23.05.2005

USBEKISTANSchläfer im tiefen Tal

Bis zu 1000 Tote soll die blutig niedergeschlagene Rebellion im volkreichsten Land Zentralasiens gefordert haben. Über die Hintergründe streiten Moskau und Washington.
Es ist Freitag, der 13., ein Mai-Tag im Fergana-Tal. In den Bretterverschlägen der Dörfler liegen, satt gefressen mit Maulbeerbaumblättern, die Seidenspinnerlarven in ihren Kokons. Auf den Baumwollplantagen werden die Furchen gehackt. Und plötzlich bricht in der alten Stadt Andischan die Hölle los.
Bewaffnete Geiselnehmer haben bis zu 2000 Insassen des örtlichen Gefängnisses befreit. Der Oberstaatsanwalt der Provinzstadt, der Leiter der Steuerinspektion und mehrere Polizisten sind in ihrer Gewalt, als zwischen fünf und sechs Uhr abends in der Tschulpon-Straße Schützenpanzer auffahren. Anrückende Soldaten eröffnen das Feuer. Auf die Rebellen, aber auch auf Unbewaffnete.
Auf Männer, Frauen, Kinder.
Von mindestens 2000 Menschen, die sich zu diesem Zeitpunkt am Schauplatz des Zusammenstoßes aufhalten, habe außer ihm kaum einer überlebt, berichtet ein verletzter Augenzeuge. 831 Tote insgesamt protokollieren Ortsansässige, die von Haus zu Haus gehen und nach Opfern fragen, bereits Ende vergangener Woche. Usbekistans Generalstaatsanwaltschaft spricht da noch von 170 Toten.
Was sich in der Provinzstadt unweit der kirgisischen Grenze zutrug, ist die blutigste Abrechnung einer Regierung mit dem eigenen Volk seit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking 1989. Das offizielle, vom kommunistischen Ex-Parteichef Islam Karimow eisern regierte Usbekistan aber, die Stimme des zwischen Seidenstraße und Aralsee gelegenen volkreichsten Staats Zentralasiens, versucht unverändert, der Welt einen Betriebsunfall vorzugaukeln.
Straff am Gängelband der Macht schritten 65 Diplomaten und Journalisten am vorigen Mittwoch durch ein belagertes, beinahe menschenleeres Andischan. Leichen und Trümmer waren beiseite geräumt worden. Usbekistans Innenminister moderierte das gespenstische Besichtigungsprogramm. Ein Häuflein hinzueilender Regimetreuer lobte die "Vernichtung der Terroristen".
Was wirklich geschah, liegt im Dunkeln. Klar ist nur, dass ein anstehender Schuldspruch gegen 23 inhaftierte Geschäftsleute aus Andischan wegen "Staatsfeindlichkeit" die Unruhen ausgelöst hat. Die Angeklagten seien der Islamistenorganisation "Akramija" zuzurechnen, sagt die Staatsanwaltschaft. Von freiheitsliebenden Bürgern sprechen dagegen die Verwandten. Die Beschuldigten seien vom Glauben ihres Wortführers Akram Juldaschew beseelt gewesen und hätten versucht, in Andischan ein eigenes Netz sozialer Zuwendung zu knüpfen. "Wir werden wie Hammel behandelt, wir sind doch Menschen" ist auf einem blutbefleckten Zettel zu lesen, den Aufständische hinterlassen haben.
Der Staatschef aber, auf den die Vorwürfe gemünzt sind, ist durch solche Klagen nicht zu beirren. Islam Karimow, Mitglied des Politbüros der
KPdSU unter Michail Gorbatschow, regiert seine an Gas und Gold, an Baumwolle, Seide und Vieh reiche Republik mit der Unerbittlichkeit eines spätfeudalen Despoten.
Er hat sich zur kommunistischen Zeitenwende von religiösen Aufrührern im Fergana-Tal kurzfristig in die Knie zwingen lassen und es ihnen danach mit rigorosen Religionsgesetzen heimgezahlt. Er hat die Bombenanschläge von 1999, die 16 Tote kosteten, zum Anlass für Massenverhaftungen genommen. Er hat das Jahr 2000 politisch überlebt, als Attentäter um ein Haar die Staumauer von Tscharwak gesprengt und die Millionenstadt Taschkent überflutet hätten. Und er hat den vorgeblichen Drahtziehern der Bombenattentate vom Frühjahr 2004 den Prozess machen lassen.
Karimow versteht sich, spätestens seit dem Anschlag auf die New Yorker Twin Towers am 11. September 2001, als Frontsoldat im Kampf gegen religiösen Fundamentalismus und internationalen Terrorismus. Er ist seither von der Regierung Bush zum strategischen Verbündeten der USA aufgewertet. Die Krönung für die kleine, seltsame Sonderrolle war Karimows Besuch im Weißen Haus vor drei Jahren.
1500 US-Soldaten unterhalten mit Karimows und Moskaus Segen eine Militärbasis in Chanabad. Die Bundeswehr hat etwa 300 Soldaten in Usbekistan stationiert und nutzt eine Landebahn im südlich gelegenen Termes zur Versorgung ihres Kontingents im benachbarten Afghanistan.
Die internationale Koalition gegen den Terror duldete Karimows Kasernenhof-Politik bislang in der Hoffnung, von Usbekistan aus Afghanistan befrieden, das aufstrebende China in Schach halten und die traditionelle Hegemonialmacht Russland zurückdrängen zu können.
Vor allem die Amerikaner torkeln dabei bisweilen zwischen ihrem Anspruch auf weltweite Verbreitung von Demokratie und der Wirklichkeit am Fuß des Tianschan-Massivs. Der ehemalige Außenminister Colin Powell hatte im vergangenen Juli angekündigt, den Usbeken 18 Millionen Dollar Militär- und Wirtschaftshilfe wegen fehlender Fortschritte in Menschenrechtsfragen zu streichen. In usbekischen Gefängnissen ist Folter üblich, Karimow lässt Wahlen manipulieren, und rund 6000 Oppositionelle sind inhaftiert. Richard Myers, der Vorsitzende der Vereinten US-Stabschefs, sprach dennoch in Taschkent von einem "Fehler" des State Department und kündigte stattdessen Hilfsmittel in Höhe von 21 Millionen Dollar an.
Usbekistan ist das Schlüsselland an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien, und auf dem alten west-östlichen Diwan posiert keiner so gekonnt wie Islam Karimow. Mit den Mächtigen in Moskau, von wo aus Usbekistan zu Sowjetzeiten regiert wurde, verbindet ihn der brachiale Umgang mit Macht und die Bereitschaft, politische Gegner als staatszersetzende Extremisten zu brandmarken.
Russlands Präsident Wladimir Putin unterzeichnete im vergangenen Juni einen Vertrag über "strategische Partnerschaft" mit den Usbeken, der unter anderem den Bau von Militär-Transportflugzeugen und von Betrieben zur Urananreicherung vorsieht. Die staatsnahen russischen Energiekonzerne Gasprom und Lukoil schlossen milliardenschwere Vereinbarungen über Gaslieferungen aus dem zentralasiatischen Kernland ab.
Beim globalen Schach um die Macht an der alten Seidenstraße, im Schatten von
Pamir, Hindukusch und Himalaja, sind die Bauernopfer aus dem Fergana-Tal bestenfalls Gegenstand unterschiedlicher Spielauffassungen.
"In allen Ländern des Kaukasus und Zentralasiens wächst die Hoffnung auf Veränderung", sagte Präsident George W. Bush und stellt damit die von Kugeln zersiebten Usbeken aus Andischan in eine Reihe mit den rosenschwenkenden Georgiern, die Schewardnadse stürzten, mit westwärts blickenden Ukrainern und zornigen Kirgisen.
Der russische Außenminister Sergej Lawrow sieht das anders. Vom 3000 Kilometer entfernten Moskau aus ortet er internationale Söldner am Werk in Usbekistan und intoniert so das im Tschetschenien-Konflikt bewährte Lied von der Gemeinsamkeit im Kampf gegen den Terrorismus.
Dass er damit nur den geringeren Teil des usbekischen Problems beschreibt, liegt auf der Hand.
Umgerechnet 25 Euro monatlich verdienen Bürger in Karimows Polizeistaat derzeit. Der Lohn eines Baumwollarbeiters entspricht dem Gegenwert von sieben Kilo Fleisch. Im Würgegriff von Bürokraten und Banditen ersticken die Ansätze einer Mittelschicht, zu der sich auch die in Andischan angeklagten Geschäftsleute zählen.
Mehr als die Hälfte aller Usbeken ist jünger als 25, die Arbeitslosigkeit erreicht an manchen Orten 70 Prozent, besonders im Fergana-Tal. In den Städten und Dörfern des fruchtbaren Beckens, das Stalin willkürlich in einen usbekischen, einen tadschikischen und einen kirgisischen Teilstaat zerschlug, wird sich das Schicksal Mittelasiens entscheiden.
Denn die jungen Leute, die mit US-Geld in den Achtzigern an Pakistans radikalen Deobandi-Schulen ausgebildet und zum Kampf gegen die Kommunisten nach Afghanistan geschickt wurden, haben ihr Feld in der Heimat bestellt. Mag die Qaida-nahe Islamische Bewegung Usbekistans auch geschwächt sein - in den Koranschulen von Taschkent, Buchara und Samarkand wächst unvermindert Fußvolk heran für einen Kampf, der nicht nur den alten Despoten Karimow hinwegschwemmen soll.
Klein, geheim und straff geführt sind die Zellen der Hisb al-Tahrir. Die Bewegung hat Hunderttausende Anhänger, die ihrem Selbstverständnis nach gewaltlos eine zum Äußersten entschlossene Parallelgesellschaft nicht nur im Fergana-Tal, im "Paradies der Erde", aufbaut. Wenn, wie in Andischan geschehen, Einzelne dann die Hand erheben gegen das menschenverachtende Regime, dürfen sie sich auf höheren Auftrag berufen.
Usbekistans revolutionäre Vorhut ist gewappnet. Die Schläfer im Tal warten auf ihren Tag. UWE KLUSSMANN, WALTER MAYR
* Beim Besuch in Washington 2002.
Von Uwe Klussmann und Walter Mayr

DER SPIEGEL 21/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 21/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

USBEKISTAN:
Schläfer im tiefen Tal