung eines angeblichen Bekenner-Videos drängte.
Der Pick-up, so vermuten Insider, weise womöglich auf ein Selbstmordattentat und damit auf einen islamistischen Hintergrund hin. Der rätselhafte Anruf hingegen könnte auf Hintermänner im libanesischen oder syrischen Geheimdienst deuten, die eine falsche Spur hätten legen wollen.
Mit angeblich aussichtslosen Fällen hat Mehlis Erfahrung. Er klärte den Anschlag des libyschen Geheimdienstes auf die Berliner Discothek La Belle im Jahr 1986 auf und ließ 1995 den Top-Terroristen Johannes Weinrich, der einst Adjutant des legendären Carlos war, im Jemen festnehmen.
Auch in Damaskus, wo viele die Drahtzieher des Hariri-Mordes vermuten, ist der Uno-Sonderermittler eine bekannte Figur. Im Weinrich-Prozess wies Mehlis die Verstrickung der syrischen Geheimdienste in Mordanschläge in Europa nach. Auf seinem Berliner Schreibtisch liegen noch immer Haftbefehle gegen höchste Funktionäre aus dem Assad-Zirkel.
Einer davon gilt Feisal Sammak. Der ist ein Onkel des Staatspräsidenten Baschar al-Assad. Sammak soll als Botschafter in Ost-Berlin den Sprengstoff verwahrt haben, mit dem Weinrich 1983 das französische Kulturzentrum "Maison de France" in Berlin in Trümmer legte; dabei starb ein Mann. Trotz des Drucks der Syrer auf die Bundesregierung lässt Mehlis bis heute weltweit nach ihm fahnden.
Der Oberstaatsanwalt werde diesmal unter noch schärferer Beobachtung stehen, weil es bei seiner Arbeit um mehr gehe als nur einen Kriminalfall, sagt Schibli Mallat, ein führender Strafrechtler im Libanon. "Dieser Mann kann die faktische Straffreiheit für staatlich motivierte Gewalttaten im Nahen Osten zum Einsturz bringen." Das wäre ein entscheidender Schlag gegen die allmächtigen Sicherheitsapparate der Region.
Er sei zuversichtlich, dass der Mord aufgeklärt werde, sagt Saad al-Hariri. Er hat gute Chancen, seinen Vater nach der Wahl im Mai und Juni im Amt des Ministerpräsidenten zu beerben. Doch was dann? Der Uno-Auftrag für den deutschen Staatsanwalt bezieht sich auf die Ermittlung der Täter. Er lässt offen, wo und wie sie zur Verantwortung gezogen werden.
"Eines kann ich versprechen", sagt Hariri. "Wenn wir die Täter finden, werden wir auch Richter finden, sie zu bestrafen. Vielleicht sitzen sie dann eines Tages auf der Anklagebank in Den Haag."
GEORG MASCOLO, BERNHARD ZAND
Von Georg Mascolo und Bernhard Zand

DER SPIEGEL 21/2005
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