23.05.2005

PRESSE„Billiger als eine Invasion“

Lässt sich mit einem TV-Sender der Hass auf Amerika mindern? Die Regierung Bush glaubt daran - und al-Hurra versucht es mit Mode, Sport und halbwegs differenziertem Blick auf den Irak.
Wieder einer dieser Tage: Autobomben in Bagdad, verstümmelte Opfer, die entsetzten Gesichter der Davongekommenen. Über den Monitor flimmert eine neue Einspielung aus der irakischen Hauptstadt, gerade sind Sicherheitskräfte gefunden worden, exekutiert per Genickschuss. "Das ist ziemlich niederschmetternd", sagt Zain Saleem, 34, ehe sie in die Maske geht, um sich abschminken zu lassen.
Den schlechten Zeiten im Irak verdankt die hübsche Journalistin ihren Job. Einst moderierte sie Sendungen für Saddam Husseins Staatsfernsehen, heute ist sie das Gesicht der Hauptnachrichtensendung von al-Hurra, einem von der US-Regierung finanzierten Sender für die arabische Welt, vor allem aber für den neuen Irak.
Saleem und ihre 174 Kollegen sind Teil des Versuchs, den Hass auf Amerika in der islamischen Welt zu verringern. "Wir müssen der Propaganda begegnen, die den Äther der arabischen Welt füllt", sagte Präsident George W. Bush, als der Sender im Februar 2004 den Betrieb aufnahm.
Al-Hurra ist Arabisch und heißt so viel wie "der Freie". Der Sender soll das Gegenmodell zu al-Dschasira bilden, dem TV-Kanal in Katar, den die islamische Welt schaut, der sich auch Freiheiten herausnimmt, aber die USA routiniert als hassenswerte Weltmacht darstellt. So jedenfalls sieht es Amerika - und deshalb setzt die Regierung Bush al-Hurra dagegen.
Das Hauptquartier, ein zweistöckiger Ziegelbau, steht 30 Kilometer von Washington entfernt. Hier, am Boston Boulevard in Springfield, liegen ansonsten die Niederlassungen der amerikanischen Rüstungsindustrie. Al-Hurra ist bei Boeing untergeschlüpft.
Kein Schild hängt an der Tür. Am Eingang befindet sich ein Metalldetektor. Zwei bewaffnete Wachen schieben Dienst. Die riesigen Antennen, die das Programm auf die Satelliten Arab- und Nilesat überspielen, stehen auf dem Parkplatz hinter dem Haus. 70 Millionen Menschen in 22 arabischen Ländern können es sehen.
Im Irak erhielt Direktor Mouafac Harb gerade Antennenfrequenzen für Bagdad und Basra zugeschlagen. Auf seinem Schreibtisch liegt der Bericht der Untersuchungskommission über die Ursachen der Anschläge am 11. September 2001. Ein gelber Zettel markiert die Passagen mit der Empfehlung an die Regierung, etwas gegen den Hass auf Amerika in der islamischen Welt zu unternehmen.
"Wir bringen Frieden und Demokratie in den Nahen Osten", sagt Harb pathetisch. Ein Propagandasender? Alles Unsinn, antwortet er mit Inbrunst. "Wir werden vom Staat finanziert, aber ich habe noch nie eine Anweisung erhalten, von niemandem."
Im Fernsehapparat ist al-Dschasira eingestellt, der große Gegenspieler zeigt knapp bekleidete Models auf dem Laufsteg. "Sie ändern sich, weil es uns gibt", sagt Harb stolz. Auch al-Hurra hat eine Modenschau im Programm, es gibt ein Formel-1-Magazin und natürlich das Neueste aus Hollywood. Die Moderatorinnen müssen kein Kopftuch tragen, und statt mit einer religiösen Glaubensformel verabschieden sie sich mit einem schlichten "Guten Abend".
Vor kurzem spielte al-Hurra dem Konkurrenten böse mit. Harb ließ ein Video ausstrahlen, das Saddam Husseins - inzwischen getöteten - Sohn Udai bei einer geheimen Konferenz mit dem Dschasira-Manager Mohammed Dschassim al-Ali zeigt. Udai lobt den Sender als wahren Freund des Irak, Ali antwortet: "Ohne Ihre Hilfe wäre meine Mission fehlgeschlagen."
Das Video wurde im März 2000 aufgenommen, Ali inzwischen entlassen. Woher Harb die Kassette bekam, will er nicht sagen - aus "Sicherheitsgründen", meint er lapidar. "Aber wir haben sie nicht von der amerikanischen Regierung", beteuert er.
Seinen Job verdankt er Norman Pattiz. Das ist ein Medienunternehmer, der viele große Räder dreht. Pattiz sitzt im Aufsichtsrat des staatlichen Broadcasting
Board of Governors und ist auch zuständig für die Aufsicht über sämtliche Programme von Voice of America. Dass dieser Traditionsfunk - 1942 gegründet, um nach Deutschland und in die von den Nazis besetzten Gebiete zu senden und im Kalten Krieg ein zuverlässiger Propagandasender Amerikas - ein Programm für Kuba betreibt, aber nur halbherzig für den Nahen Osten, wollte ihm nicht in den Kopf. Er ließ sich ein Video aus Bildern komponieren, auf denen wutentbrannte Araber das Sternenbanner verbrennen, und warb im Kongress um Geld - erfolgreich.
Die ersten Millionen bekam er 2002 für Radio Sawa, das eine Mischung aus arabischem und amerikanischem Pop spielte. Die Einschaltquoten überstiegen bald alle Erwartungen. Viel Britney Spears und zwischendurch George W. Bush, das schien eine gute Mischung zu sein.
Für al-Hurra bekam Pattiz ziemlich leicht weitere 120 Millionen Dollar. Mittlerweile prüft der Kongress in Washington, ob ein iranischer Sender und Programme in Kurdisch und Urdu an den Start gehen sollen. "Alles ist billiger als eine Invasion", sagt Harb und lächelt.
Al-Hurra geht es bestens, der Sender wird gehätschelt. In den Aufenthaltsräumen stehen Designerstühle, an den Wänden hängen neue Flachbildschirme, die Computer sind der letzte Schrei, Werbung gibt es nicht. Weil in den USA kaum arabische Journalisten zu finden sind, rekrutiert die Station vor allem Libanesen und lockt mit hohen Gehältern samt einer Green Card.
Al-Hurra hat Zugang zur Administration, zu Korrespondenten im Weißen Haus, zum Pentagon und dem Außenministerium. Und die Administration hat Zugang zu al-Hurra.
Nach dem Folterskandal von Abu Ghureib gab Präsident Bush dem Sender ein Interview und sagte, die arabische Welt im Blick, Amerika werde die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Vor laufender Kamera bemerkte er dann leider auch gönnerhaft, Harb, der Interviewer, habe einen "guten Job" gemacht.
Das war, was die innere Pressefreiheit anbelangt, keine Sternstunde für al-Hurra. Harb lächelte damals gequält.
Simple Propaganda liefert al-Hurra nicht. Stundenlang kann man auch auf diesem Sender, als wäre es CNN, die Senatsanhörungen zum Skandal in Abu Ghureib anschauen. Man kann auch miterleben, wie der designierte Uno-Botschafter John Bolton im Kongress gegrillt wurde. Dass der Grundton stets regierungsfreundlich ist, will nicht einmal der selbstbewusste Senderchef bestreiten. So ist die 50-köpfige al-Hurra-Mannschaft im Irak angewiesen, nach Zeichen für Besserung Ausschau zu halten. "Wenn es wieder Strom in einem Stadtteil gibt, ist das für uns eher eine Nachricht, als zu vermelden, dass es irgendwo keinen Strom gibt", erläutert ein Mitarbeiter.
Was bringt die teuerste PR-Aktion seit Ende des Kalten Krieges? "Wir tragen unseren Teil zur Schlacht bei", behauptet Harb. Er zitiert Untersuchungen, wonach al-Hurra wöchentlich 20 Millionen Zuschauer in der arabischen Welt erreicht.
"Dieser Sender verbreitet keine Falschmeldungen", meint der Journalist Ala Chalil Nassir in Bagdad. Al-Hurra habe zumindest im Irak Erfolg, urteilt der Medienexperte Abdallah Schleifer von der Amerikanischen Universität in Kairo, weil er auf nationalistische Töne verzichte und ethnisch wie religiös neutral sei. Natürlich gibt es auch andere Einschätzungen über den Sinn der Unternehmung. "Eine riesige Geldverschwendung" nennt William Rugh al-Hurra. Rugh ist ein pensionierter Karrierediplomat, ein ausgewiesener Kenner des Nahen Ostens, und hat ein Standardwerk über Massenmedien in der islamischen Welt geschrieben.
"Die Menschen haben kein Vertrauen in al-Hurra", glaubt auch Salameh Nematt, der für die arabische Zeitung "al-Hajat" arbeitet und Stammgast in einer Talkrunde bei al-Hurra ist. Nematt empfiehlt aggressive Berichterstattung über die Diktaturen in Nahost: "Wenn die ersten Korrespondenten aus Ägypten und Saudi-Arabien rausfliegen, werden die Menschen anfangen, al-Hurra zu trauen."
Heute ist wieder so ein Tag: Attentate, Tote, Blut im Irak. Zain Saleem moderiert die Nachrichten in angemessenem Ton. Übrigens hat sie sich fürs Fernsehen einen Künstlernamen zugelegt, sicherheitshalber, da ihre Familie mitten in Bagdad lebt. "Wer Kontakt zu den Amerikanern pflegt, lebt gefährlich", sagt sie. GEORG MASCOLO,
BERNHARD ZAND
Von Georg Mascolo und Bernhard Zand

DER SPIEGEL 21/2005
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