23.05.2005

USAEnde der Illusionen

Politiker im Pentagon und im Weißen Haus sind ratlos, wie sie den Aufstand im Irak beenden können. Alle Hoffnungen, schon bald mit dem Abzug der US-Truppen zu beginnen, sind zerstoben.
Zwei Frauenbilder, die um die Welt gingen: Eines steht für die Hoffnung, den Irak doch noch in eine friedliche, demokratische Gesellschaft zu verwandeln, das andere enthüllt die chaotische, gefahrenreiche Wirklichkeit.
Auf dem einen reckt die Bagdader Bürgerrechtlerin Safia Talib al-Suheil im Washingtoner Kongress stolz ihren mit violetter Farbe markierten Finger in die Höhe - zum Zeichen jener Zivilcourage, die Millionen Iraker veranlasste, trotz aller Drohungen der Terroristen zur Wahl zu gehen. First Lady Laura Bush steht neben ihr, Präsident George W. Bush lächelt gerührt. Das war im Februar.
Das andere Frauenbild: Ein Stahlhelm auf dem Kopf, die schwere kugelsichere Weste um den Oberkörper geschnallt - nur gepanzert konnte sich die amerikanische Außenministerin Condoleezza Rice bei ihrem sorgsam geheim gehaltenen Besuch im Irak in die Öffentlichkeit wagen. Nicht einmal im vergleichsweise sicheren kurdischen Norden des Landes mochte sie am vorvergangenen Wochenende auf die sperrige Schutzmontur verzichten.
Was für ein Abstieg. Hatte sich nach der Wahl - zumindest in den USA - die euphorische Gewissheit verbreitet, den Irak doch noch auf sicheren Zukunftskurs leiten zu können - "Wir schaffen es", hatte der Präsident bereits geprahlt -, herrscht ein Vierteljahr später wieder tiefer Pessimismus in Washington.
Verantwortlich sind die ewig gleichen grausigen Bilder von zerfetzten Wagen und Körpern auf den Straßen des Irak, von Rauchsäulen über Bagdad. Gegen die Unerbittlichkeit der Terroranschläge, die täglich viele Opfer fordern, wissen nicht einmal überzeugteste Zuversichtsprediger des Weißen Hauses eine Antwort.
Seit Dienstantritt der neuen irakischen Regierung unter Premierminister Ibrahim al-Dschaafari vor vier Wochen gab es mehr als 400 Tote. Für Iraker, die sich um einen Posten bei der neuen Polizei oder bei den Streitkräften bewerben, wird jeder Tag zum Himmelfahrtskommando.
Und als wäre der Kampf gegen Aufständische und Terroristen nicht blutig genug, nehmen auch die Auseinandersetzungen zwischen der Bevölkerungsmehrheit der Schiiten und den Sunniten zu, der Machtbasis des gestürzten Regimes. Wieder einmal wächst die Angst davor, dass ein Bürgerkrieg ausbrechen könnte.
Sogar die Mehrheit der US-Bürger, die den Sturz des Diktators Saddam Hussein noch einhellig bejubelten, mag die Fernsehbilder vom täglichen Blutbad in Bagdad nicht mehr sehen. Gerade noch 41 Prozent aller Amerikaner unterstützen laut jüngsten Umfragen die Irak-Politik ihres Präsidenten.
So hat der Konflikt im Irak innenpolitische Sprengkraft erhalten. Demokratische Abgeordnete kündigten vergangene Woche an, sie würden per Gesetz einen Zeitplan für den Abzug der 138 000 US-Soldaten erzwingen, die derzeit im Irak stationiert sind. Bush, der eigentlich seine ganze Kraft für eine innenpolitische Neuorientierung, etwa die Durchsetzung seiner umstrittenen Rentenreform, nutzen wollte, muss sich erneut für seine Irak-Politik rechtfertigen. Seine Außenministerin wollte denn auch beim Besuch in der Krisenregion vor allem wissen, ob es eine erfolgversprechende Befriedungsstrategie gibt und wann, endlich, die ersten US-Truppen abrücken dürfen. Eine Antwort erhielt sie nicht.
So musste der Präsident am vergangenen Mittwoch die Nation erst einmal um Geduld bitten, auch die Vereinigten Staaten hätten nach ihrer Unabhängigkeit einen "miserablen Start" und "chaotische Jahre" erlebt. Bush versprach ein ziviles Spezialkorps zum Aufbau junger Demokratien, das ähnliche Katastrophen beim Neuaufbau eines gescheiterten Staats in Zukunft verhindern soll.
Selbst Amerikas Generäle, schon aus Fürsorgepflicht für ihre Untergebenen zum Optimismus verpflichtet, zeichneten vergangene Woche ein düsteres Bild: Es gelinge nicht, im Irak eine schlagkräftige Polizeitruppe aufzustellen, die in der Lage wäre, wirksam gegen die Aufständischen vorzugehen. General John Abizaid, Amerikas ranghöchster Offizier für den Nahen Osten, sieht darin die Hauptursache für die anhaltende Herrschaft des Chaos. US-Präsenz im Irak könne womöglich noch "viele Jahre" erforderlich sein, verbreiteten seine Untergebenen.
Denn das Zutrauen der Iraker in die eigene Regierung, das nach der erfolgreichen Wahl ungewöhnlich hoch gewesen war, sinkt mit jedem Selbstmordanschlag. Nicht mal die Hälfte der befragten Bürger trauen Dschaafari zu, die Lage in den Griff zu bekommen. Dass inzwischen sowohl sunnitische als auch schiitische Geistliche zu den Opfern der täglichen Anschläge gehören, ist ein neues, unheilvolles Omen. Der sunnitische Vorsitzende der Vereinigung muslimischer Gelehrter, Scheich Harith al-Dhari, warf vergangene Woche der größten Schiiten-Partei des Landes vor, Mitglieder ihrer Badr-Brigaden hätten einen Imam zu Tode gefoltert.
Bislang gehörten die von Saddam Hussein unterdrückten Schiiten neben Polizei
und Streitkräften zu den häufigsten Opfern der Aufständischen. "Der Bürgerkrieg beginnt, wenn die Schiiten anfangen, sich zu wehren", droht nun Hussein al-Schahristani, ein Berater des moderaten Großajatollahs Ali al-Sistani.
Mit militärischer Macht allein werde sich der Konflikt nicht mehr lösen lassen, glaubt die US-Regierung inzwischen und sucht nach Wegen für eine Verständigung mit den frustrierten Sunniten, die nach Jahrzehnten ungebrochener Herrschaft die Macht an die Kurden und Schiiten abgeben mussten. Deshalb will Washington den beim US-Militär als "POIS" ("pissed off Iraqis") bezeichneten Sunniten-Kämpfern eine Amnestie anbieten. Nur für die ausländischen Rekruten der Qaida - die meisten Selbstmordattentäter stammen nach US-Erkenntnissen aus Saudi-Arabien - soll es weiterhin keine Gnade geben.
Ministerpräsident Dschaafari würde einem solchen Angebot wohl zustimmen, aber weder Iraker noch US-Offizielle wissen derzeit so genau, an wen sie sich wenden sollen. Außer Terroristenführer Abu Mussab al-Sarkawi, mit dem Verhandlungen ausgeschlossen sind, gibt es kaum bekannte Köpfe des Aufstands. Amerikanische Emissäre, die sich seit Monaten um Kontakt zu aufständischen Sunniten bemühen, sind inzwischen überzeugt, dass Dutzende lokale Gruppen unabhängig voneinander kämpfen.
So versucht die Bush-Regierung jetzt bei ihren Schützlingen in Bagdad, für die Sunniten eine großzügige Teilhabe an der Macht durchzusetzen. Bei ihrem Bagdad-Besuch drängte Außenministerin Rice Regierungschef Dschaafari zu einer Politik der Versöhnung: "Sie siegen nur, wenn Sie eine starke politische Alternative anbieten." Die Besucherin forderte, mehr Sunniten an der Ausarbeitung der neuen Verfassung zu beteiligen.
Solange keine Ruhe im Irak einkehrt, bleiben alle Hoffnungen auf einen baldigen Truppenabzug der Amerikaner - und niemand hofft darauf mehr als die im Irak stationierten US-Soldaten - pure Illusion. Genauso wie der Vorsatz, den Kampf gegen die Aufständischen Stück für Stück den neuen irakischen Sicherheitskräften zu übertragen. An der Zuverlässigkeit der neuen Streitmacht, einer Truppe von 165 000 Mann, bestehen "schwere Zweifel", urteilte gerade erst ein neuer militärischer Lagebericht.
"Lang mögen die Mudschahidin leben", stand etwa auf einem riesigen Plakat, mit dem verängstigte Soldaten der neuen Armee unlängst den Transport eines Generators und sich selbst vor Angriffen zu schützen versuchten. Gerade mal 3 von insgesamt 81 überprüften irakischen Bataillonen gelten nach Ansicht der US-Militärs als einsatzfähig ohne zusätzliche Unterstützung.
Als erfolgreich gelten auch die aus ehemaligen Soldaten von Saddams Elitetruppen rekrutierten Sonderkommandos, die gemeinsam mit US-Beratern auf Terroristenjagd gehen. Sie haben in den vergangenen 80 Tagen die Verhaftung von etwa 1100 Verdächtigen melden können.
Ganz wohl ist vielen US-Militärs bei dieser Kooperation allerdings nicht: In Tikrit drückte ein irakischer Offizier die Mündung seiner Kalaschnikow an die Stirn eines Kindes und drohte abzudrücken, wenn es nicht verrate, wo sein Vater sei. Den begleitenden GIs bleibt bei solchen Zwischenfällen nur die Hoffnung, dass kein Pressefotograf in der Nähe ist.
Die Angst, in den Irak geschickt zu werden, sorgt inzwischen schon für Personalprobleme bei den Streitkräften der Sieger, die Zahl der Neuverpflichtungen ist auf ein Rekordtief gesunken. Geld für das Abenteuer in Nahost gibt es allerdings noch ausreichend: Kürzlich hat der Kongress weitere 82 Milliarden Dollar für den Einsatz im Irak und in Afghanistan bewilligt.
An die Heimkehr seiner Soldaten kann Bush deshalb noch nicht einmal denken: "Das Ziel besteht darin, dem Land bei der Verwirklichung seiner Träume zu helfen." Diese Träume allerdings schrauben die Iraker nach Monaten immer neuer Terroranschläge nicht mehr sehr hoch.
Gerade eben wurde in Bagdad die letzte Folge von "Liebe und Krieg" abgedreht, der erfolgreichsten Soap Opera des irakischen Fernsehens. Nach endlosen Schwierigkeiten finden die Protagonisten Fausi und Fatin endlich zueinander und können heiraten. Die Kamera zeigt, wie das frisch- vermählte Paar ins Auto steigt.
Die Hochzeitsreise endet allerdings schon nach wenigen Metern tödlich: Die beiden werden von einer Autobombe zerfetzt. GEORG MASCOLO
* Mit Kurdenführer Massud Barsani am 15. Mai in Arbil.
Von Georg Mascolo

DER SPIEGEL 21/2005
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